Solar Blaze aus Wien haben gerade ihr großartiges Album-Debüt abgeliefert und stellen sich nun im persönlichen Interview näher vor.

Das Quintett besticht durch einen außergewöhnlichen Sound und einen eigenen Stil zwischen psychedelischem Progressive-Rock und Popappeal. Solar Blaze sind seit 2012 in der österreichischen Szene unterwegs, haben 2014 mit ihrer EP erste Aufmerksamkeit erregt und schlagen nun mit „Empathy Box“ ein neues Kapitel in ihrer Bandgeschichte auf. Nach einem kurzen Spaziergang durch den sechsten Wiener Gemeindebezirk haben wir uns mit Max, Raini, Caroline und Sebastian im Café Liebling getroffen.

music-news.at: Ihr habt gerade euer großartiges neues Album „EMPATHY BOX“ herausgebracht und mit diesem Konzeptalbum ein außergewöhnliches Debüt hingelegt. Wie fühlt man sich als Band nach einem solchen Prozess?

Raini (Bass): Prinzipiell sehr gut, man ist schon sehr erleichtert. Ab einem gewissen Punkt, wenn man sich schon so lange mit etwas befasst hat, braucht man irgendwie Abstand davon. Es war schließlich doch ein sehr intensives Jahr und mir persönlich fällt es schwer, mir das Album jetzt anzuhören, aber vielleicht kommt das ja wieder.

Caroline (Keys/Vox): Ich glaube das schwierige daran ist, es loszulassen und zu sagen: „Ok, das ist jetzt eine Momentaufnahme“, und bevor die Platte gepresst ist, spielen wir die Stücke eh wieder komplett anders.

Sebastian (Drums): Gerade deswegen ist es auch schwer, sich das anzuhören und sich damit quasi zu identifizieren, weil zwischen der ersten Arbeit mit dem Material und dem Erscheinen des Albums wirklich ein oder zwei Jahre liegen. Man ist eigentlich schon in einer Phase, in der man etwas Anderes mache möchte.

Max (vox): Wir können es kaum erwarten, diese Großartigkeit, die wir da fabriziert haben, in die Weltgeschichte zu blasen. Ich persönlich habe auf jeden Fall dieses Selbstbewusstsein zu sagen, dass das Album von der Art her, wie Musik hier zelebriert wird, mit das Beste ist, was in Österreich in letzter Zeit rausgekommen ist, obwohl wirklich sehr viel gutes Zeug rauskommt.

music-news.at: So ein Album zu machen ist ja ein langwieriger und schwieriger Prozess. Bei einem Konzeptalbum wird der Schwierigkeitsgrad hier sogar noch erhöht. Wie waren eure Erfahrungen im Studio bei der Aufnahme selbst? Welchen Einfluss hatte da ein Producing und wie haben sich eure Nummern letztendlich im Studio noch verändert?

Max: Der Großteil der Arbeit, wie Songs arrangiert und instrumentiert sind, ist eigentlich im Vorfeld passiert. Es ist wie wenn ein Sportler für einen Wettkampf trainiert. Du trainierst für den Wettkampf, dann bist du im Studio und dann hast du gefälligst da zu sein, weil du dir das sonst nicht leisten kannst.
Durch die Arbeit mit unserem Produzenten David Furrer haben wir gelernt, Fragen an unseren Sound zu stellen. Was wollen wir grundsätzlich? Wo soll das überhaupt hin? Die richtigen Fragen zu stellen und jemanden zu haben, der von außen nochmal ein Auge auf alles wirft, hat uns als Band extrem weitergebracht. Dadurch kann so ein Album wie „Empathy Box“ überhaupt erst entstehen.

music-news.at: Wir haben jetzt schon über kreative Prozesse gesprochen. Wie kann man sich denn einen solchen Prozess bei Solar Blaze vorstellen? Wie kommt ein neuer Song zustande?

