Seit rund fünfzig Jahren bepacken wir jeden Sommer unsere Rucksäcke, schnallen unsere Schlafsäcke um und hängen ein Zelt um die Schulter, um auf Musikfestivals zu fahren auf denen wir die Musik und die Freiheit genießen.

Zwei Menschen, ein Pärchen, einander in den Armen liegend und in eine Decke gehüllt. Von ihm ist der schwarz lockige Hinterkopf zu erkennen. Von ihr lediglich Haar und Stirn, die Augen werden durch eine schwarze Sonnenbrille verhüllt. Ihre untere Gesichtshälfte schmiegt sich an seine Schulter. Im Hintergrund wird die Szenerie durch eine sanfte, leicht im Nebel liegende, Hügellandschaft geprägt, die von teils liegenden, gar schlafenden, teils sitzenden Menschen in Beschlag genommen ist. Ähnlich dem Pärchen sind auch viele der anderen Menschen in Decken gehüllt. Doch was einen an Armut und Flucht denken lässt, ist in Wirklichkeit eines der bekanntesten Fotos, das vom berühmteste Festival der Musikgeschichte übrig geblieben ist: Woodstock.

Woodstock 1969

Das von Burk Uzzle aufgenommene Foto, das schließlich auch für das Cover des Woodstock Livealbums verwendet wurde, zeigt Bobbi Kelly und Nick Ercoline. Sie waren 1969 zwei von 400.000 Besuchern des Woodstock Festivals in Bethel, im US Bundesstaat New York. Ja, interessanterweise fand das Woodstock Festival nicht im gleichnamigen Ort Woodstock statt, sondern in dem Örtchen Bethel. Das Festival wurde durch das vorherrschende Chaos am Gelände – die Veranstalter hatten nicht mit so vielen Zuschauern gerechnet – und legendäre Auftritte von Jimi Hendrix, Joe Cocker, Crosby, Stills, Nash & Young und vielen anderen Künstler, die damals noch am Anfang ihrer Karriere standen, weltberühmt und gilt heute als das Festival aller Festivals. Doch Woodstock 1969 sollte eine einmalige Sache bleiben – vorerst.

Woodstock_ticket

Eintrittskarten für das Woodstock-Festival, 15.–17. August 1969; Papier, 5,5 x 15,5 cm rock n popmuseum, Gronau, Germany

Altamont Speedway Free Festival 1969

Wir kennen ihn alle: Mick Jagger, damals, im Jahr 1969 noch etwas jünger. Eine ganze Reihe an Fotos wurde einige Monate nach dem Woodstock Festival geschossen, als die Rolling Stones auf der Bühne des Altamont Speedway Free Festival standen. Der große Erfolg ihres eigenen Konzerts im Londoner Hyde Park im Sommer 69, zu dem zwischen 250.000 und 500.000 Fans kamen, und der durchschlagende Erfolg des Woodstock Festivals animierten die Stones, sich in den USA ebenfalls an einem großen Event dieser Art zu beteiligen. Als Location wählte man den Altamont Speedway in Kalifornien aus. Zu den anderen Künstlern des Line-Ups zählten Santana, Jefferson Airplane, The Flying Burrito Brothers, wiederum Crosby, Stills, Nash & Young und The Grateful Dead. Für alle Sicherheitsbelange am Gelände engagierte man die Hells Angels, denen als Bezahlung 500 Dollar in Form von Bier zustanden. Und das ist es auch was diese Aufnahmen von damals so außergwöhnlich und beängstigend macht.

Man sieht die Hells Angels, die während dem Auftritt der Rolling Stones über die Bühne gehen, um das Publikum zu kontrollieren und einzuschüchtern. Schon während des ganzen Tages wurden die Aggressionen der Hells Angels gegenüber dem Publikum und sogar den Künstlern immer größer. So weigerten sich The Grateful Dead sogar, auf die Bühne zu gehen, da bereits zuvor Jefferson Airplane Sänger Marty Balin von einem Hells Angel angegriffen wurde. Noch hitziger wurde die Situation, als einige Besucher – wohl aus versehen – eines der Motorräder umstieß, mit denen die Hells Angels versuchten die Leute vom Bühnenrand fernzuhalten. Während dem Auftritt der Stones kam es dann schließlich zur Tragödie. Ein Mitglied der Hells Angels erstach wenige Meter vor der Bühne den jungen Amerikaner Meredith Hunter, der einen Revolver bei sich trug und zu dem Zeitpunkt unter Drogen stand.
Altamont beendete die Hippie-Ära und war der Anfang eines neuen Zeitalters der Rockmusik.

Woodstock 1994

Ein junger Mann; sein Haar, sein Gesicht, sein ganzer Körper von Schlamm verklebt. Jegliche Farbe wird zu einer braunen Masse, die seinen Leib hinab rinnt. Sein Haltung wirkt aggressiv, sein Körper vorgebeugt. Alles was man von seiner Kleidung erkennt hängt ihm vom Körper. Sein Mund ist weit aufgerissen, er schreit. In seinen Händen hält er ein Mikro, das all seine Energie und seine Emotion für tausende hörbar macht. Die Massen Jubeln ihm zu.

