Lea - Vakuum
Atmosphäre
Texte/Lyrik
Gesang
Kunstanspruch
Instrumentals
4.4Sterne

Von der Youtube-Entdeckung zur hochgeschätzten und gereiften Indie-Künstlerin

2007 stellt die junge Künstlerin Lea als damals 15-jährige ein Lied namens „Wo ist die Liebe hin“ in das Internet. Am Klavier sitzend berührt die junge Dame Millionen von Hörern. Acht Jahre später ist sie erwachsen und hat am 22. April 2016 via Four Music ihr Debütalbum „Vakuum“ veröffentlicht.

„Vakuum“ ist der Song, der für die Musikerin am wichtigsten ist. Für die Namensfindung gibt es aber noch einen anderen Grund. Wenn man am Klavier sitzt und an Songs tüftelt, braucht man Raum für sich allein. Der Mensch und die Musik, den Moment auf das Wesentliche reduziert. So ähnlich muss es sich in dem luftleeren Raum anfühlen. Statt dem reinen Klavier geht es heute in die Elektro/Indie-Richtung.

Track by Track

Für den Soundteppich und die Produktion zeigen sich Matthias Mania und Daniel Großmann verantwortlich. Die beiden Multi-Instrumentalisten und Vollblutmusiker arbeiteten bereits für Größen wie Moby oder Max Mutzke. Mania hat die Werbekampagne für O2 „Car connection“ komponiert und vertont. Die Töne zittern, flirren, wimmern und baden in seichter Melancholie. Die Takte formen sich zu einer Welle und brechen danach wieder in ihren Ursprung zurück. Die Beats sind ein episches Werk und die optimale Grundlage für eine tolle Sängerin wie Lea.

Die Platte startet „Die Segel sind gesetzt„, es baut sich sofort eine stimmige, einzigartige Atmosphäre auf. Tolle Metaphern formen ausdrucksstarke Bilder, man kann sich förmlich einen verlassenen Strand vorstellen, der im Wechselspiel von Ebbe und Flut das Leben wiederspiegelt. Nach jedem Ende folgt ein Anfang, das spricht sie ungefähr aus. Meistens sieht man den Lichtblick in dunklen Tunnel nicht und kann sich nicht positiv stimmen. Sie möchte Kraft schenken und singt mit einer traurigen, aber zu gleich lebensfrohen Art und Weise.

Vakuum Cover (c) Four Music

Lea Promo, (c) Four Music

Monster“ führt das Gesagte des ersten Songs ein wenig fort und thematisiert den stetigen Kampf mit unseren eigenen Geistern und Damönen. Negative Gedanken oder Erinnerungen sind nicht leicht zu vergessen, loszulassen fällt uns meistens schwer. Jeden Zug unseres Atems mit jeder einzelnen Zelle spüren, bedeutet das Leben intensiv zu leben. Man kann sich ein junges Mädchen, welches im Bett liegt und vor gewissen Dingen Angst hat, bestens vorstellen. Das ist astreine Popmusik. Der nächste Titel nennt sich „Dach“ und beschreibt einen Lieblingsplatz, einen Rückzugsort. Der eine Fluchtweg aus dem Alltag, der die Zeit förmlich anhält. Ein Ort, an dem nur Freundschaft und Liebe regiert. Wenn man die Augen schließt sitzt man auch auf diesem Dach, das ist ganz großes Kopf-Kino.

eine Decke mit dir, Platz für zwei Gläser
die unsern Ausblick ins Dunkelblau teilen
und wir spüren das Rauschen der Wellen vom Schall
eine Umlaufbahn nur für unsern freien Fall

Kennst du das“ ist ein älterer Song, der bereits 2012 auf YouTube hochgeladen wurde und damals von Leo mit der Geige unterstützt wurde. Das Ganze wurde nun neu arrangiert und etwas seichter und poppiger gestaltet. Das Lied thematisiert den Moment, an dem alles schief läuft und das Kartenhaus zusammenbricht. Außerdem wird die Sehnsucht angesprochen, wenn man nirgendwo anders sein möchte als bei seinem Lieblingsmenschen. Die Künstlerin lässt sehr viele persöhnliche Erfahrungen durch sickern und schafft es allgemein verständliche Texte zu kreieren, in die jeder etwas Anderes rein interprentieren kann. Die Texte funktionieren wie eine Lupe, sie vergrößern ihren kleinen persönlichen Kosmos und verlieren dabei absichtlich das große Ganze aus den Augen. Ihr eigenes Leben wird auf die Allgemeinheit projiziert.

