Wenn Medien, Rap reduzieren und ausblenden dass dieses Genre durchaus mehr sein kann, als nur „Muskelspiele“, dann darf man auch mal zurückschießen, oder?

Der Schwamm rasiert, Non-Musik-Medien echauffieren sich, und Berlin schafft es, dass sich Zehntausende zu Rapklängen, für eine pluralistische Gesellschaft in Deutschland positionieren. Ereignisreich war die Woche definitiv, vor allem aber bunt gemischt. Aber fangen wir von vorne an – bei dem rappenden Schwammkopf.

Kunstfigur vs. Kunstfiguren

Der Erfolg des Debüts „Planktonweed“ von Spongebozz hat zu einigen Debatten geführt. Interne Querelen, Beefs und Ähnliches waren zu erwarten, aber dass sich Medien wie Welt und Co. kontrovers zu Wort melden, damit war nun nicht unbedingt zu rechnen (zu dieser Verquickung auch später mehr). Wichtiger und auch ein wenig peinlich ist die Tatsache, dass diese Beiträge, trotz Ihres Schmähruf-Charakters einen wunden Punkt treffen: Wieso zieht sich jetzt nämlich, die Hälfte aller Aktivisten im Deutschrap, an dieser Kunstfigur hoch? Wo zum Teufel liegt der Unterschied, zwischen einem muskelstrotzenden Kollegah und diesem Comicfigur-Imitat? Zwischen Rappern, die schon immer als derartige Kunstprodukte agieren, synthetisch, wie in Massen produziertes Plastikspielzeug und diesem Schwammkopf? Reden wir über Skills? Ja? Sollte das der Fall sein, dürften die Kritiker schnell verstummen. Technisch ist das, was Spongebozz macht, guter Rap, und Argumente à la „Wo ist der Inhalt“ verpuffen schnell, wenn man sich die Konkurrenz, in Form der restlichen Streetrapper anschaut. Gleiches Recht für alle oder wie war das?

Diese Art der Überreaktion hat sich schon bei dem Thema Battle Boi Basti gezeigt. Oder in Bezug auf Money Boy. Ok, ich persönlich halte den Typen auch für eine musikalische Katastrophe, die es geschafft hat, die Ironie so ins Abstruse zu ziehen, dass es einigen cool erscheint, diese Absurditäten zu feiern, aber irgendwann reicht es dann auch mit der Empörung. Erst recht, was den Schwammkopf und Basti betrifft, denn beide zeichnen sich immerhin durch Talent aus, während bei Money Boy nur die Show bleibt. So oder so, dieser bierernsten Rapszene schadet solcher Humor gewiss nicht, wenn ihr schon das ständige Gestreite von erwachsenen Männern auf Kindergartenniveau nicht schadet. Einfach mal den Stock aus dem Rektum ziehen und nicht alles als Angriff auf die wertvolle Spitterseele deuten. Dann wirkt man auch nicht mehr, wie einer der eigentlich verhassten, Rucksack tragenden, Bewahrer des Rapkelches.

Inszeniertes Spektakel

Falk Schacht hat zu dem unsäglichen Artikel auf Spiegel Online , im Laufe der Woche, ja bereits ein Statement abgegeben. Ich fühle mich dennoch genötigt, meinem Frust über diesen Blödsinn ein wenig Luft zu machen. Auch weil diese Woche noch einen weiteren Artikel bereithielt, der vermuten lässt, dass die großen Blätter es nicht schaffen, Leute an solche Themen zu setzen, die nicht gleich in einen Senf-Topf voller Klischees springen.

