Es ist keine Seltenheit, dass wenige Minuten nach Voverkaufsstart alle Konzerttickets vergriffen sind. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass die Halle tatsächlich voll sein wird. Ticket-Schwarzhändler haben ein lukratives Geschäft daraus gemacht, Tickets aufzukaufen und zu horrenden Preisen weiterzuverkaufen. Doch was läuft falsch, und wie kann man für mehr Fairness im Konzert-Business sorgen?

Die Kälte lässt die Lippen blau anlaufen, der Regen die Füße nass werden und der ausverkaufte Bus zurück von Wien nach Graz zwingt mich dazu, eine weitere Stunde zu warten. Wetter und Stimmung am Boden. Ein unauffällig aussehender Mann mittleren Alters tritt auf mich zu. Er gibt mir – wie auch einigen anderen unglücklichen Passagieren – zu verstehen, mich noch in den ausverkauften Bus bringen zu können, er habe noch reichlich Tickets. Der Preis: 150 Euro – das zehnfache des tatsächlichen Ticketpreises. Ich frage den Mann, ob er betrunken oder ein Idiot sei, und stimme mich auf eine Stunde im Regen ein.
Ein Szenario, das in dieser Form kaum vorstellbar ist, doch im Falle von Konzerttickets seit langer Zeit an der Tagesordnung steht.

Das Problem: Schwarzhändler

Der Second-Hand-Ticketmarkt ist dieser Tage ein Stich in das Herz des Musikfans.
In vielen Fällen ist der Grund für einen Wiederverkaufsmarkt von Tickets simple Notwendigkeit: Wenn man ein Konzert oder Festival nicht besuchen kann, muss das bereits erstandene Ticket eben weiterverkauft werden. Die Enttäuschung, die Band zu verpassen, ist groß genug – zumindest ist das Geld nicht (zur Gänze) verloren. Umgekehrt freut sich ein anderer Fan, der ansonsten kein Ticket mehr für die ausverkaufte Show bekommen hätte.
Doch irgendwann haben findige Schwarzhändler mit unmoralischen Vorsätzen angefangen, diesen „Secondary Ticket Market“ für sich auszunutzen. Die Folge: Viele echte Fans bekommen keine Möglichkeit, Tickets zu einem fairen Preis zu kaufen, da sich professionelle Schwarzhändler vorab so viele Tickets wie möglich einverleiben, dies tun sie zum Teil über autmatisierte Softwar, sogenannte Bots, und zu völlig überhöhten Preisen weiterverkaufen.

Weiterverkauf von Konzerttickets auf viagogo. Schon bei der Suche nach Tickets wird Kaufdruck aufgebaut. – Screenshot viagogo.com

Mittlerweile hat sich auf diesem Prinzip eine unüberschaubare Branche aufgebaut. Der gesamte Ticketmarkt ist in einen undurchdringlichen Nebel gedeckt. Nur Minuten nach dem VVK-Start sind Shows sold out, gleichzeitig tauchen auf Plattformen wie ebay, stubhub und viagogo Tickets zu einem Vielfachen des Originalpreises auf. Einige dieser Plattformen setzen ihre Kunden zudem durch die Struktur der Kaufabwicklung unter Druck, um eine möglichst schnelle (und unüberlegte) Entschedung zu forcieren.

Überhöhte Preise und gezielter Stress bei der Ticketauswahl. Der Originalpreis für General Admision Tickets von Eric Claptons British Summer Show lag bei 73,50€ (65£) – Screenshot viagogo.com

Natürlich beschränkt sich das Problem nicht auf den Konzertmarkt, auch bei Sport- und anderen Kultur-Events blüht der Secondary Tickets Market immer weiter auf.

Zuhause bleiben?

Nur, was soll der einzelne Kunde oder die einzelne Kundin dagegen tun? Eine einfach Antwort würde lauten: Nicht auf das Konzert gehen oder das Fußballspiel sausen lassen. Doch sind wir uns ehrlich, jeder hat diese Band oder diese Manschaft, für die er Vermögen ausgeben würde, eine Band, auf die er nicht verzichten kann, ein Spiel, das er sehen muss, koste es, was es wolle.
Alleine in Großbritannien beläuft sich das Volumen des Secondary Tickets Market auf 1,1 Milliarden Euro. Tickets für ein Charity-Konzert von Ed Sheeran wurden für über 5000 Euro weiterverkauft. Tickets für Adeles Show in der Londoner O2-Arena wurden 2016 für bis zu 28.000 Euro gehandelt. In den USA wird der Markt auf knapp 7 Milliarden Euro geschätzt. Im deutschsprachigen Raum ist zwar das Volumen im Vergleich noch gering, doch das Wachstum nicht minder stark.

