Neue Ideen für DIY-Musiker mit dem Hang zur „Anpassungsunfähigkeit“

Und es gibt sie doch noch: Musiker, die nicht nur auf den schnellen Dollar aus, sondern daran interessiert sind, Musik zu veröffentlichen, hinter der sie wirklich stehen können – ganz unabhängig davon, was sich gerade besonders schnell und einfach bei der Zielgruppe verkaufen ließe. Zwei dieser Künstler sind Scares und Dear Watson aus Texas, die es sich unter dem geheimnisvollen Namen Unanimous Arts zur Aufgabe gemacht haben, gleichgesinnte Musiker aus aller Welt auf hörenswerten Complilations zu vereinen. Wie genau das funktioniert und warum DIY-Labels noch lange nicht tot sind, erzählten die beiden Idealisten in einem umfangreichen Interview.

Unanimous Arts -Interview mit den Musikweltverbesserern Scares und Dear Watson

www.music-news.at: Was könnt Ihr zur Entstehungsgeschichte von Unanimous Arts sagen?

Scares: Wir wollten einfach talentierte, aber noch unbekannte Künstler fördern, indem wir jährlich eine Compilation herausbringen oder auch Shows zu diesem Zweck veranstalten. Dabei geht es uns nicht um den Profit – es geht uns wirklich darum, gute Musik zu fördern. Das Eheste was wir uns im Zusammenhang mit Profit hier vorstellen könnten, wäre irgendwann Merchandise zu verkaufen, mehr allerdings nicht. Dazu ist die Musik uns einfach zu wichtig. Entstanden ist die Idee bei ein paar Bier in der Kneipe nebenan, wir überlegten uns, wie wir die Fanbases verschiedener Künstler erreichen könnten, und die Lösung war einfach – eine Compilation zu organsieren, die die Arbeit der unterschiedlichen Musiker präsentiert. Dass die Fans der jeweiligen Acts dadurch eben die Musik der anderen Acts zu hören bekommen, ist ein willkommener und natürlicher Synergie-Effekt.

Dear Watson: Absolut. Wir wollen eine Community aufbauen, bei der jeder auf natürliche Weise von der Arbeit und den Fans des anderen profitiert. Wir möchten diese ganzen Netzwerke vereinen, und das bezieht sich übrigens auch nicht nur auf Musiker, sondern auch auf Designer, Sprayer…Künstler im Allgemeinen halt. Wir sind ein Kollektiv dessen Struktur in der Kunst- und Musikindustrie durchaus Schule machen könnte.

www.music-news.at: Wie sehen eigentlich Eure eigenen musikalischen Backgrounds aus?

Scares: Ich muss schon sagen, dass meine Musik von Horrorfilmen und Science Fiction geprägt ist. Natürlich kommt noch viel Inspiration vom Leben an sich, denn als Kind habe ich beispielsweise vergleichsweise wenig Fernsehen geguckt. Ich bin mit Musik aufgewachsen, die ich auf meiner Boombox aufnahm und hörte – ich dachte als Kind immer, ich sei ein Radio-DJ! Außerdem war mein Vater Salsa-DJ, was mich auch zum Platten auflegen brachte, in erster Linie gab’s bei mir allerdings Drum’n’Bass und Jungle zu hören. Ich weiß auch noch, wie ich damals bei meiner Mutter im Auto 80er-Songs mitträllerte. Ein paar Jahre später wählte ich in der Schule später auch die Leistungskurse Musik und Englisch. Musik war also immer ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben, und auch auf dem College belegte ich Kurse in Musikmanagement und Musiktheorie. Parallel spielte ich in einigen Punk- und Metalbands, bis ich zum Beatmaker wurde. Musik ist und war immer da, ob ich nun für einen Track in die Tasten haue oder beim Abendessen mit den Fingern auf den Tisch trommele – ohne geht’s einfach nicht!

