Fatoni & Dexter - Yo, Picasso
Flow
Beats
Lyrics
Wortwitz
4.7STERNE

Hebt der Dexter-Soundteppich Fatoni auf das nächste Level?

Eigentlich geht mir die Stimme des Sprechgesangartisten etwas gegen den Strich, es fällt mir wirklich schwer zu zuhören.

Es ist anstrengend. Sieht man es aber von einer anderen Perspektive, stellt man schnell fest: es fordert einen, so ähnlich verhält es sich mit den Lyrics, den Rap und den Beats. Die sind wahrhaftig grandios.

Führen wir uns mal grob den Werdegang der zwei Artists zu Gemüte. Eines steht fest, die Beiden haben massig Erfahrung.

Dexter ist schon seit den späten Neunziger-Jahren aktiv, als Teil der Heilbronner Wortsport-Crew hat er zahlreiche Instrumentals für befreundete Rapper produziert. Er liebt scheppernde Drums, für seine Produktionen greift das Multitalent hauptsächlich auf staubige Jazz-Samples zurück.

Seit 2008 veröffentlicht Dexi eigene Alben auf dem aus Wortsport hervorgegangenen Label WSP Entertainment. Dadurch wurden die Rapper Casper und Cro auf ihn aufmerksam und ihn für die Albumproduktion gewinnen konnten.

Als Endresultate stehen nun eine Goldene Schalplatte und eine Platin-Auszeichnung auf seiner Habenseite. Seit 2012 ist ein Drittel des Produzententrio Betty Ford Boys, die anderen zwei Member hören auf die Namen Suff Daddy und Brenk Sinatra . Sein Mixtape aus dem Jahre 2013 „Psychedelic Breaks & Nuggets“ sollte sich der ein oder andere auch mal reinziehen. Oder sein Instrumental-Album „The Trip„, dass sich am Psychodelic Rock der späten 60er Jahre orientiert, genauer gesagt mit Samples aus Musikstücken dieser Zeit gespickt ist. Die Liste ist endlos.

Fatoni Promo, (c) Conny Mirbach

Fatoni wuchs in der bayrischen Hauptstadt München auf, wo er im Jahr 2000 gemeinsam mit dem MC Keno und dem Produzenten Bustla die Crew „Creme Fresh“ gründete. Bis zur Auflösung der Gruppe im Jahre 2012 veröffentlichte die Band vier Alben und eine EP. Bis 2010 war Fatoni gemeinsam mit seinen Bandmitgliedern auch Teil der Brassband „Moop Mama“, schlug dann aber Solopfade ein.

2011 erschien mit „Solange früher alles besser war“ sein erstes Soloaplatte, zwei Jahre später kam das Album „Nocebo“ in Kooperation mit Edgar Wasser. Im Jahr darauf folgte seine EP „Die Zeit heilt alle Hypes“. 2015 veröffentlichte Fatoni die vielfach gefeierte „C’mon!“ EP. Die „EP“ wurde zum „Album des Jahres“ beim Musikexpress Online Voting gewählt.

Fatoni Dexter Promo (c) WSP

Kunstlieferant

Der erste Song „Benjamin Button“ startet und der Rapper stellt sofort klar, dass es bei ihm anders läuft. Auf ehrliche Weise teilt er uns mit, dass er früher whack war. Geil, das macht sonst keiner.

Der Track ist nach einem Teil des Titels des Films “Der seltsame Fall des Benjamin Button” benannt. Dieser erzählt die fiktive Geschichte von einem Mann, der als Greis auf die Welt kommt und rückwärts altert.

So ähnlich wie Fatoni im Laufe der Zeit immer besser am Mikrofon wird. Es wird dezent geschossen, bei solchen Zeilen spricht er bestimmt vielen Raphörern aus der Seele.

„Kennst du das? Du hattest so was wie einen Lieblingskünstler
10 Jahre später ist der selbe Mensch ein mieser Stümper
Sagen wir, er war begnadeter Rapper
Alles war cool, solang‘ er einfach nur begnadet gerappt hat“

Es geht weiter mit „Authitenzität“, alleine die Schreibweise ist schon mega lustig. Mit einer ordentlichen Brise Humor verleiht der Bayer dem Track eine humoristische Note und fordert die rigorose Abschaffung der Authentizität. Es hält sich ja eh niemand daran.

„Ich will doch noch so viel erreichen und so
Alter, 2Pac war in meinem Alter schon… tot
Generation Superstarkomplex
Die guten Fragen stehen nie auf gutefrage.net“

Nun folgt „32 Grad“, ein trashiger, den 70er Jahren angehauchter Beat. Für das Instrumental wurde ein Sample aus “Messages From The Stars” von The Rah Band verwendet.

Sein persöhnlicher Beitrag zur Flüchtlingskrise, man muss nur genau hinhören. Es werden Vorurteile zum Turm aufgebaut und über die Spitze hinaus getrieben. Sarkastisch beschreibt Fatoni im ersten Part aus der Perspektive eines Fliehenden und im Zweiten aus der Sicht eines Urlaubers.