Raini: Wir sind so richtig schiarche, links-versiffte Basisdemokraten, bei denen sich alles extrem in die Länge zieht. Am Ende des Tages ist dafür jeder umso mehr zufrieden, weil wir dem Ganzen wirklich Zeit geben und am Ende mit einem komplexen und meistens überragenden Ergebnis belohnt werden.

music-news.at: Eure Texte sind sehr tiefgreifend, voll mit Querverweisen und zu einem gewissen Grad dystopisch. Woher kommt denn die Inspiration für diese Texte und was erzählen sie uns?

Max: Das Album erzählt eine zusammenhängende Geschichte. Mir wäre es am liebsten, wenn Leute diese Platte hören würden, die genau solche Nerds sind wie ich. Die würden auf jeden Fall fündig werden bei den ganzen Referenzen. Von der Serie Adventure Time in der ersten Nummer bis hin zu Merry Prankster und dieser ganzen Bewegung im zweiten Teil. Es steckt sehr viel „Counter Culture“ drin und Philip K. Dick oder Terry Gilliam, der taucht auch immer wieder auf. Wir haben uns gezielt dazu entschieden, damit nicht hausieren zu gehen. Wir möchten den Leuten, die wir erreichen wollen, nicht ins Gesicht springen als die großen Intellektuellen, die Rockmusik machen.

Sebastian: Ganz wichtig ist, glaube ich, wenn du etwas machen möchtest das zumindest ansatzweise zeitlos ist, dass du mehrere Zeitebenen verbindest. Bei „Merry Pranksters“ zum Beispiel kann man einfach drüberlesen, oder man interessiert sich wirklich dafür und gibt das dann gleich bei Google ein, oder man ist altmodisch und sucht in einem Lexikon, und kann herausfinden worum es da eigentlich geht. Das Ganze geht vielleicht ein paar Ebenen tiefer, als man vielleicht auf den ersten Blick meint.

Max: Du kannst dir dafür sicher fünf ECTS Punkte anrechnen lassen, „Einführung in die Counter Culture“. (lacht) Es ist schon ein bisschen unser Ziel, dass die Leute bei unseren Konzerten voll abshaken und sich am Ende des Abends fünf ECTS Punkte anrechnen lassen können. (allgemeines Gelächter)

music-news.at: Wie empfindet ihr die Reaktionen der Öffentlichkeit auf euer Album, wie wird euer Werk außerhalb der Band, Publikum, Fans und Medien aufgenommen?

Raini: Ich kann schon sagen, ich habe im Musikerumfeld und von Freunden gehört, dass sie das Album wirklich großartig finden und schwer überrascht waren von uns. Aber eigentlich geht es so weiter wie vorher. Wir spielen dieselben Konzerte, zwar mit den super arrangierten Songs, aber es hat sich ansonsten nicht viel verändert. Es ist jetzt unsere Arbeit, den Leuten erstmal zu zeigen, dass dieses Album überhaupt existiert und dass es jeder braucht.

Max: Man muss stark unterscheiden zwischen dem was wir live machen und den Aufnahmen auf der Platte, wir haben da sehr viel damit gespielt und die Songs eigentlich extrem glattgeschliffen. Wenn wir live spielen ist es immer irgendwie hart, schnell und räudig. Das ist am Album nicht der Fall. Viele Leute haben das nicht erwartet, dass es so klingt. Es ist interessant zu sehen, wie uns Menschen wieder neu wahrnehmen und merken, wozu wir eigentlich im Stande sind, wenn wir uns den Arsch aufreißen.

music-news.at: Ihr habt von einer relativ geringen Resonanz gesprochen. Glaubt ihr, dass österreichische „Mainstream“-Medien österreichischer Musik weniger Platz einräumen als vergleichbaren internationalen Acts?

Sebastian: Ich glaube da muss man ganz klar unterscheiden zwischen Radiomusik und Nicht-Radiomusik. Bei uns überwiegt der künstlerische Anspruch, nicht der wirtschaftliche. Das ist nicht unbedingt die Art von Musik, die man in der Arbeit aufdreht, wobei wir uns natürlich sehr wünschen würden, dass statt Radio Arabella und Co. in den Werkstätten und auf den Baustellen Österreichs dann unser Album läuft. Das wäre schön und da sind wir ganz klar offen in die Richtung. (lacht)

Max: Wir sind ja jetzt gerade, was österreichische Musik angeht, in einer hervorragenden Zeit. Wir sind jetzt gerade in so einer komischen Grauzone zwischen szene-affiner Liebhabermusik und der Möglichkeit auf einem Medium wie Fm4 gespielt zu werden.

