Pimf - Memo
Beats
Flow
Individualität
Herz
Raptechnik
4.1Sterne

Früher Battlerapper, heute nachhaltiger Musiker – trifft es in diesem Fall zu?

Der Rapper Pimf veröffentlichte am 19.06.2015 sein Debütalbum „Memo“ über das Label Heart Working Class. Er veröffentlichte es an einem schwierigen Tag für deutschen Rap, denn die Szene beschäftigte sich (fast) ausschließlich mit dem neuen MoTrip-Album „Mama“.

Momentaufnahmen

Der Begrif „Memo“ geht auf memorandum zurück, Latein für „das zu Erinnernde“. Wenn ein junger Mann, Anfang Zwanzig, so einen Albumtitel wählt, scheint da schon mehr dahinter zu stecken.

Nach seinem Download-Mixtape „Rohstoffe“ und der VBT-Teilnahme 2012 (Video-Battle-Tunier), wo er es bis ins Halbfinale geschafft hat, folgt nun mit seiner Debüt-LP der dritte große Streich. Viele Battlerapper behaupten gerne, dass sie schon seit Ewigkeiten “richtige“ Musik machen. Jonas Kramski a.k.a Pimf war schon immer etwas anders. Er hat einfach auf den Battleturnier-Hype geschissen und nicht wie andere Konsorten ein Schnellschuss-Album auf den Markt geworfen.

Nach einem abrupten Abschied aus dem Battle-Zirkus folgte ein bald millionenfach geklicktes Video, das zeigte, wohin die Reise gehen soll: Selbstreflexion, Unsicherheit und Selbstfindung, eben jene Themen eines jungen Erwachsenen. Das Sample basiert auf dem Track The XX – Angels, dieser Atmosphäre schaffende Beat wurde von Creepa produziert. Vorhang auf für „Alt und Jung“, die tollen Lyrics sind Honig für die Seele:

„Ich kenne viele Menschen, doch ich hab wenig Freunde

Hab mein Umfeld minimiert, weil ich leben wollte

Ich hab „WhatsApp“ gelöscht aus Lebensfreude

Trotzdem bin ich noch ein Typ, auf den du zähl’n solltest“

 

„Alles mitnehm‘, viel zu wenig Kraft haben

Doch vor dem Tod meinen Wunschzettel abhaken

Und ohne Wünsche sterben, scheiß auf fünfzig werden

Ist mir egal, wann, Hauptsache, glücklich sterben“

Pimf stellt sich im Intro standesgemäß und charmant vor. „Hallo ich bin Jonas“, der Opener, ist mit schönen Cuts unterlegt. Auf seine eigene Art und Weise bekräftigt er, trotz oder gerade wegen seinem lieben Erscheinungsbild, wie viel Rap in ihm steckt.

Bei Titel Nummer zwei „Small City“ kommt Oldschooler Umse vorbei und spendiert dem Newcomer einen Gastbeitrag. Beide liefern gut ab und berichten aus ihrem Blickwinkel die Sicht der Dinge. Sie rappen über kleine Städte, große Träume und Heimatverbundenheit.

Zu Beginn darf herzlich gelacht werden, wenn Pimf in NY-City-Manier „Hofgeismar“ als Reimmetropole ankündigt. Immer wieder beweist der Jungspund geistige Reife:

„Ein Leben lang – der kleine Junge von nebenan,

Mit dem du reden, aber dem du nichts erzählen kannst“

 

Immer on Tour

Das gibt der Rapper auf dem programmatischen Song „Auf Achse“ von sich. Es ist wirklich so: In einem Alter, in dem die meisten jungen Menschen noch damit beschäftigt sind, herauszufinden, welchen Lebensweg sie am besten einschlagen sollten, ist der Freigeist schon längst unterwegs: Raus aus der Kleinstadt, rauf auf die Bühnen dieses Landes.

Pimf live auf der Bühne, zusammen mit Kico

„Ich komme meistens nur nach Hause, um mich schlafen zu legen,

Oder um abends noch im Keller mit ein paar Bars zu erzählen,

was ich gerade erlebe“

Angetrieben von einer HipHop-Leidenschaft, wie man sie selten so lodern spürt wie bei Pimf, führt der Rapper den Grundgedanken fort.
Auf „Irgendwo halt nicht“ thematisiert der Künstler, dass man seine Heimat überall finden kann und dass er durch seine „Berufswahl“ einiges verpasst, aber auch ganz andere Erfahrungen machen darf, als zum Beispiel gleichaltrige Freunde.

„Ein reines Gewissen, denn ich schreib‘ nur ein bisschen

Ohne das ich Zeilen auf die Goldwaage lege

Ich will nicht über Erfolg haben reden

Stolz tragen, leben, ob Fame oder nicht“

 

In „Papierfieger“ beschreibt der Künstler rekapitulierend die kleinen Tricks, mit denen er sich durch die Pflichten des Bildungswegs schummelte.

Einen nächtlichen Stream of Consciousness können die Hörer in „Schlaflos“ bewundern. Pimf und Featuregast Mortis sinnieren über fehlende Ziele, Träumerei und den richtigen Lebenswandel. Auf einem traumhaft minimalistischen Instrumental geben sie uns einen weiteren Einblick in ihren Künstleralltag.