„Warren G lümmelte für „Regulate … G Funk Era“ lässig an einer Straßenlaterne in Long Beach, und der angeblich bei den Frauen so beliebte LL Cool J vor seiner alten Highschool im New Yorker Stadtteil Queens.“

Wie kann ich allen Ernstes verwundert sein, dass Hip-Hop und Rap auch Image bedeutet? Wie kann ich außerdem nicht merken, dass Übertreibung schon immer Mittel zum Zweck war? Da werden dann, in fürstlicher Arroganz, Künstler wie Big L oder Warren G zu Schaustellern degradiert und bei LL Cool J hinterfragt, ob er denn wirklich so beliebt bei den Frauen war. Leute, ihr verkündet hier nicht die heiligen Schriften! Und überhaupt – hat der Mensch, der diesen Text zu verantworten hat, zumindest mal Google bemüht, um zu erfahren wie Big L starb? Kein Mensch hat jemals gedacht, dass Ice Cube wirklich „Staatsfeind Nr. 1“ ist, oder wollt ihr uns demnächst noch „enthüllen“ das sich in den Päckchen, in diesem einen Video da, gar kein echtes Kokain befand? Diese abwertende, klischeehafte, Art und Weise, über diese Künstler zu schreiben, zeugt von einer Ablehnung gegenüber der Musik, die fast schon erschreckend ist. Aus den bequemen Wohlstandssesseln heraus lässt es sich eben immer noch am besten anklagen. Trotz aller Übertreibung sollte dem Verfasser doch eigentlich bewusst sein, dass viele dieser Leute in einem Umfeld aufgewachsen sind, welches uns alle einfach gefressen und wieder herausgewürgt hätte. In wirklicher Armut und umgeben von Drogen aufzuwachsen, ist wahrlich authentisch genug, auch wenn die Vorstellung, neben einem Crackhaus leben zu müssen, für den Normalbürger, schwer zu fassen ist. Sollte man nicht zumindest so viel Recherche betreiben, um Hauptbestandteile des Genres, nämlich die vorgenannte Übertreibung und Präsentation eines Images, als das zu erkennen und auch zu deuten, was sie sind, nämlich Mittel zum Zweck?

Bei allem Kopfschütteln über den Beitrag auf SPON, darf man den Artikel, über den schon angesprochenen Rapper Spongebozz, nicht vergessen. Wesentlich fundierter und besser recherchiert als der Spiegelartikel, fragt man sich nach dem Lesen trotzdem, wie der Verfasser die Schlussfolgerung zieht, „Deutscher Rap wäre (zu) groß geworden und kaputt gegangen.“ Auch wenn Chartplatzierungen nicht mehr eine ähnliche Aussagekraft, verglichen mit der CD-Ära und der Zeit davor haben, dominiert Rap massiv den deutschen Musikmarkt. Und er ist mitnichten reduziert auf Gangsterrap, sowie die im Welt-Artikel, als einzige Ausnahmen, genannten „CasperCroMateria“. Allein schon die Tatsache, dass dem Autor keine anderen Namen in den Sinn kommen, lässt stutzen.

Das neben den chartenden Künstlern, aktueller Deutschrap eine gesunde Basis, aus sich selbst vermarktenden Artists und kleineren Labels hat, sich ebenso um die Musik an sich, ein vielfältiges mediales Beiwerk gebildet hat, all das sind Dinge, die für mich die Vermutung eines „inneren Absterbens“ widerlegen. Gerade die Vielfältigkeit ist es, die Deutschrap in den letzten Jahren ausmacht und Ihn auch faszinierend gestaltet. Ich kann als Hörer wählen, habe in jeder Schublade mindestens eine Überraschung liegen die mir zusagen wird, ich habe die Wahl.

Jetzt mal ehrlich, selbst Oldskoolfanatiker haben mit den Witten Untouchables und der starken Aktivität von altgedienten Recken wie Abroo wieder viel zu feiern. Wer momentan keinen Rap findet der Ihm gefällt, der hat entweder nicht richtig gesucht oder er hört die falsche Musik, just sayin´.

Rapheads sind unpolitisch?

