Gefühl, Country: Ian Fishers Album "Koffer"
Feeling
Instrumentierung
Harmonie
4.5Sterne

Fisher, Ian: Singer/Songwriter aus den USA. Momentan sesshaft in Europa (hauptsächlich Deutschland). Neues Album erscheint am 18.11.2016. Die Track-Mischung bestehend aus alt und neu wird auf einem Album Koffer kompiliert und überarbeitet. Seine Countrywurzeln werden am Album auseinandergenommen, neu sortiert, wieder zusammengeschweißt. Die Schlagwörter gefühlvoll, persönlich sind dem Album vorangestellt.

Track by Track

Start: simpel. Track 1 startet mit einem Rhythmuspattern, das gleich die Füße mitwippen lässt, spätestens bei der Gitarre geht das Wippen auf den ganzen Körper über – man tanzt. If You Wanna Stay: Die romantischen Zugeständnisse, die Fisher (nicht?) macht, deuten auf den Anfang von etwas Großem hin. Mit einfachen Worten schafft er es, Gefühle zu beschreiben, die jeder kennt, er wird zur Identifikationsfigur. Gegen Ende wirkt vor allem der Gesang fast schon ein wenig frech und trotzig. Die Hammondorgel gibt dem Countrysong einen weltlichen Touch, das Ergebnis lässt sich hören. Gleich zu Beginn also ein kurzer Track mit viel Aussagekraft.

Track 2 (Candles for Elvis) ist eine Nummer, die in bereits Geschehenem schwelgt. Sie zeichnet sich durch rockigen Sound, drängende Beats und verzerrte Stimme aus, ausgezeichnet ist der Song aber nicht. Ja, Track 1 soll alle anziehen und sagen: Hier seht, etwas Neues ist auf dem Markt, und es klingt…! Und, nun ja, bei Nummer zwei der Trackliste kann man etwas zurückschrauben, um nicht gleich zu Beginn alle guten Songs aufzubrauchen – man benötigt ja noch eine gute Schlussnummer. Und dennoch: Diesem Albumtrack 2 fehlt etwas. Dabei ist schon viel Gutes vorhanden: die Harmonien, die echt passen, oder die Turnübungen, die Fisher stimmlich vollführt. Lustigerweise kann man sich vorstellen, dass dieser Song live einer der besten, mitreißendsten wäre, nicht jedoch auf dem Album; da fehlt der Drive.

Auf Deutsch! Track 3 ist der Grund, wieso das Album so interessant ist. Da Fisher schon längere Zeit statt in den USA im deutschsprachigen Raum hin- und herreist, wurde es wohl Zeit für den Song Koffer. Musikalisch erwartet einen der rockig verzerrte Sound, der am ganzen Album immer wieder vorkommt. Dazu kommen gut gesetzte Schwankungen in Intention und Lautstärke, die die zu erzählende Geschichte unterstützen. Diese bezaubert erst einmal mit diesem Sweet-sweet-Slang (obwohl DAS wahrscheinlich überhaupt nicht das erklärte Ziel war). Zusätzlich verstärkt wird dieser Charme durch die Lässigkeit des Vortrags, die momentan in der österreichisch/deutschen Popwelt fast schon ein Muss ist. Interessant ist auch der Titel. Es gibt immer wieder Songtitel, die Erwartungen wecken, da sie nur als Titel schwer begreiflich machen, worum es denn in dem dazugehörigen Song gehen mag. Koffer ist einer davon. Sagt zuerst eigentlich nichts aus, nach einmaligem Hören weiß man aber schon, wie viel „Koffer“ bedeuten kann – nämlich ein ganzes Leben.

Track 4 Thinking About It ist dann die erste richtige Country-Ballade des Albums, was auch Fisher selbst in den Lyrics zugibt.

singing so clichee like some cowboy line

Deep shit mit typischen Countrymustern. Die musikalische Endloswiederholung wird superb aufgelockert durch ein Klavier und lässt durch das ruhige Fortschreiten Platz für Entwicklungen in den (sehr persönlichen) Lyrics. Diese behandeln die Thematik, wie sein Leben als Musiker Zukunftspläne beeinflusst und inwiefern man sich dafür ändern soll.

