Bonez MC & RAF Camora - Palmen aus Plastik
Beats
Flow
Melodie
Features
Musikalität
4.5Sterne

Die Super-Kombo kreiert ein deutschsprachiges Dancehall-Album, das fast nur aus Hits besteht.

Der Kopf der 187 Straßenbande Bonez MC und Indipendenza-Oberhaupt RAF Camora haben sich nun auch auf Longplayerlänge zusammen getan und ein Kollaboalbum veröffentlicht. „Palmen aus Plastik“ von Bonez MC und RAF Camora erschien am 09. September 2016 in Zusammenarbeit von den Labeln „Auf keinen Fall“ und „Indipendza“ über Chapter ONE/Universal.

Palmen aus Plastik Promo 1 (c) Farido

Palmen aus Plastik Promo 1 (c) Farido

Schon seit dem 187 Straßenbande-Hit „9 MM“ und spätestens seit ihrem gemeinsamen Song „Geschichte“ kursierten die wildesten Stories im Internet umher. Ein wahrhaftiger Hype entstand, als das Album angekündigt wurde. Die Aufrufe der Singles bewegen sich nun insgesamt bei über 20 Millionen. Neben Multiinstrumentalist RAF Camora haben die Musikproduzenten X-plosive, Irievibrations, Jambeatz, Beataura, Suigeneris und KitschKrieg produziert. Sage und schreibe acht Featuregäste kommen den Beiden zur Hilfe. Doch dazu später mehr.

Analyse

Das „Intro“ leutet die richtige Stimmung ein, wenn man dem kurzen Gespräch auf Patois lauschen kann. Es steigert die Lust den beiden Rappern zuzuhören. Das erste Kapitel beginnt mit dem entspannten Song „Ciao Ciao„. Sie verabschieden sich und springen auf den Dancehall-Zug. Der Track handelt vom Kampf nach oben. Man ist sofort gebannt von der Atmosphäre. Der Titeltrack „Palmen aus Plastik“ ist der Sommerhit schlechthin, der erst bei genauerem Hinhören zu einer düsteren Gesellschaftsanalyse mutiert. Spitzfindige, ironische Texte auf einem Riddim, bei dem man nicht stillsitzen kann. Der Song funktioniert sowohl im Radio und auf dem Dancefloor. Kompliment an die Künstler.

In „Mörder“ kommt zum ersten mal ein Mitglied der 187-er Straßenbande dazu. Gzuz fügt sich nahtlos ein und das Trio brettert über den Beat. Textlich wird es etwas Battle Rap-lastiger.

Sie drohen mir mit Plastikfiguren, hab’n für ’n Drive-By kein‘, der fährt
Freizeit-Soldiers im Undercut-Look – sag, wer nimmt euch denn ein‘ Prozent ernst?
Eure Waffen sind aus Kunststoff, made in China
Nicht mal dreihundert Views, selbst mit dickem Feature

Ohne mein Team“ featurt Maxwell und darf eher in die Sparte Soca eingeordnet werden. Der Beat rollt förmlich und alle drei bringen einen ähnlich schnellen Flow. „Erblindet“ legt klanglich noch eine Schippe drauf und überzeugt mit Melodiösität. Nun folgt mit „Evil“ ein kleiner Stilwechsel und es wird dunkler und härter. Der „Demon of Dancehall“ Tommy Lee Sparta leistet dem Duo namhafte Gesellschaft. Der Part des Jamaikaners ist bis hier der beste Featurepart und eine echte Bereicherung. Stimmlich und flowlich facettenreich und on Point.

Attackieren“ mit Hanybal aus dem Azzlack-Camp pendelt eher in Richtung Gangsta-Rap und passt meiner Meinung nach nicht in das Gesamtbild. Der Track ist nicht schlecht, aber hätte nicht auf dem Album sein müssen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Lied „Killa“ und dem Mitwirken von D-Flame. Aus traditionellen und stilistischen Gründen ist das natürlich ein großes Ding für Szene. Die Flamme hat früher viel für den Dancehall-Touch getan, hat sich aber bei seinem Gastbeitrag anscheinend nicht übermäßig viel Mühe gegeben. Der Track hat jedoch seine Daseinsberechtigung, denn genau das ist „In die Fresse Dancehall“. „Ruhe nach dem Sturm“ läutet einen neue Etappe der Platte ein, animiert zum Kopfnicken und geht ein bisschen tiefer. Die Pfeifmelodie passt wunderbar zum leicht poppigen Beat.

Wir stehen im Licht und wissen nicht einmal, wie hell es scheint
Nein, es wird nie wieder Dasselbe sein
Wir sind nicht Teil einer Geschichte, wollen sie selber schreiben
Haben entschieden: es wird nie wieder Dasselbe sein

Vaporizer“ featurt die Dancehall-Legende Trettmann und das Trio phantasiert und philosphiert über die Anwendungsmöglichkeiten des grünen Krauts. Eine Kiffer-Ode der besonderen Art. „Dankbarkeit“ passt wieder eher in die Kategorien Reggae und Offbeat, hier besticht wiederum selbstsagend die Message. „Skimaske“ geht derbe vorwärts und featurt wieder Gzuz, der mit einem astreinen Flow besticht.

Palmen aus Plastik Promo 2 (c) Farido

Palmen aus Plastik Promo 2 (c) Farido

In „Cabriolet“ sehnen sich beide nach Freiheit und kreieren wieder mal eine tolle Amtosphäre. Das Sample klingt lustigerweise nach “Barbie Girl” von Aqua. RAF rappt lässig „Egal, welche Richtung, das Ziel ist der Weg“. Im letzten Track „Daneben“ kommt nochmal Trettmann zum Einsatz und gefällt noch eine Spur besser als in dem vorherigen Track. Die Handlung des Songs beschreibt Desinteresse und den Wunsch nach Ruhe.

Fazit

Hier geht es nicht um ausgeklügelte Wortspiele, die krassesten Flows oder heftigsten Reime. Die Stichwörter lauten Gefühl, Style und Freude. Die Platte ist tanzbar und melodiös – aber eben doch auch behaftet mit jeder Menge Realness und Ironie. Die Mixtur der beiden Künstler lässt keine Wünsche offen. RAF zaubert phantastische Beats und eine gewisse Weisheit. Bonez Straßenattitüde, Grime-Flows und trockenen Humor, das ergibt eine explosive Mischung. Beide spucken ihre Reime sehr melodisch auf die Riddims und formen Ohrwürmer der Extraklasse.

Die Featureauswahl ist im allgemeinen gut gelungen. Die einzelnen Spannungsbögen der Platte machen Spaß und sind durchdacht. Auch stilistisch bleiben keine Wünsche offen. One-Drop-Riddims, Offbeat-Reggae, futuristische Dancehall-Bretter funktionieren allesamt. Für viele Leute bestimmt die Platte des Jahres, definitiv ein Must-Have für jeden Musikliebhaber. Dancehall auf deutsch geht genauso.

Tracklist öffnen

1. Intro
2. Ciao Ciao
3. Palmen aus Plastik
4. Mörder feat. Gzuz
5. Ohne mein Team feat. Maxwell
6. Erblindet
7. Evil feat. Tommy Lee Sparta
8. Attackieren feat. Hanybal
9. Killa feat. D-Flame
10. Ruhe nach dem Sturm
11. Vaporizer feat. Trettmann
12. Dankbarkeit
13. Skimaske feat. Gzuz
14. Cabriolet
15. Daneben feat. Trettmann

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