GReeeN - Vergessenes Königreich
Beats
Flow
Melodie
Lyrics
4.6Sterne

Er lebt nach dem Prinzip „Hakuna Matata“, gibt nicht nur ein bisschen was von seiner guten Laune ab und lässt sich rigoros von seinen Instinkten leiten.

Nach der Teilnahme an Internet-Battle-Turnieren wie dem VBT und JBB, diverser Veröffentlichungen namentlich „Alles Grün EP“ und „Hippie 2.0“ gibt es seit dem 28. August 2015 sein Debutalbum „Vergessenes Königreich“ über sein eigenes Label New Green Order käuflich zu erwerben.

Die Tonträger konnte man nicht nur über die einschlägigen digitalen Portale kaufen, sondern sich jeweils auch als Gratisdownload ziehen, gekauft wurden sie trotzdem – und das nicht zu knapp. Immerhin erlauben sie es ihm bis heute, in Ruhe seiner Arbeit als Musiker nachzugehen.

Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass der geneigte Leser beim ersten Anblick des Namens GReeeN die Augen verdreht und „Noch ein Berliner Kiffer..“ in die Welt stoßseufzt. Aber das wäre falsch. Falsch, was den Hintergrund und die Herkunft des Künstlers angeht, falsch, was die Bedeutung des Namens angeht und falsch, da man konditionierungsbedingten Vorurteilen nicht nachgeben sollte. Für den Mannheimer Pasquale Denefleh, der sich hinter dem Pseudonym GReeeN verbirgt, stecken viel alteingesessenere Dinge hinter der Namensgebung.

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GReeeN, © Arthur Rewak

Zum Beispiel grüne Ampeln oder das Sprichwort „Alles ist im grünen Bereich“. Grün ist die Farbe der Hoffnung, in der Lehre der Farbtherapien bedeutet Grün die reine Beruhigung. Der Blick ins Grüne ist niemals anstrengend, sondern stärkt das Auge für alle anderen Eindrücke. Grün findet sich in den Nationalfahnen der meisten Wüstenstaaten, das Überleben in den Weiten der endlosen Wüsten ist nur gesichert, wenn man rechtzeitig eine grüne Oase erreicht. Grün steht für die Natur – und nein, da geht es immer noch nicht um die Mary Jane, sondern um Bäume und relativ unrauchbare Wiesen. Der klischeehafte Joint wird nicht propagiert und nicht verdammt, er findet hier einfach nicht wirklich statt. Dem Sprechsänger geht es um ein anderes, viel einfacheres High: Das High des Seins an sich. Die Konzentration auf das Wesentliche in einer wahnsinnig schnellen konsum- und statusorientierten Welt.

Der Intro-Track „Ich mach mich frei“ kommt lockerlässig um die Ecke und der Konsument begibt sich auf eine Reise voller positiver Vibes, der Beat samplet Deep Purple’s Klassiker „Smoke on the Water“. Die Bridge unterstreicht die Message wunderbar:

“Die Leute meinen, du bist verrückt, Träumer!
Ist das so?
vielleicht bin auch ne Glücksschleuder“

Wunderschönes Leben“ fasst den roten beziehungsweise grünen Faden des Longplayers passend zusammen und kommt eher gefühlsbetont daher. Die Meldodie frisst sich nur so in die Ohren, der Anfangsvers und die Bridge sind lyrische Leckerbissen und berühren ungemein:

„Als ich klein war, sagte ich Mama:
Mama weißt du was, ich glaub, alles ist machbar
Halt die Flamme groß und du wirst frei sein
Sagt der Naseweis mit all seiner Weisheit“

„Mir wird immer wieder klar – vertrau dir selbst
Ich hab immer eine Wahl – bau deine Welt“

Song Nummer drei beschreibt eine Situation, die viele kennen oder bereits erlebt haben. Du sitzt an der „Bushaltestelle“, siehst eine Person, die dir gefällt und fragst dich, ob du die Person ansprechen sollst, bevor der nächste Bus kommt. Der Beat und der Sprechgesang harmonieren spitzenmäßig und versprühen eine positive Botschaft.

Außerdem hat GReeeN jede Menge Träume, er geht gern auf „Reise(n)“, im gleichnamigen Song berichtet er über Urlaub auf allen Kontinenten. Dabei zieht er auch Parallelen auf das Leben, die Reise zu sich selbst. Auch wenn alles zerfällt und richtig schlecht läuft, bleibt der Hauptprotagonist „Locker“. Er erzählt in den Parts eine übertriebene, lustige Geschichte über ein Schäferstündchen mit der reifen Sonja und die daraus resultierenden „Maßnahmen“ seiner betrogenen Freundin. Amüsant verpackt und produziert.

