Rap 2.0 – Cr7z verbindet deepen Inhalt mit ausgeklügelter Technik wie kein Anderer.

Über 58 Muzik kommt ein 13 Track starker Longplayer, der tiefer geht als gewohnte Musik der sonstigen Rapkollegen. Der 02. Oktober 2015 war ein großer Tag, seit letzten Freitag darf man das zweite offizielle Studioalbum „Sieben Weltmeere“ des Ausnahmekünstler Cr7z bestaunen und bewundern.

Seit seinem Debüt-Album „An7ma„, durchflutet er nun ganze Landstriche mit seinen Skillz und bestreitet mit seinem zweiten Meisterwerk einen weiteren wichtigen Schritt auf der Treppe zur Spitze.

Mit dem Element Wasser als sinnbildliche Eigenschaft der Emotionen flutet er die meist gefühls-, inhaltlosen und staubtrockenen Gefilde des Rap-Genre. Ein lyrischer, mehrere hundert meter hohe Tsunami baut sich am Horizont der deutschsprachigen Rapszene auf. Nach unermesslichen Output greift er zurecht nach seinen Lorbeeren.

Langsam aber stetig kennt man Chris aus Rosenheim, Ende des Jahres startet seine erste eigene gleichnamige Headliner-Tour, Support kommt von DJ Eule & Montez. Underrated ist er leider immer noch.

Symbolik & Mystik

Die Sieben hat oft eine magische, geheimnisvolle Bedeutung. In der Bibel und im Orient gilt die Sieben als „heilige Zahl“ und ist allgegenwärtig.  Die Erschaffung der Welt in sieben Tagen im Schöpfungsmythos der hebräischen Bibel ist nur einer der vielen Begriffe. Im Islam gibt es die sieben Himmelreiche, und Christen kennen die sieben Todsünden und die sieben Tugenden .

Da ist die Rede von den sieben Weltwundern, verliebte Pärchen schweben meist im siebten Himmel, eine Woche hat sieben Tage und wenn man dem Sprichwort glauben darf, hat eine Katze genau sieben Leben. Der Regenbogen besteht aus sieben Farben, James Bond heißt Null-Null-Sieben, man kennt die sieben Zwerge, Siebenmeilenstiefeln und den Siebenschläfer. Joanne K. Rowling hat ihre Harry-Potter-Serie genau mit dem siebten Band beendet. Die Liste ist unendlich, ist das denn alles reiner Zufall?

Die Sieben ist mehr als nur eine symbolische Zahl, sie ist mächtig und zeichnet Vollständigkeit bzw. Perfektionismus aus, so besitzt auch der Rapper eine mehr als 15-jährige Erfahrung am Mikrophon und genau das hört man. Eine lange Zeit hat er diesen Stein geschliffen und ein Juwel hergestellt, das konkurrenzlos seine Kreise zieht.

Top 10-Producer Freshmaker zeigt sich für das erste Instrumental verantwortlich, auf dem Chris seine Kunstfigur aus den Tiefen seiner Selbst belebt.  „Rean7mation“ tönt aus den Speakern und der Sprechgesangsvirtuose lässt uns an seinen Gedankengängen teilhaben. Der Beat strahlt Wärme und Kälte zugleich aus, in typischer Manier verzichtet er auf eine Hook und lässt ein passendes Sample „Travel over Seven Seas“ für sich sprechen.

„Schmelztiegel erfrieren bin ich am Mikro/

Celsius Minus – Stupides wiegt für n Riesen wie n Kiesel/“

„und dirigiert präzise die Sinfonien wie Arturo Toscanini/

Jede Berührung mit der Seelenmusik crusht das Evil“

Cr7z Logo

Nun folgt ein Doubletime-Track, in dem ein kritischer Spiegel der Menschheit aufgezeigt wird – „wir sind erst am Anfang und doch schon am Ende“. Der Song ist System- und Gesellschaftskritisch, im ersten Part des Xavier Naidoo-Feature Track „Zurück an den Anfang“ berichtet der Rapper von einem Traum, in dem sich ein Kriegsdrama abspielt. Im zweiten Part wechseln sich allgemeine Themen ab. Lügen, Liebe, Gerechtigkeit und ein Tribut an Xavier.

Faszinierend wie viele Themen der Rapper in einen Track packen kann, ohne peinlich zu wirken. Keine leichte Kost, doch ein meisterliches Stück Kunst.

