Jörg Kallinich ist visueller Musiker, sein Instrument der Diaprojektor. Der mehrmalige CAMP Festival Teilnehmer spricht im Interview darüber wie unpolitisch Kunst sein darf und über die verstörende Ästhetik eines zersägten Schweinkörpers

Über Jörg Kallinich

Jörg Kallinich mit in Dias gerahmten Spinnen - (c) Mona Huber

Jörg Kallinich mit in Dias gerahmten Spinnen – (c) Mona Huber

Jörg Kallinich ist als Fotokünstler und visueller Musiker aktiv. Die Diaprojektion (meist mit 8 bis 10 Projektoren) nutzt er als ein eigenständiges Instrument im Sinne einer visuellen Musik. Mit rein analoger Technik und manueller Spielweise (unter Verzicht auf jegliche Programmierung) strebt er ein hohes Maß an Flexibilität an, um die Projektionen in Echtzeit, als intuitive und improvisatorische Interaktion mit live agierenden Musikern entstehen zu lassen. Typischerweise sind ihm dabei die konkreten Bildinhalte weniger wichtig als die über die Bilder vermittelten Stimmungen, Rhythmen und Energien – so wie das eben für Musik typisch ist.

Das Interview

www.music-news.at: Wie bist du zur Diaprojektion mit Livemusik gekommen und was bedeutet sie für dich?

Jörg Kallinich:Die Diaprojektion ist mein Instrument, um meine Ideen einer „visuellen Musik“ umzusetzen. Vor gut 25 Jahren habe ich angefangen, Diaprojektion mit Musik (zunächst von Schallplatten) zu kombinieren – zuerst mit nur zwei Projektoren in Überblendtechnik, mittels 2 Schiebereglern, einer damals typischen Technologie bei Reisediavorträgen.
Schon zu Beginn habe ich meine Projektionen stets als eine visuelle Interpretation und Erweiterung der von mir ausgewählten Musik aufgefasst. Weil die Musik (von Konserve) ja, sobald ich sie ausgewählt hatte, bereits fest stand, habe ich meine Projektion zwangsläufig nach den Vorgaben der Musik strukturiert. Dabei habe ich immer Wert darauf gelegt, eine Musik zu wählen, die ich als interessant und ausdrucksstark empfand, die sich also den Bildern nicht lediglich als Beiwerk unterordnen sollte. Das Ziel war eine Gleichberechtigung von Bild und Musik.

Weil ich – unter anderem – improvisierte Musik gerne mochte, habe ich es als interessante Herausforderung gesehen, solcher teilweise recht außergewöhnlichen und unvorhersehbaren Musik mit meinen Projektionen gerecht zu werden. Irgendwann erschien es mir als inkonsequent, die improvisierte Musik hundertmal anzuhören und auswendig zu lernen, um meine Bilder dazu möglichst perfekt synchronisieren. Da lag es nahe, mich selber in das Terrain der freien Improvisation zu begeben, live, mit improvisierenden Musikern. Dafür habe ich anfangs 6, später 8 bis 10 Projektoren eingesetzt, um ausreichend Flexibilität und Tempo erzielen zu können. Mein Grundgedanke war und ist, die Projektionstechnik als ein (visuelles) Musikinstrument aufzufassen, mit dem ich möglichst intuitiv, spontan und flexibel umgehen will.

Jörg Kallinich beim projizieren mit 10 Projektoren

Jörg Kallinich beim projizieren mit 10 Projektoren

www.music-news.at: Welche Programme und Technologien kommen bei deiner Arbeit zum Einsatz?

Jörg Kallinich: Da meine Projektionskunst ausschließlich analog funktioniert, benutze ich bei der Projektion überhaupt keine Programme im Sinne digitaler Software. Der unmittelbare, spontane und improvisatorische Zugriff, die direkte Interaktion mit der Musik, ist mir sehr wichtig. Ich installiere dafür in der Regel sechs bis zehn Diaprojektoren, die ich alle deckungsgleich auf eine Projektionsfläche ausrichte. Die Projektoren spiele ich über Tastaturen, Schieberegler und selbstgelötete Pedale, in Echtzeit. Nur so kann ich spontan auf unerwartete Wechsel im Spiel der Musiker reagieren – wobei im Idealfall auch die Musiker auf das visuelle Material reagieren, in einer kollektiven Improvisation, in der meine Projektion einfach ein weiteres Instrument ist.
Die Projektionsapparatur kann man sich wie eine Art Orgel vorstellen, bei der eine Taste nicht eine Orgelpfeife sondern einen Diaprojektor ansteuert. Dass ich in meinen Projektionen eine scheinbar altmodische Technologie benutze, hat nichts mit einer Retro-Philosophie zu tun. Das ist ganz einfach mein Instrument, auf dem ich gelernt habe, mich intuitiv auszudrücken. Eine Software, mit der man Abläufe programmieren könnte, wäre einer intuitiven Herangehensweise nur im Weg – und würde mit spontan improvisierter Musik kollidieren.
Bei der Erzeugung des Diamaterials benutze ich überwiegend „klassische“ fotografische Methoden – aber auch einige Kniffe der Bildverfremdung. Gelegentlich geht es auch ganz ohne Fotografie und ohne Filmstreifen: Eingerahmte Substanzen, Staub, tote Insekten in Glasrähmchen, etc., lassen sich auch direkt projizieren, was die Möglichkeiten stark erweitert.

