BOZ - Made in Germany
Beats
Flow
Konzept
Lyrics
Gesamtpaket
4.1Sterne

BOZ mit seinem letztem Album auf Rattos Locos – rougher Straßenrap trifft Deepness

Anfang des Jahres, genauer gesagt am 27.Februar 2015 veröffentlichte der Deutschrapper BOZ sein zweites Studioalbum „Made in Germany“ über das Label Rattos Locos. Aufmerksame Verfolger kennen den Sprechgesangskünstler bestimmt noch aus der Reim-Battle-Liga (RBA). Nach seiner „Farben“-EP und dem Debütalbum „Kopfkrieg“ ein weiterer Schritt in der Diskographie des Hamburgers. Hierbei hat er stets mit einer einzigartigen Stimmfarbe, kompromissloser Ehrlichkeit und einem brachial drückender Flow auf sich aufmerksam gemacht.

Rap-Voice of Germany

Der Halb-Pakistani hat eine so geile Stimme, dass er auch der deutsche Snychronsprecher von James Bond sein könnte. Extreme lyrische Leckerbissen darf man nicht erwarten, das ist auch bestimmt nicht die Absicht von BOZ, jedoch ist er auch kein typischer Straßenrapper, der die deutsche Sprache nicht beherrscht. Der Rapper bedient keine bestimmte Sparte und liegt irgendwo dazwischen. Im Opener „M.A.D.E“ gibt der Künstler kritisch und ehrlich die Marschrichtung vor und man kann sich ein erstes Bild machen, in welche Richtung der Longplayer geht. Der Beat zieht den Hörer in den Bann und stellt ein melodiöses Zusammenspiel aus Schlagzeug, Tasten- und Streichinstrumenten dar. Gutes Gesamtpaket, ein schöner Einstieg.

Mit einem starken, variablen Flow startet das Skit „Farben“ und der Rapper stellt klar, was er von manchen Kollegen hält, für die Produktion zeigen sich El Fatone und Croky Jazz verantwortlich. Der fleißige Produzent CJToxic hat ingesamt an sechs Beats geschraubt und Freshmaker bei einem Instrumental unterstützt. Die Single „Kalte Welt“ hat Joshimixu gebaut, Hookbeats, Smooth Floww und Kassim Beats habe einige Beats beigesteuert, Executive Producer ist „Oul Good“.

„Kanacken haben Hype, aber wenn es darum geht
Den Takt zu treffen, war`s haarscharf vorbei
Egal, nächstes Mal vielleicht
Nimm deine Jungs mit, zeigt, wie stark ihr seid
Gangsterrapper legen sich schlafen nach einer rechten Graden
Und wollten danach dann gar kein Streit“

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BOZ Promo, (c) BOZ

In „Biatch“ spricht er weiter Klartext und setzt seine Meinung gegenüber oberflächlichen Frauen, die zu viel Schminke tragen, in die Welt. Dabei formt er lustige Bilder, die Hook setzt den Humor fort und hinterlässt ein Augenzwinkern. Jedoch wirken manche Stellen sehr verächtlich, den ein oder anderen Gedankengang hätte man weglassen oder anders formulieren können. „Kareeminell“, dem ein chilliger Lowrider-Beat unterliegt, ist Straßenrap to the Fullest. Der Titel des Tracks ist das Label von seinem Bruder Reeperbahn Kareem. Wo zukünftige Alben releast werden, steht derzeit noch offen. Ein kleiner Kritikpunkt: weniger Zweckreime hätten den Song noch etwas besser gemacht.

Track Nummer Fünf nennt sich „Rohdiamant“ und DSDS-Gewinner Mehrzad Marashi spendiert hierfür eine Hook. Der weiche Refrain stellt einen Gegenpart zu den eher härteren Rapparts dar. BOZ rappt authentisch über Loyalität und Freundschaft und verpackt eine kleine Dankesrede an unser Land, die sich gewisse Leute ruhig zu Gemüte führen könnten.

Nun folgt sein „Brief“, der wahrscheinlich emotionalste Track des Tonträgers. Auf einem nachdenklichen Instrumental schließt der Künstler authentisch mit einer gescheiterten Beziehung ab, gesteht sich den ein oder anderen Fehler ein. Seine verflossene Liebe bittet er um Verzeihung und verschachtelt wieder tolle Bilder.

