Lakmann - Aus dem Schoß der Psychose
Flow
Beats
Attitüde
Herz
4.5Sterne

Das Rap-Urgestein ist zurück und war eigentlich nie weg

Die Leidenszeit ist vorbei, Lakmann-Fans können 2016 endlich aufatmen. Der Wittener hat schon viel gesehen und ist seit mehr als 15 Jahren im Geschäft. Drei lange Jahre musste man auf sein zweites Solo-Album warten. Der Nachfolger von „2 Gramm gegen den Stress“ ist seit dem 29. Januar 2016 auf dem Markt und verspricht eine wahre Pracht für alle Oldschool-Heads zu werden. Die limitierte Box-Edition besitzt 23 Tracks, die Standard-Ausführung kommt mit 20 Songs um die Ecke. Zusätzliche Gimmicks sind eine weitere CD, die Instrumentals, Acapellas und einen Freestyle (feat. DJ Eule) beinhaltet. Außerdem werden ein Autogramm, Sticker, ein T-Shirt und ein Download-Code für das Album „All-In“ beigelegt. Da bekommt der Fan etwas geboten.

Die Deutschrap-Szene ist meistens gespalten was die Releases angeht, selten ist sich die Mehrheit einig. Aber wenn Witten‘s König ein neues Album ankündigt, sind fast alle ausnahmslos gespannt und freuen sich auf neue Songs.

Review

Was verspricht der Titel „Aus dem Schoß der Psychose„, was ist genau gemeint? Kann man den Titel nur als Anspielung verstehen? Nur ein Flashback an die damalige Stuttgart-Fraktion a.k.a Kolchose“? Wohl eher nicht, man kann schon etwas mitfühlen, wenn ein knapp 40-Jähriger zwischen beklemmenden Existenzängsten und einem einzigartigen Legendenstatus pendelt.

Die Beats stammen von DJ Ghanaian Stallion, S.R., DJ Ara, Cap Kendricks, Macloud & Joshimixu, Rooq, Raz One, Brandino und Orangefield. Die Platte startet mit dem ersten Song „Family First“. Hier dankt Laki allen Menschen und Begleitern, die ihm seit Tag Eins nahe stehen und ihn unterstützen. Roh, aber doch gefühlvoll und vor allem authentisch. Unterstützung liefert Aphroe in Form von einem 16er und bei Teilen der Hook. Der Rapper der legendären Posse Ruhrpott AG passt gut ins Bild und sorgt auch stimmlich für Abwechslung.

„Das sind ein paar Tränen auf einem Blattpapier von mir
Für meine Sozialisierung hier im Revier
Für all die Leute die mir Licht spenden
All die fremden Mitmenschen“

Als nächstes dröhnt „Ich fühl euch nicht“ aus den Boxen, hier darf man sich über ein Feature von Terence Chill freuen. Der Bunkerwelt Mann überzeugt mit einem ruhigen, aber straighten Flow. Der eher chillige Beat und die Klaviermelodie werden vollends besplittet und das Sample in der Hook passt wie die Faust aufs Auge. „Klicks & Fame“ ist ein Representer auf einem klassischen Oldschool-Instrumental, der aber auch ein paar persöhnliche Zeilen inne hat. Der schießt gegen die oberflächliche Betrachtung von Musik und deren Werterkennung.

„Du willst eine Ende und eine Moral von der Geschichte
All die Patte die ich hatte wurd verschwendet für ein paar Bitches“

Wer hats euch gesagt?“ thematisiert die oben angesprochenen, eigenen Zweifel und Ängste. Die musikalische Psychose ist allgegenwärtig und ein Wechselspiel von Hoch und Tief. Nun folgt ein „Dialog“ mit Schulz Nice, in dem sich beide Rapper über realen Rap, Ursprünge und Vorlieben unterhalten. Das Ganze ist schön gestaltet und gut umgesetzt.

Der nächste Song „Es gibt niemanden der singt in meiner Hood“ betont, dass er keine Möchtegern Pop-Sternchen für einen kompletten Track benötigt und es sich erlauben kann einfach auch mal keine Hook zu haben. Es geht nun weiter mit „Ich hab genug Zeit“. Hier wird erklärt, dass Double- oder Trippletime zu meist unnötig ist und dass er hier nicht auf den Zug mit aufspringt. 100 Punkte – ein Flow, der langsamer gespittet wird, erfordert viel mehr Können. Gerade auf Halftime-Beats erkennt man wer wirklich richtig rappen kann.

