Makaber - ID
Flow
Beats
Lyrics
Atmosphäre
4.1Sterne

Klassischer Rap, der sich auf die alte Schule bezieht, jedoch mit moderner Technik gepaart ist“

Ein Synonym für Makaber lautet „unheimlich wirkend“, meistens wird aber auch eine groteske, schwarze Form von Humor, oft im Zusammenhang mit Tod oder Krankheit verwendet. Vielleicht aber auch nur widersprüchlich. Der Berliner verzeichnete als Teil der Gruppe MischKonsuM erste Erfolge, mit der er seit 2007 den Untergrund durchquerte. Das Kollektiv, welches aus zwei Rappern, einem Producer und Rapper und einem Graffiti-Artist besteht, veröffentlichte 2010 und 2011 zwei gemeinsame Mixtapes. Anschließend schlug Makaber eigene Wege ein. Sein beeindruckendes Solodebüt „Schnauze voll“ erschien 2013. Die Stimme und den Rapstil kann man wohl am ehesten mit einer Mixtur aus den Rappern Liquit Walker und Bosca vergleichen. Von Ersterem wird der Rapper auch gefeiert, es sei ihm gegönnt wenn möglichst viele Rapfans auf den Zug mit aufspringen.

Am 18. Dezember 2015 veröffentlicht der Berliner Rapper Makaber seine lang angekündigte Solo-EP „ID„. Mit der Scheibe liefert der Künstler sein bisher persönlichstes Werk. Seine Songs erzählen die Geschichte eines abgefuckten Heranwachsenden aus der großstädtischen Mittelschicht, gefangen im Hamsterrad, auf der Suche nach Identität zwischen Drogen und dem Kampf um Aufmerksamkeit durch Graffiti. „Die EP arbeitet, ohne sich ausgelutschter „Die Welt ist so schlecht“ Themen zu bedienen, Teile meiner Vergangenheit auf,“ so Makaber über das Release. „Das bisschen Frischluft, das ich neben meinem Alltag als Koch schnappen kann, spucke ich in die Booth. Jeder, der ein bisschen Wut im Bauch und die Berliner Schnauze zu schätzen weiß, ist mit „ID“ an der richtigen Adresse. Der Tonträger ist die erste Solo-Veröffentlichung von Makaber seit seinem Album „Schnauze voll“ aus dem Jahr 2013. Die EP wurde zum Großteil durch den Berliner Produzenten Vecz produziert, der sich auch für Mixing und Mastering verantwortlich zeigt.

MAKABER Promo, (c) RAWjules

MAKABER Promo, (c) RAWjules

Wir nähern uns dem makaberen Kosmos. Das „Intro“ erklingt und man darf einem Vecz-Beat lauschen, das Instrumental kommt melodiös und gleichzeitig rough und druckvoll daher. Der Rapper bekundet dem Hörer autobiographisch, dass er nie zum Psyschologen ging um die dunklen Seiten des Lebens zu verarbeiten, sondern die Musik, das Schreiben und der Konsum von Drogen als Selbsttherapie einsetzte. Trotz alle dem ist er seit seinem 16. Lebensjahr durchweg am Arbeiten gewesen, eine Tatsache die nicht jeder von sich behaupten kann. Die Mainstream bekommt natürlich auch die Wut des MC‘s zu spüren. Aber auch die Selbstreflexion über das eigene musikalische Schaffen wird mit den folgenden Zeiten angeschnitten:

„Sei’s drum, was geht mich fremder Leute Elend an.
Lieber fronten, mit Geheule kommst du eh nicht an.
Hab ich mal gedacht und mich dann verstellt
Hallo Robin, willkommen in ner ander’n Welt“

Beim zweiten Track „Nicht nur für einen Augenblick“ unterstützt Produzent Ernik Vecz bei der Beatbastelei. Ein ähnlicher Beat ist entstanden, der sich somit mühelos einfügt und einen verknüpften Soundteppich entstehen lässt. Der Rapper drückt unserer Gesellschaft den Spiegel auf und wünscht sich, dass er die Welt anhalten könnte, um einfach mal durch zu atmen. Makaber spricht Klartext und zu Anfang das Thema „Ghetto“ an und sagt klipp und klar, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt. Rap, wie er ehrlicher nicht sein könnte. Der MC formt detaillierte Bilder und drückt unserer schnelllebiegen Welt seinen persönlichen Stempel auf.

„wir haben Feinstaub und strahlungsbedingte Genfehler
krebserregende Handywellen und nehmen später
deshalb Medikamente Bibeln und E-Meter
bilden Stuhlkreise reden nach dem Schema F“

J an, Welt aus

Illusionen sind falsche Wahrnehmungen der Wirklichkeit. In weiterem Wortsinn werden aber auch falsche Interpretationen und Urteile als das Selbige bezeichnet. In „Illussions“ wird zu Anfangs eine alltägliche Situation beschrieben, die anonyme Fahrt mit der Bahn, als plötzlich ein Bekannter anruft und fragt ob er vorbei kommen möchte, um sich der „Drogen Völlerei“ zu widmen. Der Rapper schiebt manchmal absurde Filme und legt kommentarlos auf, bekommt danach eine SMS und fühlt sich nun doch wieder schuldig. So erklärt der Sprechsänger, dass jeder Mensch manchmal Dinge tut, die man eine Zeit später gleich bereut. In seinem Falle, ist es manchmal die Frustration über seinen Job als Koch und der überschwängliche Drogenkonsum, der ihm Probleme abnimmt, aber natürlich auch Neue schafft. Der Berliner zollt mit der Zeile „wadada deng wadadada deng“ dem KRS One Klassiker – „9mm Goes Bang“ Tribut, reale Heads wissen wie der Hase läuft. Storytelling der etwas anderen Art.