Dear Watson: Ich habe einen richtig soliden Jazz- und Elektrobackground. Mein Vater, Duane Carter, hat solange ich mich erinnern kann, immer zeitgenössischen Jazz gespielt. Das hat mich natürlich schwer beeinflusst. Mit zwölf begann ich, die Musik noch ernster zu nehmen, und hörte damals viel Paul Oakenfold, Dieselboy, SDF-1, AK120…das waren die Helden meiner Kindheit. Zusammen mit den Jazzmusikern, die ich mochte, so wie Chick Corea, John Coltrane, Miles Davis, Thelonious Monk) wuchs ich zu meinem ganz eigenen Sound auf. Derzeit höre ich gerne Flying Lotus, The Hics, Banks und Mos Def und arbeite mit einem Launchpad, Launchcontrol, dem Korg Kontrol Arturia MiniLab, sowie den Korg Vocal Sample.

www.music-news.at: Wie habt Ihr eigentlich die Künstler für Eure Compliation „The Collection Part I“ gefunden?

Scares: Das war an sich leichter als gedacht, da wir ja eh schon weltweilt mit interessanten Künstlern vernetzt sind, die nicht unbedingt Radiomusik schreiben. Bandcamp, Facebook und Soundcloud waren dabei natürliche tolle Hilfen – und jeder, den ich anschrieb, war sofort dabei. In unserer Community ist einfach viel Liebe und Respekt – was ich sehr, sehr schätze.

Dear Watson: Auf jeden Fall. Außerdem kennt doch jeder Indie-Künstler das Problem – du hast einen super Track gemacht, und da Du nicht über die nötigen Mittel verfügst, wird er kaum Gehör finden. Die Compilation sorgt dafür, dass die Leute, die auf ehrliche Musik stehen, neue Künstler kennenlernen.

www.music-news.at: Könnt Ihr schon etwas zum Feedback zur Compliation sagen?

Scares: Das Feedback ist durchweg positiv. Alles, was Dear Watson und ich erreicht haben, kommt daher, dass die Leute verstehen, woher wir kommen und wer wir sind. Wir sind „real“, wir sind genauso „underground“ und hungrig wie alle Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir wollen hierbei allerdings nicht die Oberhand über die anderen Acts gewinnen, sondern einfach nur mit ihnen zusammenarbeiten. Wir haben tolle Messages von Hörern bekommen, die uns für unsere Arbeit danken und beim nächsten Mal selbst als Act dabei sein wollen. Der Link zur Compilation (hier auf Bandcamp) wurde vielfach geteilt, und auch der Wunsch nach passendem Merchandise wurde mehrfach geäußert. Wir wollen den Leuten einfach ein gutes Gefühl geben, dass sie Teil von etwas Tollem sind und sie miteinander vernetzen. Das mag es vielleicht alles schonmal gegeben haben, aber es wird nicht oft genug gemacht.

Dear Watson: Ich habe auch nur positives Feedback bekommen. Die Genres auf der Compilation passen sehr gut zueinander, auch wenn sie teilweise sehr verschieden sind. Ich denke, dass das daher kommt, dass alle Künstler hier mit Herzblut dabei sind. Wenn noch mehr Acts ihre Musik auf diese Weise teilen, könnte die Sache wirklich groß werden und der Musikindustrie zeigen, dass es auch anders geht.

Künstlerkollektive – die Alternative zur oft harschen Musikindustrie?

www.music-news.at: Passend dazu – wie steht Ihr zur „herkömmlichen“ Musikindustrie?

Scares: Die „große“ Liga interessiert mich nicht sonderlich, dafür bin ich zu beschäftigt damit, dem „Untergrund“ zu mehr Auftrieb zu verhelfen. Manchmal liest man mal hier und mal da was, aber mir geht’s um die Kunst, nicht ums Geld. Ich will einfach kreativ sein, wobei viele „große“ Acts mit den großen Geldmaschinen im Schlepptau das sicherlich komisch finden würden. Was ich zu unserer Szene sagen kann ist, dass die Beatmaker immer weiter weg von sauberen Cuts produzieren und sich vieles eher zu „dreckigeren“, natürlicheren Sounds hinbewegt, was mir persönlich sehr gefällt. Es wird viel Vinly eingesetzt, und auch der gute, alte Kassettenrecorder findet immer mehr Verwendung. Auch für solche Tracks gibt es übrigens Netlabels – ich habe beispielsweise gerade ein Tape mit Tocopa auf Outward Records veröffentlicht – so richtig schön nostalgisch. Allerdings versteht das nicht jeder – kürzlich wurde ich gefragt, warum ich wieder auf Kassette aufnehme und wurde gleich des Hipstertums „bezichtigt“ – ich bin halt einfach so aufgewachsen, da ist keine große Strategie dahinter. Was alternative Möglichkeiten zur derzeitigen Musikindustrie angeht, stehe ich nach wie vor hinter anständigen Indie-Labels, die die Kreativtät ihrer Künstler respektieren und sie nicht einfach nur „melken“.

