Adesse - Fechnerstraße
Gesang
Beats
Stimme
Lyrik
Ohrwurmcharakter
4.5Sterne

Das Debütalbum von Adesse kommt mit bildhafter Lyrik und urbaner Popmusik mit synthetischen Einflüssen um die Ecke

Adesse ist ein waschechter Berliner und ein guter Freund von Weltmeister Jerome Boateng. Seit ein paar Monaten hat er noch einen weiteren prominenten Fürsprecher: Paul Würdig, besser bekannt als Platinrapper Sido. Der Sänger steht seit 2014 exclusiv bei seinem Label „Goldzweig“ unter Vertrag. Die Chancen stehen also gut, in der Musiklandschaft tiefe Spuren zu hinterlassen. Ab dem 25. März 2016 steht nun sein Debütalbum „Fechnerstraße“ in allen Läden, welches von dem grammynominierten und mit platinausgezeichneten Künstler Crada produziert wurde. Dieser bastelte bereits unter anderem für Kendrik Lamar, Alicia Keys, Tim Bendzko und Drake. Als Einstieg und kleinen Vorgeschmack darf man sich das Video zu „1 Minute“ aus der Vorgänger-EP „Elektrisch“ ansehen.

Der wird ein ganz Großer

Das sagt nicht nur Labelchef Sido, sondern Adesse baut Schritt für Schritt seine Hörerschaft aus. Er hat keine Trendfans, sondern Menschen, die treu an seiner Seite bleiben. Der Sänger möchte etwas zurückgeben: sei es einen Denkanstoß,  kraftschöpfende Motivation oder dass man den Moment genießen, alles um sich herum vergessen und sich emotional einfach öffnen kann. Auf der großen „Liebe“-Tour war der Nachwuchskünstler bei 30 Konzerten als Support dabei. Doch es hätte auch ganz anders kommen können. Der Berliner spielte schon seit Kindertagen Fussball und lehnte das Vertragsangebot eines Bundesligisten ab. „Mir hat es immer Spaß gemacht, doch die Liebe hat irgendwie gefehlt“, sagt er darüber. Das kennt man, Interessen ändern sich eben. Auf der anderen Seite wächst der Gefallen an und die Liebe zur Musik stetig. Der Sprechsänger zeigte bereits mit seiner „Elektrisch“-EP, was man von ihm erwarten kann. Besonders die Feature-Songs mit Olson und Sido sind kurz gesagt richtig tolle Musik.

Track by Track

Die Scheibe startet mit dem „Intro“, das Geräusche aus dem Stadtleben und die Durchsage der Haltestelle Fechnerstraße beinhaltet. Das ist die Straße, in der der Sido-Schützling aufgewachsen ist und wo heute auch noch seine Mutter wohnt. Heimat formt einen Menschen und Stück für Stück darf man nun in die Welt des Künstlers eintauchen. „Anruf 333“ ist eine Hymne an seinen persöhnlichen Lieblingsmenschen, jedoch ist dieser Song nicht mit dem Namika-Lied gleich zu stellen. Der Sänger geht tiefer und erzählt viele private und intime Momente. Außerdem werden schöne Metaphern gebildet, ein Teil kann im abgedruckten Refrain begutachtet werden:

Und du weißt, was sonst keiner weiß
Jedes Geheimnis, die kleinsten Details
Treib‘ ich zu weit, bist du mein Anker
Ich bin dir unendlich dankbar“


