Dass Musikfestivals seit Jahren nicht nur in Österreich boomen ist kein Geheimnis. Es gibt kaum etwas Schöneres als seine Lieblingsbands im strahlenden Sonnenschein zu bewundern…

Ein paar Tage Ausnahmezustand, ein paar Tage Abkehr von den alltäglichen Problemen und von der lähmenden Routine. Doch für die Veranstalter bedeutet ein Rockfestival nicht nur gute Laune, Dosenbier und Campingzelte. Begriffe wie Wachstumsschub, Kapitalerhöhung und Quartalsbericht scheinen das Gegenteil von Sex, Drugs and Rock’n’Roll zu sein und doch sind sie mittlerweile fester Bestandteil in Berichten über Festivals.

Wirtschaftliche Interessen versus Kultur

Für die Durchführung eines Festivals fallen hohe Kosten an, welche zu einem Großteil durch Sponsoring abgedeckt werden. Sponsoring bedeutet eine Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen. Daraus ist abzuleiten, dass die Festivallandschaft einer Kommerzialisierung unterliegt. Es kommt zu einem Wettrüsten der Gagen, dessen Auswirkungen auch die kleineren Festivals zu spüren bekommen. Noch floriert die Szene, doch es ist gut möglich, dass schon im nächsten Jahr die Blase platzt. Welch beinhartes Geschäft mittlerweile auf dem Festivalsektor betrieben wird, zeigt sich heuer unter anderem auch in Österreich.

Neben dem Irrsinn, der sich im Hardrock- und Metal-Bereich abspielt, regt sich zusätzlich noch einiges am österreichischen Festivalmarkt.

Zu den beiden großen österreichischen Rockfestivals, dem „Nova Rock“ und dem „FM4 Frequency Festival“, gesellt sich heuer das „Rock in Vienna“, hinter dem die Deutsche Entertainment AG (DEAG) steht. Das Line-Up ähnelt auffallend stark der „Nova-Rock“Ausrichtung der letzten Jahre (ua. Metallica, Kiss und Limp Bizkit). Zeitlich findet das „Rock in Vienna“ eine Woche vor dem „Nova Rock“ statt, das darüber hinaus nur 70 Kilometer von Wien entfernt abgehalten wird. Kein Wunder also, dass der bisherige Monopolhalter der österreichischen Festivallandschaft, Skalar Music, nicht gut auf das „Rock in Vienna“ zu sprechen ist. Ewald Tatar, der ausführende Veranstalter des „Nova Rock“, schlug eine mögliche Kooperation mit dem neuen Wiener Festival aus und warnte, dass der Markt zwei so große Festivals innerhalb einer so geringen Zeitspanne nicht verkraften können wird.

Rock in Vienna – innerstädtisches Wohlfühlfestival?

Die DEAG sieht das naturgemäß anders und betrachtet ihr Event als eine Ergänzung für den österreichischen Festivalmarkt. Dabei hat das „Rock in Vienna“ aber das erklärte Ziel, neue Maßstäbe in Österreich setzen zu wollen. Diese sind zumindest nicht aus dem Line-Up ersichtlich. Man hat so gut wie jede Band bereits auf einem der großen österreichischen Rockfestivals gesehen. Ein „innerstädtisches Wohlfühlfestival“ soll es werden. Soll übersetzt heißen: gepflegte Toiletten, kurze Wege und Flair mitten in der Stadt. Allerdings sehen darin viele den ursprünglichen Geist von Rockfestivals angegriffen. Dass das „Rock in Vienna“ tatsächlich ein anderes Flair als gewohnt aufweisen wird kann jetzt schon gesagt werden, werden doch 50.000 Besucher erwartet, aber nur für etwa 5.000 Personen Campingplätze zur Verfügung stehen. Ein Hotel mag zwar seine Vorzüge haben, doch verursacht es zu den ohnehin schon sehr üppigen Preisen zusätzliche Kosten. Der einfache Festivalpass exklusive Camping wird mit nicht gerade schlappen 199,90 Euro angeschlagen. Wer campen will darf zusätzlich 30 Euro locker machen.

Neben dem Irrsinn, der sich im Hardrock- und Metal-Bereich abspielt, regt sich zusätzlich noch einiges am österreichischen Festivalmarkt. Das sonst eher für gitarrenlastigen IndieRock geschätzte „Frequency“ tendiert in den letzten Jahren in eine andere Richtung. Statt den härteren Klängen des „Nova Rock“ und des „Rock in Vienna“ wie gewohnt mit Indie zu begegnen, setzt das „Frequency“ heuer auf ein Programm, das mit dem Schwerpunkt Allgemeines gut beschrieben scheint. Das in St. Pölten stattfindende Event wandelt sich langsam von einer ehemaligen Hochburg für Indie-Rock und –Pop hin zu einer Veranstaltung für den Mainstream. Die DJ-Kultur und die Electro-Sounds übernehmen die Überhand. Wie sonst erklärt man sich Acts wie Martin Garrix, Major Lazer und Fritz Kalkbrenner auf den Hauptbühnen, wenn es doch einen eigens für elektronische Musik eingerichteten Nightpark gibt?

