Damion Davis - Forever Ying
Beats
Flow
Atmosphäre
Musikalität
Kunstanspruch
Texte
4.6Sterne

Der Rapper, Lebenskünstler und Schauspieler vertont mit seinem fünften Album komplexe Filme für die Ohren der Zuhörer

Das neue Album „Forever Ying“ von Florian Renner, a.k.a Damion Davis, erschien am 30. September 2016 über die Labelkooperation NewDEF und Wolfpack Entertainment. Drei Jahre sind seit dem Vorgänger „Querfeldein“ vergangen. Wieder sind es 17 Songs geworden, vielleicht spielt hier Aberglaube eine Rolle? Der Rapper hält nichts von Dingen, die sich besser verkaufen, sondern möchte einfach gute Kunst betreiben.

Damion Davis ist und bleibt einer der realsten, kreativsten und sympathischten Künstler der deutschen Hip Hop Szene. Einige Leser kennen den Rapper vielleicht durch seinen einprägsamen Auftritt auf dem Splash Festival, bei dem er leidentschaftlich Money Boy kritisierte. Der Freidenker steht für außerordentliche Live Qualitäten, seine offene Art, poetische Kunst und unbändigen Facettenreichtum.

Analyse

Der Berliner, der bereits bei bekannten Filmen wie Blutbrüdaz oder Wholetrain als Schauspieler tätig war, hat alle Songs selbst produziert. Die Instrumentals könnten unterschiedlicher nicht sein, passen aber nicht nur immer zu den einzelnen Songs, sondern auch in das Gesamtbild der Platte. Einzig ein Toningenieur half bei der Optimierung etwas mit. Soul, rockige und rap-untypische Elemente paaren sich mit dreckigen, roughen Hip Hop Beats und feinen Elektropassagen. Der Rapper ist eine waschechte Allzweckwaffe, die ihren Kopf in jedes Genre reinstecken möchte.

Damion Davis Promo (c) Cristopher Civitillo

Damion Davis Promo (c) Cristopher Civitillo

Wegen diesen besonderen Gegebenheiten, werde ich dieses Mal nicht jeden Song einzeln beschreiben, sondern etwas alternativer bewerten. Die Platte besitzt keine „richtigen“ Features, bei zwei Songs steuerte DJ Access Cuts bei. Manche Tracks unterstützen diverse Studiomusiker wie Paul Klatt, Felix Gebauer, Samuel G. Mpungu, Jan Siekmann und 7apes mit Geige, Bass, Drums oder Gitarre.

Für Alle, die Damion noch nicht gut kennen: Er ist nicht der typische Rapper, ein einzelnes Wort für sein Schaffen findet man im deutschen Vokabular nicht. Der Opener „Umzugskarton“ startet und ich muss mich wiederholen: Man fühlt sich, als wäre man in einem Film – der Song behandelt das Leben in Berlin, betrachtet aus unterschiedlichen Perspektiven. Wie Damion mit Sprache und Ton spielt, kann man in „Verröhrt“ bewundern, manche Wörter werden so passend oder auch extrem unpassend betont.

Ich wollt sie bei der Arbeit nicht behindern
und hab nie gemeint ihre Arbeit ist behindert
vor allem nie gesagt dass die Bullenschweine spinnen
nur ein paar Tiere aufgezählt – Bullen, Schweine, Spinnen

W.I.S.H“ berichtet in einer abstrakter und ungeordneter Weise von Wünschen, Träumen und Abneigungen. Das Ganze ist sehr musikalisch gehalten. Die Raps wurden auf den Beat maßgeschneidert. Wie schön es ist, wenn der Beatbauer auch das Instrumental beschmückt. Die vielleicht poppigste Nummer und das Highlight der Platte nennt sich „Alle in einem Boot„. Hier ist Gänsehaut vorprogrammiert, wenn Davis fast alle Wasser- und Schiff-Metaphern der deutschen Sprache ineinander verwebt, einen emotionalen Song kreiert und zu gleich eine Gesellschaftsanalyse betreibt. Der Gesang steht dem Song vorzüglich und schöpft das Potential des wunderschönen Beats erst richtig aus. Eine lyrisch sehr starke Leistung und dezente Näherung an das Thema.

Penner von der Bank“ ist oberflächlich eine Schilderung über einen Obdachlosen, die jedoch in eine intelligente Kritik am Banken- und Börsensektor abdriftet. „Golfkrieg“ zeigt, warum Damion Davis in so vielen lyrischen Schlachten als Sieger hervorging. Der Song liefert durchdachten und lyrischen Battle-Rap der Extraklasse. Viele Reime werden echo-artig in das Mikrofon gedrückt und sorgen für Abwechslung. Die Hook musste ich extra abtippen.

Ich schlag ihn mit dem Golfschläger tot
ein Treffer und er ist seine Goldzähne los
ich sag Grün ist die Hoffnung
aber heut seh ich rot und dreh vollkommen durch

In „Und-er-rated“ findet der aufmerksame Hörer ebenfalls viele Highlight-Lines. Damion represented durchgehend und untermauert seinen Status als einer der unterschätzten Rapper in Deutschland. Zu „PKW“ wurde ebenfalls ein hochwertiges Video gedreht. Er präsentiert seine Hood in Berlin-Pankow. Die Stimmlage ist mir persöhnlich aber etwas zu abgedreht, zu hoch und stört ein wenig den Hörgenuss.

In „Workflow“ werden im ersten Part die Endreime ähnlich wie bei einigen Cypress Hill-Klassikern schräg melodisch in den Tonwandler geschrien. Solche kleinen stimmlichen Ausflüge tun der Scheibe extrem gut und schaffen eine vitale Atmosphäre. Der Longplayer besitzt keine Ausfälle, auch die nicht resenzierten Songs haben eine enorme Qualität.

Fazit

Diese Platte vereint Crossover, Hip-Hop, Rock, Reggae und eine kleine Brise Pop. Die Flows sind sehr komplex gestaltet und sorgen für eine selten dagewesene Abwechslung. Ganz verschiedene Stimmlagen, ragga-ähnlich betonte Reime oder auch schreiartige Passagen und passende Gesangelemente wechseln sich ab und formen ein rundes Gesamtpaket. Wenn es um künstlerische Ausdrucksformen geht, kennt der Musiker auch bei „Forever Ying“ kein Schubladendenken. Laut eigener Aussage, hat er seinen Kopf noch nicht in alle Schubladen gesteckt.

Den Hörer erwarten rockige Stücke, experimentierfreudige Texte, kurze untypische Elektro-Ausflüge, verrückte Beats, aber auch feine Melodien. Daneben findet man auch Gesangsqualitäten, die im klassischen Sinne als nicht sehr gut interpretiert werden könnten, jedoch ganz viel Seele, eine gewisse innere Kraft und einen krassen künstlerischen Gesamteindruck beinhalten. Auch in den Musikvideos wird nicht hip-hop mäßig herumgehampelt um möglichst „real“ zu wirken, sondern das Gesagte wahrhaftig in Bild und Ton umgesetzt. Damion Davis ist einer, der sein Handwerk versteht. Ich bin mir sicher – es kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem die breite Masse das auch bemerkt.

Tracklist öffnen
01. Umzugskarton [feat. DJ Access]
02. Verröhrt
03. W.I.S.H.
04. Alle – in einem Boot
05. Penner von der Bank
06. Golfkrieg
07. Und-er-rated
08. Sbhf Wedding
09. PKW
10. Kravaliersdelikt
11. Workflow
12. Forever Ying
13. Stagediva
14. Meditation
15. Glass
16. Yeyo [feat. DJ Access]
17. Am Ende derzeit

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