Kobito - Für einen Moment perfekt
Beats
Flows
Lyrics/Reime
Storytelling
Musikalität/Gefühl
4.1Sterne

Eine stimmige Platte mit tollen Features

Außerhalb des Mainstreams findet man immer mal wieder ein Juwel, welches mehr verspricht als man es auf den ersten Blick erahnen würde. Das neue Album „Für einen Moment Perfekt“ wurde am 16. September 2016 über Audiolith releast.

Ich bin im Hip-Hop relativ bewandert, aber der Name Kobito war mir bis dahin nicht geläufig. Ich schäme mich ein wenig, einen Dank an die weiten virtuellen Welten. Das Akronym des Künstlers steht für Kombination aus Bild und Ton.

Der Berliner macht schon ziemlich lange Musik und ist seit dem Jahr 2002 auf Solopfaden sowie mit weiteren Projekten unterwegs. Zusammen mit Sookee wird als Hip Hop Duo „Deine Elstern“ getourt, außerdem darf er sich Gründungsmitglied der Band „Schlagzeiln“ nennen. Die Platte wurde von Riffsn (Grossstadtgeflüster) und MisterMo im Zweigespann produziert. Diesen Teamgedanken hört man, jeder Track flutscht in den nächsten und verwebt jeden einzelnen Song zu einem großen Ganzen.

Analyse

Bereits der erste Song „Uhrzeigersinn“ fordert den Hörer und nimmt diesen auf eine interessante Reise mit. Das epische Instrumental passt hervorragend zu den Berichten des MC’s. Der Track handelt von der Schnelllebigkeit der Gesellschaft, Alltagsgeplänkel, verpassten Chancen, Vergänglichkeit und den fehlenden Wert unserer Taten. Diese Themen wurden schon zu Genüge behandelt, aber das Herangehen und die Verknüpfung der Themen schaffen ein tolles Werk. Titel Nummer Zwei nennt sich „Stadt der Freiheit„. Ein eingängiger, aber minimalistischer Beat, dient als Grundlage für die Raps, die ihn Utopia geschrieben wurden. Der Wunsch, dass alle Menschen frei sind und weltweit Frieden herrscht liegt dem Künstler sehr am Herzen. So ein Lied ist innovativ gemacht, genau wie die Piano Version, die ihr euch nun anschauen dürft.

Bei „Warten auf die Sonne“ kommt der erste Featurepartner Amewu zum Einsatz. Dies zeugt von großer Wertschätzung, da die Amewu Gastbeiträge sehr rar gesät sind. Der Beat könnte nicht besser sein, Sample-Schnippelei in Perfektion. Den Song schmücken „The Hi-De-Ho Man“ von Cab Calloway, Déjà-Vu von der Antilopen Gang und Mein Leben von Too Strong-Member der Lange.

Beide philosophieren mit einer gehörigen Portion Melancholie und erzählen aus zwei Perspektiven über das Leben in der Großstadt. Auf der einen Seite steht der kindliche, unverdorbene Charakter, der die Streitereien der Menschen sieht und in Eskapaden verfällt. Den Gegenpart übernimmt natürlich Amewu und berichtet aus der Sicht eines „Winterkinds“, dem die Kälte der Stadt nichts mehr anhaben kann, da er die Verlogenheit der Welt bestens kennt. Die Cuts stammen von Kai Kani.

Ich seh‘ den Wahnsinn einer Menschheit, die in Scheiße schwimmt
Schon als kleines Kind versuchte man mir Scheiße beizubring‘
Durch die Scheiße schwimmen und weiterhin Scheiße miteinzubring‘
Machte für mich keinen Sinn, trotzdem bleibt mir nur weiterschwimm'“

Jede Menge Selbstironie kommt in „Fluch der Akribik“ zum Einsatz und spiegelt unsere Leistungsgesellschaft wieder, die dem Durchschnittsbürger das Rückgrat raubt. Der Vergleich wird mit dem Titel „Mitarbeiter des Monats“ auf die Spitze getrieben. Nun wandelt sich das Soundbild etwas und es wird ruhiger und gefühlvoller. „About Blank“ handelt von durchzechten Nächten, Maßlosigkeit und falschen Worten. Schein und Sein werden ausgiebig beleuchtet.