Leichtfüßiger wird es dann in Track 5: The Way To Go. Durch die zarte Begleitung fließt der Song einfach vorbei. Verstärkt wird das durch die chorischen Einsätze, die den Song harmonisch auf ein neues Level aufsteigen lassen. Geht gut ins Ohr, kann sich hören lassen! Der Song benötigt nicht viel Aufmerksamkeit und bleibt einem doch im Kopf. Einzig der Ausgang lässt zu wünschen übrig. Das Gitarrensolo, das das Fade Out begleitet, ist simpel und schön, es fehlt jedoch ein Schlusspunkt.

Nach dieser ruhigen Nummer ist der fetzige Beginn von Track 6 fast schon ein Schock. Seriously Who ist sehr wechselhaft. Musikalisch gesehen vereint er durch eine Wendung der Bläser Sektion sogar noch Schlager unter den Genres, die am Album vertreten sind. Dazu kommt, dass der Auftakt kurz an die ersten Sekunden vom Bob der Baumeister-Titelsong erinnert, was einem erst einmal ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. Wenn man von Bob mal absieht, ist es jedoch einer der besten Tracks am Album. Ohrwurm garantiert! Witzig und dennoch ein bisschen traurig an den Lyrics ist, dass Fisher sich die Frage stellt, wer dieser Musik überhaupt zuhören sollte, seriously who?!? Seine Zweifel sind hier auf hohem Niveau, da seine Musik für viele als Identifikationsmaterial schlechthin gelten kann.

Track 7 belohnt mit purem Country. Settlin’ In ist eine Nummer, die rein aus Banjo und Gesang besteht. Obwohl der Song vom Tempo her nicht darauf schließen lässt, macht er doch ein wenig melancholisch. Die simple Aussage, sich an ein neues Leben zu gewöhnen, beinhaltet, dass man auch etwas zurücklässt. Genau damit trifft Fisher das Countryfeeling. Entspannend einfach, aber mit viel Gefühl!

Trist, so beginnt und endet Track 8: Whole Lotta Room. Und wieder: Man kennt das besungene Gefühl, kann sich hineinversetzen. Der Song lädt ein, sich darin zu verlieren, in einer Endlosschleife hüllt er einen ein, wie in einem Kokon. Ähnlich dem Sad Film Paradoxon (sich Trauriges anzusehen, um etwas Trauriges zu fühlen), könnte man hier von einem Sad Song Paradoxon sprechen. Das kleine Duett verstärkt eine irgendwie beklemmende Romantik, die nicht wie gewünscht ausgeführt werden kann.

Hail Mary, Track 9 glänzt durch gefühlvollen Gesang, vor allem aber auch durch die eingestreuten Instrumentalteile. Ein ziemlich ausgewogener Song, bei dem der gute Sound alles ausmacht. Wie sich diese Mary allerdings auf das Album schleichen konnte, ist unklar wenn man bedenkt, dass Fisher ansonsten eher Persönliches zuerst in Textform und später in Liedform umwandelt. Davon abgesehen: Top!

Track 10 belohnt alle Hörer mit einer Akustikversion des titelgebenden Songs. Dieses Mal kann man der charmanten Sprache noch genauer zuhören. Wie kann man sich nur jemals satthören an diesem Track?

Schließlich, der letzte Song: Nothing. Trotz des gewählten Themas (Kreislauf des Lebens) wurde der Track auf eine ziemlich positive Weise instrumentiert und musikalisch umgesetzt. Er ist eine überarbeitete Version der 3-Track-EP Canadian Patriot Waitress, die 2014 erschien. Bei der früheren Version wirkten auch The Present und The Reverend John DeLore mit. Die Nummer von 2016 vertritt hymnische als auch Hula Elemente. Eine interessante Mischung, aber sie funktioniert!

Fazit

Gefühlvoll, manchmal etwas zu melancholisch. Aber wer Country hört, muss das in Kauf nehmen. Fisher bringt vieles textlich auf den Punkt und macht es einfach, sich mit der Musik zu identifizieren. Das gesamte Album profitiert von der gesanglichen Leistung und wird mit der Musik stimmig abgerundet. Dass Musik und Text auf die hier präsentierte Weise zusammenpassen, ist heutzutage nicht mehr Voraussetzung für ein gelungenes Album. Gerade deshalb spricht das Album an. Zusammengefasst: Stimmig.

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