Bei „Ich mach alleine“ werden die Reime auf ein düsteres, leicht beängstigendes Instrumental gespuckt. Das hat Hand und Fuß, hört sich gut an und enthält nebenbei auch noch den ein oder anderen Seitenhieb. Göttliche Zeilen, wie diese hier:

„Ich bin das Kleingedruckte in dei’m Vertrag,
ich spuck‘ dir in deine Suppe, du kleiner Arsch“

In „Runter von meinem Thron“ fordert das Rap-Urgestein, dass sich alle anderen von seinem Platz verpissen sollen. Ein klares Ansage, wenn die Witten Untouchable-Member, die Hook mit trällern, entsteht eine geile Atmosphäre. Weitere Feature-Gäste kommen in „Tief versunken“ ins Spiel. Mess & Kareem gesellen sich zum Untouchable-Mastermind. Das Trio liefert Rap über Rap in seiner reinsten Form. Das ist gefühlvoll, das ist Großes Kino. Besonders Mess gefällt bei der Thematik und liegt schön auf dem Beat.

Lakmann Cover (c) Hülya Özkan

Lakmann Cover (c) Hülya Özkan

Eine weitere ruhige Nummer nennt sich „Unschärferelation“, hier kann man richtig mitfühlen. Laki beschreibt einfach und rau seine Gefühle. Das „Verlierer“-Sein und das stetige Fallen werden authentisch berappt. In „Kriegsberichte“ werden einige militärische Konflikte behandelt, schön dass sich Laki auch mal so ein Thema auf die Brust gesetzt hat. Künstlerisch gut umgesetzt.

Als ich geboren wurde, begann der Krieg in Afghanistan
Wer den jetzt gewonnen hat davon hab ich bis heut kein Plan

Gegen die Zeit“ liefert auch ein paar kluge Sätze und wird auf einen gediegenen, souligen Oldschool-Beat geflowt. „X-Box“ ist ein Battle-Track, der so einige geile Punchlines enthält. Der Laki-Flow sammelt Wasserleichen in der Ruhr. Auf einem weiteren fantastischen Instrumental, unterstützt Flipstar den Hauptprotagonisten. Creutzfeld & Jakob leben für 166 Sekunden wieder auf. Ein geiles Feeling. „Wer hat Herz“ spricht wohl vielen direkt aus der Seele. Die personifizierte Dopeness verschmilzt mit dem Beat. Sprachlos, Gänsehaut. Überzeugt euch. Auf eingängigen Instrumentals funktioniert Lakmann einfach richtig gut.

Exodus“ wird auch auf einen ruhigeren Beat gerappt. Man weiß gar nicht welchen Song man als Highlight bezeichnen kann. In „DDM“ kann man einen richtigen Kopfnicker-Flow begutachten.

„Die Bretter die die Welt bedeuten, nagel ich ans Fenster“

Bei dem Track „Missverständnisse“ kommt ein klassischer Funk-Beat zum Einsatz. Als krönender Abschluss kommen nochmal die zwei Witten-Homies Mess & Kareem als Supporter dazu. Der letzte Track „Untouchable 2016“ ist ein epischer Track, bei dem alles wirklich stimmt. Realer Rap, so wie er sein soll.

Fazit

Mr. Lak schafft es, durchweg über eine Stunde die Spannung zu halten. Das Album ist etwas persöhnlicher gestaltet und beleuchtet zumeist beide Seiten der Medaille. Das ist roher, ehrlicher Rap und kein industrieller Bullshit. Laki bleibt seinem Stil treu spannt einen roten Fadem um das Album und das gekonnter als jemals zuvor. Ausgestattet mit diesem speziellen Flow, der seinesgleichen sucht. Eventuell hätte man ein paar Track oder ein bis zwei Features weglassen können. Eine klassische Rap-Platte hat meistens Zwölf bis 15 Songs.

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Tracklist
• 01. Family First feat. Aphroe
• 02. Ich fühl euch nicht feat. Terence Chill
• 03. Klicks & Fame
• 04. Wer hats euch gesagt?
• 05. Dialog feat. Schulz Nice
• 06. Es gibt niemanden der singt in meiner Hood
• 07. Ich hab genug Zeit
• 08. Ich mach alleine
• 09. Runter von meinem Thron
• 10. Tief versunken feat. Mess & Kareem
• 11. Unschärferelation
• 12. Kriegsberichte
• 13. Gegen die Zeit
• 14. X-Box
• 15. Fast vergessen feat. Flipstar
• 16. Wer hat Herz
• 17. Exodus
• 18. DDM
• 19. Missverständnisse
• 20. Untouchable 2016 feat. Mess & Kareem

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