Schön wie es die Berliner geschafft haben, mit Beats against Racism am 18. April, ein starkes Zeichen zu setzen. Das „Bündnis für bedingungsloses Bleiberecht“ hatte zu einem Konzert, umrahmt von Redebeiträgen, geladen und siehe da – es kamen 10.000 Großteils junge Menschen, um all dem Hass, der dieser Tage durch Deutschland weht, eine erhobene Faust entgegen zu strecken. Ein Zeichen für Menschlichkeit und Verständnis, für Offenheit und Toleranz. Moderiert wurde das Ganze von Markus Staiger und musikalisch untermalt durch u.a. Peter Fox und Zugezogen Maskulin. Die Aktion war ein voller Erfolg, wurde aber überschattet durch die Katastrophe, die sich, zu etwa gleicher Zeit, im Mittelmeer abspielte. Erneut Hunderte Todesopfer, viel (geheucheltes) Mitleid in der Politik, aber an den Ursachen zu forschen überfordert den Europäische Regierungssapparat noch immer. Im Nachhinein könnte man nun sarkastisch sagen: „Seht Ihr, wohin eure Abschottung führt?“, aber das ist unangebracht. Lieber sollte man den Toten gedenken, Konsequenzen ziehen und verhindern, dass ein ganzes Meer zu einem Massengrab wird.

Menschen wie der ehemalige Royal Bunker Chef, und politisch schon immer engagierte Journalist und Autor Markus Staiger, stellen unter den Aktivisten der Rapszene sowieso eine gewisse Ausnahme dar. Man hatte in den letzten 12 Monaten ja oft den Eindruck, dass es grundsätzlich nach hinten losgeht, wenn Rapper politisch werden. Ob das die Verschwörungsvorwürfe nach dem Charlie Hebdo Attentat waren, oder die Aussagen zum leider wieder stark aufflammenden Nah-Ost-Konflikt. Häufig sind die Positionen, die vertreten werden, zumindest schräg, manchmal zeugen Sie von akuter Planlosigkeit. Und noch viel öfter bewegen Sie sich auf dem Niveau der Trutherfraktion, die sowieso 2014 und 2015, zumindest in den digitalen Weiten, so präsent und dominant war, dass man vermuten musste, die Aluhutindustrie suche neue Absatzmärkte für Ihre Produkte.

Die Zeiten haben sich eben geändert. War in den 90ern ein „Brothers Keepers Projekt“ wichtig und gut, so wäre heute ein Reduzieren der Thematik, nur auf das Thema „Gewalt von Rechts“, fatal und gefährlich. Der Rassismus aus der Mitte, hat längst ein anderes Gesicht, andere Erscheinungsformen, hat sich vermischt mit Reichsbürgerideologie, Esoterikwahn, Misstrauen gegen alles und jeden. Und er zeigt sich, in Form der erneuten Forderung nach einer Verschärfung des Asylrechts. Das muss man sich dann auch auf der Zunge zergehen lassen – erst fordert man in ganz Europa „Verständnis“ für Pegida und Co, dann wird nicht oder mangelhaft interveniert, wenn eine neu aufkeimende Welle der Gewalt durch viele Länder geht und jetzt wird an bestehendem Recht gesägt? Lichtenhagen anyone? Wer sich noch entsinnen kann, wie in den 90ern in Deutschland, trotz Pogromen und abgebrannten Asylbewerberunterkünften, von der Politik beschwichtigt wurde, man auf die Gewalttäter zuging und Ihren Forderungen nachgab, statt sie mit allen Mitteln eines demokratischen Staates in Ihre Schranken zu weisen, dem kommt das Ganze sehr bekannt vor. Man kann nur hoffen, das sich die Menschlichkeit durchsetzt und in Zukunft Begriffe, wie „Gutmensch“ und „linksgrünversifft“, als Schimpfwort für Menschen mit Empathie und Mitgefühl, aus dem Sprachgebrauch verschwinden.

Aber ich schweife ab! Wichtig wäre es, bezogen auf die Rapszene, wenn sich die politischen Aussagen nicht nur auf Stammtischansprachen beschränken würden, wenn sich Rapper ruhig ein bisschen mehr trauen. Und damit meine ich nicht fünf Illuminaten-Lines auf irgendwelchen Tracks oder dem üblichen „Wir gegen die da oben“-Gesülze. Oder wollt ihr wirklich das Ebenbild von Freiwild und Co. sein? Wie es anders geht, haben auch schon Marsimoto und Maeckes mit Ihrem Engagement in Afrika gezeigt. Derartige Aktionen wären gut und wünschenswert!

Foto: Bündnis für bedingungsloses Bleiberecht

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.