www.music-news.at: Wann und wo entstehen die Dias die du für deine Projektionskunst verwendest?

Jörg Kallinich: Manche Diaserien entstehen sehr projektspezifisch, z.B. bei einem einzigen Fototermin – wie gesagt im Schlachthof, auf dem Schrottplatz, beim Abbruch einer alten Fabrik, etc. – oder unter Studio-Bedingungen bei mir daheim. Viele Dias entstehen aber auch in der Natur und fließen in Bilderserien, die über viele Jahre immer weiter ausgebaut oder optimiert werden – z.B. meine „Symmetrie-Serie“.

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www.music-news.at: Wie reagieren Menschen auf deine Arbeiten?

Jörg Kallinich: In meinen Projektionen spiele ich gerne mit der Ambivalenz von einerseits ästhetischem Bildmaterial und andererseits finsterem, womöglich unangenehmem Bildinhalt – oder umgekehrt. Wenn beides sich widerspricht, erzeugt das interessante Reibungen. Zum Beispiel Blumen so zu fotografieren, dass sie monströs wirken oder im Idealfall Ekel auslösen – und auseinandergesägte Schweine so zu inszenieren, dass die Bilder ästhetisch faszinieren, das finde ich interessant. Man kann dann nicht eindeutig sagen, ob man etwas „Schönes“ oder etwas „Hässliches“ sieht. Genau von solchen widersprüchlichen Möglichkeiten der emotionalen Einordnung lebt viele gute Musik, und mit solcher Ambivalenz will ich auch in meinen Projektionen spielen. Natürlich reagieren Menschen darauf ganz unterschiedlich. Manche sind ziemlich begeistert, manche auch überfordert. Ich glaube, man muss letzteres „riskieren“, wenn man ersteres erreichen will. Kunst, die nicht polarisiert, ist oft lauwarmes Mittelmaß. Mein Anliegen ist es, die Leute mit einem gewissen Maß an Intensität und Energie auf einer emotionalen Ebene zu erreichen. Das ist mein Angebot an das Publikum, und wenn das jemandem zu viel ist, dann habe ich damit kein Problem.

www.music-news.at: Wie wichtig ist dir die Meinung der Öffentlichkeit?

Jörg Kallinich: Im Hinblick auf das CAMP und überhaupt auf die Auseinandersetzung mit Musik und Kunst außerhalb des Mainstreams finde ich es schade, dass sich interessante und innovative künstlerische Arbeit meistens ziemlich im Untergrund oder im Bereich von Insidern bewegt und selten von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Ein großes Publikum ist schon erstrebenswert. Welche Meinung sich der einzelne dann bildet, ist ihm selber überlassen.
Wenn manche Menschen meine Projektion nicht mögen, weil sie ihnen zu hektisch, aggressiv, eklig, zerstörerisch oder plakativ ist, dann ist mir das egal. Wie gesagt: Ich will Menschen auf einer emotionalen Ebene erreichen und nehme dabei gerne in Kauf, dass manche das gar nicht wollen. Das ist dann deren Problem und nicht meines. Aber wenn es nicht einige Menschen gäbe, die meine Arbeit mögen, dann würde ich sicher was ändern. Ich betreibe ja keine Provokation zum Selbstzweck. Allerdings: Bei Kunst geht es nicht darum, den Geschmack möglichst vieler Menschen zu treffen. Ein Künstler muss authentisch sein und die Sache so machen, wie er es selber richtig findet. Wenn hinterher alle sagen: „Das war ganz nett“, wäre das nicht ausreichend, zumal ein Publikum solche Sachen dann übermorgen schon wieder vergessen hat. Wichtig ist mir bei jeder Kunst, dass sie in Erinnerung bleibt und man möglichst noch nach ein paar Jahren daran denkt oder darüber nachdenkt. Das ist ein Qualitätskriterium, das ich selber (als „Konsument“) von Ausstellungen, Konzerten, Theater, Kinofilmen, etc. fordere. Ich hoffe, dass ich so etwas auch mit meinen Projektionen erreichen kann.

www.music-news.at: Was dient dir als Inspirationsquelle?