Caroline: Um das irgendwie gezielt vermarkten zu können braucht man auch irgendwo Schlagworte, um das bezeichnen zu können. Wenn man selbst so tief drinnen steckt, ist es schwer, sich selbst so ein Label zu geben. Ohne das jetzt überheblich überspitzen zu wollen, glaube ich nicht, dass ein Wort genügt, um unsere Musik zu beschreiben. Das macht es natürlich nochmal schwieriger, irgendwem klar zu machen, wie großartig wir eigentlich sind.

music-news.at Wie ist euer eigener Stil, zwischen sexy und progressiv, eigentlich entstanden, wo liegen eure Einflüsse?

Max: Der Stil ist eigentlich das Ergebnis eines riesigen Kompromisses. Wir haben alle unterschiedliche Einflüsse und Vorstellungen von Sound. Letzen Endes treffen sich alle in der Mitte, sodass man eigentlich nicht mehr genau sagen kann, was jetzt genau von wem gekommen wäre. Auf der einen Seite ist das wahrscheinlich der große Mehrwert den wir haben, gleichzeitig ist es aber auch ein gewisses Manko. Wir arbeiten eigentlich extrem langsam und versuchen wirklich jeden Vorschlag durchzuspielen, um dann nach Monaten zu erkennen, dass uns die ursprüngliche Version oft am besten gefällt.

music-news.at: Habt ihr euch also bewusst für den steinigeren Weg mit eurem eigenen Stil und ohne Schubladen entschieden?

Caroline: Man kann sich, denke ich, gar nicht bewusst für so etwas entscheiden, sondern es entstand einfach aus einer Notwendigkeit heraus, das alles unter einen Hut zu bekommen. Das Spektrum geht hier von Hip-Hop über Stoner und Progressive Rock bis Jungle. Das wird da alles verarbeitet. Es gibt eigentlich fast nichts, das wir nicht in irgendeiner Art und Weise für uns verwenden könnten.

Max: Das ist ein wenig schizophren. Ich wäre gerne gleichzeitig David Bowie und Jim Morrison. Auf der anderen Seite vergöttere ich Kendrick Lamar und manchmal schaut auch Frank Zappa vorbei. Diese ganzen herausragenden Persönlichkeiten, und was sie geschaffen haben, unter ein Ding zu bringen ist eine extrem interessante Herausforderung. Da wird man zwar sehr schnell paranoid und wahnsinnig, wenn man aus diesen ganzen Bausteinen, die einem zur Verfügung stehen, versucht, irgendwie was zusammenzusetzen. Aber es zahlt sich aus. Den Wahnsinn nehme ich gerne in Kauf. Er trägt bisher sehr interessante Früchte, wie man auch am Album hört.

Sebastian: Es bringt für mich einfach nichts, sich zu sehr in einem Stil zu versteifen und dann immer wieder dasselbe zu reproduzieren. Um ein österreichisches Beispiel zu nennen: Die Band Bilderbuch kommt zwar ursprünglich auch aus einer rockigen Ecke und macht aber mittlerweile was ihnen gerade Spaß macht und sie scheuen sich nicht, Genregrenzen zu übertreten. Auf der anderen Seite sehe ich dann so Acts wie The Crispies, die einfach ganz hart dieses null-acht-fünfzehn Rockklischee bedienen und das was eigentlich in den letzten 40, 50 Jahren schon passiert ist wieder abspulen, dazu einen geeigneten Look liefern und fertig ist das Produkt. Ich kann mir gut vorstellen, dass das kurzzeitig recht erfolgreich sein kann, aber künstlerisch sehe ich da eigentlich keinen Mehrwert. Mich als Musiker interessiert es einfach nicht, wenn jemand etwas, das bereits mehrfach gesagt wurde, einfach nur wiederkäut. An dieser Stelle finde ich Acts wie Bilderbuch großartig, die sich trauen, auch Spagate zu machen, und sie sehen dabei noch hervorragend aus, auch ganz ohne Haarspray.

