Über Witten, Bushido & Antisemitismus im Rap

Rap ist kontrovers und kann mehr als dicke Autos und Schmuck. Unser heutiger Interview-Gast ist nicht erst seit seinen legendären „Rap am Mittwoch“-Battles in der deutschen Hip Hop Szene eine Marke. Doch was hat RONI87 sonst zu sagen und was beschäftigt ihn zur Zeit? Einiges konnten wir mit dem Neu-Berliner in einem interessanten Gespräch klären.

www.music-news.atHallo Roni, für die Leser, die dich noch nicht kennen, wäre es ganz interessant, wenn du dich kurz vorstellst.

Roni87Ich komme aus dem legendären Kaff Witten im Ruhrpott und wohne mittlerweile in Berlin. Wer mich googlet, wird vor allem meine Auftritte bei der Battle-Reihe „Rap Am Mittwoch“ finden, aber ich mache auch ganz normale Tracks und trete auf. Ich rappe seit ungefähr 15 Jahren und versuche, immer auch ein paar Inhalte in meinen Songs zu transportieren. Das führt manchmal auch zu Kontroversen, aber das macht nichts: Ich freue mich, wenn Hip-Hop-Fans mal über etwas anderes als Bitches pimpen diskutieren.

www.music-news.atWenn man Witten im Hip Hop Kontext anspricht, denkt man direkt an Creutzfeld & Jakob oder Dike D., welchen Einfluss haben diese Künstler auf dich gehabt?

Roni87Zunächst nicht viel. Meine ersten Kontakte mit Rap hatte ich durch M.O.R. und sowas. Danach kam recht schnell Samy Deluxe und die ganze Conscious-Szene in Hamburg und Stuttgart. Die Ruhrpott-Sachen habe ich erst nach einigen Jahren wirklich verfolgt. Da war es schon etwas zu spät, um meinen Rap-Stil zu prägen. Aber die Bunkerwelt hat mir gezeigt, wie man Jams macht.

www.music-news.atHat sich die Stimmung oder das Feeling auf Jams von heute zu denen von vor 10 Jahren deiner Meinung nach verändert?

Roni87Früher war man auf Jams etwas lockerer als heute. Das hat auch mit dem Sound zu tun. Da wurde nicht so viel Wert auf Statussymbole gelegt, und wie man bei den anderen ankommt. Die berühmten vier Elemente von Hip-Hop – Rap, Graffiti, Break-Dance und Turntableism – spielten eine große Rolle. Ich habe schon lange keinen spontanen Breaker-Kreis auf Jams mehr gesehen.

www.music-news.atWoher kommt der größere Einfluss von Materialismus und Statussymbolen im Hip Hop?

Roni87Vom Internet. Jeder kann sich bei Youtube nun einen eigenen Fernseh-Kanal einrichten, auf Facebook kannst du dir in 5 Minuten eine eigene Website bauen. Dadurch sind die Leute, ich natürlich auch, sehr viel sichtbarer für alle. Vor 10 Jahren war das alles wesentlich komplizierter.
Heute will oder muss jeder irgendwie geil aussehen, oder zumindest extravagant. Sonst fliegt man unterm Radar. Aber die Leute sind allgemein auch satter geworden. Wir werden von allen Seiten mit Input zugeballert, da wenden sich viele ab und beschäftigen sich lieber mit oberflächlichem Kram.

www.music-news.atAuffällig ist aber gleichzeitig, dass neben oberflächlichen Inhalten, sich inzwischen auch das Thema „Israel und der Nahost-Konflikt“ in vielen Songs und Statements von Hip Hop Künstlern manifestiert. Siehst du da einen Trend oder ein Muster hinter?