Das 58-Zugpferd schlüpft nicht in die Rolle eines Schlaumeiers, sondern stellt die richtigen Fragen, Cr7z-typisch scheißt er des öfteren auf den Reim, wenn es der Message gut tut.

Wie weit ist es, bis sich all unsere Hoffnungen erfüllen?

Wie fern schweben die goldenen Aufnahmen ins All?

In einem Raum, der sich spreizt, wie das Formfederkleid

Wie oft werd‘ ich noch geweckt von lautem Geschrei?

Wie lang‘ glauben wir noch ihre Schauspielerei?

Wie viele müssen sich noch von Brücken werfen?

In welcher Zeit sind wir mit den Feinden im Reinen

und können glücklich sterben?

Für die Hörerschaft, die es mal höher schafft

Auf dem Mikosbeatz-Instrumental, dem der Rapper den Namen „Vereinigung“ gegeben hat,  lässt uns der Rapper wiedermal an seinem Innersten teilhaben und beschönigt nichts. Seine mangelnde Ernährung und fehlende Sozialkontakte, denen er lieber Träume, das Alleinsein oder Animes vorzieht.
Mit Freunden hat er auch eine spezielle Ansicht, er möchte nicht einfach nur quatschen, sondern sich alleine verwirklichen und nur Kontakt, wenn auch wirklich etwas vorgefallen ist. Zu Ende des Tunes verbaut er die Songtitel seines An7ma-Albums und verpackt es intelligent in den Text.

Sein Rap ist nicht für Jedermann erdacht, so wenn das Biest den Hörer einmal gepackt hat, lässt es den Hörer nicht mehr los.

„Tu‘ mir den Gefallen und hör‘ dir das in Ruhe an/ ohne zu schnell zu urteil’n

Das wär‘ idiotisch bei so ’ner Urgewalt/ an rohem Rap ohne Chorus“

Nun kann man sich ein Bild von den immensen Live-Qualitäten des in Lüdenscheid lebenden Rappers machen, man hört fast keinen Unterschied zur Albumversion. Genau das ist Kunst:

„Suche nicht den Sinn des Lebens in Zerstreuung/

Sonst war dein ganzes Leben ohne jegliche Bedeutung/

Es gibt so viel angenehme Wege zur Erleuchtung/

Du brauchst stets Vernunft, denn du fängst von Neuem an/“

Seven geht tiefer, er geht sogar „Bis auf den Grund des Ozeans“. Sterben und Schmerzen sind für ihn Themen, die er nicht nach hinten schiebt, sondern mit denen er sich beschäftigt. Cr7z nährt sich von der Pein und wird stärker.

„Nichts schlägt so hart zu wie das Leben

Diesen Spruch wirft er nicht nur einfach so in den Raum, sondern untermauert ihn mit Julia Tavolara aus dem autobiographischen, gleichnamigen Buch. Sie ist sechs Jahre im „Koma“ gelegen und konnte nur mit ihren Augen sprechen. Dagegen ist das eigene Leid auf einmal ganz klein. Außerdem übt er Kritik an seinen oberflächlichen Rapkollegen, die ihm viel zu einfältig sind.
 

„So sitz‘ ich hier allein‘ im Gras unter strahlendem Blau/

Und merk‘, dass ich wesentlich mehr mit Vokabeln aufbau’/

als es den Anschein hat/ Millionen anderer Rapper machen

schon Millionen Rapper mit ihren Punchlines platt/

Wiederum andere schreiben einfach Plattitüden/

Über Liebe, ohne Liebe, einfach nur zum Kasse füllen/“

Jetzt oder Nie“ ist seine persönliche Version eines Motivationssongs für mehr Menschlichkeit, die Systemkritik wurde schön verpackt. Wieder liefert Xavier Naidoo den Refrain und fordert auf, mehr Gefühle zu zeigen. Das Dr.Ton-Feature hätte sich bestimmt kein eingefleischter 7z-Hörer gewünscht, aber wenn ein breiteres Publikum vom lyrischen Genie Wind bekommt, ist es eine gute Sache.

