Noch drei Kilometer. Doch Jan kommt die Strecke viel länger vor. Wochenlang hat er für den Marathon trainiert und will heute sein Bestes geben. Aber seine Muskeln schmerzen, Schweiß rinnt seinen Rücken hinab. Jan versucht sich selbst anzuspornen, aber seine Kräfte sind erschöpft.

Er möchte aufgeben. Gerade als er im Tempo nachlässt und die Laufstrecke verlassen will, spielt sein MP3-Player
den nächsten Track: „Reason I Came“ von Olympique Jan erinnert sich, wie er zu dem Song trainiert hat. Wie oft er ihn im Fitnessstudio oder bei den täglichen Läufen durch den Wald gehört hat. Er merkt, wie die verloren geglaubte Motivation zurückkehrt. Er sammelt noch einmal all seine Kräfte und läuft wieder los. Diesmal ohne Unterbrechung, ohne Zweifel an dem eigenen Durchhaltevermögen. Jan schafft es schließlich bis ins Ziel, und das mit einer persönlichen Bestzeit. War es tatsächlich die Musik, die Jan zu neuem Mut verholfen hat? Wie lassen sich bestimmte Empfindungen erklären, die wir beim Musikhören durchleben? Kann Musik zum Beispiel bei Liebeskummer aufmuntern? Oder bei persönlichen Krisen wieder neuen Lebensmut schenken?

Fragen wir mal die Experten

Ob Musik Einfluss auf unser Gefühlsleben hat oder sogar glücklich machen kann, ist nicht nur für Musikhörer eine spannende Frage. Auch die Wissenschaft interessiert sich für dieses Thema. Vor allem in den letzten Jahren sind die Forschungsbereiche Psychologie, Medizin und Musikwissenschaft diesen Überlegungen nachgegangen. Und zu verschiedenen Ergebnissen gekommen. Dabei entstand beispielsweise eine Studie, die sich mit dem Belohnungsverhalten beschäftigt hat („Anatomically distinct dopamine release during anticipation and experience of peak emotion to music”). Dabei sollten Teilnehmer ihre Lieblingsmusik hören, während sie in einem Körperscanner (fMRT – funktionelle Magnetresonanztomographie) lagen. Währenddessen wurde der Bereich in ihrem Gehirn untersucht, der für Belohnungsempfinden zuständig ist.

Dieses wird eigentlich nur aktiv, wenn wir diverse Drogen konsumieren (Ectasy, Kokain, et cetera), nach längeren Hungerperioden ein Schnitzel verdrücken dürfen oder sexuell aktiv werden. Die Wissenschaftler wollten also wissen, ob unsere Lieblingsmusik uns genauso glücklich machen kann, wie eine unvergessliche Nacht mit dem oder der Liebsten. Das Ergebnis: Musik schüttet Glückshormone aus. Allerdings nicht in dem Ausmaß, wie es bei den andern genannten Beispielen der Fall ist. Außerdem spielen dabei die eigenen Interessen eine sehr große Rolle. Macht den einen von uns ein Hit von Christina Stürmer unsagbar glücklich, bewirkt er beim anderen überhaupt nichts.
Eine andere Studie („The Effect of Music Therapy On Mood States“) hat sich mit der Verbindung von Stimmung und Musik befasst. Dabei sollten die Teilnehmer entweder Musik hören oder selbst zum Instrument greifen. Auch Singen war möglich. Anschließend sollten die Probanden Fragebogen ausfüllen, mit denen anschließend ihre Stimmung ermittelt werden konnte. Auch bei dieser Untersuchung konnte nachgewiesen werden, dass Musik die Stimmung positiv beeinflusst. Einziger Kritikpunkt an der Studie ist, dass die nachgewiesenen Ergebnisse nicht besonders deutlich waren und eigentlich mehr Forschungen notwendig sind.

Diese beiden Studien sind nur ein Bruchteil der vorhandenen Untersuchungen. Es gibt noch jede Menge mehr Fragen, Teilnehmer und Antworten. Leider kommen mit jeder Untersuchung auch weitere Fragen auf, sodass bis heute kein eindeutiges Ergebnis feststeht. Beinahe alle Studien sprechen der Musik dabei stimmungssteigernde Wirkung zu. Allerdings muss immer beachtet werden, dass Musik subjektiv wahrgenommen wird. Nur wenn wir die Musik selbst toll finden, hat sie einen positiven Effekt auf uns. Wer Klassik hasst, wird von Mozart weder glücklich noch zufrieden werden. Wut und Ärger sind hier viel wahrscheinlicher. Genauso wenig sollte man einem eingefleischten Beethoven-Fan das neuste Album von Rammstein vorspielen, um ihn in Ekstase zu versetzen.

Noch anders nutzbar?

Wie lassen sich die gewonnenen Erkenntnisse nun nutzen? Natürlich profitiert die Werbeindustrie enorm von solchen Studien. In Kaufhäusern erklingt die Musik, die zufrieden stimmt und den Geldbeutel lockert. Auch bei Werbespots sorgt Musik für die passende Stimmung. Verschiedene Studien ermitteln beispielweise den typischen Milchtrinker, der unglaublich gerne Austropop hört. Nun könnte Milchwerbung zum Beispiel mit Musik von Wanda untermalt werden. Der Zuschauer verbindet die Milchmarke dann mit der Musik von Wanda und findet die Milch noch leckerer. Als Folge wird er sie anderen Marken bevorzugen und lieber in den Einkaufswagen legen. Theoretisch geht das mit allen Produkten und jedem Musikgenre.

Neben Musikeinsatz in der Werbung ist auch der Film erwähnenswert. Wenn wir wissen, welche Musik uns wie berührt, kann sie bestimmte Inhalte viel besser untermalen. Musik, die uns zu Tränen rührt, sorgt im Kino zum Zücken der Taschentücher, wenn der Held stirbt. Motivierende Musik findet Anwendung bei epischen Schlachten, in denen der Zuschauer selbst Mut schöpfen soll. Schließlich soll er sich mit dem Protagonisten identifizieren. Das klingt jetzt nach Manipulation, aber wenn du deine Umwelt aufmerksam wahrnimmst, kannst du selbst bestimmen, was wie auf dich wirkt. Lass dir auf keinen Fall von jemandem einreden, dass es einen Supersong gibt, der jeden glücklich macht. Du selbst weißt, welche Musik du gerne hörst. Nur dieser wird auch deine Stimmung positiv beeinflussen und zu guter Laune führen.

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