„Ich kann nicht aus meiner Haut, ich weiß nicht
was ich sagen soll also schreib‘ ich’s auf“
„Also schreib‘ ich ein’n Brief, ich weiß nicht, ob du’s liest
Ich hoffe nur, du kannst mir irgendwann verzeihen, tief
In dei’m Herzen weißt du, ich bin kein Stück Scheiße
Doch von da wo ich bin, gibt’s keine Rückreise“

Der Sprechsänger wird von Track zu Track sympathischer und zeigt dem Hörer mehrere Facetten seiner Persönlichkeit. Der Beat in „Nur Musik“ zieht einen sofort in seinen Bann und kreiert eine gediegene Atmosphäre. Rap über Rap, der Künstler beschreibt sein Schaffen und die daraus resultierenden Gefühle.

„Leute fragen mich, was ich dafür krieg‘
Und ich sag: Ein Gefühl, als wenn ich flieg’“
„Ich bin kein Genie, aber schlauer als die Meisten
Das ist keine Wissenschaft, schau genauer auf die Zeichen“

lyrisches Highlight der Platte

Nun kommt der vermeintliche Höhepunkt der Platte. In „Kalte Welt“ wird das rücksichtslose Streben nach Geld kritisiert. Auf dem von Joshimixu produzierten Instrumental, kann der Sprechgesangsakrobat sein Potenzial vollends ausschöpfen. Gekonnt formt er den berühmten Satz des deutschen Schriftstellers Bertholt Brecht um, der in seinem Theaterstück „Die Dreigroschenoper“ (1928) schrieb: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

„Du frierst ein in der Sekunde, wo du feststellst
Dass selbst ein guter Mensch für ein‘ Preis die Seite wechselt
Und das Gerede um die ganze Scheiße wegfällt
Erst kommt die Moral, dann das Fressen
Dann die Reue, danach das Vergessen“

Nun kommt der Albumtitel „Made in Germany“ mit der Tracknummer Neun zum Vorschein. Hier spricht BOZ verschiedene Probleme an, ob radikalisierter Moslem, „bin kein Nazi, aber-Bürger“ oder nachplappernder Papagei, alle sollten zufrieden sein in unserem Land leben zu dürfen. Volle Punktzahl, Jameel.

„Mein Vater kam allein mit 18 Jahren und sagte
Ich nahm mir einen Koffer und ging fort, denn
Von dort wo ich herkomm ist Hoffnung nur ein Wort.“
„Menschen in der dritten Welt denken „Was für eine Chance?“
Ich würde alles dafür tun dass ich sie bekomm‘
Wenn es sein muss schlaf ich sogar nackt auf dem Beton
Viele reden schlecht, trotzdem gehen sie nicht weg
Ich bin einer von ihnen, darum mach ich diesen Song“

Der nächste Song „Was Du nicht sagst“ ist abgesetzt für die Lügner und Blender a`la Baron Münchhausen. In Kooperation mit PA Sports wird derbe geflowt und Wut abgelassen.

Die Nadel steht auf Norden, „Kompass“ berichtet von den Straßen der Hansestadt, persönlichen Dingen und allgemeiner Systemkritik. Auf dem Tonträger ist ein klares übergeordnetes Thema erkennbar: das Leben in Deutschland aus der Sicht eines Mannes mit Migrationshintergrund. Die „Merzhad Marashi“-Hook ist Geschmackssache, kann man mögen, muss man aber nicht.

„Der Norden ist kalt und grau, doch ich halt es aus
Denn ich komm von hier, jeder Song von mir strahlt es aus
Nichts sieht bei Nacht so schön wie die Alster aus“

High-Definition, besser als in echt

Im nächsten Track kommen zwei bekannte MCs hinzu, die schon öfters im Doppelpack agiert haben. Zusammen mit MoTrip und Joka philosophieren sie in „Digital“ über die unechte, fiktive Welt des vermeintlichen Fortschritts. Das binäre System hat uns fest im Griff, kontrolliert und vergisst nicht. Aus dieser Perspektive haben noch nicht allzu viele Rapper berichtet. Trip`s Part gibt wunderbar den Grundgedanken wieder.