The Brains - Jörg Kallinich am Diaprojektor mit den Musikern Thomas Maos, Fried Dähn, Hanfreich - (c) Rolf Hespelt

The Brains – Jörg Kallinich am Diaprojektor mit den Musikern Thomas Maos, Fried Dähn, Hanfreich – (c) Rolf Hespelt

Jörg Kallinich: Musik, die mich fasziniert und beeindruckt, ist schon immer meine maßgeblichste Inspirationsquelle. Das kann eine krasse, aggressive Musik mit sehr hoher Intensität sein – aber auch sehr ruhige, meditative Musik empfinde ich als wichtige Inspiration. Musiker, die weder im brachialen, chaotischen und aggressiven noch im klischeehaften oder im Wohlklang ein Tabu sehen, finde ich besonders interessant.
Ein Musiker wie John Zorn mit seinen Collagen aus sehr gegensätzlichem Material ist dafür ein gutes Beispiel, und die Faszination an solcher Vielfalt des musikalischen Ausdrucks hat meine Arbeit sicher mehr beeinflusst als etwa Künstler aus dem Bereich der Fotografie oder Visual Music.
Das gilt natürlich auch für die Live-Situation: Hier lasse ich mich vom Input der Musiker, mit denen ich zusammenarbeite (insbesondere vom Rhythmus, aber auch von den emotionalen Aspekten, der Stimmung der Musik) antreiben, wobei ich dann mein Bildmaterial in Echtzeit, als audiovisuelle Improvisation, mit der Musik zusammenbringen muss und die live agierenden Musiker im Idealfall ebenso auf meine Visuals reagieren sollten wie ich auf die Musik reagiere.
Meine Auswahl des Bildmaterials hängt in der Regel davon ab, welche Assoziationen eine bestimmte Musik in mir erzeugt. Aber in einigen Fällen lief das auch umgekehrt. Insbesondere bei meinem langjährigen Duo-Projekt „Beyond Fire – Konzert für 8 Diaprojektoren und elektrische Gitarre“, für das sich mein Duo-Partner, der Gitarrist Thomas Maos, einige Dia-Themen gewünscht hat, auf die ich selber gar nicht gekommen wäre, und die sich als sehr ergiebig herausgestellt haben. Er hat mich beispielsweise auf den Schrottplatz und in den Schlachthof geschickt, wo einige meiner vielleicht wichtigsten Bildersequenzen entstanden.

www.music-news.at: Was ist das Besondere für dich am CAMP Festival?

Jörg Kallinich: Ein besonders wichtiger Aspekt ist, dass es beim CAMP keine Hierarchie zwischen Musik und Visuals gibt. Dieser Ansatz entspricht ganz und gar meiner Denkweise. Es gibt ja viele Veranstaltungen (Konzerte, Festivals), die sich schwerpunktmäßig einem von beidem widmen, wobei der andere Teil zu einer Begleitfunktion degradiert ist. Normalerweise ist es ja so, dass zu einer bestehenden Musik ein Video produziert (bzw. projiziert) wird oder zu einem Film eine Musik entworfen wird und dann eines von beidem sich unterordnen muss. Beim CAMP ist wirklich beides gleich wichtig, insbesondere dadurch, dass die audiovisuellen Konzepte von allen Beteiligten gemeinsam erarbeitet werden. Weil beide (Musik und Visuals) gleichzeitig entstehen, ergibt sich dann auch die Gleichberechtigung beider ganz von selbst.
Ich habe an mehreren CAMP-Festivals teilgenommen und jedes Mal war es für mich besonders interessant und spannend, dass es dort die Möglichkeit gab, eine Zusammenarbeit mit Künstlern aus ganz verschiedenen Richtungen auszuprobieren. Und zwar nicht nur mit Musikern von völlig unterschiedlicher, teils gegensätzlicher, musikalischer Herkunft, sondern auch mit visuellen Künstlern mit ganz verschiedener Herangehensweise und Bildästhetik. Eine Kooperation mit anderen visuellen Künstlern war natürlich nicht immer ganz einfach. Ich habe – auch beim CAMP – erlebt, dass manche visuelle Künstler sich generell dagegen sträubten, ihre visuelle Arbeit mit der Arbeit anderer visueller Künstler zusammen zu bringen. Für Musiker ist es schon immer ganz normal, miteinander zu spielen und sich gegenseitig zu „ergänzen“, sei es in einer Kollektivimprovisation oder in herkömmlichem Ensemblespiel.
Visuelle Künstler haben dagegen normalerweise keine Erfahrung im improvisatorischen Miteinander mit anderen visuellen Künstlern und meist auch kein großes Interesse daran. Natürlich läuft visuelle Kunst Gefahr, mit anderer visueller Kunst zu kollidieren (formal-ästhetisch und inhaltlich) oder ein beliebiges Nebeneinander zu riskieren.
Beim CAMP gibt es trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb – die Möglichkeit, mit solchen Kombinationen zu experimentieren und sie mit aller Gewalt kollidieren zu lassen oder auch ein harmonisches Miteinander zu erarbeiten. Damit zu experimentieren, ist eine spannende Herausforderung. Was die Möglichkeiten und Mechanismen des improvisatorischen und/oder konzeptionellen Miteinanders angeht, könnten sich visuelle Künstler einiges von den Musikern abschauen.
Neben solchen künstlerischen Experimentiermöglichkeiten ist auch der Spaßfaktor erwähnenswert. Eine Woche mit netten, kreativen und unkonventionellen Künstlern aus allerlei Ländern nicht nur spleenige Konzepte zu erarbeiten, sondern auch gepflegt zu essen und zu trinken, das trägt alles zur guten Laune und wahrscheinlich auch zum Gelingen eines CAMP-Festivals bei.