„Ich schlafe wenig, aber träume viel

Geh ins Bett und wache auf mit einem neuen Ziel“

 

„Du machst dich gerade für die Arbeit bereit

Ich bin hellwach, denn ich leb nach amerikanischer Zeit“

 

„Ich muss mich nicht an dem, was ich erreicht hab

Weil das, was du schon hast dein Leben nicht wirklich reich macht

Es sind die Dinge, die du noch begehrst

Und deswegen bin ich glücklich auch von Zielen weit entfernt“

Nun wird die Sehnsucht nach dem Unbekannten, die Reise nach etwas Neuem in „Philadelphia“ angesprochen. Ein wahnsinnig gutes Lied: Hört selbst.

Er erzählt in „Silus & Jamal“ eine tolle Geschichte über seine HipHop-Jugend zwischen Rap, Graffti und Rumhängen – Pimf lässt dabei seine Hörer so nah ran, als wären sie dabei gewesen. Storytelling über zwei kleinkriminelle Grafitti-Künstler, die gerne der Mary J huldigen.

Getragen von einem melodischen Elektro-Beat kommt Song Nummer neun „Fata Morgana“ daher. Der Sprechgesangsvirtuose formt tolle Bilder, was man in der Hook schön erkennen kann.

„Ich lauf mit offenen Augen durch diese Welt

Doch sie vergeht wie ein Traum so schnell

So schnell, vergänglich und endlich

Weil sie letztendlich begrenzt ist“

PIMF_MEMO_HWC004_Frontcover

Memo-Cover

Die sich immer schneller drehende Welt, älter zu werden und, dass „Alles ein Ende hat“ beschäftigen den Nachwuchsrapper, die angesprochenen Themen passen exakt auf den Soundteppich und kreieren eine nachdenkliche Atmosphäre.

Im nächsten Track „Schöne Grüße“ verfasst Pimf einen Brief an sein späteres Ich und schafft somit ein Andenken an seine Zeit im Zivildienst. Die Hörer dürfen tolle Lyrics wie diese bewundern:

„Ich investiere Zeit in die Karriere

und vielleicht wärst du vernünftig,

wenn die Leidenschaft nicht wäre

vielleicht dumm und naiv, biographische Musik,

aber trotzdem hatte ich dann die besten Jahre, die es gibt“

Horizont” kann man durchaus als Methapher-Rap to the fullest bezeichnen. Die Meer-Schiff-Thematik wird schön verarbeitet und ist gut gerappt. Einzig die „Halt“-Betonung und die Hook könnte man etwas bemängeln, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Tolles Ding.

„Volle Kraft voraus, das Fernglas zur Hand

Turbulenzen überwinden um zu lernen was ich kann

Die Kollision vermeiden, aber nicht nach euren Regeln leben

Keiner kann mir jetzt den Wind aus meinen Segeln nehmen“

Für Track Nummer zehn „Zeitlupe“ steppt Damion Davis an das Mic. Der Schauspieler und Filmemacher liefert rigoros gut ab und die scheppernden Drums formen einen herrlichen Klang. Der Song ist gerade zu als Paradebeispiel für den Tonträger „Memo“ prädestiniert, er spiegelt die Momentaufnahmen hervorragend wieder. Zwei wunderbare Parts und eine richtig präsente Hook kreieren ein kleines Meisterwerk, nun darf der Refrain begutachtet werden.

 

„Alles bewegt sich in Zeitlupe

An den Fenstern, schneeweiße Eisblumen

Dinge die uns früher prophezeit wurden

Stammen aus einer leeren Kristallkugel“

 

„Egal wohin wir den Qualm pusten

Wie soll man im Nebel nach Halt suchen

Reizüberflutet – kein Trubel

Alles bewegt sich in Zeitlupe“

Pimf

der Künstler beim Videodreh in Sardinien

Pimf gibt gegen Ende auch kleinen Seitenhieb an die Konkurrenz ab und hat nichts belanglosen Doubletime-Rap übrig.

„Halt den Atem an, alles viel zu hektisch

Guck sie rappen immer schneller, doch vergessen ihre Message“

Der letzte Track „Erinnerungsfoto“ hält den roten Faden der LP stramm in die Höhe und unterstreicht die Intention des Tonträgers. Der Rapper gibt einer zum Teil verlorenen und planlosen Generation ein Sprachrohr und spricht das aus, was so viele denken.

Fazit

Die Fähigkeit, sein Leben in kleinen, perfekten Bildern zu beschreiben, seine Gedanken und Zweifel unpeinlich und nachvollziehbar auf den Punkt zu bringen, stellt die große Stärke seines Debüts dar. Produziert wurde das Album von Marq Figuli und Pimf selbst. Die Beats stammen von Marq Figuli, Pimf, Alex Austin und Lucas Wewes. Ein starkes Debütalbum, eine wortwörtliche Symbiose von Beats & Raps. Ein Pimf, wie man ihn hören will.

Tracklist

  • Intro
  • Small City (mit Umse)
  • Auf Achse
  • Irgendwo halt nicht
  • Papierflieger
  • Schlaflos (mit Mortis)
  • Philadelphia
  • Silus & Jamal
  • Fata Morgana
  • Schöne Grüße
  • Horizont
  • Zeitlupe (mit Damion Davis)
  • Erinnerungsfoto

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