Manfred Groove - Ton, Scheine, Sterben
Beats
Flow
Lyrics
Delivery
4.1Sterne

Ein szeneuntypisches Duo – oldschoolig, Klischees brechend und sprachverliebt

Manfred Groove – das ist deutscher Rap aus Berlin und Freiburg. Ihre zweite Longplayer Veröffentlichung, die es seit dem 30. Oktober 2015 zu Kaufen gibt, geht äußerst erfrischende, andere Wege. Statt aggressiver Prollrap Thematiken werden wirre, manchmal zweideutige und nachhaltige Aussagen geliefert. Ein MC, der aus dem Unterbewusstsein zum Hörer spricht. Als Grundlage dienen phantastische Beats, die auch ohne Stimme funktionieren würden. Im Kulturbetrieb gilt solche Musik eher als anspruchsvoll und damit beinahe schon als unzumutbar. Dem Mainstream-Publikum möchte man jede Form von Forderung und Asntrengung ersparen . Medien, Labels oder Musiker, die ihre Wirksamkeit in Quoten messen, haben es am liebsten einfach und eingängig. Aber selbst wo es um vermeintlich tiefere Themen gehen sollte, regiert die Devise „halt es kurz und simpel“. Ob im Radio, bei Konzertaufführungen oder im Fernsehen – die Furcht, die Leute zu überfordern, ist allgegenwertig.

So gerät der Gedanke der Vermittlung nicht selten zur systematischen und furchtbaren Vereinfachung. Vernachlässigt wird dabei nicht nur die Kunstseite, sondern am Ende auch der Anspruch der Interessenten. Dabei können wahrhaftig Funken sprühen, die sich nicht nur sprichwörtlich in Herzen und Hirnen manifestieren. Wer Musik auch als Kunst betrachtet, wird erfahren, wie viele Schichten selbst das scheinbar Leichte besitzt. So kann man an Mozart, aber auch an Björk, spielerisch-sinnlich und etwas Wesentliches üben – den furchtlosen und dramatischen Umgang mit der Komplexität.

Wegen des wirklich äußerst ungewöhnlichen Künstlernamens hätte ich diesen Tonträger vermutlich nicht rezensiert geschweige denn gehört, durch Zufall habe ich dieses Schmuckperlen Duo in den tiefen Welten des Internets gefunden. Den Longplayer zu übersehen, wäre definitiv eine Misstat gewesen, denn dieses Rap-Duo, das sehr klassisch aus einem MC und einem Beat Bastler besteht, macht ungewöhnliche, interessante und kluge Musik, die mit vielen HipHop-Klischees in den Ring steigt, dabei aber trotzdem seine Wurzeln nicht vergisst. Vergleiche mit Prezident, JAW oder den Kamikazes liegen nahe. Denn neben gewissen Parallelen in Flow und Soundbild haben Manfred Groove ebenso wie die genannten Artverwandten keine Angst vor Kritikfähigkeit, Zweifeln, und Mehrdeutigkeiten in ihrer Musik.

„Erkenn den Zauber in den kleinen Dingen
Versuch dir doch mal wieder, Kinderaugen beizubringen“

Die Platte startet mit „Gonna Be Fonkay“ und einem funky minimalistischen Beat auf dem sofort Doubletime Salven abgefeuert werden. Die Beat Produktion ist mit Scratchen unterlegt und versprüht Styles aus dem goldenen Zeitalter. Der Intro Track könnte die meisten Hörer schon überfordern. Der Song „Goldstaub“ formt zum Beispiel schöne, abstrakte Sprachbilder und erinnert an Werte wie Glück und Zufriedenheit. „Das Glück und die Liebe“ erklärt dem Hörer das Leben an sich. Das Älterwerden und das menschliche Dasein werden mit folgenden Zeilen beschrieben.