Tickets für Ed Sheeran auf Ebay – Screenshot ebay.com

Eine Fertigkeit unserer Gesellschaft ist es, auf Probleme Lösungen zu finden, um neue Probleme zu provozieren und erneut Lösungen zu finden. Ein (hoffentlich!?) ewiger Kreislauf.

Das Management der britischen Heavy Metal-Pioniere Iron Maiden versuchte schon früh, der Entwicklung des Schwarzmarktes entgegenzuwirken. Sie gaben nur noch personalisierte E-Tickets mit Namen des Besuchers aus, zusätzlich musste der Besucher beim Einlass die Kredit- oder Debitkarte vorweisen, mit der er den Kauf getätigt hatte. Den Verzicht auf Papiertickets und gänzlichen Umstieg auf E-Tickets machten sich auch schon Bruce Springsteen, AC/DC, Metallica, Muse, Nine Inch Nails und Red Hof Chili Peppers zu nutzen. Iron Maidens neue Strategie war ein guter Ansatz, der das Aufkommen von Schwarzmarkt-Tickets um 95 Prozent senkte, der es jedoch gleichzeitig dem ehrlichen und verhinderten Fan praktisch unmöglich machte, sein Ticket im Falle des Falles weiterzuverkaufen.
In Großbritannien schaltete sich 2017 der Gesetzgeber ein. Zum einen wurde die Verwendung von Bots zum Kauf großer Mengen von Tickets verboten und unter Strafe gestellt, zum anderen wurden Zweittickethändler verpflichtet, Angaben zum Originalpreis und der Lage des Sitz- oder Stehplatzes innerhalb der Location zu machen.

Fan-to-Fan-Marktplätze & Blockchain

Keine gänzliche Lösung des Problems aber ein weiterer wichtiger und sinnvoller Schritt ist es, Licht und Transparenz in das Dickicht des Schwarzmarktes zu bringen; echten Fans eine Plattform zu geben, wo sie sicher, fair und unbehelligt von Schwarzhändlern, mit überhöhten Preisen, Tickets kaufen und weiterverkaufen können.
Einen vielversprechenden Ansatz gibt es seit einigen Jahren von Fan-to-Fan-Ticketmarktplätzen wie Tickething und TicketSwap. Das Prinzip ist simpel: Es wird ein virtueller Marktplatz für Privatverkäufe von E-Tickets zur Verfügung gestellt. Die Wiederverkaufspreise werden dabei reguliert und mittels Sicherheitschecks, Profil-Verfifizierungen über Social Media-Accounts, einsehbarer Verkäuferbewertungen und enger Zusammenarbeit mit Veranstaltern wird für ein Maximum an Sicherheit und Transparenz gesorgt. Bei TicketSwap darf der Verkäufer den Preis maximal 20 Prozent über dem Originalpreis ansetzen.
Die Ticketmarktplätze verlangen von jedem verkauften Ticket etwa 10 bis 15 Prozent als Servicegebühr. Im Gegenzug wickeln die Plattformen den Zahlungsverkehr ab und überprüfen Verkäufer und deren Tickets. Zudem gibt Tickething eine 100%-Geld-zurück-Garantie. Sowohl Tickething als auch TicketSwap betreiben Premium-Programme mit Veranstaltern. In diesen Fällen wird für den Ticketkäufer ein völlig neues Tickets ausgestellt und das alte ungültig gemacht.

Unter der Schlagzeile „bitcoin of ticketing“ machten zuletzt zwei Studierende des London Imperial College auf sich aufmerksam. Eine auf Blockchain-Technologie basierende Software namens Aventus Protocol soll es den Veranstaltern ermöglichen, Tickets mit einer an den Besitzer gebundene Identifikationsnummer auszustatten und Weiterverkäufe und Verkaufspreise nachzuverfolgen. Ein erster Testlauf des Systems wird diesen Sommer bei der Fußballweltmeisterschaft in Russland stattfinden.
Die Hoffnungen der Konzert-Industrie, mit „Aventus“ eine tatsächliche Lösung für das Schwarzmarkt-Problem zu haben, sind groß. Doch es bleibt: Neue Lösungen, neue Probleme, neue Lösungen, neue Probleme… Man wird sehen.

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