Ohne The Verve wäre der Britpop der 90er Jahre nicht denkbar. Was wurde nach Hits wie dem unsterblichen „Bitter Sweet Symphony“ aus der Band und ihren Mitgliedern?

Ende April 1999, keine zwei Jahre nach der Veröffentlichung ihres erfolgreichsten Albums „Urban Hymns“, gibt das Management von The Verve wenig überraschend bekannt, dass die Bandmitglieder in Zukunft getrennte Wege gehen wollen. Diese Trennung ist weder die erste noch soll sie eine endgültige sein. Denn die vergangenen 10 Jahre seit der Gründung von The Verve waren so turbulent und von Spannungen geprägt, wie es auch der weitere Weg der Britpop-Superstars sein wird.

Die Anfänge

Richard Ashcroft

Intensiver Live-Moment von Richard Ashcroft

Im Herbst 1989 fanden sich Richard Ashcroft (Gesang), Peter Salisbury (Schlagzeug) und Simon Jones (E-Bass) am Winstanley College im englischen Wigan als Band zusammen. Als Gitarrist stieß Nick McCabe dazu, der auch für den Synthesizer zuständig ist. Die erste Veröffentlichung erfolgte im Jahr 1992 mit der Debütsingle „All In The Mind“, im selben Jahr folgte „The Verve EP“. Besonders der charismatische Frontman Richard Ashcroft sorgte mit seiner intensiven Bühnenpräsenz für mediales Echo und bekam den Spitznamen „Mad Richard“ verpasst. Doch auch das sphärische Gitarrenspiel von Nick McCabe war prägend für den Stil der Band. Der erste Longplayer „A Storm in Heaven“ erschien im Frühling des Folgejahres und wartete neben den schon von der EP bekannten sphärischen Klangwelten mit rockigeren und düstereren Facetten auf. Die Kritiken waren positiv, kommerzieller Erfolg stellte sich allerdings noch nicht ein. Erste Turbulenzen traten auf, als der Drummer Salisbury wegen mehrmaliger Gewaltausbrüche verhaftet wurde und Ashcroft wegen seines Drogenkonsums gesundheitliche Probleme erlitt.

Mehrere Trennungen

Bei den Aufnahmen zum Folgealbum „A Northern Soul“ geraten Ashcroft und McCabe zunehmend aneinander. Auch der Erfolg dieses Longplayers konnte die Differenzen zwischen den beiden nicht beseitigen. Bei der Tour im Jahr 1995 zerbrach die Band am Konflikt zwischen den beiden starken Persönlichkeiten. Die restliche Besetzung beschloss allerdings, ohne McCabe weiterzumachen und holte Simon Tong als neuen Gitarristen. Ende 1996 konnte man sich allerdings wieder zusammenraufen und der ursprüngliche Gitarrist wurde zusätzlich zu Tong wieder aufgenommen. Im nächsten Jahr erschien dann mit „Urban Hymns“ das kommerziell erfolgreichste Album der Band, das auch die beiden Singles „Bitter Sweet Symphony“ und „The Drugs Don’t Work“ enthielt, die den Bekanntheitsgrad der Band bis zum heutigen Tag aufrechterhalten. Die psychedelischen Momente wurden bei „Urban Hymns“ im Gegensatz zu den vorherigen Alben deutlich reduziert, die hymnenartigen Britpopsongs erhielten aufwendige Arrangements und Ashcrofts Gesang war kraftvoll und emotionsgeladen wie nie. Damit gelang The Verve eines der erfolgreichsten Alben des Britpop überhaupt, doch auch dieser Höhepunkt bewahrte die Band nicht davor, durch die kollidierenden Egos von Richard Ashcroft und Nick McCabe erneut auseinandergerissen zu werden.

Und dann?

Noch dazu musste ein weiterer Schlag eingesteckt werden. Der international größte Hit von The Verve „Bittersweet Symphony“ wurde Gegenstand eines jahrelang andauernden Rechtsstreits mit den Rolling Stones, da dafür ein Sample des Stones-Klassikers „The Last Time“ verwendet wurde. Schließlich wurden die Urheberrechte den Rolling Stones zugesprochen, demnach gehen auch alle Erlöse aus dem Song an sie und sie müssen jeglicher Verwendung zustimmen. Die Mitglieder gingen nach dem Ende von The Verve eigene Wege: Richard Ashcroft veröffentlichte unterstützt von Peter Salisbury Soloalben namens „Alone With Everybody“ (2000), „Human Conditions“ (2002) sowie „Keys to the World“ (2006). Simon Jones und Simon Tong gründeten die Band The Shining und veröffentlichten mit ihr ein Album namens „True Skies“. Nick McCabe arbeitete an kleineren Projekten und produzierte junge britische Bands.

Die Auferstehung

Einmal sollte sich The Verve allerdings noch zusammenraufen, aber ohne Simon Tong. 2007 gab es eine Wiederbelebung in der ursprünglichen Besetzung und ein Album wurde angekündigt. Über 10 Jahre nach „Urban Hymns“ erschien schließlich „Forth“, das auf Platz 1 der UK-Charts gelangte, allerdings hauptsächlich negative Kritiken hervorrief, bei denen dem Album etwa Langatmigkeit vorgeworfen wurde. Bis August 2008 erfolgten noch Auftritte in Europa und Nordamerika, danach wurde es wieder ruhig um die Band. 2009 wurde dann schließlich klar, dass keine gemeinsamen Aktivitäten der Bandmitglieder mehr geplant sind. Richard Ashcrofts Kollegen hatten den Eindruck gewonnen, dass er mit der Reunion lediglich seine Solokarriere anfeuern wolle. 2010 veröffentlichte er unter dem Namen RPA & The United Nations of Sound sein viertes Soloalbum. Zu The Verve äußerte sich Ashcroft zuletzt 2013 und stellte klar, dass es keine gemeinsamen Auftritte oder Alben mehr geben wird. Im gleichen Atemzug kritisierte er die Nostalgie, die bei vielen Festival Line-Ups vorherrschen würde. Die Chancen von jungen Bands werden ihm zufolge gemindert, da die großen, alten Dinosaurier-Acts dominieren und abkassieren würden.

Und jetzt?

“The whole nostalgia thing is getting suffocating and it’s difficult for younger acts, especially at festivals.”
– Richard Ashcroft

Angekommen im Jahr 2015, stellt sich die Frage, womit sich die ehemaligen Mitglieder von The Verve heute beschäftigen. Richard Ashcroft trat zuletzt im November 2014 in Dubai auf, seine letzte Veröffentlichung war 2011 die Single „Future’s Bright“. Obwohl er bereits 2013 angab, an neuem Material zu arbeiten, warten Fans bis zum heutigen Tag vergeblich auf ein weiteres Album. Nick McCabe und Simon Jones spielen zusammen bei Black Submarine, die sich früher The Black Ships nannten. Der Drummer Pete Salisbury spielt bei The Charlatans, die 2015 das Album „Modern Nature“ veröffentlicht haben und unter anderem beim Glastonbury Festival aufgetreten sind. Besonders umtriebig war Simon Tong, der bei der Reunion 2007 nicht dabei war. Er wirkte unter anderem bei Blur, den Gorillaz, The Good, the Bad and the Queen und zuletzt bei The Magnetic North mit.

Photocredit: EMPICS Entertainment, Samir Hussein/Getty

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