Rammstein legten eine Erfolgsgeschichte hin, die ihresgleichen sucht. In der letzten Zeit wurde es aber ziemlich still um die Band – was machen sie jetzt?

Es gibt kaum jemanden, der sie nicht kennt: Rammstein. Sie gelten als absolute Vorreiter der Neuen Deutschen Härte und ihre Erfolgsgeschichte ist eine, die ihresgleichen sucht. In den letzten Jahren wurde es allerdings ziemlich still um die Berliner, doch jetzt scheint sich allmählich wieder etwas zu regen.

Die Anfänge

Das Märchen des Berliner Sextetts, das mit ihren kontroversen Texten und einem Sound, den die Band selbst als „Tanzmetal“ bezeichnet, die Welt in ihren Bann zog, begann im Jahre 1994. Die Vorgeschichte der Band reicht aber nochmals einige Jahre zurück, genauer gesagt in die Zeit der Deutschen Wiedervereinigung. Richard Kruspe, späterer Leadgitarrist der Band, floh aus seiner Heimatstadt Schwerin in die Bundesrepublik Deutschland und gründete seine erste Band. Nach dem Mauerfall 1989 zog er zurück nach Schwerin. In dieser Zeit lernte er Sänger Till Lindemann kennen, der in einer Punkband Schlagzeug spielte. Zusammen mit Richard Kruspes Mitbewohnern Oliver Riedel und Christoph Schneider, der zu dieser Zeit als Schlagzeuger bei Die Firma tätig war, starteten sie das Projekt „Rammstein Flugschau“.
Im Februar 1994 nahmen sie erste Demoaufnahmen für den Berliner Senatswettbewerb für junge Bands auf, bei dem sie eine einwöchige Aufnahmesitzung in einem Tonstudio gewannen. Wenig später stieß Paul Landers als zweiter Gitarrist dazu, der auch bereits bei den Tonstudio-Aufnahmen im Februar mitgewirkt hatte und schon länger mit Schlagzeuger Christoph in Kontakt stand. Wunschkandidat am Keyboard war Flake Lorenz, der zunächst jedoch Abneigung gegen die Band hegte, sich letztendlich aber doch zu einer Zusammenarbeit bereit erklärte.
Ihren ersten Auftritt hatten Rammstein im April 1994 in der Leipziger Kultureinrichtung NaTo vor etwa 15 Besuchern. 1994 begann auch die Zusammenarbeit mit ihrem Manager Emanuel Fialik und seinem Unternehmen Pilgrim Management, welches die Band Ende des Jahres bei Motor Music vorstellte, die Rammstein Anfang 1995 unter Vertrag nahm.

Der Stein gerät ins Rrrollen

Rammstein-Herzeleid

Das Cover von Rammsteins Debüt-Album „Herzeleid“

Noch im selben Jahr erschien Rammsteins Debüt-Album „Herzeleid“, welches es in die Top 100 der deutschen Albumcharts schaffte. Für die Produktion konnte man den Clawfinger-Produzenten Jacob Hellner gewinnen, und mit ihm entstand schließlich der Sound, mit dem die Gruppe zuerst in Deutschland und schließlich auch weltweit identifiziert werden sollte: Metalgitarren wurden mit stampfenden und tanzbaren Industrial-Rhythmen kombiniert, während Till Lindemann mit grabestiefer Stimme und – ganz wichtig – rrrrollendem R deutsche Texte über Perversionen wie Inzest, Nekrophilie oder Mordgelüste von sich gibt. Abgerundet wurde das provokative Image durch das Cover-Artwork der Platte, das die Bandmitglieder in grimmiger Pose mit nackten Oberkörpern vor einer blühenden Blume in Großaufnahme zeigt. Es folgten Touren mit unter anderem der Hamburger Band Project Pitchfork durch Deutschland und Konzerte als Vorband von Clawfinger in Prag und Warschau. Danach gab es bereits ihre erste, 17 Konzerte umfassende Headlinertour durch Deutschland.

