Die „gewisse schrille Schrägheit“ ist es, die dem Beobachter als erstes ins Auge und Ohr sticht, wenn er sich mit der musikalischen wie auch bildenden Kunst der Ulrike Helmholz beschäftigt.

Wer ist Ulrike Helmholz? Was tut sie, was ist ihr Verständnis von Musik und wie sah ihre musikalische Entwicklung aus? Was denkt sie über Politik in der Kunst und warum ist sie auch regelmäßig im Radio zu hören? Was hat sie mit dem CAMP Festival zu tun und welche Pläne treiben sie in die Zukunft?

Über Ulrike Helmholz

Ulrike Helmholz - (c) Christoph Helmholz

Ulrike Helmholz – (c) Christoph Helmholz

Ulrike Helmholz ist Sängerin, Performerin, Bildende Künstlerin und Lehrerin. Sie unterrichtet vor allem Gesang in ihrem Atelier Ulrike Helmholz.
Sie ist der geräuschhaften und improvisierten Musikrichtung verbunden, ist aber auch in anderen Musiksparten zu hören.
Sie arbeitete unter anderem mit David Moss, Elliott Sharp, Otomo Yoshihide und Franz Hautzinger.
Für die Platte „Ravvivando“ wurde sie 1999 von FAUST ins Studio geholt. Release Party war in der Queen Elisabeth Hall in London. Elf Jahre lang sang sie für den Tanz des japanischen Butohtänzers Mitsutaka Ishii. 2012 wurde sie von Katarzyna Krakowiak zur musikalischen Erweiterung ihrer architektonischen Gestaltung zur 13 Mostra Internationale Di Architettura, 2012 Biennale Venezia, Polish Pavilion, eingeladen. Sie gestaltet und moderiert im „Freien Radio Wüste Welle“ eine einstündige und wöchentliche Sendereihe.

Das Interview

Music News: Was ist Musik für dich?

Ulrike Helmholz: Es gibt Postkarten, da steht, und dies hat angeblich Friedrich Nietzsche so gesagt: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“. Das ist natürlich sehr pointiert und apodiktisch ausgedrückt, aber insofern richtig, als dass es das Leben ohne Geräusche und deren Schwingungen und Resonanzen, die sie verursachen, und ohne den menschlichen Stimmklang und ohne das körperliche Wahrnehmen und ohne das Hören all dieser akustischen Phänomene nicht gibt und für mich schon gar nicht. Von der Bildenden Kunst herkommend war es irgendwann ein Bedürfnis für mich in diese Lebensraumphänomene einzugreifen, wahrnehmend, produzierend und das allein und im Kontext von Projekten mit KollegInnen .
Da ich zumeist in der Form der „Instant Composition“ arbeite, schwingt unterschwellig bis sehr bewusst immer wieder die Fragestellung: „Was ist Musik für mich?“ mit und wird immer wieder aufs Neue zu beantworten sein.

Music News: Was war das erste Instrument, das du je in der Hand hattest? Und in welchem Alter?

Ulrike Helmholz: In meiner Familie wurde mit Enthusiasmus Blockflöte gespielt und sobald ich solch ein Instrument halten konnte, durfte ich mitspielen. Ich weiß nicht mehr genau ab wann das war, aber ich war garantiert unter fünf Jahre alt und liebte es, wenn Schwebungen entstanden. Also lernte ich zwei Flöten gleichzeitig anzublasen, den gleichen Ton zu spielen und mich über das fast greifbare Schwirren in der Luft zu freuen, das entstand, wenn die Instrumente nicht ganz sauber gestimmt waren, was nie der Fall war. Heute produziere ich Drones mit Hilfe eines Loopgerätes und meiner live geloopten und übereinandergelagerten Stimmeinsätze.

Music News: Kannst du dich und dein musikalisches Schaffen in irgendein Genre einordnen? Wenn ja, in welches?

Ulrike Helmholz: Das ist ein bisschen schwierig zu beantworten, da ich mich selbst manchmal als Mimikry empfinde, das entsteht, wenn eine Bildende Künstlerin und Performerin anfängt, Musik zu machen. Meine Herangehensweise an die Musik ist eine andere als die eines normalen Musikers. Das ist meines Erachtens an meiner Musik zu bemerken. Müsste ich doch eine Entscheidung für ein Genre treffen, dann das der „Noise Music“ mit etlichen Ausreißern in anliegendes Gelände.

Music News: Was dient dir als Inspirationsquelle?

Ich hielt mich ab 1975 für eine längere Zeit in Japan auf. Lebte mit Japanern, studierte Japanologie und arbeitete über ein Jahrzehnt mit einem japanischen Butohtänzer der ersten Generation, der ein Gefährte und Tänzer von Hijikata, dem Begründer des Butoh, war und entsprechend rigoros lebte und arbeitete.
Die daraus entstehende Intensität in Arbeit und Leben hatte ich lange gesucht und fand sie in der japanischen Kultur auf vielen Ebenen und ließ gerne davon Seiten in mir berühren und suchte meinen entsprechenden eigenen Weg daraufhin weitaus selbstverständlicher.

fanfare from Ulrike Helmholz on Myspace.