Der nächste Song „Chaos“ beschreibt das Wechselbad unserer Gefühle – wenn das Chaos die Ordnung unter Kontrolle hat. Das lockerleichte, aber doch epische Crada-Instrumental darf als das Salz in der Suppe bezeichnet werden. Adesse formt eine tolle Atmosphäre, die die starken Bilder vom Gehörgang direkt auf die Augen der Hörer projiziert. Er spricht nicht von Gefühlen und Gedanken, sondern von brennenden Straßen in seinem Kopf, die mit Sirenen, Bengalos und Rauch gesäumt sind und in denen sich kein Wasserwerfer durchsetzen kann. Ein wahrer Neuzeitpoet. In „Ich bleibe“ singt er über den besonderen Punkt in einer Beziehung, wenn man sich vollends öffnet und alle Mauern einreißen lässt. Viele Menschen möchten ihre Intimität und sich selbst schützen und verdrängen Gefühle, um nicht verletzt zu werden. Hier gefällt besonders der toll gesungene Refrain. Der sommerliche Gute-Laune-Beat versprüht seinen eigenen Charakter und lockert das Gesagte auf. Adesse beschreibt auch hier wieder viele Alltagssituationen, die jeder kennt und die man sich leicht vorstellen kann. Im Gegensatz zu gewissen Popsternchen wirken seine Geschichten echt und authentisch.

„Du stehst auf Forrest Gump, ich schau ihn mit dir an
Dann Mittwoch Championsleague, ich Bayern, du Real
Und uns’re Dr. Best stehen jetzt im selben Glas
Du kommst mir gefährlich Nah“

Rosarot zu schwarz“ beschreibt die Phasen einer Beziehung. Der Sänger erzählt vom exzessiven Liebemachen, von den ersten Streitereien und dem Vorstellen bei den Eltern. Der Zweifel daran, ob die Liebe echt ist, bestimmt den Song. Vergänglichkeit heißt das Stichwort. Spätestens jetzt fällt auf, dass der Künstler manchmal auch Doppelreime benutzt, wie es im Hip-Hop üblich ist. Umso höher sind die Texte anzurechnen, da man etwas mehr Feingefühl und Zeit benötigt, um so etwas zu schreiben. Das nächste Lied hört auf den Namen „Sekundenkleber„. Darin schildert der Berliner Situationen, die bestimmt schon jedes Paar durchlebt hat. Es ist leicht zu streiten, doch umso schwerer, sich zu versöhnen und zu schauen, das alles wieder in den richtigen Bahnen läuft. Adesse möchte diese Fähigkeit immer besitzen und die zerbrochenen Momente und Herzen wieder zusammenkleben. Bei Titel Nummer Sieben „Männer weinen nicht“ kommt der einzige Feature-Partner zum Einsatz. Es handelt sich um Labelboss Sido. Dass beide gut miteinander harmonieren, konnten eingefleischte Fans schon in dem Song „Elektrisch“ feststellen. Auch hier stimmt wieder die Synergie von Rap und Gesang. Der Song ist eine Hymne, die viele machohafte Vorurteile beinhaltet, die aber doch meistens zutreffen.

Weiter geht es mit „Luft holen„. Hier geht es darum, sich eine Auszeit zu nehmen, den Alltag zu verdrängen und unseren Dschungel aus Beton kurz zu vergessen. Das leicht verträumte Instrumental ist minimalistisch gestaltet, beinhaltet aber steigende Break-Momente und ruhigere Stellen. „Wünsch dir was“ ist anscheinend eine Entschuldigung an eine verflossene Liebe. Adesse betont,dass ihm das Erlebte leid tut und er dies alles nicht gewollt habe. Mit „Sorry“ geht die Entschuldigungsetappe weiter, diesmal befasst sich der Künstler jedoch mit den Eigenarten des Menschen. Bestimmte Fehler wiederholen wir einfach immer wieder, bestimmte Kanten und Ecken können wir nur schwer verbergen – müssen wir ja aber auch nicht, denn kein Mensch ist perfekt.

