2009 wurde die internationale Heavy Metal Szene auf einen jungen österreichischen Schlagzeuger aufmerksam.

Ein Interview von Ruth Scheel

Youtube sei Dank, bekam Kerim „Krimh“ Lechner die Möglichkeit, sein Können zu beweisen. Im Alter von 20 Jahren ging er nach Polen, um mit der Death Metal Band Decapitated und später auch mit den Genrekollegen Behemoth zu arbeiten. Seit 2014 macht Lechner gemeinsame Sache mit der griechischen Symphonic Death Metal Band Septicflesh. Nebenbei findet der 28-Jährige noch Zeit für sein Soloprojekt KRIMH und zeigt sich dabei als talentierter MultiInstrumentalist.

PARADOX: DU BIST SEIT SIEBEN JAHREN BERUFSMUSIKER. MEINST DU, DU LEBST DEINEN TRAUM?

Kerim Lechner: Zu 100 Prozent – ich muss natürlich Prioritäten setzen. Ich bin damals nach Polen gezogen, um bei der Death Metal Band Decapitated zu spielen, um meinen Traum zu verwirklichen. Viele österreichische Metal-Bands sind leider nur im Umkreis von Österreich bekannt. Ich glaub’, außerhalb von Europa wird’s oft schwieriger.

PARADOX: WIE SIEHT DEINE ARBEITSWOCHE AUS?

Lechner: Es ist keine klassische Arbeitswoche: Es gibt kein Wochenende, es ist jeder Tag gleichwertig, es gibt auch keinen typischen Urlaub. Es kommt vor, dass ich ohne Auszeit arbeite. Ich habe hohe Eigenverantwortung in Sachen Selbstmanagement. An gewöhnlichen Tagen übe ich vormittags ein bis zwei Stunden. Wenn ich mich auf eine Tour vorbereite, trainiere ich intensiver und gehe das geplante Set haargenau durch, um in den Rhythmus zu kommen. Mein Schlagzeugstil hat eine sehr hohe Intensität, ich brauche viel Energie. Eine Tour kann schon mal sechs Wochen dauern und ich will wirklich jeden Tag alles geben. Es ist essentiell, rechtzeitig mit dem Üben zu beginnen – ich muss meinen Körper und meinen
Geist gut vorbereiten. Vor der Aufnahme für das Septicflesh Album habe ich jeden Tag zwei bis drei Stunden geprobt. Ich mache Ton- und Videoaufnahmen, die ich anschließend zu Hause noch einmal durchgehe. Bei der Arbeit für ein Album gibt es zunächst mal die Zeit, in der das Album geschrieben wird, dann wird das Ganze im Studio aufgenommen. Danach ist eine Zeit lang nicht wirklich viel zu tun, man wartet, bis das Album fertig gemischt ist und es veröffentlicht wird.

PARADOX: WIE UNTERSCHEIDET SICH DEIN AKTUELLES SOLOALBUM „GEDANKENKARUSSELL“ VON DEINEN BEIDEN VORHERIGEN ALBEN?

Lechner: Meine Regel ist: Jedes Mal etwas anderes machen. Dieses Album ist, im Gegensatz zu den Vorgängern, mit Gesang – und zwar jedes Lied. Es sind mehrere Sänger aus unterschiedlichen Ländern in unterschiedlichen Sprachen. Die Lyrics beschreiben persönliche und philosophische Themen und wurden von den Sängern geschrieben. Das Album fängt Stimmungsschwankungen ein – es gibt nachdenkliche, aber auch aggressive Parts. Man könnte sagen, dass unterschiedliche Phasen des Tagträumens festgehalten werden. Das Album gibt’s auch als Instrumentalversion zum digitalen Download. Da liegen einfach meine Wurzeln und es gibt Fans, die quasi darauf bestehen.

PARADOX: WOHER KOMMT DIE INSPIRATION FÜR DAS ALBUM?