Das Video zum Track ist auf der griechischen Insel Lesbos entstanden, einer der Hauptanlaufstellen für syrische Flüchtlinge.

Nun huldigt er der Einführung der Hygienevorschriften, er ist eben ein Saubermann. Kleiner Spaß – „Semmelweisreflex“ ist straighte, zynische Gesellschaftskritik, die man sich zu Gemüte führen sollte.

Nun wird geflowt bis der Arzt kommt. Bei „Kann nicht reden ich esse“ kommt der einzige Feature-Gast in`s Spiel. Kryptik Joe ist der Frontmann von Deichkind und dort für die Raps und Beats zuständig. Alle Deichkind-Hater können spätestens jetzt einpacken und sich im Mantel des Schweigens einhüllen.

Beide zeigen sehr starke Leistungen, stellen ihre Ohren auf Durchzug und erzählen lustige Geschichten von anwerbenden Major-Labels und Verschwörungstheoretikern. Was ein Kracher, wunderbar umgesetzt.

Ein Schlechter Mensch“ ist ein Track auf dem sich Fatoni verteidigt, gewisse Dinge zu tun. Er sei nämlich gar kein schlechter Mensch, Schuld seien immer die anderen. Dass er Fleisch esse liege beispielsweise nur daran, dass Gemüse scheiße schmecke und Fleisch wiederrum richtig gut.

Der nächste Song „Stalingrad“ handelt von einem erfolgreichen Mann, der langsam abstürzt und Frau, Job, Geld und schließlich auch sein Haus verliert. Die Pointe kommt dann während des Refrains:

„Das ist alles immer noch besser als Hodenkrebs“

Der MC zeigt der Gesellschaft mal wieder den Spiegel auf und möchte bestimmt aufzeigen, dass es nur darauf ankommt, wie man das Leben betrachtet. Geniales Storytelling, schmackhafte Beispiele und das Spiel mit der Sprache bekräftigen die Aussage.

„Es heißt Glück im Spiel, Pech in der Liebe
Er nahm den nächsten Flieger nach Hause, ging direkt ins Casino
Setzte sein ganzes Vermögen auf Rot
Es kam Schwarz, so ein blöder Idiot“

In „Mike“ geht es um das Gefühl Jemandem nachzueifern und zu denken „so gut werde ich nie“. Vielleicht beschreibt er aber auch die Verblendung der Medien und die Lüge bzw. Illusion über perfekte Promis. Seine Live-Qualitäten kann man hier begutachten.

Lethargische Lyrics und witzige Depressionen findet man im nächsten Track “Kein Tag”.

„Wenn das irgendjemand einen Tag nennt
Dann liegt das nur an fehlenden Worten, Sprache ist beschränkt“

Dienstag Nacht“ besitzt nur einen Part, der ohne Hook durchgerappt wird. In der Nachbarswohnung wird unter der Woche hart gefeiert und der Lärmbetroffene „alarmiert“ die Polizei. Ist es Sarkasmus und Zynismus, Beides oder ist das doch nur Ironie?

Bei „ADHS“ steppt der Beatbastler Dexter höchstpersöhnlich ans Mikrofon zerlegt mit einem Part so manchen Rapper, überrascht durch jede Menge Skills und kommt nebenbei mit der Punchline des Jahres um die Ecke.

„Habe Erfolg, habe Plan, bin praktische ein Star
Ich mach Para, du sammelst Erasmus-Erfahrung im 20.Jahr – bitch“

In „Schauspielführer“ liefert der Münchner wieder Wortwitz par Exellence und man darf amüsante Zeilen bewundern.

„Das Ego isst dich, wenn man lange genug Egoist ist
Selbst der Planet auf dem du sitzt, dreht sich um sich, Gott, wie egoistisch“

Fazit

Traumkollabo, zwei Künstler die draufhauen wie Terence Hill und Bud Spencer. Eine Bunte Mischung an verschiedenen Instrumentalen, bieten dem Sprechgesangsvirtuosen eine fantastische Grundlage, die er vollends ausnutzt.

Ein bis zwei Tracks hätte man weglassen können, dann wäre es ein klassisches Meisterwerk entstanden. Endlich mal ein Album, bei dem die Beats & die Texte stimmig sind!

Schlusssatz: „Yo Picasso“ bildet eine unglaubliche Symbiose aus den traumhaften Beats von Dexter und dem Rap von Fatoni, der lyrisches Feuer spuckt.

Tracklist

01. Benjamin Button
02. Authitenzität
03. 32 Grad
04. Semmelweisreflex
05. Kann nicht reden ich esse ft. Kryptik Joe
06. Ein Schlechter Mensch
07. Stalingrad
08. Mike
09. Kein Tag
10. Dienstag Nacht
11. Adhs
12. Schauspielführer
13. Ice Abteil

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