Österreichische Bands im Abseits

Auffallend ist auch, dass es auf den drei großen Festivals nur wenig musikalische Beteiligung aus Österreich gibt. Die derzeit in Deutschland groß abgefeierten Bands aus unserer schönen Heimat trifft man hier eher auf den kleineren Festivalbühnen des Landes. Beispielsweise auf dem neu positionierten „Nuke Festival“, welches heuer von Arcadia Live, einem 2015 gegründetem österreichischdeutschen Joint Venture, veranstaltet wird. Das ehemals von Skalar organisierte Festival soll einen stärkeren Fokus auf heimische Musik legen. So teilen sich die deutschen Erfolgsgaranten Seeed und Cro nicht nur die Bühne mit der Parov Stelar Band und Olympique, sondern auch mit Bilderbuch und Wanda. Obwohl die beiden Bands in Deutschland gerade mächtig durch die Decke gehen, werden sie vom österreichischen MainstreamRadio noch immer eher stiefmütterlich behandelt. Und auch die großen Festivals Österreichs zollen ihnen nicht den angemessenen Respekt, findet Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst. Bandintern bezeichnen sie Skalar sogar als „Mafia“, wie er in einem Interview mit dem Falter kundtat. Der Frust der österreichischen Bands nährt sich unter anderem von den Festivals, behauptet er weiter. Und tatsächlich, wenn man die Hauptbühnen des „Nova Rock“ und des „Frequencys“ der letzten Jahre betrachtet, durften sich nicht viele österreichische Musiker darauf beweisen. „Nova Rock“-Veranstalter Tatar weist die Aussagen Ernsts zurück und bekundet durchaus Interesse an der Band. Er stellt ihnen eine gute Gage und einen angemessenen Slot in Aussicht, fordert dafür allerdings einen exklusiven Auftritt der Band auf einem der beiden von Skalar veranstalteten Großfestivals. Auch beim neuen „Rock in Vienna“ wird nicht auf die gerade angesagten österreichischen Künstler eingegangen. Es besteht zwar wie bei vielen großen Festivals die Möglichkeit, sich einen Slot zu erspielen, doch handelt es sich hier auch um kleinere Bands und um Uhrzeiten, die Zuhörer nicht gerade anlocken.

Gefährdung der Vielfalt der Kultur

Wie sich zeigt, ist der Neoliberalismus längst in der Musikindustrie angekommen. Die wirtschaftlichen Kämpfe der großen Festivals wirken sich auf die gesamte Branche aus. Die Megaveranstaltungen überbieten sich gegenseitig mit Gagen für die ohnehin schon wenigen Headliner.
Das wäre für kleinere Festivals auch noch nicht weiter tragisch, allerdings versuchen die großen Rockfestivals sich auch auf den Ebenen darunter zu übertrumpfen. Für die Veranstalter der mittleren Open-Air-Events wird es dadurch immer schwieriger Zusagen von Bands zu bekommen, da diese sich erhoffen, sich an den Budgets der Großfestivals laben zu können. Ein weiteres Problem, das für Bands und kleinere Festivals hinzukommt, ist der Gebietsschutz. Soll heißen, dass die Bands mit den Verträgen der großen Festivals eine Verpflichtung unterschreiben, auf keinem anderen Festival in der weiteren Region auftreten zu dürfen. Das Heikle für die kleineren Bands dabei ist, dass sie auf die Menge der Auftritte angewiesen sind. Die angesagten Bands beehren die großen Festivals und fallen somit um die kleinen um. Newcomer-Bands, die nicht auf den gigantischen Bühnen spielen, locken zu wenig Zuseher auf die kleinen Festivals.

Die Vielfalt der Kultur ist dadurch zunehmend gefährdet. Dass der Festivalboom in dieser Konzentration nicht weiter gehen wird, ist durchaus anzunehmen. Die Konkurrenzsituation, die durch die großen Konzerne heraufbeschworen wird, werden mit Sicherheit nicht alle Veranstalter durchhalten. So förderlich Konkurrenz auch sein mag, in einem kleinen Land wie Österreich ist der Markt schnell gesättigt. Sowohl das „Nova Rock“ wie auch das „Rock In Vienna“ sprechen die gleiche Zielgruppe und streben rund 50.000 Besucher täglich an – eine Anzahl an Menschen, die bisher allein am Nova Rock zu finden war. Österreichische Bands werden dabei nicht spezifisch gefördert. Es geht ganz klar um Wirtschaftsinteressen, nicht um die Kultur und die Musik.

paradox_01_mn

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.