In den 90ern wurden sie zu Stars, die den deutschen Hip-Hop revolutionierten, vor zwei Jahren feierten sie ihr 25-jähriges Bestehen und jetzt nehmen sie den 50er in Angriff, im Sommer auch in Österreich: Die Fantastischen Vier sind hier, um zu bleiben. Thomas D erzählt, wieso die vier noch lange nicht am Ende sind, ihre musikalische Relevanz ungebrochen ist und welche österreichischen Bands sie feiern.

PARADOX: Wie seht ihr die Tendenz im Hip-Hop hin zu Macho-Gehabe, Frauenfeindlichkeit und Gewaltverherrlichung?

Thomas D: Das lehnen wir natürlich ab. Das Schöne an Musik ist, wenn sie dir nicht gefällt, brauchst du sie nicht zu hören. Ich finde, dass jeder Mensch eine gewisse Selbstverantwortung hat in dem, was er tut. Wenn ich unsere Texte ankuck, dann steckt da ja auch drin, dass wir die Größten sind und alle Frauen kriegen. Da war zwar keine Gewalt im Spiel, aber ein großes Selbstbewusstsein und Übertreibung. Der Rap in seinen Ursprüngen war natürlich – und ist auch heute noch – relativ asozial. Gleichzeitig lehne ich es ab, ich hör’s mir auch nicht an. Ich finde, das ist negative Energie und die brauch ich nicht in meinem Leben, ich will mich lieber positiv energetisieren. Aber wer bin ich, denen zu sagen, was für Musik sie machen sollen.

PARADOX: Es drängen ständig neue Bands auf den Markt. Könnt ihr euch noch künstlerisch entfalten oder gibt es Druck, abzuliefern, was die Fans wollen?

Thomas D:Dieses Liefern, was die anderen hören wollen, ist, glaube ich, der Sargnagel. Das haben wir mit „Die Da!?“ schnell begriffen. Da kamen alle und haben gesagt, ‚hey, am nächsten Album sollte noch mal so ein Song drauf sein, oder besser drei davon. Macht doch ein ganzes Album nur mit „Die Da!?“.‘ Der Song war Fluch und Segen. Wir sind mehr als diese zwei Worte, wir sind mehr als ein gespielter Witz. Wir sind Die Fantastischen Vier und genau hingekuckt vier Individuen. Wir hatten auf der ersten und der zweiten Platte, auf der „Die Da?!“ drauf ist, auch schon vielfältige Themen, haben uns dann umso mehr abgewendet von diesem Mainstream-Gedanken und mit „Die 4. Dimension“ eine Schallplatte gemacht, die für uns als Band ganz wichtig war, als Zeichen: ‚Wir sind mehr als ein gespielter Witz, wir sind nachdenklich, wir sind kritisch, wir sind lustig, wir sind einfach zu bunt, um uns diesen einen Stempel aufdrücken zu lassen.‘ Die einzige Frage, die du dir stellen musst, ist: ‚Was kommt da aus mir raus?‘ Wenn du was rausbringst und das hat keinen Erfolg, dann kannst du dir immer noch sagen: ‚Alter, das ist das Beste, was ich geben konnte, das bin ich. Wenn es euch nicht gefällt, dann fuck you.‘ Ich persönlich hör mir mein Album an und merke, das ist genau das, was raus musste. Man stelle sich vor, der Künstler macht was, das Volk liebt es, man steht auf den großen Bühnen und singt von irgendwas, was man selber nicht fühlt; verkauft irgendwas, was man selber nicht ist, und hat damit Erfolg. Das ist noch deprimierender, du weißt, dieser Applaus ist gar nicht für dich, der ist für den, der sich diesen Schrott hat einfallen lassen. Und ich steh hier und verkauf die Scheiße. Wenn man sich selbst nicht treu bleibt, sind der Erfolg und der Misserfolg die Hölle.

PARADOX: War „Die Da?!“ das, was damals raus musste?

Thomas D:Wir haben das sogar erlebt. Smudo hatte einen Song, der hieß „Wie konnte ich so blöd sein?“. Das Thema von ihm und mir, wie wir mit der gleichen Frau Sex hatten. Wobei das in Wirklichkeit gar nicht so lustig war. Vielleicht in dem Moment relativ, aber danach die Story war… Aua, nein, wir haben daraus gelernt.

PARADOX: Gibt es österreichische Bands, für die sich Die Fantastischen Vier begeistern können?

Thomas D:Wir feiern Bilderbuch und Wanda, da könnt ihr mächtig stolz sein. Es gibt ja viel Kreativität in eurem Land und ihr habt diesen Schmäh, der kann nirgends anders herkommen, der kommt nur aus Österreich. Das ist so ein Lebensgefühl, was Morbides und gleichzeitig ein ‚I don’t give a shit‘. Das kann nur aus Österreich kommen und die eben genannten Bands sind zwei brillante Beispiele für diese Lebensart. Da sind wir schon sehr begeistert.

