Düster, aber mit Hoffnung: Das neue Album von Mann aus Marseille
Instrumentalteile
Text
Neuheitswert
Zusammenstellung
4.5STERNE

Mit „Warte, bis es dunkel ist“ lieferten Mann aus Marseille im November ihr zweites Album ab. Titel und Stimmung sind passend zum kommenden Winter gewählt, aber thematisch definitiv nicht auf diese Jahreszeit beschränkt, und musikalisch schon gar nicht! Die Songs sind zwar eher in einer dunkleren Stimmung verortet, stellen dem Hörer aber immer die Möglichkeit vor, in eine bessere, positivere Richtung zu gehen.

Anfang

Der Albumstart verwirrt ein wenig, ist man doch auf dunkle Wintertage eingestellt. Das erste, was man jedoch zu hören bekommt, ist fetziger Sound, ein irgendwie witziger Text und gewöhnungsbedürftige Stimmführung. „Schießen sie nicht“ heißt Nummer zum Auftakt, die außerdem durch geblockte Musikstränge auffällt; da sich die Band selbst im Pop-Bereich angesiedelt sieht, ist vor allem die Hammondorgel eine Besonderheit, die die Musik noch öfters im Album aufpeppt.

Bei „Damokles“ fällt einem erst einmal die Überheblichkeit im Refrain auf.

Dann wär’ ich wie du, aber viel besser

Zum einen: Wow, der (Hannes Holzweber) traut sich etwas! Zum anderen: Ohrwurm garantiert. Der Wechsel zwischen Klavier und Gitarrenriff ist genau getimt und lässt einen bis zum Ende des Songs nicht mehr los. Und dann kommt zum ersten Mal eines dieser phantastischen Zwischenspiele. Einfach genial!

Wohl fühlt man sich bei „1,2,3,4„; zumindest bis die Lyrics beginnen, die einen nach dem ersten Zählvorgang ziemlich schnell in der Luft hängen lassen. Was die Lyrics immer wieder erreichen ist, dass sich der Hörer direkt angesprochen fühlt, was sicher beabsichtigt ist, manchmal wirkt es aber etwas komisch. Denn warum schreit der jetzt „mich“ an? Derartige Verunsicherung kann aber auf der anderen Seite auch zum genaueren Hinhören verpflichten, da der Text bei Mann aus Marseille, im Gegensatz zu anderen Bands eine größere Rolle spielt. „Weil du es bist“ ist dann endlich im versprochenen Winter angekommen. Textlich befindet man sich nicht mehr in der Gesellschaftskritik vom vorherigen Teil, die Lyrics sind personalisiert. Musikalisch gibt es einen Soundwechsel an der Hammondorgel; das Spiel mit den Möglichkeiten einer Hammond macht dem Hörer hier genauso viel Spaß wie dem Musiker Wolfgang Obermayr, der die Sounds gezielt einsetzt.

Mitte

Winter“ bringt anfangs ernsthafte Lyrics, und zeigt auf, dass es, entgegen der Meinung von vielen, durchaus auch Positives an der besungenen Jahreszeit gibt. Zumindest wenn es schneit, ist der Winter schön. Wenn man Mann aus Marseille nicht kennt, stellt sich spätestens in der Hälfte des Albums die Frage, wie wichtig es ist, einen Ton genau anzusingen. Die Antwort, die ihre Musik darauf gibt: Überhaupt nicht, basta. Gerade der Gesang ist ein Teil von dem, was die Musik charmant macht und definitiv zum Wiedererkennen einlädt.
Mit ganzen sieben Minuten Spieldauer scheint „Strom“ erstmal ein wenig lang. Dieses Gefühl kommt während des Hörens aber gar nicht erst auf, da endlich längere Instrumentalteile, statt der vorangegangenen kurzen Zwischenspiele aufzeigen, wie gut die Band ihre Instrumente im Griff hat. Dieses Lob trifft auch Cri Derntl, hauptsächlich an der Gitarre, aber auch ein wenig im Gesang tätig, Christian Walter am Bass und Max Dörfler am Schlagzeug und ebenfalls beim Gesang. Der Song beweist auf jeden Fall, was an „Improvisation“ alles möglich ist. Hannes Holzweber beweist zudem, dass man wirklich aus jedem Thema einen Songtext zaubern kann.
Ganz süßlich startet schließlich „Eisenhut„, wird aber schnell rockiger, mit reibenden Klängen. Der Text dieses Songs zeigt auf, wie kryptisch ein Liedtext überhaupt sein kann. Auch nach wiederholtem Hören wird nicht wirklich klar, was genau der Sänger denn inhaltlich vermitteln will.

„Du bist zu kalt für diese Jahreszeit“ lässt die besungene Person wirklich eisig dastehen. Wenn kälter als der Winter zu sein als Charakterzug nicht übertrieben ist, scheint man schon fast zu grausam für diese Welt; bleibt nur zu hoffen, dass es sich beim hier besungenen um einen insgesamt milden Winter handelt, dann besteht wenigstens noch ein bisschen Hoffnung. Weg vom Text handelt es sich hier um einen der Songs, die aufzeigen, wie viele musikalische Stimmungswechsel in einem einzigen Titel verankert sein können. Sanft, mitreißend, wachrüttelnd, zurück zu sanft, mit düsterem Ausklang.

Schluss

Der letzte Track, „Maschine„, geht musikalisch auf und ab und mündet auf den letzten Takten in einen Höhepunkt, der das Album gekonnt schließt. Bravourös fasst der Track noch einmal das gesamte Album zusammen. So bleiben den Hörern in Erinnerung: im Text verankerte (Gesellschafts-)Kritik; echte musikalische Leistung und schließlich die teils eher düstere Stimmung. Mit dem Album bestätigt sich, dass Mann aus Marseille in einer Welt aus Pop-Mainstream ihr ganz eigenes Ding durchziehen und somit gerade in diesem Sektor etwas schaffen, was man sich dringend wünscht: Etwas Neues.

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