Nun kommen wir zu dem Titelsong „Vergessenes Königreich“, das Lied ist an seine zukünftigen Kinder adressiert. Die Zeilen sind an sie gerichtet, wenn sie das Licht der Welt erblicken.
GReeeN hat begriffen, dass man nicht unbedingt Geldbergen nachjagen muss, um glücklich und zufrieden zu sein. Dass die schönsten Dinge nichts kosten, und, dass Leben und Liebe größere Güter sind, deren Wert wir hin und wieder nur zu gerne vergessen.

„Glaube an was Großes, nämlich an dich selbst
Nicht so einfach wie man denkt, doch es verändert deine Welt
Vom inner’n heraus, sei kein Spielball deiner Kraft

Verfolge edle Ziele, aber lieb auch was du hast“

Kompassnadel“ ist eines, wenn nicht sogar das Highlight der Platte. Ein absolut gediegenes Instrumental begleitet die Raps und den Gesang. Der Sprechgesangsvirtuose ist ein wahres Hook-Monster, da passt alles. Der Track versprüht eine Sommerlaune, wie es nur wenige deutschsprachige Kollegen schaffen, der Künstler formt schöne Bilder, das passende Video unterstützt die Message.

Wie tief ist deine Liebe, wie weit würdest du für dein/e Geliebte/n gehen? „Bis ans Ende der Welt“? Das genau meint GReeen hier jedoch nicht, sondern er möchte aus der technikbestimmten Welt ausbrechen und nicht Teil von ihr sein. Er spricht an, dass durch Smartphones & co. viele Beziehungen scheitern und ein echter Freund mehr Wert besitzt als tausend virtuelle Freunde.

„Entscheidungslos beim Gestalten uns’rer Freiheit
Auf einmal sind wir alt, man sieht die Falten statt die Weisheit
1000 virtuelle Freunde doch was bringt das schon?
Da kann ja jeder gleich allein auf einer Insel wohnen“

Ein Freigeist ist ein Mensch, der sein Denken nicht von vorgegebenen moralischen Standards, die durch die Gesellschaft vorgegeben sind, einschränken lässt. Er denkt in alle Richtungen und lebt danach. Mit „Freigeist“ springt ein ganz neuer Beat in die Struktur, ein Paradebeispiel für den Facettenreichtum des Sprechsängers. Drum’n’Bass, gebrochen angehauchter Sound. Die Energie strömt bei Titel Nummer zehn nur so aus den Boxen.

„Wir gehen nen anderen Weg, wir sind Außenseiter
Laufen ins Unbekannte, voller Eifer, machen weiter
Wo andre längst aufgeben, wir sprengen jede Faustregel
Dirigenten des Lebens, endlich seinen Traum leben“

Gleichzeitig sind Freigeister auch Menschen, die mit wenig Reichtum, Macht und Geld auskommen, da sie die Wertlosigkeit und den Unsinn von bedrucktem Papier erkennen und sich über das definieren, was sie tun, und nicht über das, was sie haben.

GReeeN Promo, ©Arthur Rewak

Einen weiteren Sommer-Hit liefert er mit dem Song „Siya Jiva“, hier läuft auch der einzige Feature-Gast des Longplayers auf. Die aus Swasiland/Südafrika stammende Sängerin Nicole Hanfield singt den Refrain in ihrer Heimatsprache Siswati und er bedeutet umgangssprachlich „wir tanzen, mit Freunden, ich liebe sie sehr“. Er erklärt wiederum sehr schön, dass für ein glückliches Leben allein die Sichtweise essentiell ist, auch hier darf man tolle Textpassagen bewundern:

„Du siehst nur die Stämme der Bäume – Probleme, dicht an dicht
Ich seh auch dazwischen die Räume und das Licht“
…..
„Wenn ich mir was in den Kopf gesetzt hab
Gibt es kein „Hoffentlich klappt das“
Da gibts nur eins, der Optimist schafft das“

Musikliebe“ ist eine Hymmne und Liebeserklärung an die Kunst. Es ist seine Energiequelle, sein sechster Sinn, sein Rettungsring, der ihn vor den Tiefen des Lebens beschützt. Musik verschafft Mut, GReeeN bezeichnet sie als Elixier, das sein Leben erst zum Leben formt. Recht hat er. Er hat begriffen, dass man sich vom Alltagsstress nicht auffressen lassen darf und, dass es viel mehr bringt, wenn man sich in regelmäßigen Abständen auf eine Wiese legt und einfach mal ein bisschen ernsthaft über die Existenz von Flora und Fauna staunt.