Roni87Klar, weil das ein Thema ist, das man eben sehr oberflächlich behandeln kann. Das ist bei Sachen wie Mindestlohn oder Präimplantations-Diagnostik natürlich schwieriger. Denn dafür bräuchte man Hintergrundwissen. Beim Nahost-Thema reicht eine schwarz-weiße Weltsicht und schon bist du „Experte“. Hinzu kommt, dass Antisemitismus und Israel auf allen Seiten viele Nerven treffen. Auf der einen Seite die Herkunftsdeutschen. Die wollen sich durch Israel-Hass wahlweise von einer empfundenen Kollektiv-Schuld befreien, oder sich für Israel als Zufluchtsstätte der von Antisemitismus-Verfolgten einsetzen. Auf der anderen Seite haben viele Rapper einen sogenannten Migrationshintergrund. Das sind dann hauptsächlich Moslems, weil die in Deutschland eben die größte Minderheit stellen. Und in islamischen Ländern ist das ja auch ein Dauerthema. Da bringen viele den Konflikt, oft als handfeste Kriegserfahrung, mit nach Deutschland (bzw. ihre Eltern).

www.music-news.atEmpfindest du die öffentliche Abneigung Israels durch viele Rapper aus der deutschen Hip Hop-Szene denn als konstruktive Kritik an der israelischen Regierung oder worum geht es da genau?

Roni87Natürlich nicht. Die „Abneigung“ gegen Israel ist selten konstruktiv. Man muss doch die Frage stellen, warum es so viele Menschen für nötig halten, von allen Schurkenstaaten dieser Welt, ausgerechnet ein winziges demokratisches Land von der Größe Hessens zu kritisieren. Ich sage nicht, dass das alles Antisemitismus ist. Aber es wird zumindest damit gespielt. Hinzu kommt: Mit Israel-Bashing kann man sich sicher sein, von rechts bis links billigen Applaus zu bekommen. Das Gleiche gilt übrigens auch für die USA. Da ist die raptechnische Leistung fast schon egal.
Aber wie gesagt: Dann gibt es auch Rapper, gerade die muslimischen, die den Nahost-Konflikt als Teil ihrer Biografie verarbeiten. Das ist zwar verständlich, macht die Sache aber auch nicht konstruktiver.

www.music-news.atDie Frage, die sich mir stellt, ist, inwiefern ein Bushido, der in Deutschland geboren und somit kein Kriegskind ist, auf die Idee kommt, bei Twitter ein Profilbild zu benutzen, auf dem Israel auf seinem Staatsgebiet nicht mehr existiert bzw. sein Existenzrecht komplett abgesprochen bekommt?

Roni87Er biedert sich an, weil er weiß, dass das in der Rap-Szene gut ankommt. Vor seiner „Talibanisierung“ hat ihn Israel und der Islam nicht interessiert, zumindest war das kein Thema bei ihm.

www.music-news.atGeht es da für einen Deutsch-Tunesier wirklich um die Aufarbeitung der eigenen Biografie?

Roni87Nein, die mit Biografie sind vor allem Libanesen. Wie eben der berühmte „Clan“, mit dem Bushido unterwegs ist.
Mittlerweile würde ich schon sagen, er ist Antisemit geworden. Und das Schlimme ist, gegen diesen Vorwurf wird er sich kaum wehren.

www.music-news.atWie erklärst du dir diesen radikalen Image-Wechsel denn? Ist es alleine die Nähe zu einem libanesischen Clan? Sind es Vermarktungsstrategien in Bezug auf ein spezielles Käufer-Klientel? Was steckt deiner Meinung maßgeblich dahinter?

Roni87Ich bin nicht Bushidos Psychologe. Aber ich denke, erst war es Image, weil er weiß, dass sogenannte Israel-Kritik gut ankommt. Dann kam meines Erachtens dazu, dass er sich durch dieses Getue mehr mit dem Islam beschäftigt hat. Und im muslimischen Mainstream-Narrativ werden Moslems weltweit durch den Westen, allen voran die USA und Israel unterdrückt. So wird Israel-Bashing zum Befreiungskampf… und Befreiungskämpfer sind sexy.

www.music-news.atDu hast Anfang 2013 den Song „Frieden ohne Freiheit“ bei Youtube veröffentlicht. Wie kam es zu dem Song und wovon handelt er?