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Rammstein 1995/1996

Im August 1997 erschien ihr zweites Album „Sehnsucht“, das in den deutschen, österreichischen und schweizerischen Albumcharts in die Top Ten einstieg. Mit diesem Album gelang Rammstein der nationale und internationale Druchbruch. Alle seitdem veröffentlichten Alben erreichten in Deutschland und Österreich jedes Mal die Spitzenposition der Charts. Die Tour zum Album führte Rammstein durch ganz Europa. Rammstein wagten schließlich den Schritt über den großen Teich, und das Unwahrscheinliche geschah: Unterstützt durch die aufgepimpte Liveshow mit viel Pyrotechnik erreichte „Sehnsucht“ in den US-Charts nicht nur fast die Top 50, das Album wurde auch mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet, was seit Falcos „Rock Me Amadeus“ keinem deutschsprachigen Act mehr gelungen war. Rammstein spielten Clubkonzerte im Rahmen des „CMJ-Festivals“ in New York City und fungierten als Support der Industrial-Rock Band KMFDM. Die internationale Aufmerksamkeit stieg weiter, als außerdem im selben Jahr ihre Songs „Rammstein“ und „Heirate mich“ im Soundtrack des Films Lost Highway von David Lynch Verwendung fanden. Im darauffolgenden Jahr verschlug es Rammstein abermals in die USA, diesmal waren sie jedoch bereits Headliner der Tour.

Rechtsrock-Vorwürfe und die Neue Deutsche Härte

Mit der Aufmerksamkeit der Medien wurden natürlich auch die Vorwürfe der rechten Orientierung immer lauter. Verstärkt wurden diese Vorwürfe noch durch das Cover des Depeche Mode-Hits „Stripped“, das 1998 veröffentlicht wurde und dessen Videoclip mit Material von NS-Hofregisseurin Leni Riefenstahls Film über die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin unterlegt worden war. In diversen Interviews zur Rede gestellt, distanzierte sich die Band zwar von jeglichem rechtsextremen Gedankengut und bezeichnete sich selbst als unpolitisch, konnte damit jedoch ihren Ruf noch nicht überzeugend reinwaschen.

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Rammstein: die Vorreiter der Neuen Deutschen Härte

Mit dem Durchbruch von Rammstein wurden auch einer neuen Form von harter deutschsprachiger Musik Tür und Tor geöffnet: der sogenannten Neuen Deutschen Härte. Nachdem bereits in den Jahren zuvor Bands wie unter anderem Oomph! diese Musikrichtung praktizierten, schossen nun weitere Bands des Genres, unter ihnen auch Megaherz, wie Pilze aus dem Boden. Die Neue Deutsche Härte pendelte noch eine Weile zwischen Rechtsrock-Assoziationen und Chartambitionen, bis sie Anfang der 2000er-Jahre schließlich immer weiter an Bedeutung verlor. Viele Bands verschwanden wieder in der Versenkung, nicht so jedoch Rammstein, denn ihre Erfolgsserie ging munter weiter. 2001 erschien ihr drittes Album „Mutter“, das mit „Sonne“ einen weiteren provokanten Nummer-Eins-Hit vorweisen konnte, der ob des mitgelieferten Musikvideos wieder für reichlich Gesprächsstoff sorgte. Auch die Rechtsrock-Debatte wollte einfach nicht aufhören, doch mit ihrem Song „Links 2-3-4“ lieferten Rammstein schließlich ein eindeutiges Statement gegen jegliche Form des Rechtsradikalismus. Zudem erschien in der Zeitschrift „Stern“ noch ein offener Brief von Till Lindemann zu ebendiesem Thema.

Etablierte Provokateure

Nach diesem Statement hörten die Rechtsrock-Vorwürfe zwar auf und die leidenschaftlich geführte Debatte, ob Rammstein nun rechts oder links seien, wurde als beendet erklärt, in Sachen Provokation änderte sich jedoch weiterhin nichts. Besonders die Songs „Mein Teil“ – das den Fall des „Kannibalen von Rotenburg“, der den Penis seines Opfers verspeiste, aufgriff – und „Mann gegen Mann“, in dem es um homosexuellen Sex geht, sorgten für neuerliche Provokationen und stießen sauer auf. Trotz, oder gerade aufgrund ebendieser Provokationen stieg der Erfolg der Band immer weiter an. 2006 erschien ihr zweites Live-Album, „Völkerball“, das den Stand von Rammstein als international erfolgreichste deutschsprachige Band noch zusätzlich unterstrich.

2007 gönnte sich die Band eine kurze Kreativpause. Im darauffolgenden Jahr wurde dann mit den Aufnahmen zu ihrem sechsten und nach wie vor aktuellsten Werk „Liebe ist für alle da“ begonnen. Nach einigen Jahren, in denen man sich mehr oder weniger an die Provokationen von Rammstein gewöhnt hatte, sorgten sie mit den Songs „Ich Tu Dir Weh“ und „Pussy“ abermals für Furore. Daraufhin wurde das Album von der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sogar kurzzeitig auf den Index gesetzt, was dem Erfolg des Albums aber wohl eher genützt als geschadet haben dürfte. Seit Juni 2010 ist „Liebe ist für alle da“ aber auch in Deutschland wieder unzensiert erhältlich.
Fast sechs Jahre sind nun also schon seit dem letzten Album ins Land gezogen. Viele erhofften sich zumindest eine Tour zum 25-jährigen Jubiläum, doch auch die blieb aus. Rammstein dürften es also augenscheinlich überhaupt nicht eilig haben, wieder etwas von sich hören zu lassen – oder wird sich das vielleicht sogar bald ändern?