Nun kann man sich ein Bild von den Live-Qualitäten des Musikers machen, energetisch und mit vollem Einsatz variiert er mit seiner Stimme, man sieht sofort, dass er auf der Bühne zu Hause ist und sich pudelwohl fühlt.

Bei „Voulez Vous“ kommen wieder die gebrochenen Beats zum Einsatz, ein Drum’n’Bass-Brett der ersten Liga. Die Hook hat so viel Druck, dass sich die Erdatmosphäre ausdehnt.

„Wir können gar nicht anders und wir lassen uns fallen
Schalten den Verstand ab, mein Taj Mahal
Alles vibriert, wann wenn nicht hier
Wir fühlen einfach so, wer soll das Ganze kapieren“

Er hat begriffen, dass man erwachsen werden darf, solange man dabei nicht das Kind-Bleiben vergisst. Wenn er das nicht gerade vorlebt, dann verpackt er all diese Weisheiten in seiner Musik, dabei genießt er immer den Moment. „Goldene Tage“ schmiegt sich nah an den grünen Faden, man könnte von einem Konzeptalbum sprechen, da jeder Track irgendwie in die anderen greift. Der Rapper feiert die Momente zum Verlieben und taucht ab in die Tiefen.

Auch im letzten Track „Kern meines Ursprungs“ wird weiterhin kräftig Liebe gespendet. Grün ist die Farbe des Lebens, Grün ist die Farbe der Mitte. In seiner vollendeten Neutralität zwischen allen Extremen wirkt es beruhigend, ohne zu ermüden. So hat er auch für vermeintlich böse Menschen etwas übrig und sieht das Gute in ihnen. Die Lyrik dient als Spiegel:

„Im Kern sind wir gute Wesen, manche haben sich nur verirrt
Gefangen in Denkmustern täglich grüßt das Murmeltier
Im Kern sind wir gute Wesen, manche haben sich nur verirrt
Ich seh hinter die Hülle, dort wo man nur Gutes spürt
Jedes Wesen ist es wert geliebt zu werden
In meinen Augen sind wir alle kreative Werke
Bin überwältigt wie schön die Welt ist
Ob saftige Wiesen oder felsig, mir gefällt es“

Die druckvollen, ausproduzierten Instrumentals stammen von zwei Personen, Jochen Haberkorn aka Slick hat den Großteil der Beats produziert, Jan Himmelsbach zeigt sich für „Tohuwabohu“, „bis ans Ende der Welt“, „Kern meines Ursprung und „Locker“ verantwortlich, GReeeN selbst hat auch an einigen Beats mitgewirkt. Stilvolle (Acapella-)Battles schließt der Künstler unter seinem Alter Ego Grinch Hill nicht aus, er möchte sich jedoch hauptsächlich auf „richtige Musik“ konzentrieren. Wir sind auf zukünftige Werke gespannt.

Fazit

Die LP ist ein starkes Debutwerk, seinen variablen, fast schon gesungenen Flow kann man mit keinem anderen Künstler in Deutschland vergleichen. Die gelungenene Vermenung aus Rap, Pop und Reggae: Freundliche und eingängige Melodien treffen auf positive Vibes in den Texten. GReeeN definiert seine Stimme als Instrument und genauso dynamisch setzt er diese auch in seinen Songs ein. Er vereint auf seine eigene markante Art Reggae, Pop und urbane Stile mit einer Brise Rap. Seine Hooks bohren sich direkt in die Ohren und trotz tiefsinnigen Texten schafft er es, dem Zuhörer ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Es sind nur klitzekleine Kritikpunkte vorhanden, die Themen überschneiden sich an manchen Stellen, sind zu einseitig und einige Beats klingen sehr ähnlich. Zum Beispiel ein Grinch Hill-Feature oder einen phasenweise wutgeladenen GReeeN hätten das Album noch authentischer und ausgereifter wirken lassen.

Tracklist öffnen

1. Ich mach mich frei

2. Wunderschönes Leben

3. Bahnhaltestelle

4. Reise

5. Locker

6. Vergessenes Königreich

7. Kompassnadel

8. Bis ans Ende der Welt

9. Freigeist

10. Siya Jiva (+ Nicole Hadfield)

11. Musikliebe

12. Voulez Vous

13. Goldene Tage

14. Kern meines Ursprungs

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