Music News: Worum geht es in deinen Texten? Willst du eine bestimmte Message in deiner Musik verpacken?

Ulrike Helmholz: Oft hört es sich nur so an, als würde ich manchmal eine bestimmte Sprache einsetzen: es ist aber nur eine Fakesprache. Sie tut so, als ob sie Sprache wäre und stört mich somit nicht mit konkretem Inhalt und dem rechtzeitigen Setzen von passenden Wörtern. Sie ist einfach nur „Stimmvokabular“ einer Geräuschstimme.
Ansonsten bediene ich mich gerne bei Lyrik bekannter Dichter und versuche, sie in meine Musik einzuweben. Ich mag es nicht, wenn die Musik eine Ebene besetzt und eine andere ist die des Textes: oft ringe ich während der Improvisation damit, diese beiden Ebenen zu vermischen, zu verflechten. Das Wort Message wäre bei alter Lyrik sicherlich nicht ganz der richtige Begriff. Einige Jahrzehnte mittlerweile setze ich immer wieder die gleiche Lyrik von Hölderlin, Nietzsche oder Baudelaire ein, um, während der Arbeit damit, mit Freude zu bemerken, dass ich noch längst nicht alle Bedeutungsebenen erfasst habe. Beispielsweise „Prometheus“ von Hölderlin, „Das Tanzlied“ aus „Also sprach Zarathustra“ von Nietzsche und „Amor und der Schädel“ von Baudelaire. Gut an dieser Lyrik finde ich, dass, je nach meiner Verfassung, ich jedesmal andere Aspekte in ihr entdecke.
Eigene Wörter setze ich hin und wieder ein, wenn einzelne Wörter ausreichen und das ist meistens der Fall, wenn Rhythmus die Nähe zu Rock oder Pop suggeriert. Diese Wörter stehen für sich und sind assoziativ gedacht: was ich dabei denke ist unerheblich. Ich hoffe dann, eigene Assoziationsketten bei den ZuhörerInnen anzustoßen.

Lieber zehn als drei

Music News: Welche drei Eigenschaften werden deiner Kunst am gerechtesten?

Ulrike Helmholz: Oh, diese Frage ist für jemanden, der lieber zehn als drei Wörter benutzt eine Herausforderung!
Die Identitätshinterfragung und – suche der Protagonistin (ich) auf der Bühne führt zu einer gewissen schrillen Schrägheit, die ich eigentlich fast nicht Queerness nennen möchte, da Wörter leider immer ungenau werden im Laufe der Zeit, wenn sie zu Modewörtern werden.
Die intensive Beschäftigung mit den Möglichkeiten des eigenen Körpers suggeriert zuerst eine große Nähe und Vertrautheit mit diesem, was dann, während des Gesangs, zumeist in ein Sich-Fremd-Werden umschlagen kann, das neue Räume schafft.
Die Virtuosität wird angestrebt aber nicht gesucht, wenn sie der Intensität und dem Eros abträglich ist.

Music News: Wie politisch darf Kunst sein und warum?

Ulrike Helmholz: Eine Demokratie lebt davon, dass ihre Mitglieder auf die eine oder andere Art aktiv politische Menschen sind, sonst zerbröselt sie, kann verkommen dahin, dass sich die Machtverhältnisse ungünstig für eine Demokratie verschieben.
Ob nun die Kunst einer Gesellschaft leicht erkennbar politisch ist oder nicht, das ist für mich kein notwendiges Kriterium, aber auch kein Qualitätshemmnis. Die Form und die Sprache der Kunst sollte dem Künstler frei zur Gestaltung zur Verfügung stehen und keinen gesellschaftlichen Anforderungen gehorchen müssen. Auch der Inhalt sollte seine freien Räume suchen dürfen. Woher sollten sonst die Visionen kommen, die ihre Erfinder oft auch nicht gleich erkennen und verstehen. Kunst darf Fragen stellen ohne die Antworten zu kennen. Der Prozess der Erkenntnisgewinnung ist wichtig und das kann Kunst leisten.
Aber für mich ist jede Kunst ein Teil eines kulturpolitischen Systems, das es zu verstehen gilt. Eine wichtige Basis dafür ist für mich eine gute Bildung und eine geschulte Fähigkeit zur Wahrnehmung und zum Denken. Das kann Kunst anstoßen und fördern, oder die Künstler, die gerne lehren, können auch auf ihre Art helfen. Ich bin Privatlehrerin in meiner eigenen, privaten Schule, in meinem „Atelier Ulrike Helmholz“ und mein Gesangsunterricht, den ich erteile, ist mittlerweile eine Art Kulturunterricht geworden, wenn erwünscht, und wird gerne in Anspruch genommen.
Das Atelier gehört zu einem Kulturzentrum, das Sudhaus in Tübingen, das ich half aufzubauen. Ich gehöre zu seinen Gründungsmitgliedern. Dieses Atelier war auch der „Geburtsraum“ für das „CAMP“: hier konnte man sich ungestört treffen und diskutieren und nachdenken und planen.

