Chefket - Nachtmensch
Flow
Beats
Konzept
Lyrics
4.6Sterne

Der Wahlberliner zeigt seine vielen Facetten und entwickelt sich von Release zu Release auf hohem Niveau weiter.

Die Frage ist ja: Warum und weshalb, um alles in der Welt, ist dieser Chefket eigentlich noch kein Star? 2008 gewinnt er das „End of the Week“-Freestyle Battle und wurde 2009 Zweitplatzierter bei den Weltmeisterschaften in London.

Şevket Dirican a.k.a Chefket ist Rap, Chefket ist Soul, dazu ein begnadeter Live-MC und lyrischer Schreiber. Universal hat sich ihn geschnappt und sein Team ist top aufgestellt für die Zukunft.

Der 32-Jährige hat als mitreißender Live-Support für Größen wie Marteria, Tech N9ne, Jan Delay oder Samy Deluxe vor tausenden von Menschen als Voract eröffnet und ist als offizieller Sprachbotschafter des Goethe-Instituts durch die Weltgeschichte gereist.

Cover Nachtmensch, (c) Universal

Sechs Jahre nach seinem Debütalbum „Einerseits Andererseits“ kam nun am 14.August 2015 sein zweites offizielles Studioalbum in die Läden. Nach der „Identitäter EP“ und dem Mixtape „Guter Tag“ ist Chefket wieder auf Lonplayer-Basis zurück.

Nach der Reflexion seiner kulturellen Identität und der Sorglosigkeit des Mixtapes, geht der Rapper nun neue Wege. Herausgekommen sind zwölf stimmige Songs, die nicht nur durch pointierte Alltagsbeobachtungen bestechen, sondern sich – getreu dem Titel – auch mit der Nacht in allen ihren Facetten auseinandersetzen.

„Die Stadt ist bei Nacht so schön ruhig und man kann sich ein wenig von der Hektik des Tags erholen“, erklärt Chefket. „Dann kommen mir die besten Ideen. Nicht nur für Texte, sondern generell“.

„Soulmusik – vielleicht nicht so beliebt
Doch ich muss keine Million verdien’“

Grandioser Start

Der selbsternannte Skillionär beginnt mit „Rap & Soul“, versprüht galante Oldschool-Vibes und zeigt dem Hörer sofort seinen variablen Style auf. Flow, Lyrik und Dopeness auf höchstem Niveau.
Die Beatproduktion haben Farhot und Ghanaian Stallion übernommen, das dezente, sehr gut passende Video stammt von Sander Houtkruijer. Ein Opener, wie er besser nicht sein kann.

„Liebe diesen Scheiß und wenn ich später verreck‘
Leb‘ ich in Tracks weiter, wie jeder, der rappt
Der Körper unter der Erde, doch die Seele im Text“

Das asiatisch angehauchte Instrumental in „Glücklichster Rapper“ ist minimalistisch gehalten und brennt sich gut in die Ohren. Der Sprechsänger beschreibt seine momentane, freudige Sitaution und betont, dass er noch nie einen Backup brauchte um live abzureißen.

Jeder sagt, er wäre der Beste, Chefket ist lieber der Glücklichste und gibt Beispiele, dass man mit dem zufrieden sein soll, was man hat. Er unterstreicht, das ihm die Musik wichtiger als Geld ist und hinterlässt ab und zu ein Augenzwinkern:

„Zum Feiern geh‘ ich auf Parties und tanze gegen den Beat
Ugly-Dance-Competitions, ich hab‘ jeden besiegt“

Fly Away

Der Künstler tut das, was er liebt und hebt ab. Mit „Fliegen“ ist dem Künstler ein astreiner Pop-Song gelungen, dessen Attribute sehr gefühlvoll und ehrlich erscheinen. Man kann den Soul förmlich riechen. Die Stimmfarbe ist einzigartig und die variablen Passagen werden in Hochform pervertiert.

Bazzazian unterstützte Farhot bei der Beatbastelei, eingespielte Violin- und Klaviertöne vervollständigen das Gesamtprodukt. Die Lyrics sind auf gewohnt hohem Niveau, qualitativ besser kann ein Album nicht beginnen.

Nun kommen wir zu dem Titelsong “Nachtmensch”, auf dem sich der Rapper höchstpersöhnlich an das Klavier setzte, um Töne einzuspielen. In nur einem Verse verschmilzt er förmlich mit dem Instrumental und setzt sehr feine Flow- und Atempausen. Besonders hier spürt man die unglaublich aufwendige Produktion des Tonträgers. Die letzten Zeilen der Bridge sind besonders einprägsam:

„Das Leben wollte dich zeichnen
Aber du hast dich bewegt“

Jetzt transformiert sich der Wahlberliner zur Pferdelunge und die Beatstruktur wandelt sich etwas, alles wirkt etwas schneller, elektronischer und tanzbarer. Reges Partytreiben und Szenen einer durchzechten Nacht werden beschrieben, „Tanz“ liefert astreine Doubletime-Parts und der Künstler bekennt sich zum Exzess.

Nach dem Hoch folgt das Tief. Nach der Feierei kommt der Morgen danach, inklusive „Kater“ und manchmal auch die Erkenntnis. Alkohol hat seine Sonnen- und Schattenseiten – das weiß wohl jeder, der nach einer willenlosen Nacht mit pochenden Kopfschmerzen und Übelkeit aufgewacht ist. Chefket redet von Ibuprofen und dem Tragen einer Sonnenbrille, um die roten, glasigen Augen nicht zur Schau zu stellen. Das traditionelle „Morgen-trink-ich-nichts-mehr“-Gerede kommt zum Einsatz, steht jedoch im Gegensatz zum Nachtleben und wirkt somit passgenau eingestanzt.