Der junge Mann ist Trent Reznor. Er hatte wenige Jahre zuvor seine Band Nine Inch Nails gegründet, die zu dieser Zeit mit ihrem aggressiven und revolutionären Industrial Metal ihre ersten großen Erfolge feierten. Zu dem schlammigen Aufrtitt kam es am Woodstock Festival des Jahres 1994, einer Neuauflage zum 25-jährigen Jubiläum. Noch kurz vor dem eigenen Auftritt wrestelten die Musiker im Schlamm, um anschließend ohne Umwege auf die Bühne zu gehen und so eine energiegeladene Show zu spielen, die all das zum Ausdruck brachte, was Nine Inch Nails mit ihrer Musik verkörperten. Woodstock 94 wurde von rund 350.000 Menschen besucht. Manchen Quellen zufolge spielten Nine Inch Nails vor dem größten Publikum des Festivals und stachen somit damals weit bekanntere Bands wie Metallica, Aerosmith, Red Hot Chili Peppers und Santana aus.
Im Jahr darauf wurde das mitgeschnittene Live-Video zu „Happiness in Slavery“ mit einem Grammy in der Kategorie „Best Metal Performance“ ausgezeichnet.

Woodstock 1999

Es scheint ein Schlachtfeld des Mülls zu sein, kaum Menschen sind zu sehen. Im Hintergrund füllen farbenfrohe Leinwände den Raum und geben starken Kontrast zu dem düsteren Chaos im Vordergrund. Einige Teile eines Gerüsts legen nahe, dass es sich hierbei um einen Veranstaltungsort handelt. Tatsächlich sind es die Überrest des dritten und vermutlich letzten Woodstock Festivals.

Woodstock 99 war geplant als eine Neuauflage von Love, Peace & Music, zum 30-jährigen Jubiläums des ersten Woodstock Festivals. Doch in Wirklichkeit war von Love & Peace am Ende des Festivals nicht mehr viel zu spüren oder zu sehen. Spätestens beim Auftritt von Limp Bizkit, als die ihren Song „Break Stuff“ spielten, endete die Ruhe. Es kam zu vermehrten Sachbeschädigungen, zu Körperverletzung und mehreren sexuellen Übergriffen. Als Red Hot Chili Peppers auf der Bühnen standen wurden Soundtürme angezündet und das Festivalgelände musste geräumt werden.

Trend – Fotos und Festivals

In den 10er Jahren des 21. Jahrhunderts ist es nicht mehr leicht zeitlos zu sein. Läuft man doch Tag für Tag, Stunde für Stunde, eigentlich jedes Mal wenn man Radio, Computer oder Fernseher einschaltet Gefahr von neuen Trends erschlagen zu werden. Im Großen und Ganzen gibt es wohl keinen Lebensbereich mehr, der ohne neue Trends auskommt. Jetzt ist es eben ein Trend auf Festivals zu gehen und alles und jeden zu fotografieren.

Befragt man Google nach den Begriffen Festival und Fotos dann durchschmökert man Unmengen an Fotos, die einen schmunzeln und die Nase rümpfen lassen. Ein crowdsurfender Weihnachtsmann, nackte Oberkörper, Menschen die sich im Schlamm wälzen. Immer wieder kommt uns ein altes Woodstockfoto unter die Augen, das uns ein ganz besonders ehrfürchtiges Gefühl gibt. Jimmy Hendrix, der in den frühen Morgenstunden auf der Festivalbühne steht und sich in seiner infernalen Version von „The Star-Spangled Banner“ verliert. Von damals wie von heute findet man Fotos von vergnügten Musikliebhaber, die in einem Fluss oder See baden. Man sieht tausende Hände, die gemeinsam mit monströsen Scheinwerfen in den Himmel greifen. Ach ja, und man sieht Gene Simmons.
Gut, wir wissen wie Gene Simmons aussieht. Doch will ernstlich jemand erklären, dass er auf ein Bild des crowdsurfenden Weihnachtsmanns verzichten kann? Woran sollen denn die Kinder von heute dann noch glauben?

Wo sind deine besten Festivalfotos? Mach mit beim EVN Festival Pics Contest.

Wo sind deine besten Festivalfotos? Mach mit beim EVN Festival Pics Contest.

All diese Aufnahmen, seien sie weltbekannt oder nur ein vergänglicher Schnappschuss, sind Ausdruck und Inbegriff der Musik, die wir hören, und der Festivals, auf denen wir sie feiern. Da gibt es die schönen Moment voller Freude, voller Begeisterung und voller Liebe, doch es gibt auch Momente voller Tragik und Trauer. Denn Musik und ihre Festivals sind eben das Leben.
Und deshalb werden wir auch weiterhin auf Festivals fahren und unsere schönsten und prägendsten Momente auf Fotos festhalten.
Was man dann damit macht bleibt jedem selbst überlassen. Herzeigen, peinlich berührt verschwinden lassen oder mit einem ganz besonderen Foto an einem Gewinnspiel teilnehmen, um auch schon die nächsten Festivaltickets zu gewinnen. Wer sich für letzteres entscheidet, dem wollen wir, wie es auch schon das Banner weiter oben verkündet, den Festival-Pic-Wettbewerb der EVN ans Herz legen, bei dem man neben einem Auftritt bei „gotv hosted by“ und Festivalpässen für dich und deine Freunde auch Tickets für Überraschungskonzerte oder zahlreiche Musik Downloads gewinnen kann.

Zeiten verändern sich, Trends kommen und gehen, doch Musikfestivals und all die Emotionen, die wir mit ihnen verbinden werden uns erhalten bleiben. Ach ja… und der Gestank, der wird uns auch zukünftig erhalten bleiben. Gene Simmons wohl auch…

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