Max: Für mich sind die Crispies wie so ein Ramones-Shirt, das du beim H&M kaufen kannst, wo 70% der Leute nicht wissen, wer zum Teufel die Ramones sind. The Crispies liefern einfach für die Generation von elf bis neunzehn einen leichten Andockungspunkt für den coolen Lebensstil. Das ist schön und gut, und von mir aus können sie das gerne machen, aber für mich kommt so etwas einfach nicht in Frage. Wir könnten dir, so wie wir hier sitzen, innerhalb von einer Woche so ein besch******* Pop-Rock Album aufnehmen, bei dem du mit den Ohren schlackerst. Wir verstehen, wie das funktioniert, aber uns ist es einfach zu fad. Da lassen wir gern so Leute wie die Crispies sich kurz im Scheinwerferlicht die Haare verbrennen. Die werden ganz schön schnell wieder verglühen, weil es ganz schön viele von diesen Fake-Bands gibt dort draußen. Sicher hätten wir auch gerne so viel Aufmerksamkeit, aber das ist einfach nicht möglich durch unseren Stil. Das ist der Preis, den wir bezahlen für unsere Kreativität und unseren Anspruch, die Musik irgendwie weiterzudrehen.

music-news.at: Ihr habt ja euer Album über Crowdfunding finanziert. Ist dieses Konzept für Bands zukunftstauglich?

Solar Blaze – Empathy Box (Panta R&E)

Caroline: Ich glaube nicht nur, dass es zukunftstauglich ist, sondern es gibt mittlerweile einfach keine Alternative mehr. Viele Bands nehmen ihr ersten Album auf und es ist zu diesem Zeitpunkt nicht sicher, ob es dafür überhaupt einen Markt gibt. Kein Label wird sich da im Vorhinein hinstellen und ein ganzes Album bezahlen. Das Crowdfunding erfüllt eben auch den Zweck einer gewissen Marktabschätzung, die Fans beteiligen sich ja massiv daran und man sieht, wie die Resonanz ist, und ob die Leute überhaupt ein Album haben wollen oder ob es ihnen eh komplett egal ist. Gerade eben bei dieser Nischenmusik ist es sehr wichtig so etwas vorher abzuschätzen. Ich glaube schon, dass sich dieses Konzept auch in Zukunft weiterentwickeln wird, allein weil die Musikindustrie in ihrer derzeitigen Form nicht mehr lange existieren wird. Musik wird immer da sein, und muss sich auf irgendeine Art und Weise finanzieren, also werden sich hier neue Wege finden.

music-news.at Wie geht es jetzt bei Solar Blaze weiter?

Sebastian:Man muss ein bisschen vorsichtig sein mit dem Thema Erwartungen. Was wir jetzt auf jeden Fall vorhaben, ist viele Konzerte zu spielen, neues Zeug zu schreiben, Musikvideos werden kommen und wir werden unseren Weg weiter gehen den wir eingeschlagen haben. Wir sind wirklich geil darauf, zu spielen.

music-news.at: Gibt es noch Worte zum Abschluss?

Max: Es stimmt zwar, dass wir mit dem, was wir machen, prinzipiell keinen einfachen Stand haben. Wir fahren aber trotzdem durch die Weltgeschichte und wo es uns sonst noch hinträgt. Wir machen das, um die Musik an die Leute zu tragen. Bei der letzten Tour hat mich jemand als „Pseudo-Falco“ bezeichnet. Für diesen Kerl ist das eine große Beleidigung, aber für mich ist das einfach eines der größten Komplimente, die ich mir vorstellen kann. Wenn ich mit so einer genialen Kunstfigur wie Falco verglichen werde, ist das einfach einer der Gründe, warum ich das mache und nicht für 50 Euro Gage.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.