Kennst du das – wenn die Welt sich nicht mehr dreht und wenn sie
Kennst du das – wenn sie einfach plötzlich steht und wenn sie
Kennst du das – und du läufst und läufst und läufst und kommst nicht an

Lea Promo (c) Leaby-Cathleen Wolf

Lea Promo (c) Leaby-Cathleen Wolf

Titel Nummer Fünf „Wohin willst du“ ist ein weiteres emotionales Stück Musik, dass vom Ausbrechen, von Abschied und von Freiheit handelt. Wer möchte nicht einfach so spontan nach Barcelona trampen und alles Schlechte hinter sich lassen? Der Song handelt von unendlicher Liebe, wenn man seinen Partner einfach stundenlang anschauen kann und sich dabei ein unbeschreibliches Gefühl entwickelt. Besonders der Refrain gefällt besonders. Das Spannende an Leas Musik ist, dass nicht zu viel verraten wird. Das Ende und die Gesamtsituation bleiben meistens offen. In „Vakuum“ singt die Songschreiberin über den Moment, wenn Lieder entstehen. Wenn es mucksmäuschenstill ist und nur die Kunst ihr gegenüber tritt. Nebe der Muse gibt es noch eine Person, mit der Sie sich in diesen Momenten stark beschäftigt. Manchmal möchte sie ihre verflossene Liebe zurück haben, aber in manchen Momenten auch wieder nicht. Sie hat Probleme sich selbst zu verstehen.

Melodie“ ist von der Thematik her recht änhlich, ist aber musikalisch anders beziehungsweise klassischer gestaltet. Kunstschaffende behauptet ja gerne, dass ihnen die Symphonien zugeflogen kommen und Sie nichts dafür können. Eine sehr starke gesangliche Leistung. Ein kleiner Griff in die Spaßkiste sagt mir, dass Lea mich auch auf’s Übelste beleidigen könnte. Ich würde das definitiv feiern, die Art wie sie singt ist einfach ergreifend und wunderschön.

Du und Ich“ ist eine weitere Liebeserklärung, die mit Gegensätzen und komplementären Dingen beschrieben wird. Sie stellt die Frage auf, was oder wo wäre ich ohne dich? Hier zeigt sich wieder ihre Verletztlichkeit und ihre Zartheit. Das Instrumental von „Schwerelos“ besitzt etwas Zerbrochenes und Unfertiges, trotzdem klingt das Gesamtprodukt harmonisch und melodiös. Die Amtosphäre ist einzigartig, es kratzt unf beißt im Hintergrund. Leas süß klingende Stimme stellt einen guten Gegensatz dar. Sie wirft die Angst in den Mülleimer, lässt sich tief fallen, kostet den Moment aus und fühlt sich federleicht.

Die nächsten beiden Beats sind sehr minimalistisch in ihrer Struktur, aber doch immens ausdrucksstark. Song Nummer Zehn hört auf den Namen „Lichtermeer„. Zu Anfang beschreibt sie die Natur und welches Panorama gerade gewirkt hat. Die Nacht ist angebrochen und der Tag und das Leben sind erloschen. Man kann es sich detailliert vorstellen, wie die Sängerin vor einem Fenster oder auf einem Hügel steht und berichtet. „Nachtzug“ ist ein kleiner Gegenpart zu „Schwerelos“. Jeder kennt den Moment, wenn man nicht schlafen möchte oder kann. Wenn Lea ihre hohe Stimmlage auspackt, schmelzt man gerade so dahin. Der letzte Track „Rückenwind“ formt ein schönes Ende und vereint die Attribute und Gegensätze, die Lea in den anderen Songs beschrieben hat. Meiner Meinung nach ist das der lyrisch stärkste Song der Musikerin.

Ich seh die Welt in Farbe und in schwarz-weiß
und ich lache gern und viel, nur nicht um jeden Preis

Fazit

Atmosphärisch ist die Platte ein grandioses Album, das Soundgeflecht der beiden Produzenten könnte man getrost alleine hören. Lea lässt die deutsche Sprache ausgesprochen sanft und geschmeidig klingen. Diese Symbiose ist einzigartig. Ihr Stil ist mit keinem bekannten Künstler zu vergleichen. Zarte, gefühlvolle Melodien treffen auf minimalistische Beats. Selbstreflexion und die eigene Zerbrechlichkeit auf Optimismus und Mut. Ein Monolog der besonderen Art, an dem alle teilhaben dürfen. Experimentelle Popmusik mit elektronischen Einflüssen und epischen Klangelementen.

Nun folgt das Jammern auf sehr hohem Niveau. Ein kleiner Kritikpunkt wären die teilweise einfachen Texte, die sich leicht in Phrasendrescherei verwandeln können. Ein wenig mehr Poesie und wohldosierter Pathos wären das Salz in der Suppe. Da die Sängerin aber noch ziemlich jung ist, kann ich mir vorstellen, dass ihre künstlerische Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Ich bin hoffnungsvoll. Lea hat ihre musikalische Heimat und ihr Team gefunden, ich bin sehr gespannt auf die zweite Scheibe, es könnte ein Klassiker werden.

Tracklist öffnen

1. Die Segel sind gesetzt
2. Monster
3. Dach
4. Kennst Du das
5. Wohin willst Du
6. Vakuum
7. Melodie
8. Du und Ich
9. Schwerelos
10. Lichtermeer
11. Nachtzug
12. Rückenwind

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