Auch nach drei Jahren noch aktuell: „Mein Land“ thematisiert das allgegenwärtige Thema Asylwerber

Soloprojekte

An anderweitigen kreativen Projekten der einzelnen Mitglieder mangelt es nämlich bei Weitem nicht. Lead-Gitarrist Richard Kruspe ist Mitglied der Rock-Band Emigrate, in der er als Lead-Gitarrist und Sänger fungiert. Emigrate wurden bereits 2005 gegründet, während Rammstein eine Pause einlegten. Emigrate haben bisher zwei Alben veröffentlicht: ihr selbstbetiteltes Debüt erschien 2007, das Zweitlings-Werk „Silent So Long“ Anfang November 2014 – ebenfalls während einer Rammstein-Pause. Richard Kruspe scheint diese Auszeit voll und ganz für andere kreative Arbeiten zu nutzen, denn der Nachfolger, „Silent So Long II“, soll bald folgen, wie er Ende letzten Jahres in einem Interview mit Krone.at verriet. Danach solle seine Aufmerksamkeit jedoch wieder voll und ganz Rammstein gelten.

Während Richard Kruspe mit Emigrate also etwas andere musikalische Wege einschlug, ist das Prinzip von Till Lindemanns neuestem Projekt Lindemann, das er zusammen mit Peter Tägtgren (Pain, Hypocrisy) betreibt, ziemlich vergleichbar mit dem Konzept von Rammstein, nur dass die Texte hier nicht auf Deutsch sind, sondern auf Englisch. Schon seit vielen Jahren bestand der Wunsch zwischen Till Lindemann und Peter Tägtgren, ein gemeinsames Projekt zu realisieren. Aufgrund des strengen Terminplans beider konnte dieses Vorhaben aber erst realisiert werden, als Rammstein 2013 eine erneute Pause einlegten. Die Arbeiten zum Album „Skills In Pills“ fanden gänzlich im Geheimen statt, ehe man Anfang des Jahres via Facebook die Bombe platzen ließ. Außerdem ist Herr Lindemann auch noch Autor von Gedichtbänden, sein letztes Werk „In stillen Nächten“ erschien vor etwa zwei Jahren.

Provokation auf Englisch: Till Lindemanns neues Nebenprojekt „Lindemann“

Baldige Rückkehr?

Erstmals angeheizt wurden die Gerüchte um eine baldige Rückkehr von Rammstein bereits vor ein paar Monaten, als Till Lindemann in einem Interview mit dem schwedischen Magazin rocksverige.se verriert: „Rammstein finden sich im September wieder zusammen und werden nach einem neuen Proberaum suchen. Wir haben sonst immer in diesem alten und berühmten Club geprobt, dem Knaack Club. Aber sie mussten ihn schließen, wegen der Nachbarn oder so; also müssen wir etwas Neues finden.“ Ob sich die Band dann aber auch tatsächlich wieder an die Arbeit für ein neues Album macht, ist damit noch nicht gesagt. Immerhin treffen sich Rammstein auch während Pausen ein Mal im Jahr, um voneinander zu erfahren, wie es ihnen ergangen ist und ob eine Idee für ein neues Album da ist.

Für alljene, die schon unter einem gehörigen Rammstein-Entzug in Form eines Konzerts leiden, gibt es aber eine gute Nachricht: Am 25. September wird die Doppel-DVD „Rammstein in Amerika“ erscheinen, die neben der Aufzeichnung des Konzerts im restlos ausverkauften Madison Square Garden in New York auch einen 20-minütigen Report über die Aufnahmen des Albums „Liebe Ist Für Alle Da“ sowie eine ausführliche Dokumentation über den Werdegang der Band enthält. Und wer weiß, vielleicht kommen wir ja bereits nächstes Jahr in den Genuss, Rammstein endlich wieder live on stage zu erleben.


Auch auf der kommenden Live-DVD „Rammstein in Amerika“ zu finden: „Rammlied“

Credits: Universal Music, Rammstein, Emigrate, Lindemann

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