Credibil - Renæssance
Konzept
Flow
Beats
Lyrics
4.8Sterne

Deutschraps Friedrich Schiller lässt den Vorhang herunter und offenbart dem Publikum sein Meisterwerk

Vor 21 Jahren wurde der kleine Erol auf die Bühne des Lebens gerufen. Knapp zwei Jahrzehnte später wird auch der Öffentlichkeit klar, dass er die Reimkunst für sich entdeckt hat. 2012 lädt ein junger Mann drei Spoken-Word-Videos auf Youtube hoch.

Ein etwas ungewöhnlicher Move, um in den Deutschrap-Zirkus einzutauchen. Ohne Beat, aber mit Herz, Ängsten und der Kraft der Sprache erklärt er, wo er herkommt, wie seine Intention aussieht und wohin er gehen möchte.

Nach der „Ehrlich Gesagt EP“, dem „Deutschen Demo Tape“, auf dem Deutschrap-Klassiker neu interpretiert werden, und der „Molokopf EP“ erschien am 23. Oktober 2015 sein Debütwerk „Renæssance“.

Deutschraps Hoffnung

Was bedeutet denn „Rap“, kann mir das mal jemand erklären? Was heißt ,,Rap“ eigentlich genau? Google sagt es wäre ein Musikstil mit rhythmischem Sprechgesang. Papalapap, die richtige Antwortet lautet Rhytm’And‘Poetry.

Ganz genau – Poesie. Alle prahlen davon und wollen sie verkaufen, doch nur ganz wenige sind wirklich moderne Dichter und Denker. Rapper fahren ihren Film, Sprechgesangsartisten sind auf dem Rapfilm hängen gelieben. Wenn dies beim Großteil der Rapszene zutreffen sollte, ist Credibil Erzähler, Regisseur, Schauspiellehrer und Bühne in Einem. Selten wurde man von einem Debütwerk so überrascht.

Es ist schier unglaublich,  wie der junge Frankfurter seinen Debüt-Tonträger in mehrere Akte strukturiert und aufteilt und zu einem Theaterstück formt, denn die Tracks enden ausschließlich in überleitenden Spoken-Word-Dichtungen. Man sollte alle Quellen abschalten, gegebenenfalls den Raum abdunkeln und sich nur von der Musik leiten lassen. Hier funktionieren bloße Worte nicht mehr – das muss man gehört haben. Der Begriff „Straßenpoet“ bekommt nun eine ganz neue Bedeutung.

Das Album beginnt mit einem Handy-Video eines Kool Savas-Konzertes, in dem der König des Raps die Skills des jungen Frankfurters ehrt.
O-Ton Savas: „Das war das erste Mal seit ganz langer Zeit, dass ich wieder Gänsehaut hatte. Besonders weil es… weil es da um Sachen ging und Sachen gesagt wurden“.

„Maledivischer Strand mit Kies wirkt schon plakativ
Doch jedes Werbeplakat wird mal weiter zieh’n“

Leid

Der Künstler textet über Gegensätze und verlorene Träume. Ein Superheld ist geboren und lässt uns an seinem Werdegang, an seiner Geschichte, chronologisch teilhaben. Durch die genannten Gründe muss ich auch meine sonst gewohnte Track-by-Track-Kritik ablegen und im Gesamten über das Album berichten.

Er schreibt über die ISIS, die ihm seine Brüder aus dem Viertel nahm. „Toter Winkel“ liefert eine Aneinanderreihung von erlebten Momentaufnahmen, die vor sprachlicher Atmosphäre nur so strotzen. Credibil erzählt über das gemeinsame Leben mit seinem Bruder bei seiner Mutter. Nach der Scheidung seiner Eltern ist der Junge für die Mutter ein kleiner Held, der Vater hingegen der Bösewicht. Die Kindheit in der Kleinstadt Marburg ist nun vorbei und das Frankfurter Bahnhofsviertel wird seine Heimat. Diese Erlebnisse lässt er einfließen, wenn er über Ali berichtet, der nach Syrien ging und nicht mehr Heim kam.

„Ich schreibe ein Gedicht
Denn Leid trägt viele Namen aber leider kein Gesicht
Ich schreibe weil ich muss, nur selten weil ich will“

Credibil auf der Bühne (c) Traumfänger

Credibil auf der Bühne, (c) Traumfänger

Der Künstler beherrscht auch das Storytelling und geht dabei spezielle Wege. Anstatt einer fiktiven Geschichte Beachtung zu schenken, beäugt und hinterfragt er eine wirklich passierte Situation. Er schreibt „Bang Bang“, dieser Song handelt über Christy Schwundeck, die 2011 im Arbeitsamt im Frankfurter Problemviertel Gallus von einer Polizistin erschossen wurde.