Im Skit „Werbetexter“ nimmt sich Kobito die Redakteure und Texter vor, die gerne Rapper geworden wären, immer alles besser wissen und sorgt für kurzweilige Unterhaltung. Im nächsten Song „Schlechter Scherz“ wird sich mit Refpolk zusammen getan und die Crew Zeckenrap repräsentiert. Auf einem verrückten Beat rappen sie über fehlende Gagen und geringe Wertschätzung und ergänzen sich ziemlich gut. Das Gesagte wird lustig verpackt und lässt einen schmunzeln. Nun kommen wir zum viralen Hit „Walking Deutsch„. Die gegenwärtige Zombieapokalypse der „Ich bin kein Nazi, aber“-Sager geht den Künstler gehörig gegen den Strich. Spezial-K und der Hauptprotagonist lehnen jegliche Menschenfeindlichkeit ab und kritisieren besonders den alltäglichen Rassismus aus der Mittelschicht.

Und sie zünden Häuser an, weil sie brave Bürger sind
Wünschen sich mehr Würde, aber jagen Flüchtlinge
Leugnen die Geschichte und deuten die Geschichte um
Opa war ein Hitlerjunge, doch hat nie was mitbekommen

Der nächste Titel „Aus Papier“ featured Haszcara und das Duo berichtet über ihre lyrischen Ergüsse. Endlich mal ein toller weiblicher MC, der sich auch sachgemäß ausdrücken kann, einen tollen Flow und ein erfrischendes, echtes Gesamtpaket besitzt. Message: Gedanken und Träume werden in Reime und Zeilen verpackt und dienen auch als Selbsttherapie. Die unterschiedlichen Stimmen ergänzen sich und man kann von einem gelungenen Song der Sparte Rap über Rap sprechen. „Alles in Bewegung“ lebt wieder von einem fantastischen Beat, welcher sich sofort in den Gehörgangen festsetzt. Kobito erzählt, dass er nie still steht und wartet, sondern selbst nach seinen Lorbeeren greift.

Fazit

Die nicht rezensierten Songs sind keines Falls schlecht, jedoch bekommt man zu Ende des Albums eine schwächere Periode. Der Hörer darf sich über ein erwachsenes und reifes Album freuen, welches sich vom standardisierten Hip Hop Stereotyp bewusst abgrenzt. Diese Art von Rap braucht keine mehrsilbigen Reime oder die präzisesten Doubletime Flows. Kobito macht genau das, was ein Rapper tun sollte – Geschichten erzählen. Hier bekommt man keine Erfindungen, keine Übertreibungen und keine gelenkten Marktstrategien. Storytelling-Rap, der berührt und menschliche Emotionen weckt. Das Beatgeflecht ist eine der großen Stärken des Longplayers. Die beiden Produzenten MisterMo und Riffsn haben grandiose Beats gebaut, die als optimale Grundlage für Kobito’s Rap dienen. „Für einen Moment Perfekt“ kann Gänsehautmomente und Ohrwürmer liefern. Eine homogene Scheibe, die politisch links ausgerichtet ist und mit einem tollen Gesamtpaket punkten kann.

Die Platte hat starke Features, am meisten ragen Amewu und Haszcara heraus, die mit Kobito gerade zu verschmelzen und somit grandiose Songs formen. Alle Gastbeiträge besitzen eine hohe Qualität, es ist definitiv kein Ausfall dabei. Die persönlich angehauchten, politisch motivierten und ironischen Songs funktionieren am besten.  Man kann es hören, in diesem Album steckt viel Liebe zur Musik. Leider kann der Rapper die Gefühle und Gedanken nicht immer vollends in die Songs verpacken. Der Rapper besitzt aber noch weiteres Potenzial und ich bin gespannt welche Nachfolger er uns präsentieren kann.

Tracklist öffnen

01. Uhrzeigersinn
02. Stadt der Freiheit
03. Warten auf die Sonne (feat. Amewu)
04. Fluch der Akribik
05. About Blank
06. Werbetexter Skit
07. Schlechter Scherz (feat. Refpolk)
08. The Walking Deutsch (feat. Spezial-K)
09. Aus Papier (feat. Haszcara)
10. Dorine Niezing Skit
11. Alles in Bewegung
12. Hausmeister Skit
13. 100.000 Kilometer
14. Die Nacht
15. Freier Fall

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