Ulrike Helmholz - (c) Christoph Helmholz

Ulrike Helmholz – (c) Christoph Helmholz

Music News: Du hast 1999 am CAMP Festival teilgenommen. Was ist das Besondere für dich an diesem Festival?

Ulrike Helmholz: Ich finde es bewunderungswürdig, wie dieses kleine Festival sich etabliert hat und seine eigene Nachhaltigkeit entwickeln konnte.
Die Zeit, die dieses Festival den TeilnehmerInnen gibt, sich kennenzulernen und zusammen zu arbeiten, ist besonders. Heute ist es nicht mehr unbedingt selbstverständlich, solch einen Zeitrahmen innerhalb eines Festivals zu erhalten und den Dialog erproben zu können.
Die Gewichtung auf das gemeinsame Erforschen und Entwickeln ist sehr gut. Natürlich sollte ein gelungener Auftritt, ein Konzert oder eine Darbietung vor Publikum am Ende stehen. Nur wenn dieser in einer Versuchsanordnung auch scheitern darf, so hinterlässt er zumindest einen Erkenntnisprozess bei allen Beteiligten.

Music News: Du machst eine regelmäßige Radiosendung auf Freies Radio Wüste Welle. Wie sieht die aus und worum geht es?

Ulrike Helmholz: Ich unterhalte seit 19 Jahren eine einstündige Sendereihe, „Something Noise“ beim „Freien Radio Wüste Welle“. Jeden Montag von 21 bis 22 Uhr wird gesendet. Wechselnde Redakteure, die ich mir suche, standen mir seitdem zur Seite. Zur Zeit sind es Bertil Rehmann und Pit Schmidt.
Anlass zu dieser Sendereihe war natürlich zum einen die Gründung des selbstverwalteten und basisdemokratisch geführten Freien Radios und zum zweiten die Konzertreihe „Something Noise“, die ich zusammen mit Pit Schmidt elf Jahre lang im Sudhaus kuratierte und organisierte. Wir hatten es uns zur Aufgabe gemacht, die neu aufkommende sogenannte improvisierte Noise Music mit ihren ProtagonistInnen nach Tübingen zu holen. John Zorn war schon zu bekannt und uns demnach zu teuer, aber es kamen unter anderem David Moss, Phil Minton, Marc Ribot, Zeena Parkins, Fred Frith und Elliott Sharp und als der Osten sich öffnete Auktion, Leonid Soybelman, Iva Bittova und viele mehr.
Noch waren sie Musiker, die eine Nische bedienten und relativ unbekannt waren.
Zudem machten wir es uns zur Aufgabe, über alle zu berichten, die in Tübingen und Umgebung es sich nicht nehmen ließen, ungewöhnliche Musik zu machen.
Ich wurde von den Radiobetreibern gefragt, ob ich diese Art von Musik nicht in diesem Radio vorstellen wolle. Ich wollte, denn es war eine tolle Werbung für unsere Konzerte. Die öffentlich- rechtlichen Radios hatten diese Musik noch nicht für sich entdeckt.
Mittlerweile sind all die damaligen MusikerInnen in der Hochkultur gelandet und sind dadurch auch vertreten in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Ich habe mich erinnert, wie gerne ich schon als Kind Radio hörte, vor allem Hörspiele, und experimentiere mittlerweile innerhalb dieser Stunde mit den Formaten und der Art der Einsätze. Hörspiel würde ich es nicht nennen. Einen Begriff dafür habe ich noch nicht gefunden. Ansonsten lade ich Interviewgäste ein, sende Features über MusikerInnen, berichte über Filme, Ausstellungen und Bücher neben den sogenannten „Don’t Stop The Flow“- Sendungen, die immer einstündige und besondere Zusammenstellungen von Musik sind, ohne Moderation dazwischen.

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Ohikaenasute (Mischtechnik, Steinlithographie mit Zeichnung) – Ein Werk aus einer früheren Lebensepoche, das Helmholz derzeit für ihre Bühnenarbeit wieder aufgreift.

Music News: Was planst du derzeit für die Zukunft?

Ulrike Helmholz: In den vergangenen Jahren zog ich es vor, in Gesellschaft von KollegInnen zu arbeiten: in Theaterproduktionen als Musikerin und Akteurin, mit Tänzern, mit KünstlerInnen und MusikerInnen.
Was ich vermied, war, an einem Soloprojekt allein zu arbeiten. Das habe ich jetzt angefangen und es ist sehr spannend. Es ist wohl der richtige Zeitpunkt dafür.
Ich erprobe mich zunächst bei kleinen Engagements wie in dem Videofilm, der meinen Auftritt zum zwanzigsten Jubiläum des Freien Radios zeigt. Hier experimentiere ich mit Radioapparaten aus verschiedenen technischen Epochen, mit der Rückkoppelung, die entstand, da mein Auftritt parallel gesendet wurde, und setze meine Stimme dazu ein.
Zudem möchte ich noch mehr meine diversen künstlerischen Einsätze wie Maskenarbeit, bildnerische Arbeit, Tanz und Performance Art mit meiner musikalischen Arbeit sinnvoll zusammenführen.

Titelbild (c) Clemens Mitscher

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