Man stelle sich eine kleine verrauchte Bar vor, mit abgenutzter Holzvertäfelung und einer in die Jahre gekommenen Einrichtung. Das Lokal ist nur spärlich beleuchtet und jeden Moment findet im angrenzenden Raum eine Lesung statt.

Nach und nach verlagert sich das Geschehen dorthin und übrig bleiben an der Theke sitzend und an ihren Bieren nippend Been Orelian, Vincent Dwight Hadriga und Ion Illus. Vor Kurzem haben sie ihr Debütalbum „trouble, beautiful trouble” veröffentlicht. Ein impulsives und unglaubliches energiegeladenes Stück Musik, das in vermeintlich unvollständiger Besetzung den Charme erlangt, den man in der vollständigen vergebens gesucht hätte.
Das Mikrofon ist aufgebaut, die Lesung im Nebenzimmer hat begonnen und die Herren von WarHoles geben mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass auch sie bereit sind:

PARADOX: Mit eurer Musik bewegt ihr euch hierzulande fern von jeglichen Hypes. Woher kam also die Idee, sich mit diesem Genre zu beschäftigen?

Vincent: Zunächst würde ich unsere Musik nicht als Garage Punk oder Garage Rock bezeichnen, wie sie so oft genannt wird, aber das ist eher nebensächlich. Es geht weniger darum, gezielt ein Genre und dessen Kriterien zu bedienen, vielmehr um die Ausdrucksform, unseren eigenen Zustand zu vermitteln, und so klingt es nun mal, wenn drei manische Persönlichkeiten aufeinandertreffen.

PARADOX: Ich finde das Cover eures neuen Albums „trouble, beautiful trouble” sehr beeindruckend. Wer hat es gestaltet?

Vincent: Dieser Impuls kam von mir. Die Idee mit Mehl zu werfen stand von Anfang an im Raum. Was nun endgültig auf dem Album zu sehen ist, war zu Beginn eigentlich ein Testfoto. So ist das Cover, genau wie der Titel nicht akribischer Planung oder purem Zufall entsprungen, sondern vielmehr eine Momentaufnahme des gesamten künstlerischen Prozesses.

PARADOX: Uhren scheinen eine zentrale Rolle auf „trouble, beautiful trouble” einzunehmen…

Been: Das Ticken hat weniger mit einer Uhr zu tun. Mehr ist es wie eine tickende Zeitbombe zu verstehen, mit deren Ausbruch wir versuchen, unser Publikum in den Bann zu ziehen.

Vincent: Zudem bietet das Ticken der Uhr eine Möglichkeit, das gesamte Album in einen mehr oder minder unbehaglichen Rahmen zu kleiden – ein akustisches Stilmittel.

PARADOX: „Exzess” ist ein weiterer Schlüsselbegriff eures Schaffens. Ihr verwendet ihn immer wieder, um euer Tun zu beschreiben. Spielt Exzess auch in eurem Privatleben eine Rolle?

Vincent: Die Bühne bietet Möglichkeit, den Exzess zu leben, der im Privatleben lediglich schlummert.

Been: Im Privatleben nicht wirklich. Ich brauche Exzess nicht in allen Bereichen, dafür lebe ich ihn auf der Bühne umso mehr.

PARADOX: Wie kann man musikalisch noch schockieren? Gelingt das momentan überhaupt jemandem?

Vincent: Natürlich gelingt es momentan jemandem. Man darf bei der Diskussion um Rebellion in der Musik den Zeitgeist nicht außer Acht lassen. Rebellischer Charakter in der Kunst ist ständig an Gruppenmentalität und an biographische Aspekte gekoppelt. Während vor einiger Zeit Punk und Rock die Rebellion darstellten, findet man „Auflehnung“ im weiteren Sinne heutzutage möglicherweise an Orten, die man nicht unter Verdacht stellen würde: „Jazz is the new Punk!“

Been: Musik muss nicht notgedrungen einen Schock auslösen. Vielmehr reichen mir die offenen Münder und irritierten Blicke nach einem Auftritt von uns. Ich will mehr von diesen „Fuck – was war denn das?”-Momenten.

PARADOX: Inwiefern würdet ihr eure Musik als Kunst bezeichnen? Verdient ausnahmslos jede Form von Musik es, als Kunst bezeichnet zu werden?

Been: Kunst ist für mich der Überbegriff des Ganzen. Kunst ist eine Ausdrucksform. Ich bediene mich der Ausdrucksform der Musik von Vincent und Ion und lebe mich mit meinen Texten inmitten derer aus.

Vincent: Genauer betrachtet ist Musik eine Kommunikationsform. Musik kann beginnen, wo Worte enden. Wie in vielen Kommunikationsformen kann auch Musik künstlerische Züge annehmen, dies macht sie aber meines Erachtens nicht mehr oder weniger zu Kunst.

[do action="artist"]Ion: Kunst liegt immer im Auge des Betrachters.

PARADOX: Ein Name, der immer wieder in Verbindung mit euch auftaucht, ist Nick Cave. Bei einer Vorlesung hier in Wien formulierte er den Gedanken, dass ein Song immer auch Melancholie enthalten müsse. Stimmt ihr da zu?

Vincent: Für mich ist die Melancholie eine sehr ehrliche Emotion. Sie ist das Gefühl zwischen den Höhen und Tiefen des Lebens und vermutlich in jedem menschlichen Dasein zumindest in einem kleinen Funken verankert. Wie sehr dieser Funke zum Vorschein kommt, ist natürlich sehr subjektiv. Ich identifiziere mich gerne mit der Melancholie, was entsprechende Musik sehr zugänglich und beruhigend für mich macht. Ich denke nicht, dass Melancholie in Musik enthalten sein „muss“, da sich Gefühlslagen täglich ändern können und dies auch tun, für mich bietet Melancholie in der Musik aber immer einen Zugangspunkt, ein Zuhause, ein Refugium.

Been: Texte, egal welcher Art, sind immer eine Übertreibung des tatsächlich Erlebten und die Melancholie darin ermöglicht dem Hörer das Lesen zwischen den Zeilen. Geschriebenes spricht mit dem Leser, wenn es das nicht tut, wird es nur in irgendeiner Ecke vor sich hin stauben und vergessen. Insofern kann ich mich dem Zitat von Nick Cave anschließen.

PARADOX: Ihr seid bei Independent Audio Management unter Vertrag. Wie kam es dazu? Seid ihr mit der Zusammenarbeit zufrieden?

Vincent: Sie kamen, sie hörten, sie boten an. Wir haben dieses Angebot mit Begeisterung angenommen und seither herrscht zwischen IAM und WarHoles eine freundschaftliche Zusammenarbeit, was das gemeinsame Schaffen sehr angenehm gestaltet.

PARADOX: Darf man sich zukünftig noch auf weitere Releases aus dem Hause WarHoles freuen?

Ion: Wir arbeiten nicht gezielt von einem Album zum nächsten. Es ist ein kontinuierlicher Schaffensprozess, der bestimmt wieder auf Vinyl oder Plastik gepresst zusammengefasst wird. Kürzlich wurden wir gefragt, ob wir bereits an dem nächsten Album arbeiten. Die Antwort ist nein, das tun wir ständig.

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