Disarstar - Sturm & Drang Mixtape
Beats
Flows
Themenvielfalt
Tiefe
4.4Sterne

Mit unglaublicher Ausdauer und Rafinesse überzeugt der Jungkünstler in allen Bereichen

Mittlerweile bringt der junge Hamburger Mixtape Nummer Sechs an den Mann, bereitet flächendeckend Freuden und bringt Köpfe zum Nicken. Der Anfang Zwanzigjährige führt die Dekade nach seinem Debütalbum „Kontraste„, welches bis auf Platz 19 der Charts kletterte, erfolgreich weiter, ist sehr umtriebig und kündigt für dieses Jahr einen Longplayer-Nachfolger an.

Seit dem 29. März 2016 steht das Mixtape „Sturm & Drang“ zum kostenlosen Download zur Verfügung und kann hier heruntergeladen werden. Die Hörerschaft darf sich auf sechs neu gemischte Songs freuen, die zuvor als One-Take-Video per Facebook veröffentlicht wurden. Zusätzlich sind fünf neue Tracks mit von der Partie. Die Ankündigung über das Geschenk kam spontan und wurde erst ein paar Tage vorher mit der Öffentlichkeit geteilt.

Der Künstler vergleich sein Schaffen mit der literarischen Epoche aus dem 18. Jahrhundert, in der der Mensch als Genie gefeiert wurde, der seine Triebe und Gefühle nicht verheimlicht, sondern sich mit ihnen positioniert. Eine ähnliche Denkweise besitzt auch der Rapper, er benutzt die Lyrik, um gegen scheinheilige Demokratie-Systeme und festgefahrene Denkweisen zu kämpfen.

Track by Track

Als Disarstar an dem besagten Freitag um kurz nach 21 Uhr den Link zum neuen Mixtape mit seinen Fans teilte, brach der Server komplett zusammen. Unter dem Ansturm war er anschließend bis in die frühen Morgenstunden nicht mehr erreichbar. Die Platte startet mit dem Opener „Mucke„, ein schönes Boom-Bap-Brett, welches von SiNCH & Victor Flowers produziert wurde. Die „gegen die System-Mucke“ geht steil nach vorne und begeistert von der ersten Sekunde an. Nun darf die offizielle Video-Auskopplung begutachtet werden.

Zweiundzwanzig“ beleuchtet die vergangene Zeit und wird auf einen Beat gerappt, der sich sofort in den Gehörgang bohrt und zum Kopfnicken animiert. Der Hamburger spricht kurz und knapp die vergangene Silvesternacht in Köln an und vergleicht die Situation mit den Einheimischen. Auch beim Feminismus hat er ganz klare Meinung und spricht offen die Themen an. Hier findet man ausgeklügelte Sätze und weitere Wahrheiten. Echt und authentisch.

„Kein Wohlfühl-Sound, bin nicht auf Show-Bühnen aus
Das ist Rap, der Labelbosse von ihren Bürostühlen haut
So sieht’s aus, hoff‘ dieses Jahr geht’s hoch hinaus
Hiphop-Fans pocht das Herz wie im Drogenrausch“

Lichtblicke“ beschreibt sein Schaffen ziemlich gut, leichte Representer-Anleihen schmücken den Song. Der Rapper spricht verschiedene Gegensätze und Kontraste an, die er täglich aufnimmt. Das Gesagte erzeugt detaillierte Bilder und viele Lines bleiben im Kopf hängen, da sie qualitativ sehr hochwertig sind. „Mister Tausend und Eins“ vereint die unterschiedlichen Fähigkeiten in sich und betont, dass er weiter hungrig bleibt. Ob Introspektive, Battlerap, Liebessongs oder Lieder über Ergebenheit, die nur das Leben schreibt.

„Ey im Juni kommt mein Album raus, erster Streich
Und es ist so wie ich bin: Kontraste und facettenreich
Keiner hier ist deckungsgleich, streng in meiner Lebensweise
Alle sagen „Himmel ist die Grenze“, doch ich seh da keine“

Der nächste Titel „Berg und Tal“ soll die Sinnlosigkeit unserer Taten verdeutlichen. Unsere schnelllebiege Welt und unnötige Reformen sind wohl den Meisten bekannt. Aber auch die ungewisse Zukunft der jüngeren Generationen, höhere Ziele beziehungsweise Ansprüche und das Auf und Ab des Lebens werden angesprochen. Das alles ist künstlerisch krass umgesetzt.

In „Exzentrik“ weicht er weiter von der sozialen Norm ab und entfernt sich mit seiner Meinung von der Mitte. Dabei wird gegen scheinheilige Politiker und faktenlose Flüchtlingskritiker geschossen. Eine Debatte über Asylpolitik zu führen und gleichzeitig Waffenimporte nach Syrien zu erhöhen, ist widerlich und scheinheilig. Disarstar bezieht eine klare Stellung und liefert zu dem nachvollziehbare Erklärungen. Der Track kommt gut ohne Hook aus, somit wird das Gesagte hervorgehoben, fett gedruckt und unterstrichen.