Roni87Mich hat genervt, dass es gefühlte tausend Rap-Songs gegen Israel gibt, aber keinen einzigen, der sich für das Land einsetzt und qualitativ anspruchsvoll ist. Diese Lücke wollte ich füllen. In dem Song geht es darum, den Leuten auch mal die andere Seite der Medaille zu zeigen und um Verständnis für israelische Sicherheitsinteressen zu werben. Auch Geschichte spielt eine Rolle. Aus tausenden Nahost-Diskussionen wusste ich, dass die meisten Leute eine starke Meinung haben, aber keinen blassen Schimmer von Fakten. Damit man nachprüfen kann was ich sage, habe ich den Text unter den Song auf Youtube kopiert.
Der Text lag ein Jahr lang bei mir rum, bevor ich ihn recorded habe. Ich war mir echt nicht sicher, ob ich das bringen kann, denn viele Israel-Hasser haben ein recht lebendiges Gewaltpotential. Außerdem wusste ich nicht so recht, ob ich mich damit in der Hip-Hop-Szene unmöglich mache. Aber irgendwann musste er raus. Die Resonanz war überwältigend positiv.

www.music-news.atUnter dem Song ist auch ein Verweis auf den Song von „Albino“ geführt, der „Ein falsches Spiel“ heisst. Wo siehst du Albino inhaltlich bei diesem Thema?

Roni87Auf der im schlechtesten Sinne linken Seite. Mein Song ist als eine Antwort darauf gedacht. Aber ich meine weniger ihn persönlich, als das ganze vermeintlich antiimperialistische Konglomerat. Für diese Leute ist Israel „der Goliath“, die Palästinenser bzw. die muslimische Welt „der David“. Eine ungeheure Verdrehung der Tatsachen.

www.music-news.atDu redest von einer Verdrehung der Tatsachen. Kannst du dennoch verstehen, dass sich Menschen mit arabischen Wurzeln darüber empören, dass Mosche Feiglin, ein israelischer Politiker und Abgeordneter der regierenden Likud-Partei, 2004 öffentlich gesagt hat: „Man kann einen Affen nicht sprechen lehren und man kann einen Araber nicht die Demokratie lehren.“ ?

Roni87Klar, aber das Problem ist doch: Dass du ein konkretes Beispiel nennen kannst, ist Beleg dafür, dass dies selten vorkommt. In der arabischen und iranischen Welt gehört offener Judenhass allerdings zum guten Ton. Man muss nur mal das arabische Al Jazeera schauen oder den unzähligen Mullahs, Imamen und sonstigen Leuten zuhören. Niemand behauptet, Israel sei perfekt. Aber es ist eine Demokratie mit einer starken Zivilgesellschaft, die auf Rassisten wie Feiglin eine starke Antwort hat. Dabei brauchen sie keine Schützenhilfe aus Europa.

www.music-news.atWäre ein Partei-Ausschluss nicht eine stärkere Antwort? Kann ein demokratischer Staat einen vermeintlichen Rassisten in seiner Regierung dulden?

Roni87Das wäre natürlich eine Möglichkeit und nach meiner Ansicht auch die richtige. Dass das nicht passiert, ist aber noch kein Beleg für ein Demokratie-Defizit in Israel. Viele demokratische Regierungen beherbergen Rassisten. Problematisch wird es dann, wenn dieser Rassismus Einzug in die Regierungspolitik hält.

www.music-news.atDu befasst dich sehr intensiv mit Israel und dem Nahen Osten. Woher rührt dieses Interesse?

Roni87Für mich ist das eine logische Konsequenz aus dem Antifaschismus, dem sich sonst ja immer alle verbunden fühlen. Die Lehre aus Auschwitz ist nämlich nicht „Nie wieder Krieg“, sondern „Nie wieder wehrlos“. Ich finde das selbstverständlich. Außerdem ist Israel ein interessantes Land, auch abseits von Politik. Und wer sich für Israel interessiert, sollte sich auch mit den Nachbarländern beschäftigen.
Mich hat die unfaire Behandlung Israels durch die Öffentlichkeit und auch durch Linke aufgeregt. Das kann ich so nicht stehen lassen!

www.music-news.atWo würdest du dich politisch einordnen?

Roni87Undogmatisch links.

www.music-news.atRoni, ich danke dir für das interessante Gespräch. Die letzten Worte gehören dir.

Roni87Immer kritisch bleiben, niemanden als (Wort)führer akzeptieren, selber denken und bitte: Handys aus auf der Tanzfläche!

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