Gerard - Neue Welt
Lyrics
Beats
Tiefgang
Flow
Vielfalt
4.4Gesamt

Wer folgt dem Wiener Rapper in die vollkommene Welt? Kein Standard-Hip-Hop, eher ein Stück Seelenmusik.


Sein Vorgängerwerk „Blausicht“, welches 2013 erschien, schöpfte seine Qualitäten erst durch seinen Langzeitwert vollends aus. Auf lange Sicht gesehen wird die „Neue Welt“ sicherlich auch wieder sehr gut funktionieren.
Der Künstler hat die Zweifel und Ängste abgelegt und die Leichtigkeit des Seins in sich aufgesaugt. Dieser Aspekt spiegelt sich natürlich auch soundtechnisch wieder. Das experimentelle Beatgerüst hat wieder mal einige Grenzen gesprengt und den Zeitgeist nicht nur perfekt getroffen, sondern auch ein stückweit neu geformt.

Zukunftsmusik

Was nur „Ein Gedanke“ verändern und bewirken kann, erzählt uns Gerard im ersten Song. Wie z. B. bei unzähligen, wissenschaftlichen Erfindungen wird erst Jahre später die erste Idee umgesetzt und der Grundgedanke manifestiert und perfektioniert.
Der Beat erschafft ein gediegenes Grundgefühl, das zum Chillen einlädt. Sanfte Elektroklänge symphonieren mit den wenigen, ausgewählten Textzeilen.

„Nie wieder auch nur eine Sekunde lang irgendwas machen, was man nicht machen will/

Oft reicht auch bloß ein Wort und alles stimmt

Vielleicht dauert es Jahrzehnte, vielleicht greift es sofort, doch es ist alles in Reichweite,

wir müssen nur weiterhin das Puzzlestück sein/

Der Stein, der alles ins Rollen bringt, dann wird alles zu einem/“

Gerard „Neue Welt“ Cover

Den Zusatz „MC“ hat er abgelegt, dieser gehört definitiv der Vergangenheit an. Denn was mit „Blausicht“ angedeutet wurde, wird mit dem Nachfolger gerade zu  manifestiert: Gerard sagt „Hallo“ zur Welt und beeindruckt durch prägnante Lyrics. Das Instrumental könnte auch von Emancipator oder anderen sanften Elektro-Spezialisten produziert sein, so verträumt kommt es daher.

„Ohne Gänsehautmomente wirkt die Nähe nicht wahr/

Wirkt Entfernung nicht nah/

Ich halt‘ alle Bilder fest, die besten werde ich rahmen/

Je schneller sich das Negativ entwickelt, desto heller die Farben“

Der Sound präsentiert sich weiter experimentell, schon wieder ein Vergleich, der minimalistische Beat könnte auch aus den frühen 80er stammen. Der Rapper zollt unserem blauen Planeten seinen Tribut, man könnte fast 90% des Textes hervorheben. Einfach wunderschön.

„Ich tanz‘ auf Glas, alles flimmert;

Balancier‘ auf der Achse unserer Welt;

Bau mir aus den Steinen ’nen Palast, ein Monument für alle Zeiten

Unser Meisterwerk, das Ewigkeiten hält“

In „Panorama“ beschreibt der Wiener Emotionen und Erfahrungen aus einer anderen Sicht. Jonas Schubert von OK KID gesellt sich zu ihm und beide sehen die Sachen aus der Vogelperspektive.

„Aus Angst, zu weit zu gehen, gehen wir nicht weit genug“

Er hat die passenden „Hymnen“ parat und hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor das Gesicht, inklusive einprägender Zeilen wie dieser:

„Fantasie an die Macht/

Wer immer auf den richtigen Moment wartet, hat ihn verpasst“

Melancholisch und tiefgründig kommt „Licht“ daher, wohl der emotionalste Song des Tonträgers. Mit dem Tod seines Großvaters, ist eine wichtige Bezugsperson von ihm gegangen.
Sein Opa war selbst leidenschaftlicher Fotograf, konnte diese Neigung jedoch nie ganz ausleben, da er seine Familie ernähren und in den Krieg ziehen musste. Die Liebe zur Kunst lebt in Gerard weiter und er sieht sich in der Pflicht, dadurch die Welt ein klitzekleines Stück schöner zu machen.
Ein positiver Song über das Lernen aus Fehlern und das Ziel des Lebens – ein guter Mensch zu sein. Die Akkustik-Version kann man sich nun zu Gemüte führen:

Ozean“ beschreibt den Werdegang einer gescheiterten Beziehung, jedoch auf eine spezielle Weise.

