Christina Stürmer - Seite an Seite
Produktion
Texte/Lyrik
Gesang
Kunstanspruch
3.2STERNE

Die letzte Scheibe vor ihrer Auszeit ist die ruhigste, aber auch langweiligste Platte

Die sympathische Österreicherin vereint schon seit einer Dekade nachvollziehbare Texte, detailverliebte Arrangements und vielschichtige Kompositionen. Knapp drei Jahre nach ihrem letzten Longplayer veröffentlichte Christina Stürmer am 22. April 2016 ihr neuntes Studioalbum „Seite an Seite„. Dreizehn Songs befinden sich auf der Standard-Version.

Knapp zwei Millionen verkaufte Platten und unzählige Echo- und Amadeus-Trophäen stehen auf der Habenseite. Sie hat sich ihre Träume erfüllt, mit John Bon Jovi vor 200.000 Menschen im Duett gesungen und im Madame Tussauds in Wien steht ihr Ebenbild als Wachsfigur. Die Künstlerin ist bodenständig geblieben, schätzt den Kontakt zu ihren Fans und hat aber den Blick immer nach vorne gerichtet.

Analyse

Neben dem breiten Publikum und den Mainstream-Medien konnte die Sängerin aufgrund ihres Indie-Appeals auch schon bei dem ein oder anderen Rocker beziehungsweise Urban-Musikfan punkten. Diese nicht alltägliche „Nische“ scheint Frau Stürmer nun beinahe vollends zu vernachlässigen. Das letzte Studiowerk vor ihrer verdienten Auszeit kommt ruhig und unaufgeregt um die Ecke. Dies mag vielleicht auch an der Schwangerschaft der Sängerin liegen. Trotzdem überhäufen die Schattenseiten die Lichtblicke.

Einige der Ausnahmen sind zum Beispiel der Titelsong und die nachdenkliche Pop-Ballade „Seite an Seite„. Ein Ohrwurm, der tief geht. Zu Anfang werden die Errungenschaften der Menschheit benannt. Das ist wirklich gutes Songwriting. Im Gegensatz dazu steht, dass dies alles nichts wert sei und allein die Menschlichkeit siegt. Die Message lautet, egal was wir technisch oder wissenschaftlich geleistet haben, das Größte ist es ein guter Mensch zu sein. Gerade in der Industrie stehen Gefühle oder sonstige „Störfaktoren“ nicht an vorderster Stelle. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die mehr und mehr an Wert verliert.

Wir sind zum Mond geflogen
Haben Pyramiden gebaut, haben nie die Neugier verloren
Und sind durch Meere getaucht, wir haben Tränen vergossen
Wir haben gelacht und geweint, wir haben Frieden geschlossen

Der ergreifendste Song auf der Platte nennt sich „Du fehlst hier„. Die Widmung an den Verlust eines lieben Menschens sitzt tief und wird hier authentisch umgesetzt. Das waren leider schon die Highlights. Die anderen Songs plätschern einfach so dahin. Im Song „Träum weiter“ ist einzig die Zeile „wenn du es träumen kannst, dann schaffst du’s auch“ kreativ und berührt ein wenig. Das Gesagte kam in dieser Hinsicht leider schon über hundertmal über den Ladentisch und zeugt nicht von künstlerischer Eleganz.

Christina Stuermer Promo (c) Mateusz Tondel

Christina Stuermer Promo (c) Mateusz Tondel

Fazit

Im Pressetext wird beworben, ihre neunte Longplayer Platte sei ihr persönlichstes Werk. Christina sei der Gegenentwurf zu Marketingstrategien und Scheinwelten. Wenn wir hier beim Gegenteilspiel sind, ist das vollkommen richtig. Es sind außer zwei, drei kleine Ausnahmen inhaltliche Tiefe, Erlebnisse oder autobiographische Züge nicht auf der Scheibe zu finden.

Wenn auf den Vorgängeralben noch weniger Persönliches enthalten ist, sollte das für sich sprechen. Die Künstlerin kann natürlich wahnsinnig gut singen und trifft jeden Ton perfekt, doch leider wird ihr Schaffen von Mal zu Mal langweiliger. Es kommen Gitarrenriffs zum Einsatz, die den Namen nicht verdient haben. Hier wollte man anscheinend den typischen „Stürmer-Sound“ aufnehmen. Die Songkonstrukte wirken gekünstelt. Ruhige Elemente können natürlich belebend wirken, aber diese Platte schafft es einfach nicht interessant zu wirken.

Ein Drittel des Albums kann man feiern und als gute Kunst bezeichnen. Ich glaube hier wurde halbherzig und unter Zeitdruck ein Album produziert. Es fehlen die richtigen Hits, die Scheibe hört sich an wie neumodisches Schlager-Gedudel. Akustikversionen oder andere tolle Einfälle sucht man vergeblich. Die Lieder sind gemacht für Menschen, die einen sehr geringen Kunstanspruch besitzen und nur darauf achten, dass Musik gut klingt. Musik kann aber auch besonders, originell oder inspirierend sein. Vielleicht macht Christina Stürmer nach ihrer Auszeit, genau das, worauf sie wirklich Lust hast und nicht was ihr Management ihr in den Schoß legt. Sie singt live hervorragend und ist eine tolle Künstlerin. Doch ich hoffe, dass diese eingeschlagene Richtung nicht ein weiteres Album zu Tage fördern wird. Erwachsen werden ist schön, aber dann doch bitte mit Stil, Ecken und Kanten.

Tracklist öffnen

01. Katapult
02. Seite an Seite
03. Träum weiter
04. Du fehlst hier
05. Astronaut
06. Ein Teil von mir
07. Tanzen
08. Tragflächen
09. Immer weiter
10. Niemals mehr für immer
11. Leicht sein
12. Neue Farben
13. Zeppelinherz

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