Die literarische Qualität von Songtexten kann mitunter grausam sein, fallweise haben die gesungenen Worte aber auch einen besonderen Feinschliff. Und bei manchen Künstlern kommt zum musikalischen Talent tatsächlich auch ein literarisches.

“Ist das elegant du glaubst du stehst daneben / Flasche in der Hand – das ist dein ganzes Leben / Immer schaust du aus als wärst du schon erledigt / ein Vorhang weht allein und traurig in Venedig”

Die einen verspüren bei diesen Zeilen akutes Ohrensausen inklusive leichter Übelkeit, die anderen glauben den Sinn und Unsinn des Lebens damit endlich akkurat in Worte gefasst. Ist der Mann hinter diesen Zeilen – ja, ihr wisst es sicher längst, es handelt sich dabei um Marco Michael Wanda – ein Sprachkünstler oder ein penetranter Stümper? Die Antwort darauf liegt zweifellos im Ohr des Zuhörers. Eines steht jedoch fest: Der Verfasser dieser Verse studierte am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst in Wien. Ob man die Songtexte von Wanda nun für verbalen Brechdurchfall oder große Worte zum Wesen des Lebens und der Liebe hält – kalt lassen sie jedenfalls kaum jemanden und am liebsten verfolgen sie einen an jeden noch so undenkbaren Ort. Dass Marco Michael seine Brötchen, die er mittlerweile ganz schön dekadent belegen kann, als Musiker und nicht als Literat verdient, scheint er bestens verschmerzt zu haben. Als Betätigungsfeld bleiben ihm ja immer noch die Wanda’schen Songtexte und deren Machart hat wohl einen nicht unwesentlichen Beitrag zum derzeitigen Erfolg der Band geleistet.

333 Kolumnen

Einige seiner Kollegen halten es aber dann doch lieber dezidiert mit beiden Standbeinen. So ist etwa Ernst Molden als Musiker und als Autor umtriebig. Neben seinen zahlreichen Alben, zuletzt etwa “Unser Österreich” gemeinsam mit dem Nino aus Wien, schuf der Wiener Theaterstücke, Romane, Essays und noch einiges mehr. Vielen mag er auch aus der Wochenendbeilage der Tageszeitung Kurier bekannt sein, für die er bis letztes Jahr insgesamt 333 Kolumnen unter dem Titel “Wien Mitte” verfasste. Darin reflektierte er auch gerne mal seine musikalische Tätigkeit. Musizieren und Schreiben verflechten sich hier also auf engste Weise und genügend LeserInnen und HörerInnen waren wohl von beidem gleichsam angetan. Eine weitere Zusammenarbeit von Ernst Molden führt uns zum nächsten Kollegen, der ebenfalls Literarisches und Musikalisches auf den Markt wirft. Dabei handelt es sich um Werner Krispel, zusammen mit Molden bildete er The Red River Two, die 2013 ein Album veröffentlichten. Ein Jahr zuvor erschien Krispels erster Roman “Der Sommer als Joe Strummer kam”. Wie der Titel schon verrät, geht es auch darin durchaus um Musik, genauer gesagt spielt die stark autobiographisch gefärbte Geschichte in der Punk- und Hardcoreszene der 70er und 80er Jahre in Linz. Aus der Punk-Ecke kam auch Krispels erste Band Die Feuerlöscher, aktuell schreibt er im Augustin über Musik.
Einiges Aufsehen und stimmige Verkaufszahlen erreichte im Jahr 2015 ein deutscher Musiker mit seinem Romandebüt: “Sophia, der Tod und ich” von Thees Uhlmann widmet sich den ganz großen Fragen des Lebens. Darin steht der Tod persönlich vor der Türe und will den Erzähler mitnehmen. Damit schaffte es Uhlmann auf die Spiegel-Bestsellerliste und kann neben musikalischen Erfolgen mit seiner früheren Band Tomte und seinem Soloprojekt auch einen literarischen Erfolg einfahren. Der Autor von Songs wie “Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf” veröffentlichte allerdings bereits 2000 mit “Wir könnten Freunde werden. Die Tocotronic Tourtagebücher” ein Buch und schrieb für die Magazine Intro, Spex, Visions und Musikexpress.

Cave, Cohen und Kinderbücher

Auch international finden sich interessante Geschichten um Romane von berühmten Musikern. So veröffentlichte der kanadische Singer/Songwriter Leonard Cohen vor seiner Weltkarriere als Musiker mit “The Favorite Game” und “Beautiful Losers” in den 60ern zwei Romane, die wenig Beachtung fanden, schließlich aber durch seine Bekanntheit als Musiker doch noch in den Fokus der Öffentlichkeit gerieten und heute zu Klassikern der kanadischen Literatur zählen. Ein weiterer Musiker von Weltrang, der auch mit Erfolg in die Tastatur haut, ist Nick Cave. Seine Romane “Und die Eselin sah den Engel” sowie “Der Tod des Bunny Munro” sind, wie die Titel schon vermuten lassen, ebenso von Düsternis und Morbidität geprägt, wie seine Musik. An ein gänzlich anderes Zielpublikum wendet sich da schon Colin Meloy, der Sänger von The Decemberists. Er veröffentlichte mit “Wildwood” ein Kinderbuch, in dem er von magischen Abenteuern in der Wildnis erzählt. Und wenn hier schon ausführlich von Schriftstellern und Musikern in Personalunion die Rede ist, darf einer keineswegs fehlen, obwohl er nie einen Roman veröffentlicht hat: Bob Dylan, der aufgrund der Qualität seiner Texte jahrelang als Anwärter auf den Literaturnobelpreis galt. Bekommen hat er ihn nie, dennoch ist der Übergang von Musik zu Literatur hier wohl ein fließender.

[Bob Dylan erhielt 2016, nach Erscheinen dieses Artikels, den Nobelpreis für Literatur.]

paradox_003_werbung_mm

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.