„Den Boden unter den Füßen verlieren.“, diesen Spruch kennen wir alle. Nur wenige von uns wissen aber wie sich das wirklich anfühlt. Paragleiten zählt mitunter zu den anspruchvollsten Flugsportarten überhaupt. Ein Einblick in die Welt des Gleitschirmfliegens, um mit gängigen Vorurteilen aufzuräumen und die wahre Essenz des Fliegens zu vermitteln.

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© Daniel Roos

Entscheidet man sich dafür die Sportart „Paragleiten“ zu erlernen, so sollte man sich darauf einstellen, dass es kein Zuckerschlecken wird. Nachdem man eine passende Flugschule gefunden hat, um seine Ausbildung zu beginnen, steht man das erste Mal am Übungshang: meist ein kleiner Hügel auf dem man die Grundlagen des Startens und Landens erlernen soll. Bevor es aber losgehen kann, muss man sich mit der bereitgestellten Ausrüstung vertraut machen. Diese beinhaltet ein Gurtzeug, einen Gleitschirm und einen Helm, sowie einen Rettungsschirm. Alle notwendigen Teile müssen sowohl auf Körpergröße als auch auf Eigengewicht abgestimmt sein. Hat dich dein/e FluglehrerIn passend ausgestattet und du dein Gurtzeug richtig eingestellt, besteigst du endlich den Hügel, um dort festzustellen: „Ich habe einen Wirr Warr an Leinen, an denen ein riesiges raschelndes „Kipferl“ hängt und das soll alles sein was mich in die Luft bringt?“ Kaum zu glauben, aber so geht es zu Anfang all deinen KollegInnen. Nachdem der Schulungsgruppe erklärt wurde welche Leinen wofür zuständig sind, wie man das Gurtzeug richtig an sich und folglich am Schirm befestigt, kann der Spaß losgehen. Alles was jetzt noch nötig ist, ist ein wenig Gegenwind, Konzentration und die Motivation zu Laufen. Hat man alles richtig gemacht wird man mit den ersten kleinen „Hopsern“ belohnt. Später mit den ersten kleinen Flügen.

Es ist noch (k)ein Meister vom Himmel gefallen

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© Daniel Roos

Nach tagelangem Auf- und Ablaufen am Übungshang kann man den ersten Höhenflug kaum mehr erwarten. Allein dein Können entscheidet darüber, ob dich dein/e LehrerIn mit auf den Startplatz nimmt, zum ersten Höhenflug. Das bedeutet: Der erste Start, dein erster Flug ganz allein im Schirm. Dein einziger Begleiter: ein Walky-Talky über das du die Start- und Landeanweisung bekommst. Es geht also los: das Herz schlägt dir bis zum Hals, alles ist vorbereitet, der 5-Punkte Check (Schirmkappe ok, Leinen ok, Gurtzeug/Helm/Karabiner geschlossen, Windrichtung ok, Luftraum frei) abgeschlossen, bereit zum Start. Der/Die FluglehrerIn gibt das Signal zum Abheben. Du rennst los, die Kappe kommt gleichmäßig, sie ist über dir, kurz anbremsen, laufen und plötzlich bist du in der Luft. Ein unbeschreibliches Gefühl, ein atemberaubendes Gefühl und ein vorerst auch leicht beängstigendes – da du noch keine Ahnung hast wie das Ganze funktioniert. Da sitzt du jetzt also und gleitest durch die Lüfte, der Wind rauscht dir um die Ohren, bläst dir ins Gesicht, über dir deine Schirmkappe, die mit rund zehn Metern Länge nahezu monströse Ausmaße zu haben scheint – aber sie trägt dich – wie ein Wunder.

Die erste Begegnung mit Thermik

Jeder hat schon von „Thermik“ gehört, die dir das Aufsteigen in der Luft ermöglicht. Bis zur ersten wahren Begegnung mit ihr kannst du gar nicht erahnen welche Kräfte in ihr wirken. Thermik bedeutet, dass warme Luftmassen in der kälteren Umgebungsluft aufsteigen und somit Auftrieb entwickeln. Diese Strömungen macht man sich als ParagleiterIn zu Nutze, indem man in der Thermik „aufdreht“. Glaub mir, das ruckelt ganz schön! Wer bereits Turbulenzen im Flugzeug erlebt hat ist nicht mal nahe an dem Zustand wenn man einen Thermikschlauch kreuzt. Nur keine Panik! Diese Turbulenzen treten nur bei Ein- und Austritt aus dem System auf und mit ein wenig Erfahrung und vor allem Vertrauen in sich selbst und den Schirm, wünscht man sie sich sogar, denn mit ihrer Hilfe kannst du auch größere Strecken, als die bis zum Landeplatz überwinden.

„Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“

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© Daniel Roos

Über die Wolken schaffen wir es natürlich nicht, aber mit ihrer Hilfe als optimale Thermikanzeiger können wir mit dem Gleitschirm auf Reise gehen. Was bedeutet das? Streckenfliegen heißt sich durch Kombination von Thermik & Aufwind, Technik & Wissen vom „Hausberg“ zu entfernen, um eine kilometerlange Distanz in der Luft zurückzulegen. Alle vorhin genannten Faktoren sind jedoch unnütz, verfügt man als PilotIn nicht über das nötige Maß an Respekt, Gefühl und physischer sowie mentaler Stärke. Es verlangt zu Beginn besonderen Mut, da man seine gewohnte Umgebung/ safety zone verlässt. Wetterlage und geographische Gegebenheiten spielen (abgesehen von dem/der Piloten/in) die wichtigsten Rollen. Der längste Streckenflug in Europa wurde übrigens über eine Distanz von 412 Kilometer in rund 8,5 Stunden Flugzeit geflogen. Der Weltrekord eines Afrikaners liegt bei 502,9km bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 50 km/h!

Hike & Fly & Flugreisen

Paragleiten ist zur Überraschung Vieler ein sehr facettenreicher und bis auf Hin- und Rückfahrt vom Berg auch naturverbundener Sport. Möchte man sich die Höhenmeter nicht nur im Schirm erarbeiten, so entscheidet man sich für die Hike & Fly-Variante – ein Trend der in letzter Zeit immer beliebter wird. Man packt seine sieben Sachen und erwandert sich den Weg bis zum Startplatz – die weitere Strecke wird in der Luft zurückgelegt. Mit guter Ausrüstung sind auch MehrTages-Touren möglich. Wer auf Zelt & Schlafsack gänzlich verzichten möchte, wickelt sich des Nächtens einfach in den Schirm. Und nicht nur der Nachthimmel belohnt dich mit unzähligen Sternen, sondern die ersten Sonnenstrahlen wecken dich am Morgen. Romantischer geht’s nicht! Wer auch im Urlaub nicht ohne seinen Schirm sein möchte hat die Option mit ihm auf eigens organisierte Reisen zu gehen. Die Technik hat es mittlerweile möglich gemacht die verschiedenen Teile der Ausrüstung auf recht handliche Größe und geringes Gewicht zu reduzieren, sodass nicht nur Hike & Fly, sondern auch Flugreisen nichts mehr ihm Wege steht. Viele Flugschulen bieten fast ganzjährig Flugreisen in viele Länder Europas, als auch weltweit an.

Paragleiten ist doch sehr gefährlich?!

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Bullshit! Es ist das wahrscheinlich hartnäckigste Gerücht, das diesem Sport nachgesagt wird. Paragleiten ist rein statistisch gesehen weniger gefährlich als 95 Prozent deiner täglichen Tätigkeiten. 99.9 Prozent der Paragleit-Unfälle sind auf Fehlentscheidungen des/r Piloten/ in zurückzuführen. Viele KollegInnen verunglücken beispielsweise im Frühjahr, weil sie den ganzen Winter nicht geflogen sind und die Thermik überschätzen. Einige vergessen ihre Karabiner zu schließen, andere fliegen zu knapp an der Felswand. Die Liste der Unfallursachen ist lange, aber in den seltensten Fällen fremdbedingt oder gar materialbedingt. Allerdings: Ein/e gute/r PilotIn kennt seine/ihre Grenzen
und geht auch mal wieder runter vom Berg sollte sich das „schlechte Gefühl“ melden. Paragleiten ist eine Genusssportart. Körperliche Fitness, ein hohes Maß an Eigenverantwortung und gute Selbsteinschätzung sind die Schlüssel zu dieser wundervollen Sportart, die weder von Alter, Geschlecht noch Jahreszeit abhängig ist. Hat sie dich einmal in die Luft gebracht, begleitet sie dich ein Leben lang!

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