In nächsten Titel “Träume” kommt ein Melody-Gardot-Sample zum Einsatz, “Love Me Like a River Does” tönt es aus den Lautsprechern. Träume, Wünsche und Gedanken kann man einem Menschen nicht wegnehmen. Recht hat er.

„Sage, was ich denk‘, denk‘, was ich sage
Schwarz-Weiß-Malerei, ich seh‘ alles in Farbe“

„…setze meine Maske wieder auf
Nehme sie dann wieder ab, komm, lüg‘ mir ins Gesicht
Ich lache dich nur aus“

Nun folgt „Lass gehen“ eine Hymne an kurzweilige Disco-Aufrisse. Welcher (Single)-Rapper lehnt die Begierden der weiblichen Fans ab und nimmt die Auserwählte nicht mit in das Hotelzimmer? Die Wenigsten. Das Swing-Sample sorgt für die musikalische Würze, hier sollte man nicht zu sehr auf die Lyrics starren. Der Song soll gut klingen und das tut er.

Carie Me Homeland“ ist ein Storyteller des besonderen Art. Leute, die den Song plump kritisieren, haben ihn wohl einfach nicht verstanden. Dieser Track erzählt anhand der Analogie der Showtime-Serie „Homeland“, wie ein Majorlabel seine Künstler manipuliert, verändert und letztlich lenkt. Die Protagonistin der Serie heißt Carrie, arbeitet für die CIA und ihre Masche ist es, intime Verhältnisse mit mutmaßlichen Terroristen einzugehen, um so mittels Undercover-Mission die Interessen des Geheimdienstes durchzusetzen.

Chefket Promo, (c) Georg Roske

Conscious

Titel Nummer zehn nennt sich „Vernichtung“. Der Rapper erzählt, wie geil die Menschheit darauf ist, den Planeten und sich selbst zu zerstören. Das Farhot-Instrumental, das aus mehreren Händen stammt, kommt wahnsinnig gut daher. Die Geige von Yemi Gonzales und der E-Bass von Haze liegen genau da, wo sie sollen. Durch einen „Radiosprecher“-Effekt und der souligen, weiblichen Hook bekommt der Track einen besonderen Touch.
Im vorletzten Song „Wir“ kommt der einzige Feature-Gast zum Einsatz, Mister Marteria unterstützt Chefket gewohnt lässig und on Point. Beide harmonieren grandios uns sprechen unter anderem ein wichtiges Thema an – Integration. Das Verständnis für das Gegenüber bekräftigt der Künstler auch in einem Interview „Genau darum geht’s irgendwie […], dass wir vielleicht mehr miteinander reden“. Im Song finden sich einige tolle Zeilen, wie zum Beispiel die zwei Outro-Lines:

„Wir sind einzigartig, weil wir – nie wie die anderen waren
Die allergrößten sind immer die, die – nie wie die anderen waren“

Vom Nachtmenschen, über die Träume bis hin zum Kater, der Hörer darf alle Facetten einer ereignisvollen Nacht begutachten. „Immer mehr“ liefert einen tollen Abschluss und zeigt der Gesellschaft den Spiegel auf. Unbegrenzter Wachstum auf einem begrenzten Planeten, irgendwann geht es nicht mehr weiter. Chefket’s Rap sind wahre Worte und fungieren perfekt inmitten von Violine, Cello und Klavier. Der Refrain fasst das Gesagte stimmig zusammen:

„Wir sind doch nicht so weit gegangen, um jetzt zurückzukehren
Wir hätten Frieden in der Brust und irrten nicht umher
Wenn wir alle mit dem was wir haben glücklich wären
Doch wenn wir an komm’n, wollen wir noch immer ein bisschen mehr“

Fazit

Chefket ist so vielseitig begabt und beherrscht gleichzeitig mehrere Dinge, dass der Kosename „mutierter Oktopus“ Sinn ergeben würde. Seinen unverkennbaren, einzigartigen Stil, der Rap und Gesang mit musikalischen Spielarten aller Couleur vermengt und es ihm dadurch erlaubt, augenzwinkernde und ernsthafte Anliegen gleichermaßen zu definieren, hat Chefket jedoch fortgeführt und perfektioniert.

„Nachtmensch“ ist in den 18 Monaten in enger und freudiger Zusammenarbeit mit Farhot entstanden. Der Über-Produzent aus Hamburger Hansestadt, welcher schon Nneka, Megaloh, Talib Kweli und Haftbefehl in der Vergangenheit mit seinem ganz eigenen Sound zwischen Vintage-Klang, HipHop-Spielarten und Pop-Bekenntnissen versorgt hat.

Das Konzept „Nacht“ wurde perfekt umgesetzt, die zwölf Songs wirken wie ein Lied, welches an den richtigen Stellen getrennt wurde, jedes Lied bearbeitet eine andere Gefühlslage und öffnet einem die Augen und die Seele. Eine absolut runde Scheibe, die Lust auf zukünftige Projekte macht.

Kurioserweise sagt er über die Nacht, dass die Stadt da so schön und ruhig scheint und dass man sich dabei stärken und von der großen Hektik des Tages erholen kann. Nach dreimaligem Durchhören kann ich dem vollends zu stimmen. Ich kann mich einfach entspannen, es ist schwer zu definieren. Die Platte ist stark melodisch, aber dennoch kein weichspülender Pop-Mist. Gleichzeitig rappt er so unfassbar stark.

Tracklist

01. Rap & Soul
02. Glücklichster Rapper
03. Fliegen
04. Nachtmensch
05. Tanz
06. Kater
07. Träuume
08. Lass gehn’
09. Carie Me Homeland
10. Vernichtung
11. Wir (ft. Materia)
12. Immer mehr

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