„Ab der Geburt hat mich das pure Verlangen geprägt/

herauszufinden, was uns fehlt/

Und ich möchte nicht nur meine Sehnsucht stillen,

bis zum Tag, an dem ich Abschied nehm’/“

Fluss des Todes

Nun kommen wir zu einem wahrhaftigen Brett, dass DJ Eule produziert hat – trivial: Pure Dopeness. Das der Rosenheimer Rapper ein wahres Flowmonster ist und über „Über Wasser laufen“ kann ist nun auch dem letzten Horst klar. Wechselnde Variationen und exzellente Reimtechniken passen perfekt auf das Killa-Instrumental und kreieren einen übernatürlichen Hip-Hop-Track. Der 58-er represented, schießt gegen die Musikindustrie und gegen Rapper, die sich auf ihrem Status ausruhen. Das Video ist qualitativ hochwertig produziert und fließt mit Beat und den Raps zu einem meisterhaften Gesamtkunstwerk.

Ein wundervolles Stück Seelenleben, herzlichen Dank für die Ehre daran teilhaben zu dürfen. Im zweiten Part spricht der Sprechgesangsvirtuose wie immer Klartext, Auszüge der Lyrics dürft ihr hier begutachten:

„Ich spitt‘ auf kleinen Jams für Wenige/

Ebenso in riesigen Hallen, die ich zum beben bring’/

Wie ich gefalle interessiert mich auf den Stages nich’/

Da bin ich in meiner eigenen Welt und

geb‘ euch ein kleines Stück meines Lebens mit/“

 

„Der werte Herr lernt mehr den Wert zu ehr’n/

Nährt seinen Herd, denn er wär‘ gern‘ am Meer/

Von nix kommt nix/ ich bomb‘ Tracks wie sonst nix/

Vom Konflikt zum Sonn’licht/“

„Verantwortung“ übernehmen möchte Chris bei Tune Nummer Acht, er beschreibt drei Protagonisten und deren Schicksale. Ein sehr trauriger Song, der Rapper thematisiert Mobbing, Selbstbewusstsein, Hilfe gegen Psychosen, Arm sein, das Strebertum und Mitgefühl.

Cri7Z zerbombt die Stage – (c) Essah Entertainment

Seven behält die Balance und gibt wieder Hoffnung, seine Rhymes sind „Schneller als das Licht“, der gleichnamige Songtitel ist wohl (auch) für die „Sieben Weltmeere“-Tour kreiert worden. Live bestimmt ein wahrer Smasher, die Parts sind grandios gerappt, der 80`s Beat und die druckvolle Hook setzen sich in den Ohren fest.

Ich will das ihr schreit, ihr bereit seid/

Scheiß auf`s Vakuum, ich will das es in`s All schallt/

Die Gedanken fliegen schneller als das Licht/

Cr7Z am Mic – gemeinsam ändern wir die Sicht/

Er beweißt nicht nur lyrische Tiefe, sondern auch eine deepe Menschlichkeit, die in der Musikindustrie sehr selten einen Wert besitzt

„Du Neider bezeichnest mich als arrogante Person/

Ja, ich diskutier‘ nicht mit dir nicht auf Augenhöhe, der Himmel ist hoch /

Muss nicht zwingend auch Höhe bedeuten, das ist relativ/

Ich bin einer, der sich auch niederkniet und mit einem Bettler spricht/“

The German Marshall Mathers

DJ s. R., der den Beat für „Euphorie“ gebaut hat, und gleichzeitig für Mixing und Mastering des Tonträgers zuständig war, schuf einen Kopfnicker-Soundteppich, der dem „deutschen Eminem“ maßgeschneidert auf den Leib passt. Seven ist gut drauf und versprüht eine positive Grundstimmung.

 

„17 Jahre musste ich straucheln über das Tal um zum Berg zu gelangen/

Und jetzt nehm‘ ich für den Aufstieg die letzten Reserven zusamm/‘

Also nochmal 17 Jahre Fischeprinzip, Yin und Yang/

Aus dem Schatten ins Licht, erfüllt mit Frohmut, auch immer da

So oft stoß‘ ich an die Grenzen der Logik/

So ist das als Kind im Mann, ich mein‘ das nicht böse/“

Der Künstler befindet sich im „Im Sog“, hier spuckt der Rosenheimer seine komplexe Batterap-Reime auf ein Eule-Instrumental und setzte neue Maßstäbe in Sachen Flow und Betonung. Gerade im Schlussakt des Songs, der Wechsel von normaler Geschwindigkeit zu Doubletime und zurück, plus die pointiert gesetzten Pausen sind einfach grandios vorgetragen. Ich persönlich würde mir solche Tracks öfters wünschen.