„ich sag Schuld ist die bescheidene Art
die ich an den Tag lege, ich arbeite einfach zu hart
doch heute Kontrastprogramm ich box mich weg
so das sich alle schon fragen wasn mit Robin jetzt“

Welche Qualität die EP besitzt kann man daran fest machen, dass zum Beispiel der folgende Free Track „Falscher Prediger“ besser ist als manche hochgelobte Alben. Überzeugt euch selbst:

Der vierte Song „Ruff“ ist nun etwas battle-lastiger ausgelegt, das bemerkt man am Instrumental, dass stark nach Joshimixu-Beats klingt und natürlich auch an den Lyrics. Trotzdem haben die Reime einen autobiographischen Ansatz und kreieren somit ausdrucksstarke Bildkonstrukte vor dem geistigen Auge des Hörers. Dazu spürt man die Wut des Rappers, der Künstler schafft es seinen Emotionen den richtigen Ausdruck zu verleihen. Zusätzlich fällt auf, dass die Metrik der Lines variabel gestaltet ist und öfters mehrere Zeilen in die nächste übergehen.

„yeah und dein Bruder ist nur irgendso’n Szeneklaus

ey mein Bruder macht sein Bier mit seinen Zähnen auf“

Aus den Augen“ nennt sich Titel Nummer Fünf, bei dem Feature Partner „Kong“ vokale Unterstützung leistet und die Hook trällert. Das passt sehr gut zusammen und fügt sich mühelos zu Beat und Rap. Dieses Mal beschreibt er ein Wiedersehen mit einem Kumpel aus frühen Tagen und zeigt auf wie (schnell) man sich aus den Augen verliert. Makaber spricht Realtalk über seinen früheren Freund und erzählt dem Hörer von Drogenkonsum, missglückten Therapien, den Gefühlen von dessen Eltern, bis hin zu Geschichten seines eigenen ersten Ectasy Konsums. Der Song handelt auch von Verrat und Lügen und hat mit dem Schlussteil seinen Höhepunkt, wenn er von einer Aktion mit einem Großdealer spricht und sich selbst die Frage „warum“ stellt, danach wutentbrannt schreit und das Gleiche seinen fiktiven Gegenüber fragt. Nach diesem Anfall besinnt der MC sich wieder und stellt eine Versöhnung in Aussicht:

„okay was geb ich dir die Schuld wir waren Kinder
und konnten vielleicht deshalb gar nichts ändern stimmt wa
ich wollt nicht laut werden Kumpel verzeih mir ich probier es
sag ruhig stop wenn’s dir zu viel ist“

Im dritten Part räumt er weiter in sich auf und räumt sich selbst Zweifel ein. Der Künstler bereut das „sinnlose Zeit tot schlagen“ und sagt, dass er den chemischen Drogen abgeschworen hat. Die Alkoholsucht seines Vaters wird auch thematisiert, man kann richtig mitfühlen, wenn der Rapper energetisch seine Reime in den Takt legt.

Makaber ID, Cover Back (c) Coerk

Makaber ID, Cover Back (c) Coerk

Das Gerüst vom letzten Track „Mirco“ wurde wieder von Haus- und Hofproduzent Vecz erschaffen. Der weibliche Gesang ist passend gewählt und formt eine einzigartige Stimmung. Der Track ist ein richtiger Storyteller, in dem der Rapper detailliert die Geschichte mit einigen Hintergrund Informationen beschreibt. Es hört sich wie ein vertonter Film an. Der Song handelt von Gewalt und dem Leben auf der Straße. Toll umgesetzt, da lauscht man gerne.

Fazit

Makaber ist bisher sehr unbekannt, vielleicht wird sich dieser Zustand mit der EP ändern. Es wäre ihm zu gönnen. Das Niveau der Deutschrap Releases ist gestiegen und qualitativ auf einem hohen Level. Leider gibt es immer noch viele Veröffentlichungen, die ihrem medialen Status nicht gerecht werden. Im Gegensatz dazu, ist der makabere MC total unterschätzt. Der Berliner Rapper hat mit der „ID“ EP einen mehr als würdigen Nachfolger der „Schnauze voll“ EP kreiert, der durch klassische, stark produzierte Beats und ehrliche Lyrics besticht. Sein Flow kann sich ebenfalls mehr als sehen lassen, der Tonträger wird wohl eher für Oldschool Heads interessant sein. Drücken wir Robin die Daumen, dass er eine passende Label Heimat findet und für seine Musik würdig entlohnt wird.

Tracklist:

Secret Text

01 Intro
02 Nicht nur für einen Augenblick
03 Illusions
04 Ruff
05 Aus den Augen feat. Kong
06 Mirco

Den Tonträger bekommt man für läppische 3,49 €:

iTunes Amazon

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