Lechner: Meine musikalische Inspiration kommt von den Bands, die ich gerade höre oder Bands, mit denen ich gerade arbeite. Gleichzeitig versuche ich, dass sie mich nicht zu sehr beeinflussen.

PARADOX: IN WELCHEN BEREICHEN HAST DU IN DER ALBUMPRODUKTION UNTERSTÜTZUNG BEKOMMEN?

Lechner: Die Person, die mich bei allen bisherigen KRIMH-Produktionen begleitet hat, ist
Norbert Leitner. Er hat die Aufnahmen gemacht, gemischt und gemastert. Das Songwriting stammt von mir, aber es waren noch unterschiedliche Gastmusiker dabei. Die Guest-Vocals haben Rafał von Decapitated, Zofia von Obscure Sphinx, der Youtuber „VokillCovers“ und Patryk Zwolinski beigesteuert. Auch der Sänger meiner ehemaligen österreichischen Band Thorns Of Ivy, Silva Raziel, ist mit dabei. Wir haben unterschiedliche Gesangsstile: Clean, Screams, Black Metal, Death Metal. Neben den Sängern hat auch der amerikanische Gitarrist Keith Merrow mitgewirkt und mein Bandkollege Christos von Septicflesh hat mir ein paar Streicher komponiert und programmiert. Das Artwork hab’ ich gemeinsam mit dem deutschen Designer „Written In Black“ gemacht. Er hat auch schon mein letztes Album-Artwork gestaltet.

PARADOX: HAST DU FINANZIELLE FÖRDERUNGEN DURCH ÖSTERREICHISCHE INITIATIVEN BEKOMMEN?

Lechner: Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich damit noch nicht wirklich auseinandergesetzt habe, da ich viel Zeit im Ausland verbringe. Das ist das erste Album, das ich komplett selbst bezahlt habe. Die Vorgänger habe ich mit Indigogo vorfinanziert – da haben die Fans das Album schon gekauft, bevor’s erschienen ist.

PARADOX: DU UND DEINE PROJEKTE SIND MITTLERWEILE INTERNATIONAL BEKANNT. WIE BEGEGNEN DIR HEIMISCHE MUSIKERKOLLEGEN?

Lechner: Die Leute, die im Metal-Bereich tätig sind, kennen mich meistens. Wir sind nach wie vor normale Kollegen und Freunde. Die meisten freuen sich für mich und sind stolz, dass es ein Österreicher international schafft. Es gibt sehr viele talentierte Musiker in Österreich, aber oft fehlt an irgendeinem Punkt der Support von der Umgebung. Außerhalb der MetalSzene werde ich meistens als „der Schlagzeuger von Youtube“ wahrgenommen – zumindest zu 98 Prozent.

PARADOX: WEISST DU, OB DU BEI DEN PLAYERN DES ÖSTERREICHISCHEN MUSIKBUSINESS WAHRGENOMMEN WIRST?

Lechner: Ich weiß es nicht und ich glaub’s, ehrlich gesagt, auch nicht. Die Leute, die in der Szene sind, kennen mich wahrscheinlich, aber ich glaube, da gibt’s kein Interesse an meinem Soloprojekt. Ich möchte damit auch nirgends gebunden sein, weil ich nicht weiß, ob’s ein viertes Soloalbum geben wird. Für mich steht im Vordergrund, dass ich meiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Ich mag den Do-It-Yourself-Charakter und dass das in so einem großen Ausmaß funktioniert. Ich freu’ mich über Medienaufmerksamkeit, weil da oft Fans dahinter sind. Mir ist am wichtigsten, dass ich bei den Menschen wahrgenommen werd’, die meine Musik wirklich
hören wollen.

PARADOX: WELCHE PLÄNE HAST DU FÜR DIE KOMMENDEN MONATE?

Lechner: Im Sommer spiele ich mit Septicflesh Festival-Shows in Europa. Der Release für unser neues Album ist voraussichtlich Ende Sommer. Anschließend gibt es eine US- und eine Südamerika-Tour.

[Dieser Artikel erschien im Sommer 2017 in PARADOX 05]

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