The Brains - (c) Evi Stubenboard

The Brains – (c) Evi Stubenboard

www.music-news.at: Gibt es Grenzen bei deiner Kunstform?

Jörg Kallinich: Es gibt sehr offensichtliche Grenzen. Manche davon versuche ich zu sprengen. Durch ein hohes Tempo und auch teilweise durch rotierende Biergläser vor ein paar Projektoren kann man mit vermeintlich statischen Dias viel Bewegung erzeugen und das Bild zum fließen bringen. Aber natürlich kann ich mit meiner Herangehensweise nur ein Bildmaterial projizieren, das ich vorher produziert und auch bereitgestellt habe. Was die Reihenfolge angeht, habe ich ein paar Kniffe, die mir in der Improvisation eine gewisse Flexibilität und Reaktionsfähigkeit ermöglichen – insbesondere durch den Einsatz vieler Projektoren -, aber auch da gibt es Grenzen, weil ich keinen echten „random access“ auf mein Bildmaterial habe.
Ein paar Absprachen mit den Musikern können die Sache für mich erleichtern, sind aber nicht immer notwendig. Ferner strebe ich in der Regel eine möglichst perfekte Synchronität zwischen Musik und Visuals an, was bei frei improvisierter Musik oder auch bei komplexen Rhythmen eine ziemliche Herausforderung sein kann.
Und: Mit mindestens sechs bis acht Diaprojektoren, den Steuergeräten und den vielen Dias muss ich stets mehrere Zentner Material anschleppen, was Auftritte in Übersee unbezahlbar machen würde.

The Brains - (c) Norbert Nieser

The Brains – (c) Norbert Nieser

www.music-news.at: Wie politisch darf Kunst sein?

Jörg Kallinich: Es gibt da keine Grenzen, weder nach oben noch nach unten. Kunst darf ganz und gar politisch sein – oder auch ganz und gar unpolitisch. Meine Projektionskunst ist normalerweise ganz und gar unpolitisch. Ich habe zwar durchaus politisch ambitionierte Fotoserien, aber diese benutze ich nur in Ausstellungen, wogegen meine Projektionsperformances als visuelle Musik – quasi zum Selbstzweck – gedacht sind.
Selbst hinter meinen recht plakativen Bildern von geschlachteten Tieren steckt keine politische Aussage. Interessanterweise hat genau das schon zu recht hitzigen kontroversen Debatten – auch unter CAMP-Künstlern – geführt, weil von einzelnen unterstellt wurde, dass man ein solches Bildmaterial ohne eine klare Position nicht benutzen dürfe. Es gab sogar jemanden mit der Ansicht, das habe dann den Status „Kunst“ nicht verdient. Wie bei all meinem projizierten Bildmaterial frage ich mich auch bei diesen Bildern nur: Wie wirken sie mit Musik zusammen? Und letztendlich: Was für Gefühle können sie auslösen?

www.music-news.at: Was planst du derzeit für die Zukunft?

Jörg Kallinich: Ich will auf jeden Fall wieder öfter meine Projektionsperformances mit Live-Musik aufführen. Dabei werde ich an meiner bewährten, rein analogen Technologie festhalten. Insbesondere meine bisher eher randliche Auseinandersetzung mit den klanglichen Aspekten der Diaprojektion – also der Tatsache, dass die Diaprojektoren selber perkussive Sounds und interessante Drones erzeugen, die man mittels Tonabnehmern und Effektgeräten musikalisch nutzen kann, will ich weiter vertiefen. Es gibt ja Menschen, die glauben, dass Diaprojektoren Krach machen, aber das musikalische Potential dieser Instrumente wird gemeinhin unterschätzt.

Fotos (c): Jörg Kallinich, wenn nicht extra genannt

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