Dear Watson: Ich finde, dass es da gute und schlechte Seiten gibt. Es gibt einerseits sehr viele talentierte Künstler, die nicht gehört werden oder von der „kommerziellen Welt“ verschmäht werden. Ich glaube allerdings, dass wir, die Underground-Künstler, die ehrlichste Stimme in dieser Hinischt sind. Wir alle haben unsere Geschichten, die wir mit der Welt teilen wollen, aber es kommt auch darauf an, WIE man das tut. Wir alle wollen gehört werden, aber solange man die Dinge nicht selbst in die Hand nimmt, kann es auch nichts werden. Wenn wir jedoch Verantwortung für unsere Kunst übernehmen und diese auch nach außen hin vertreten, dann kann es wirklich einmal zu einer positiven Revolution in der Musikindustrie kommen …

Netlabels statt Majorfrust lautet die Devise

www.music-news.at: An welchen Projekten arbeitet Ihr selbst gerade?

Scares: Ich arbeite derzeit an vier Projekten gleichzeitig. Momentan sind das unter anderem zwei Tracks, die ich auf dem Label von Dear Watson (Cirkus Recordings) veröffentlichen werde. Ich möchte weitere Beatproduktionen unter dem Albumtitel Broken Skeleton herausbringen, und mit „Nebula81“ betrete ich soundtechnisch Neuland, da es um sehr atmosphärische Sounds geht, die unter anderem mit Tribalpercussion verfeinert werden. Zu den Sounds kann man echt gut entspannen und meditieren und die sind dann auch über meinen Bandcampaccount erhältlich. Ich arbeite auch gerade an meinem ersten ersten Kassettenrelease mit dem Titel „Can you dig it?“ bei Outward Records. Das Label wird übrigens von einem sehr talentierten Musiker, Evan, gemanagt. Wir wollen künftig auch mehr Gigs spielen – gerne auch außerhalb der Staaten.

Dear Watson: Ich für meinen Teil habe gerade eine EP mit dem Titel „Adel“ veröffentlicht, die man von meinem Bandcamp-Profil kostenlos runterladen kann. Außerdem bin ich gerade im Studio, um meine nächste EP „Oh really“ fertig zu stellen und unterstütze Scares und J Hill dabei, weitere Alben auf meinem Label Cirkus Recordings zu veröffentlichen. Mitte des Jahres wird übrigens wohl auch noch ein Filmsoundtrack erscheinen, an dem ich derzeit gerade arbeite. Zusätzlich bin ich auch noch an einer EP mit Dani Parks von Rhythm Galaxy beteiligt. Abgesehen davon geht es auch bei mir darum, mehr live zu spielen und noch mehr Singles zu veröffentlichen.

www.music-news.at: Wie geht es mit Unanimous Arts weiter?

Scares: Unser Ziel ist es, jedes Jahr eine neue Compilation zu veröffentlichen, also werden wir uns gegen Ende des Jahres um die Vorbereitungen dafür kümmern, da wir den 4. März als Veröffentlichungsdatum gerne beibehalten möchten. Wir werden auch daran arbeiten, unser Merchandisematerial mit UA-T-Shirts aufzustocken, um den Nachfragen endlich nachzukommen. Es gab auch die Idee, die Künstler per Emailnewsletter zu promoten, aber das ist etwas, das wir eher später ins Auge fassen wollen.

Dear Watson: Genau, die Compilation für dieses Jahr ist abgeschlossen. Jetzt geht es darum, Auftrittsmöglichkeiten für uns und unsere Künstler zu finden, wobei die Musik ja, wie bereits zuvor erwähnt, nicht den einzigen Aspekt darstellt, für den wir uns einsetzen. Ich werde mich zudem auch um die Designangelegenheiten unseres Kollektivs kümmern und dieses Jahr diesbezüglich ebenfalls so Einiges ins Rollen bringen.

Fotocredit: Unanimous Arts Bandcamp

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