PARADOX: Was erwartet uns auf eurer anstehenden „Vier und Jetzt“ Tour? Ein klassisches Best- Of-Set oder ist Platz für Überraschungen?

Thomas D:Wir haben uns viel überlegt. Zum einen hast du die Festivals, da stehen nicht nur Fanta-Fans vor der Tür und wir haben keine zweieinhalb Stunden Zeit.
Das heißt, wir müssen uns ein bisschen darauf beschränken, was wirklich funktioniert, und das sind natürlich Hits. Auf der letzten Tour haben wir die Stücke DJ-mäßig gecuttet. Es hat dem Ganzen mehr Geschwindigkeit gegeben. Gefühlt gab es keine Pausen mehr. Das hat uns selber total geflasht. Diese Turboschraube müssen wir noch weiter anziehen. Es geht nicht, dass wir uns jetzt unserem Alter entsprechend verhalten. Umso älter wir werden, umso mehr Gas müssen wir geben. Und wir haben ein neues Mitglied in unserer grandiosen Liveband. Er spielt ein sehr außergewöhnliches Instrument, aber dem Hip-Hop ganz nah. Er wird noch mehr Schub und Abwechslung bringen. In dieser neuen Konstellation bieten sich neue Möglichkeiten, die Stücke noch mal zu verändern, mixen, kürzen, übereinander, miteinander, sodass wir noch mehr Gas geben können.

PARADOX: Macht es für euch einen Unterschied, ob ihr auf einem Konzert oder einem Festival spielt?

Thomas D:Bei Konzerten hast du Parts. Mal einen ruhigen Part, einen psychedelischen Part, mal ein Solostück. Du kannst mehr Choreografie machen, auf einer Bühne, die für die Show gebaut wurde und dementsprechend mehr Effekte beinhaltet. Auf einem Festival sind nicht alle wegen dir da. Es ist ein gemischtes Publikum, manche haben dich noch nie live gesehen. Die musst du alle kriegen. Am Ende müssen die nachhause gehen und nur noch denken ‚Alter, die Fantas haben gerockt.‘ Auf Tour bist du mit der ganzen Crew unterwegs, um die 100 Mann. Es ist ein ständiges on-the-road-Sein. Bei Festivals triffst du dich mit deinen Kumpels. Nur, dass ihr euch vielleicht auf dem Campingplatz die Birne zuschüttet und wir machen das nach dem Konzert hinter der Bühne. Wir genießen einfach das Wochenende mit Freunden.

PARADOX: Ihr spielt im Sommer am Nuke Festival in Graz. Habt ihr einen Blick auf das Line-Up geworfen?

Thomas D:Ich bin so ein Typ, ich sehe, wir spielen am Wochenende irgendwo, geh dort hin und lass mich überraschen. Wer spielt denn?

PARADOX: Da wären Annenmaykantereit, Olli Schulz, 5/8erl in Ehr’n…

Thomas D:Ich würd‘ mir AnnenMayKantereit mal angucken, weil ich das interessant finde, dass die Typen aus dem Internet raus, ohne eine Platte gemacht zu haben, Fünftausender-Hallen gefüllt haben. Das ist ein Phänomen, wo man mal gucken muss, wie die das live umsetzen.

PARADOX: Spielt das Älterwerden für euch und für euer kreatives Schaffen eine Rolle?

Thomas D:Das Älterwerden hat eine große Rolle gespielt. Mittlerweile hat es sich Gott sei Dank gedreht. Wir hätten das selber nicht gedacht, aber dann stehen wir da, haben 20 Jahre am Buckel und spätestens mit 25 haben wir gesagt: ‚Jetzt müssen wir auch die 50 machen.‘ Was soll das ganze Gerede mit ‚fühlt ihr euch zu alt?‘ Wenn ich noch stehen kann und rappen… Wir schreiben Texte, die uns als Mittvierziger bewegen, und dann sehe ich da 13-Jährige in der ersten Reihe stehen und die feiern das. Da denke ich mir, entweder hast du irgendwas richtig gemacht oder bei denen läuft was falsch. Vielleicht zeichnet dich das als Künstler aus, dass du nicht nur Sachen schreibst, die für eine gewisse Altersklasse oder Gesellschaftsschicht relevant sind. Wenn du Themen über das Leben schreibst, die dich selber bewegen, und andere, egal wie alt sie sind, das mitfühlen können, dann hast du einen Punkt getroffen, einen Punkt, in dem wir uns alle ähnlich sind. Dass wir das Glück haben, dass bei Konzerten Leute zwei Generationen tiefer vor der Bühne stehen, das kann ich mir zwar selber auch nicht erklären, aber das nehmen wir dankend an. Wenn du auf ein Fanta-Konzert gehst, dann machst du eine Reise durch die letzten 28 Jahre deines Lebens, wenn du schon so lange auf der Welt bist, und die geht bis ins Jetzt – wenn‘s gut läuft, und bisher läuft’s gut.

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