„Moden verändern sich, Drogen verändern dich
die Zeit zieht vorbei nur deine Hoden verlängern sich
im Gegensatz zu deinem Leben“

Den zusammenhängenden Kontext sollte man natürlich im Video begutachten. Darüber hinaus könnte man den kompletten Songtext des Tracks zitieren, allerlei lyrische Leckerbissen gibt es zu bestaunen. Das Duo bedient sich musikalisch meistens der Stilmittel des sample- und loopbasierten Oldschool Hip-Hop, lassen aber punktuell auch deutlich Stile, wie synthetische Bässe, Live-Instrumente oder andere elektronische Elemente in ihre Werke einfließen. Die Lyrics zeichnen sich durch eine konstante Berechung und einen hohen Anteil an Selbstreflexivität aus und bearbeiten häufig fremde und abstrakte Themen, die im Hip-Hop eher selten bis gar nicht behandelt werden. Das Nebeneinander von philosophischen und geistesgeschichtlichen Anspielungen und teilweise derben Sprüchen und Witzen, gepaart mit einem Touch an Aphorismus und Abschweifung, bilden die markante Sprache des Rappers.

Das Gespann besteht wie gesagt aus zwei Typen – YellowCookies bastelt Beats und Milf Anderson rappt. Das Duo feilt schon eine ganze Weile an ihren musikalischen Fähigkeiten und nimmt sich dabei Zeit die Hektik und Schnelllebiegkeit der Welt von einer Parkbank am Wegesrand aus zu betrachten. Aus dieser Beobachter Position entsteht die distanziert liebevolle, meistens mit einem leichten Augenzwinkern vorgetragene Musik. Manfred Groove machen definitiv HipHop für Erwachsene.

Was soll das schon heißen, man hat sein Leben im Griff
das heißt, man glaubt, man weiß, was wesentlich ist
und jeder will dir was erzählen von Wegen ins Licht
aber im Endeffekt redet doch wieder nur jeder für sich

Manfred Groove Presse, (c)

Manfred Groove Presse, (c)

Die abwechslungsreichen, aber meistens relaxten Oldschool Beats und die lebensklugen, etwas distanzierten Beobachtungen aus den endlosen Weiten der menschlichen Seele und den Untiefen der Welt formen das Werk zu einem audiotechnischen Erlebnis, das der Kenner nicht missen sollte. Mit „Ton, Scheine, Sterben“ haben Manfred Groove das Überraschungsalbum des Jahres auf den Markt geworfen. Die Tracks bewegen sich weit abseits aller HipHop Normen, wobei sie doch immer wieder irgendwie mit diesen spielen. Sie schaffen es, nachdenklich, klug und reflektiert zu sein und dabei entspannt und witzig daherzukommen. Ein pointiertes und klug getextetes Stück Musik. Die Beats von Mister YellowCookies verbinden klassische Oldschool-Sampleästhetik mit überraschenden Musik Elementen und befördern spielerisch Vibes in die Ohren des Hörers.

Fazit

Geile oldschoolige Beats und Texte mit Inhalt, Wortwitz und unglaublich klugen Sätzen, die in Gehirnen nur so herumschwirren und dich die ganze Zeit verfolgen, wenn du sie einmal gehört hast. Tiefgründiger, intelligenter Hip-Hop der alten Schule mit moderner Technik und tollen Flows. Die andere Seite der Medaille darf begutachtet werden, ganz ohne sich in der untersten Proll-Schublade einzunisten. Die Features sind gut gewählt und sorgen für Abwechslung. Man findet hier keine große Namen, jedoch jede Menge Skills. Es handelt sich um ein außergewöhnliches Album, das sich bei Text- und Musikfans nachhaltig in’s Ohr brennt. Ich empfehle einfach mal reinzuhören.

Tracklist öffnen

1 – Intro – Gonna Be Fonkay
2 – Von Allem
3 – Goldstaub
4 – Sambaschlappen
5 – Das Glück und die Liebe
6 – Das Wahre und Schöne
7 – Aus meinem Leben
8 – Die Gesetze der Mechanik
9 – Vom Jägersitz aus (feat. T der Bär)
10 – Die Rückverzauberung der Welt
11 – Eines Tages sterben (Instrumental)
12 – Ich besitze ein Boot
13 – Treibgut
14 – Alles gut
15 – Dreh den Bass auf Durchfall
16 – Kreisförmig
17 – Der Helm (Patchworks Remix) [feat. Freidenker, Tim Sander, Textor, Maximum One & CID]
18 – Bruder Soul (feat. Freidenker, Tim Sander, Textor, Maximum One & CID)

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