Das Verfahren wurde eingestellt, da die Beamtin aus Notwehr gehandelt haben soll. Der Ehemann und der Bruder der Getöteten wundern sich jedoch über widersprüchliche Aussagen von Zeugen. Viele kennen wohl Fälle, bei denen die Staatsdiener nicht wie der Otto Normalverbraucher behandelt werden. Die Art und Weise wie der Rapper die Geschichte auf Papier bringt, ist einfach nur faszinierend.

Der Sprechgesangsvirtuose ist ein scharfer und hinterfragender Beobachter und stellt sich für die Schwachen und Unsichtbaren als Sprachrohr zur Verfügung, das den Grund beleuchtet. Authentische Zeilen, wie zum Beispiel in „Druckluft“:

„Ich sehe zu wie Menschen sterben, fliegen oder fall’n
Doch jeder trägt eine Geschichte und ist im Viertel hier gefang’n“

Frankfurt ist das Paradebeispiel einer Stadt mit zwei Gesichtern: zwischen Rotlichtmileau, Bahnhofsviertel und den edelsten Restaurants liegt eine Riesenkluft.
Auf den dreckigen Straßen Frankfurts, zwischen Bankern und Junkies, wird dem kleinen Jungen mit den großen Worten bewusst, dass nicht nur seine Mutter, sondern auch die Welt einen Superhelden braucht. Credibil wird erschaffen.
Ein Held mit der Superkraft seinem Viertel eine Stimme zu verleihen. Diese lyrische Großstadtromantik darf unter anderem in „So schön hässlich“ bewundert werden.

„Auf meinem Weg als Superheld, dreh‘ und wende ich die Sicht
Die Röntgenaugen sehen das schöne, selbst im hässlichsten Bild“

Das marode, zermürbte „Verhältnis“ zu seinem Vater wird in „Augenblick“ behandelt. Ein sehr persöhnliches und emotionales Werk, in wütenden Zeilen spricht er von Suizid-Gedanken und schlimmen Tagen, in denen er alleine gelassen wurde.

„Ich erinn’re mich nicht gern
Denn all die Bilder sind verkehrt“

„Wenn wir fair sind, andere Vater wären stolz auf solche Jungs
Doch du hast uns vergessen und dafür gab es keinen Grund“

Der Song „Feuerfunke“ war die erste Videoauskopplung des Lonplayers. Der Frankfurter verschmilzt mit dem Beat und liefert so ab, wie sich die meisten das Curse-Comeback vorgestellt hätten. Wiederum werden lyrische Höchstleistungen und kombinierte Wortspiele geliefert.

Der letzte Song „Goldener Sch(l)uss“ wird wiederum mit einem Ausschnitt jenes Savas-Konzertes abgeschlossen, in dem er Credibil auf die Bühne holt. Originalton: „Endlich kommt mal ein Rapper, auch noch in dem Alter, der das alles verstanden hat und der diese Waffe des Wortes quasi für sich nutzt und für etwas Gutes zu kämpfen und ehrlich gesagt: Ich bin sehr überzeugt von ihm und ich glaube er hat eine große Zukunft“.

Das Stück befasst sich mit existenziellen Fragen nach Leben, Tod und wie das danach weitergeht – alles hat ein Ende oder? Eine wichtige Frage, die sich wohl viele Menschen stellen. Wiederum hat dies der Künstler grandios verpackt. Das zuvor Gehörte wird passend zusammengefasst und bietet ein grandioses Ende.

Fazit

Jeder der Tracks besitzt Klasse, es ist absolut kein Skip-Tune dabei. Der Longplayer klingt düster und dunkel, ohne dabei extrem melancholisch zu sein. Der Hauptprotagonist versucht nicht, krampfhaft auf die Tränendüse zu drücken.

Der Rapper schafft nicht nur phasenweise Gänsehautmomente, sondern ist absolut stimmig gehalten. Credibil ist wahrhaftig glaubwürdig und authentisch. Man kann durchaus behaupten, dass es das qualitativ beste Deutschrapalbum der letzten Jahre ist.

Die Skits, die sonst nur als Lückenfüller dienen, sind überragend gestaltet. Der Aufbau des Tonträgers besitzt Hand und Fuß und darf als Konzeptalbum bezeichnet werden. Vergleiche mit Kendrick Lamars zweitem offiziellen Album „Good Kid, M.a.a.d. City“ scheinen nicht abwegig.

Thematisch ist „Renæssance“ eine Rückschau auf Credibils vergangene Lebensjahre und ihre wichtigsten Stationen. Laut eigener Aussage sind die vertonten Geschichten allesamt echt. Die Instrumental-Musik kommt von The Cratez, PressPlay, Bad Educated, Rooq und M3.

Tracklist

01. Inspiration
02. Sandform
03. Augenblick
04. Risiken & Nebenwirkungen
05. Akt Apella 1
06. Druckluft
07. Toter Winkel
08. Bang Bang
09. Akt Apella 2
10. So schön hässlich
11. 1001 Nacht
12. Feuer Funke
13. Muse & Mimose
14. Neil Armstrong
15. Akt Apella 3
16. Goldener Sch(l)uss

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