Die musikalische Freiheit, künstlerisch zu machen was er will, ist Christoph Heß a.k.a Cr7z sehr wichtig. Deswegen bleibt die Sprechgesangskoryphäe bestimmt ein Leben lang bei seinem Label 58 Musik und wählt seine Albumgäste nach besonderen Kriterien aus.

Der österreichische Untergrundrapper Raptoar auf dem Track „360 Grad“ ist das zweite und einzige Feature nach Xavier Naidoo. Man kann jetzt nicht behaupten, dass der Feature-Part auf dem asiatischen angehauchten Beat nicht flowt, aber frühere Sachen, besonders seine Dialekt-Tunes haben um ein Vielfaches mehr geflasht.

In „Ich erinner mich“ formt er sehr schöne Bilder, die dem Hörer zwischen den Augen vorbeilaufen. Der Konsument bekommt einen Einblick in die Gegenwart, aber auch in seine Kindheit, die Tage bei seinem Opa und an seine erste Liebe. Emotionaler Track.

„Ich erinner mich an die Gerüche und Geschmäcker,

die mich wieder für zwei Sekunden zurück in die Kindheit versetzten

errinner mich an die Wälder, in denen wir Lager gebaut haben/,

Tag und Nacht draußen war`n und die Planen aufspannten/“

Aber auch Erinnerungen an seinen Wunsch selbst zu rappen, der durch das zweite Moses Pelham-Album immer stärker wurde. Er fürchtet sich etwas vor dem Alt werden und möchte manchmal die Zeit zurück drehen. Aber nicht wie in gewohnter Weise, gegen Ende erklärt er was sich in den Jahren verändert hat. Diese textliche und lyrische Tiefe besitzt kein anderer Rapper in Deutschland.

Im letzten Song plaudert Chris wieder über verschiedene Dinge aus seinem Privatleben. Eine Engelsstimme ertönt und der finale Track tritt aus den Boxen – „Am Ende wird alles gut“ und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende. Nicht mit Kollegah und anderen Konsorten sollte man Cr7z vergleichen, sondern eher mit Lyrikgenies wie z.B. dem irischen Schriftsteller Oscar Wilde.

Resume

Ein weiteres Mal beweist Chris, dass er sich nicht nur lyrisch auf einem ganz anderen Level und sich damit weit hinaus über den Radius der Deutschrap-Hörer bewegt. Der Rosenheimer ist versiert in den verschiedensten Bereichen des Textens. Kleine Abstriche ergeben sich durch die Features, die die großartige Form des Hauptakteurs leider nicht erreichen. Das ist ein Klagen auf hohem Niveau, trotzdem muss es gesagt werden.

Der Tonträger besticht durch eine facettenreiche Auswahl der Tracks, die zeigen, dass sein Debüt „An7ma„, erst der Anfang war und der Rapper über eine wesentlich größere Palette an Fähigkeiten als MC verfügt. Diese Platte kann man auch noch in 20 Jahren hören, ein riesengroßes Stück Kultur. Ich vergebe zum ersten Mal fünf von fünf Punkten.

Erstmals kann auch eine Box erstanden werden, die folgende Dinge enthält: Sieben Weltmeere“ (CD), „Sieben Weltmeere-Instrumentals“ (CD), Cr7z Flagge Din-A2, 3 Aufkleber und einen Button.

Sieben Weltmeere Box

Tracklist:

  1. Rean7mation (prod. Freshmaker)
  2. Zurück an den Anfang feat. Xavier Naidoo (prod. DjEule)
  3. Vereinigung (prod. by Mikosbeatz)
  4. Bis auf den Grund des Ozeans (prod. DjEule)
  5. Jetzt oder nie feat. Xavier Naidoo (prod. Creepa)
  6. Über Wasser laufen (prod. DjEule)
  7. Verantwortung (prod. Illstar & DjEule)
  8. Schneller als das Licht (prod. Dj s.R.)
  9. Euphorie (prod. Dj s.R.)
  10. Im Sog (prod. DjEule)
  11. 360° feat. Raptoar (prod. Windshadow)
  12. Ich erinner mich (prod. Wall-y)
  13. Am Ende wird alles gut (prod. DjEule)

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.