„Ich hatte Angst verloren zu gehen,

hab dann die Angst verloren zu gehen

Manchmal fehlen Worte, manchmal die, die sie verstehen“

In „Gelb“ vereinen sich Zwei, die nicht besser zusammen passen könnten. Maeckes von den Orsons passt du dem sympathischen Wiener wie die Faust auf`s Auge und besticht durch raffinierte Lyrik. Beide philosophieren und unterstreichen was eine positive Einstellung bewirken kann.

„Die Probleme von heute sind die Lacher von morgen“

„Aber ruhig Blut, alles ist durch und durch gut

Und wenn man sich immer alle Türen offen hält, herrscht Durchzug“

Er singt „nichts für was sich lohnt ist auch einfach“ und fordert Durchhaltevermögen, aber auch die besondere Sicht der Dinge wird u.a. in „Mehr als Laut“ angesprochen. Witzige Momente, bei denen man etwas schmunzeln muss, sind auch mit dabei:

„Dann tippst du „Chaos“ in dein Handy und die Autokorrektur macht daraus „Chance“, du musst lächeln“

Umso leerer der Laden“ ist beinahe ein Dialog und besticht durch eine dumpfe Bassline und der perfekt passenden, weiblichen Gesangsstimme.

Titel Nummer Elf besitzt den Namen „Durch die Nacht“ und huldigt dem Nachtleben. Der dritte Gastbeitrag im Bunde Lot, ein deutscher Popsänger mit türkischen Wurzeln, passt vorzüglich zu dem Wiener Rapper. Beide Musiker kreieren ein tolles Stück Sprechgesang.

„Die Stadt hat mir geflüstert, dass sie mag wie ich tanze/

Und ich schwimm mit ihrem Flow, bis ich irgendwann an Land geh/“

Wenn wir doch nur unendlich viel Zeit zur Verfügung hätten. Der letzte Song „Goldregen“ besitzt nur wenige Vocals, dafür dürfen die Hörer Zeilen wie diese bewundern:

„Die Welt dreht sich bestimmt noch ewig weiter, doch die Frage ist für wen/

Wollten wir uns widersetzen, sollten wir wohl erst mal stehen/“

Da die Beats ineinander fließen und einen ähnlichen Charakter besitzen, könnte man meinen ein Produzent habe den Klangteppich erschaffen. Dem ist nicht so, denn an den Instrumentalen haben Patrick Pulsinger, Nvie Motho, Stickle, Claud, Alex The Flipper, René Mühlberger, Wandl und Philip Böllhoff von den Beatgees geschraubt.
Gesellschaftsutopisch ist ein passendes Wort für Gerard`s Visionen. Er stellt Fragen, die viele Menschen interessieren:
Welche Werte werden die nächsten Generationen verfolgen, was wird sich an ihrer Lebensphilosophie ändern? Wegen welchen Idealen wird man die heutige Generation später auslachen oder bewundern? Die Zukunft wird es zeigen.

Gerard – Promo – (c) Christoph Hofbauer

Sein drittes Album ist ein zusammengeknüpfter Soundteppich, die Songs sind verbunden wie Zahnräder, die in sich greifen. Ein paar kleine Punkte müssen jedoch angemerkt werden:
Wechselnde Strukturen der Songs und variable Reimschemen würden das tolle Album noch einen Tick besser machen. Textlich ist das Album spitze, einzig die immer wiederkehrende Wortwiederholung „Alles“ geht tierisch auf den Sack.

TRACKLIST:

01 – Ein Gedanke

02 – Hallo

03 – Höhe Fallen

04 – Panorama (mit OK KID)

05 – Hymnen

06 – Licht

07 – Ozean

08 – Gelb (mit MAECKES)

09 – Mehr als Laut

10 – Umso leerer der Laden

11 – Durch die Nacht (mit LOT)

12 – Goldregen

Neue Welt | Tour 2015

Wer den sympathischen Österreicher live erleben möchte, hat die Möglichkeit einen der folgenden Tourtermine zu besuchen.

15.10.15 Graz PPC

16.10.15 Linz Posthof

17.10.15 Innsbruck Weekender

18.10.15 Salzburg Rockhouse

20.10.15 München Ampere

21.10.15 Erlangen E-Werk

22.10.15 Leipzig Täubchenthal

23.10.15 Berlin Postbahnhof

24.10.15 Hamburg Knust

26.10.15 Dortmund FZW

27.10.15 Köln Gebäude 9

28.10.15 Frankfurt Zoom

29.10.15 Freiburg Jazzhaus

30.10.15 Stuttgart Cann

31.10.15 Dornbirn Conrad Sohm

01.11.15 Zürich Papiersaal

03.11.15 Wien WUK

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