Mit ihrem dritten Album melden sich Celo & Abdi aus Frankfurt zurück und bleiben dem unverkennbaren Azzlackz-Sound treu.

celo-abdi-bonchance-cover
Vorab muss man sagen, dass Produzent M3 ein Beat-Meisterwerk mit Bonchance geschaffen hat.
Hier kommt sowohl der „altmodische“ Soul-Sample Hörer, als auch der „neumodische“ Synthie-Fan auf seine Kosten, wobei jeder Beat auf den Punkt genau ausproduziert ist.

M3 LIEFERT EIN GLORREICHES BEAT-FUNDAMENT

Wer solche Beats zur Verfügung hat, der sollte eigentlich nicht viel falsch machen können… könnte man im Vorhinein denken.
Doch gerade hier stoßen Abdi, aber vor allem Celo an ihre lyrischen Grenzen.
Zwar muss man beiden zugestehen, dass sie sich sehr wohl flow- und skilltechnisch weiterentwickelt haben, doch bleibt der Rap und die lyrische Tiefe im Ganzen eher Durchschnitt.
Dabei schneidet Abdi noch durchweg besser ab und hat in dem ein oder anderen Track seine Momente. Celo hingegen wirkt auf vielen Beats wie ein Fremdkörper, wobei es auch nicht hilft, dass man ihn als Menschen ins Herz schließen will, auf Grund seines recht lustigen und sympathischen Auftretens.

Doch fangen wir mit dem Highlight des Albums an.
Der letzte Track Blendoui vom 17-Song-starken Album, bietet dem Hörer einen „Beat-Ohr-Orgasmus“ , wobei das „Backstabber“-Soul-Sample eine perfekte Symbiose mit den punktgenauen Drums eingeht. Als Feature-Gäste wurden Ex-Azzlack Veysel und der „Masta“ Olexesh mit ins Boot geholt, wobei Letzterer den eindeutig besten Part im Lied hat und den Beat in alter Frankfurt-Manier „zersägt“. Großartig.
Inhaltlich geht es um die allseits bekannten falschen Freunde, die immer nur da sind, wenn alles gut im Leben läuft. Abdi liefert eine wirklich gelungene Hook, die in sich stimmig, sowohl atmosphärisch, als auch raptechnisch glänzt.
Alles in allem wissen alle beteiligten MCs zu überzeugen und man kann ohne schlechtes Gewissen sagen, dass Blendoui ein absoluter Ohrwurm ist.

Anders sieht es da schon bei Song Nr.1 namens Kickstart aus. Eröffnet wird das Ganze mit einem Filmzitat aus dem französischen Streifen „Hass“ , welcher schon so manchen Hip Hop-Song kreativ bereichert hat. „Dies ist die Geschichte einer Gesellschaft, die fällt. Während sie fällt, sagt sie, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut.“
Kickstart ist auch direkt der erste Beat-Höhepunkt von Bonchance, welcher gerade zu maßgeschneidert ist für „DEN“ Representer-Track überhaupt, selbst wenn der Song nur ein Intro-Format verfolgt. Doch weder Celo noch Abdi wissen hier zu überzeugen und glänzen eher durch Zweckreime und aneinander gereihte Inhalte, die nicht so ganz zusammenpassen wollen.
Leider stellt man sich direkt zu Anfang die Frage, was Genre-ähnliche Rapper wie Olexesh oder Xatar mit so einem Brett von Beat veranstaltet hätten.
Amo aller Amos bietet Celo die Möglichkeit einen Teil seiner Biografie vorzutragen, während Abdi sich in seinem Part den imaginären Fake-Gangster auf der Strasse vorknöpft. Beattechnisch volle Punktzahl, raptechnisch durchschnittlich, wobei die Hook vor allem durch Abdis eigenwillige Aussprache des Songnamens positiv heraussticht.

HOCHGLANZ VIDEOS, DOCH RAPTECHNISCH NUR DURCHSCHNITT

„Guter Wein muss reifen und Rom wurde nicht an einem Tag erbaut“ heisst es im nächsten Song Erster Atemzug . Inhaltlich der erste Song, der sich konkret mit einem Thema beschäftigt und Situationen und Probleme im Leben der beiden Künstler in einem gewöhnungsbedürftigen und teilweise anstrengenden Flow präsentiert. Zwar bietet ein flexiblerer Flow immer Abwechslung, doch wirkt das Ganze eher gewollt und nicht gekonnt.
Videotechnisch haben die Azzlackz noch nie viel falsch gemacht. Auch der visuelle Teil der „Bonchance“-Single weiß zu überzeugen. Dazu flowen C&A solide. „Was ist der Sinn des Lebens? Sobald du das Licht der Welt erblickst, fängst du an zu sterben“ , schreit Celo dem Hörer entgegen und fordert ihn auf, einen Schritt weiterzudenken, wenn es um philosophische Fragen des Lebens geht. Leider verpassen beide Künstler aber auch die Chance, konkretere Vorschläge zu Verbesserung des Alltags vorzutragen, statt das Leben nur als eine Art Russisches Roulette zu „entlarven“. Bezeichnend dafür ist Celos letzter Satz: „Ich selbst bin nicht besser, aber es ist nun mal so“. Für mich persönlich eine zwischenmenschliche Bankrott-Erklärung.


