Die Freiheit des melodischen Programmierens.

Musik mit dem Computer macht heutzutage schon jeder Zweite, jedoch gibt es eine Gruppe an Musikern, die ohne bunte, grafische, userfreundliche Interfaces in der Welt des „Raw-Code“ arbeiten und ihre Musikstücke im wahrsten Sinne des Wortes „schreiben“. Das Ganze nennt sich dann „Live-Coding“, „on-the-fly programming“ oder auch „improvisierte algorythmische Komposition“.

Musikalische Freiheit ohne Einschränkung

Die Limitierung eines DJ’s oder Produzenten hängt oftmals von den verwendeten Programmen und Plug-Ins ab. Was hinter dem Druck auf einen Knopf oder dem Drehen eines Reglers steckt, ist ihm meist egal, solange es die gewünschten Sounds produziert. Genau das ist quasi das Arbeitsumfeld oder die „Comfort-Zone“ der Music-Coder. Hier herrschen wenig bis keine Limitierungen, was jedoch auch seine Schwierigkeiten mit sich bringt, da man diese erst einmal definieren muss. Man kann nun für einen einzelnen Effekt eine Zeile oder ein ganzes Programm schreiben, was zwar viel Platz für künstlerische Freiheit gibt, jedoch auch die Fehlerquellen immens erhöhen kann. Dem Computer muss sehr genau vorgegeben werden, auf welcher Frequenz er welchen Ton wie lange spielen soll und da sollte man schon relativ genau wissen, was man tut.

Algo Raves

Bei Live-Coding-Performances, auch genannt „Algo-Raves“, kommt man sich vor, wie auf einer LAN-Party. Der Bildschirm des Künstlers wird zum Publikum hin auf einer Leinwand vergrößert, damit alle dem Coder beim „Musik-Machen“ zusehen können. Zu Beginn des Konzerts gibt es dann meist eher eine angespannte Stille als das übliche anheizende Intro, da der Coder erst mal die Grundregeln für sein Stück dem Computer vorgeben muss. Dies sind einige Rahmenbedingungen in Form von Textzeilen, die zum Beispiel die Overall-Lautstärke oder die Dauer eines Stückes angeben sollen (wie etwa „unendlich wiederholen“ für Loops). Der große Unterschied zu gängigen Clubbings ist, dass das Publikum oft von einem kleinen, minimalen Wechsel in der gespielten Tonfolge zum ausrasten gebracht werden kann, da hier das Wissen um das erzeugen jedes einzelnen Tons entscheidend für dessen Hörbarkeit bzw. Melodik ist.

Die Symbiose von Mensch und Musik

Mittlerweile wird auch das Coding in Textform mit den individuellen Bewegungen von professionellen Tänzern vereint, was eine sehr interessante Symbiose hervorgebracht hat. Die Programmiersprache „ChucK“, mit der es möglich wurde, alles nur Erdenkliche in einen Tongenerator zu verwandeln, wurde eingeführt und daraus entstand auch Synthesizer Gewand wie das Kickstarter-Projekt von MACHINA oder das „Megalizer-Project“ von Adidas bei dem die stylischen Sneaker zum noch stylischeren Musikinstrument verwandelt wurden.

TOPLAP

Heute hat die TOPLAP (The (Temporary|Transnational|Terrestrial|Transdimensional) Organisation for the (Promotion|Proliferation|Permanence|Purity) of Live (Algorithm|Audio|Art|Artistic) Programming), eine Art Dachverband, alle Communities, die sich mit dieser Form der Musikproduktion beschäftigen zu einem gemeinsamen, weltweiten Projekt zusammengeführt. Das TOPLAP Manifesto setzt bestimmte Voraussetzungen wie beispielsweise die Einsehbarkeit des Codingprozesses (zB. auf einer Leinwand) für das Publikum.  Sie veranstalten auch das „LOSS Live Coding“ Festival.

Derzeit wird viel Zeit und Geld in die Erforschung von Musik-Schnittstellen und der Verbindung von Mensch und Ton gesteckt und wir sind schon sehr gespannt, was diese Szene noch so alles hervorbringen wird.

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