„Weisst du noch – früher hat das Lagerfeuer dich gewärmt
Heute ist das Nächste Abenteuer nur ein Klick entfernt.
Ständig nur im Minus, erweiter` den Kredit
Kämpf gegen das Virus, keine Medizin“

Die Kritik für den Beat, auf dem der Künstler seinen „Chaosflow“ drückt, kann ich überhaupt nicht verstehen. Das Instrumental ist ein solides Stück und eignet sich hervorragend für die Doubletime-Raps des Hamburgers. Schön zu sehen dass der Untergrundrapper Chissmann mit einem Feature-Beitrag in „Es tickt“ das Album bereichert. Der Output der RBA-Legende ist in letzter Zeit nicht allzu hoch gewesen, jedoch sollte man sich sein Mixtape „Ganz Normal“ aus 2009 zu Gemüte führen. Rap der Extraklasse und für Viele ein Meilenstein. Aus dem Herzen Europas beleuchten der Hauprotagonist und der Urhamburger Volee in „Kein Kuss“ die dunklen Gassen ihrer Heimatstadt. Geiles Teil, geballte Energie. Die im Deutschrap übliche Fick-Thematik sollte natürlich wie immer nicht wortwörtlich genommen werden.

BOZ im Interview , (c) BOZ

Mit „Regen“ kommt wieder etwas aus der melancholische Ecke seines Seins. Das alles wirkt echt und ist krass gut verpackt, man darf Zeilen wie diese bewundern:

„Wenn der Regen auf den Asphalt schlägt, frag ich mich wie kann aus Liebe soviel Hass entstehen?
Ich kann dich nachts noch sehen und dann steht kurz die Welt still
Es tut weh, abgelehnt zu werden wenn man selbst will“

Ein weiterer Höhepunkt des Longplayers nennt sich „Machtlos“, hier thematisiert der Rapper die Alkoholsucht seines Vaters. Er kehrt sein Innerstes nach Außen und beschönigt absolut nichts. Gefühle werden förmlich in die Ohren der Konsumenten hinein gepresst. Geil gerappt, das ist großartige Musik.

„Machtlos – erst war ich zu klein, dann war es zu spät
Jemand, der nicht glaubt, krank zu sein, kann man nicht heilen“
„Ich will gehen, alles ändern
Wir bringen dich zu Verwandten nach England
Doch Probleme folgen dir auch in andere Länder“

Im Outro-Tune „Gegenteile“ wird von zwei Seiten berichtet und mit dem Album abgeschlossen.

Auf der Premium-Edition befinden sich noch drei weitere Bonus-Tracks, die sich vor den anderen Songs nicht verstecken müssen. Er ballert alle ab und verwandelt sich in „Django Unchained“ und „zeigt euch ein paar Flows, die sich gewaschen haben“. Genau das ist Hip-Hop.

Im vorletzten Track mit Nate57 und Telly Tellz rappen die drei in A-Team-Manier, über unterschiedliche Ereignisse, wenn ein Plan funktioniert. Das Trio packt dicke Flows aus und Nate glänzt besonders und unterstreicht sein Potenzial. „Falle“ beschreibt den schlechten Einfluss von gewissen Dingen. Die (Rap)-Musik spielt dabei eine große Rolle, jedoch auch das persönliche Umfeld und die Gewohnheiten der Protagonisten. Der Track ballert derb rein und die Hook ist vielleicht die Beste, die BOZ je geschrieben hat.

Fazit

Die Platte hat krasse Höhepunkte, aber auch einzelne schwächere Momente. Beats, Raps & Attitüde sind absolut stimmig, jedoch verschwimmt der Hamburger etwas in sich und weiß nicht ganz genau wo er hin will. Für zukünftige Projekte könnte er etwas den Fokus erhöhen, um ein runderes, homogeneres Gesamtprodukt zu kreieren. Wenn BOZ ein anderes Umfeld mit guter Infrastruktur erhält, ist er bestimmt in der Lage einen Deutschrap-Meilenstein zu erschaffen. Drücken wir die Daumen und hoffen.

Tracklist

  • 01. M.A.D.E
  • 02. Farben (Skit)
  • 03. Biatch
  • 04. Kareeminell
  • 05. Rohdiamant (feat. Mehrzad Marashi)
  • 06. Brief
  • 07. Nur Musik
  • 08. Kalte Welt
  • 09. Made in Germany
  • 10. Was Du nicht sagst (feat. P.A. Sports)
  • 11. Kompass (feat. Mehrzad Marashi)
  • 12. Alles digital (feat. Joka & Mo-Trip)
  • 13. Chaosflow (Totalschaden)
  • 14. Es tickt (feat. Chissmann & Reeperbahn Kareem)
  • 15. Regen
  • 16. Kein Kuss (feat. Volee)
  • 17. Machtlos
  • 18. Gegenteile (Outro)

Bonustracks:

  • 19. Django Unchained
  • 20. Plan (feat. Nate57 & Telly Tellz)
  • 21. Falle
  • 22. Bis zum Abwinken

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