Natürlich dürfen auch Songs über den Drogendealer-Alltag nicht fehlen. Ticker Chromosom, Verfolgers und Karawane bedienen diese Sparte, wobei besonders Verfolgers positiv heraus sticht und paranoide Zustände im Drogengeschäft mit einem herrlich „verstrahlten“ Beat untermalt.
Wenn die Azzlackz Hammerhart von den Beginnern samplen, dann weiss man spätestens im Song Schlaghammer, der inkl. Video daherkommt, dass man sich in Frankfurt keinen künstlichen Szene-Grenzen unterwirft. Man will den beiden Jungs gerade zu entgegen schreien, dass sie doch ihre Momente haben, wenn sie sich wie hier auf ein kreatives Konzept einlassen.

BLOCKBERICHTE

Sowohl Gargoyles, als auch Chabula und Marifet müssen leider als Lückenfüller betrachtet werden, bei denen es an der lyrisch kreativen Umsetzung mangelt. Die Strasse ist kalt und hart, Nachts erwachen die Azzlackz und tagsüber wird geschlafen, um Kraft für den „Nacht-Struggle“ zu sammeln. Allgemein ist die Gesellschaft verkommen, Kids rauchen Crack, Hippies feiern sich in der Bedeutungslosigkeit und Abdi trifft sich mit Wladimir Putin in der Disco. Gekonnt wird die eine oder andere Anspielung noch dazwischen geschoben, die zum wiederholten Male darauf hinweist, dass die Azzlackz sich natürlich in einem Umfeld bewegen, in dem kein Schweinefleisch gegessen wird und man trotz der kriminellen Machenschaften das Gebet Richtung Mekka nicht vergisst. Kommt dem Strassen-Rap-Hörer bekannt vor und man kann nur schwer das Gefühl unterdrücken, dass mit solchen Aussagen eher ein bestimmtes Käufer-Klientel angesprochen werden soll, statt den spirituellen Wert der Handlungen zu unterstreichen.
Schnelles Geld, Letzter Atemzug und Nullfünfkriege gehen hingegen inhaltlich tiefer, wobei sich C&A mit Materialismus, Blutgeld und Statussymbolen beschäftigen, die gekonnt in einen alltäglichen Blockbericht einfliessen, der bei „Nullfünfkriege“ mit einem souveränen Hanybal als Feature vorgetragen wird. Dabei sticht besonders eine Zeile von Abdi heraus, in der er sagt, dass die Familie auch zu einem steht, wenn man kein Geld mehr hat.
Was wäre ein Frankfurt-Album 2015 ohne ein Haftbefehl Feature?
Somit ist klar, wer beim Song Heckmeck nicht fehlen darf. Und das ist noch nicht alles.
Denn nicht nur der Babo gibt sich die Ehre, sondern auch der Baba aller Babas Xatar ist vor Ort und liefert auch umgehend den besten Part des Tracks ab.
Kompromisslos und on point.

FAZIT

Bonchance ist beattechnisch ein Meisterwerk und unterstreicht den Status deutscher Produzenten im internationalen Hip Hop Vergleich.
Die gesamte Azzlackz-Bewegung hat mit den Jahren gelernt ihren Hype perfekt innerhalb eines professionellen Konzeptes, inkl. hochwertiger Musik-Videos, umzusetzen. Dementsprechend kann man auch im Falle Celo & Abdis sagen, dass das Auge bei den Tracks „mithört“. Hört man sich aber die Musik ohne Video an und streicht das ganze Drumherum aus der musikalischen Empfindung heraus, so bleibt ein Rap-Team, das sich einen eigenen Style erschaffen hat und diesen auch authentisch vorträgt, dabei aber oft dem Hype entsprechende Rapskills und eine kreative Umsetzung von Inhalten vermissen lässt. Abdi zieht sich dabei noch deutlich besser aus der Affäre, wobei Celo es ihm mit Zweckreimen und Flow-Abstinenz auch nicht wirklich schwer macht.
Inhaltlich fühlt man sich als Hörer schnell unterfordert und schreit förmlich danach, das Leben einmal nicht an Hand einer schwarz-weiss Schablone präsentiert zu bekommen.
Manch einer mag diese Review als zu kritisch empfinden. Ich hingegen höre mir „Blendoui“ an und weiss, dass in Zukunft bei Celo & Abdi mehr zu erwarten ist.

Bildquelle: celo & abdi Facebook

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