Weiter geht es mit „Ordnungssystem„, in dem betont wird, dass viele schon an Luft verloren hätten und er keiner ist, der sich unter Druck verformt. Vielmehr bleibt der Rapper standhaft und stabil und vor allem seinen Werten treu. Der Sprechsänger ist nicht der Typ für die lustigen Themen, er scheut sich nicht die IS und den Islam zu erwähnen, aber auch die Vorfälle in Paris mit den Bombenanriffen in Syrien gegenüberzustellen. Diesen Kampf vergleicht er mit der Hydra, der nach jedem Schlag die Köpfe nachwachsen.

„Und an Wandel ist sowieso nicht zu denken
Solange wir statt der Krankheit nur Symptome bekämpfen“

Disarstar_2_by_Miftha_Bahardeen

Disarstar Promo, (c) Miftha Bahardeen

Der systemkritische Künstler spuckt in „Loslaufen“ etwas sanftere Töne und berührt ungemein auf dem ruhigen, eingängigen Instrumental. Dies ist kein typischer, oberflächlicher „Gib-nicht-auf“-Song, hier finden sich tolle Sprachbilder und jede Menge schlauer Sätze. Das ganze Leben ist ein Charaktertest und der Hamburger beschreibt die innere Schlacht zwischen Pessimismus und Optimismus.

„Jeder kann mal verlieren, es geht darum die Dinge
die man nicht ändern kann zu verstehen und zu
akzeptieren, die Pläne zu optimieren und auch
bei noch so großen Problemen nicht zu resignieren“

Der Straßenpoet hat mit „Haus & Boot“ einen weiteren bemerkenswerten Song kreiert. Mit der gesampelten Hook der US-amerikanischen Singer-Songwriterin Ani DiFranco verschmilzt das Stück zu einem Meisterwerk. Der Track behandelt den allgemeinen, gesellschaftlichen Zwang. Ob unsere Träume und Erwartungen zu unrealistisch sind oder die Menschheit zu materialistisch eingestellt ist? Mauern sind zu hoch und Leitern zu kurz. Die genaue Antwort bleibt offen, jedoch werden gute Ansätze geliefert.

Kein Glück“ handelt von der finanziellen Ausbeutung. Unsere Welt ist immer mehr auf die Finanzmärkte ausgerichtet, das fiktive Geld übertrumpft die realen Mittel. Disarstar wirft wieder die richtigen Ansätze in den Raum. Stell dir vor die Unternehmen würden den Arbeiter gehören und jeder bekommt eine Chance und das was er braucht. Zum Schluss des Tracks werden noch weitere Sätze in dieser Form gesprochen und man kommt schnell in’s Grübeln, wann unsere Welt endlich auf den richtigen Kurs steuert. Nicht nur inhaltlich ein sehr starker Song.

In „Heldenhaft“ packt der Sprechgesangsvirtuose den Doubletime-Flow aus und man merkt sofort, der Künstler kann auch zusammenhängend schnell und flüssig rappen. Es wird angekündigt, dass dieses Jahr noch einiges ansteht und viel erwartet wird. „Sturm & Drang“ bildet einen schönen Abschluss und zieht einen Strich unter das achte Projekt und freut sich auf die Zukunft. Die gewohnte Representer- und Battlezeilen ergänzen den Song. Die Zeiten sind vorbei, als in den Tag gelebt wurde. Die Platte kann gerne noch einmal von vorne laufen.

Fazit

Dieses kostenlose Mixtape geht tiefer und ist qualitativer als 70 % aller Deutschrap-Releases. Änhlich der literarischen Epoche möchte der Sprechsänger etwas bewegen. Der Künstler verbindet Leidenschaft mit Intellekt und gibt eine wohl gewählte Brise von politischem Aktivismus mit in die Suppe. Er vereint Gegensätze und Widersprüche zu einem attraktiven Paket und bleibt Dank seiner authentischen Art immer gerade. Das Gesagte ist in allen Punkten nachvollziehbar. Hier hört man keine hohlen Phrasen. Viele Punkte werden auch in der Tiefe angesprochen, trotzdem wirkt der Protagonist immer männlich und dreckig. Dazu kommt eine feine Technik und ein herrlicher Flow, der facettenreich daher kommt. Die Art zu rappen ist mit keinem deutschen Künstler vergleichbar.

Seine Mukke ist roh, echt, ehrlich und funktional. Disarstar ist der fleischgewordene Jack Wolfskin der deutschen Rap-Szene. Ich ziehe meinen imaginären Hut, auf viele weitere Jahre. Auch ich bin sehr gespannt auf Album Nummer Zwei und freue mich heute schon auf diesen glorreichen Tag. Disarstar hat seinen Platz gefunden, nun gilt es daran anzuknüpfen. Liebe Grüße nach St. Pauli.

Wer nichts herunterladen möchte, kann auch bei Soundcloud streamen.

Tracklist öffnen

1. Mucke
2. Zweiundzwanzig
3. Lichtblicke
4. Berg und Tal
5. Exzentrik
6. Ordnungssystem
7. Loslaufen
8. Haus und Boot
9. Kein Glück
10. Heldenhaft
11. Sturm und Drang

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