Adesse Promo (c) Robert Wunsch

Adesse Promo (c) Robert Wunsch

Eine Spur poetischer wird es dann wieder in „Wasserfarben„. Auf einem epochalen Beat zeigt sich Adesse von seiner besten Seite. Alle malen doch nur mit Wasserfarben, soll heißen, dass unser Handeln vergänglich ist. Verschiedene Konturen- und Dinge ausmalen-Metaphern passen ins Bild. Wahrscheinlich möchte er darauf hinweisen, dass wir alle kleine Wesen und in der fast endlosen Zeitepoche lediglich ein kleiner Bestandteil sind – vergleichbar mit einem Sandkorn. In der Bridge kommt die hohe, fantastische Singstimme zum Einsatz. Hoffen wir, dass diese in Zukunft öfters ausgepackt wird. „Lo-Fi Jetset“ passt sehr gut in das Zeitalter der Billigflieger.  Hier werden Träume auf metamorphischer Ebene reflektiert und eine sorgenfreien Weltreise und die Flucht aus dem Alltag damit verglichen. Lo-Fi bedeutet bestimmt Low Fidelity und soll verkünden, dass man aus wenigen Mitteln viel machen kann. Wenn die Träume groß sind, ist die Hoffnung umso größer.

„Bis ans Ende aller Straßen, schwarzer Panther auf’m Schild
wir haben jeden Tag Premiere und feiern unsern Film“

Unter uns der Himmel“ ist einer der lyrisch stärksten Tracks auf der Scheibe. Die Stimmfarbe ist hier anders, als bei den vorherigen Tracks. Nicht nur klanglich ist das erste Sahne. Hoffen wir, dass die Songs demnächst im Radio laufen. Das „Outro“ ist ein Telefongespräch mit seiner Mutter, in dem er verkündet, dass sein Album fertig sei und er sich zu dem gemeinsamen Essen leider verspäte. Beide freuen sich aufeinander und legen auf.

Fazit

Ein sehr starkes Album, dessen Folgen einen Künstler, der in die Soul-R’n’B-Fussstapfen von einem Xavier Naidoo treten kann, formen können. Die Produktionen von Crada müssen sich vor keinem großen Namen auf der Welt verstecken. Die verschiedensten Einflüsse haben den Sound des Berliner maßgeblich beeinflusst. Der Zugang zum HipHop legte Jay-Z, für Pop- und Rockmusik waren Michael Jackson und Coldplay die Hauptverantwortlichen. Desweiteren sind gewisse Orte zentrale Punkte seines Werdegangs: Der Kiosk, an dem er seine Fußballsticker gekauft hat, der Bolzplatz und die Schule. Einige seiner Jungs, mit denen er noch heute sehr engen Kontakt hat, haben hier früher gewohnt. Diese Erfahrungen haben den jungen Mann  zu dem gemacht, was er heute ist. Die scharfsinnige Beobachtungsgabe, die gefühlvolle Stimme und die ehrlichen, durchdachten Lyrics sind weitere essentielle Stärken der Platte. Die Songs sind keine typische Mainstream-Popmukke, sondern Musikstücke, die zwar melodiös klingen, aber auch markante Ecken und Kanten besitzen. Diese Nähe geht direkt durch die Herzklappe und greift nach Gefühlen. Um sich weiter zu steigern, könnte der Sänger noch weiter mit seiner Stimmfarbe spielen und öfters hohe Töne einbauen. Das ist aber wirklich Jammern auf höchstem Niveau. Schlusswort: ein Debütalbum, wie es besser nicht sein kann.

Nun möchten wir euch noch einen der Tourtermine nahe legen, Adesse ist ein hervorragender Live-Sänger mit einer einzigartigen Bühnenpräsenz.

ICH BLEIBE – Tour 2016

06.Mai.2016 – München AMPERE
07.Mai.2016 – Stuttgart SCHRÄGLAGE
08.Mai.2016 – Frankfurt ZOOM
11.Mai.2016 – Köln YUCA
12.Mai.2016 – Leipzig TÄUBCHENTHAL
13.Mai.2016 – Hamburg PRINZENBAR
18.Mai.2016 – Berlin PRIVATCLUB

Tracklist öffnen

• 01. Intro
• 02. Anruf 333
• 03. Chaos
• 04. Ich bleibe
• 05. Rosarot zu Schwarz
• 06. Sekundenkleber
• 07. Männer weinen nicht (feat. Sido)
• 08. Luft holen
• 09. Wünsch dir was
• 10. Sorry
• 11. Wasserfarben
• 12. Lo-Fi Jetset
• 13. Unter uns der Himmel
• 14. Outro

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