Max Richter veröffentlicht „Sleep“ am 4. September 2015 (Deutsche Grammophon & Universal Music)

Angeblich sollte Schlaf ja die beste Medizin sein. In unserer stressgplagten Welt wird dieser jedoch eher stiefmütterlich behandelt. Um die Schlafgewohnheiten unserer Bevölkerung wieder aufzufrischen, hat nun der britische Komponist Max Richter einen klanglichen Weg ins Reich der Regeneration eingeschlagen. Sein neues Werk Sleep ist ein achtstündiges Wiegenlied, das mit Klavier, Streichquintett, Elektronik und Gesangsstimme aufgeführt wird. Es ist das wohl längste je aufgenommene einteilige klassische Musikstück und soll stärker und vor allem gesünder wirken, als die meisten Einschlafmittel. »Es ist mein persönliches Wiegenlied für eine hektische Welt«, erklärt er, »ein Manifest für eine langsamere Gangart des Lebens.«

Eine neue Art des Musikhörens

Von klassischer Musik wird im Allgemeinen erwartet, dass sie den Hörer mitreißen und fesseln soll, was jedoch nicht den Erwartungen Richters entspricht: Sein aus über 30 verschiedenen Variationen zusammengesetztes Werk ist ein Klangbett, in das die gestressten, rastlosen Seelen unserer Zeit bedenkenlos hineinsinken können. Die vielen Hallräume erinnern daran, wie Musik während der Einschlafphase in unserem Ohr wirkt, weiche Piano-Arpeggios und ewig klingende Streichertöne lullen den Hörer ein, ornamentaler Gesang hypnotisiert, phlegmatisches Vibrato begleitet die REM-Phasen und in Zeitlupe absteigende diatonische Skalen tragen einen sanft ins Reich der Theta Wellen.

„Eigentlich ist es ein Experiment, um zu verstehen, wie wir Musik in verschiedenen Bewusstseinszuständen erleben.“ Während der Komposition befragte Richter den angesehenen amerikanischen Neurowissenschaftler David Eagleman, um mehr über die Gehirnfunktionen beim Schlafen zu erfahren. „Durch Sleep will ich herausfinden, wie das Gehirn Lebensraum für die Musik sein kann, wenn unser Bewusstsein Urlaub hat. Immerhin verbringen wir ein Drittel unseres Lebens im Schlaf, für mich ist er seit meiner Kindheit etwas Wunderbares.“

Der Pionier

Der Pionier

Am 4. September erschien somit bei Deutsche Grammophon die achtstündige Fassung von Sleep als digitales Album und außerdem eine einstündige Version als CD, LP, Download und Stream (hier zu bestellen). Diese Kurzfassung ist laut Richter sehr wohl dazu gedacht, auch im wachen Zustand gehört zu werden. Die Uraufführung der Langfassung von Sleep soll im Oktober in Berlin stattfinden und zwar von Mitternacht bis acht Uhr morgens. Die Zuhörer werden sich in bequemen Bettchen berieseln lassen und Max Richter wird wieder einmal seinem Ruf des nimmermüden, experimentierfreudigen Pioniers gerecht.

„Die Moderne schenkte uns so viele packende Werke, aber zugleich haben wir unsere Wiegenlieder verloren. Wir haben das gemeinsame Hörerlebnis verloren, das Publikum wurde kleiner. Meine Werke aus den letzten Jahren und im Besonderen Sleep, haben sich mit dieser Thematik beschäftigt.“

Max Richter

Max Richter

Der am 22.März 1966 geborene Max Richter wuchs in England auf, lebt und arbeitet aber heute wieder in Berlin. Er hat klassische Komposition und Klavier an der University of Edinburgh und an der Royal Academy of Music studiert, am meisten beeinflusste ihn jedoch der bekannte italienische Komponist Luciano Berio, bei dem er in Florenz studieren durfte.

Sein erstes großes Projekt nach dem Studium war Piano Circus, ein Ensemble, das aus sechs Pianisten besteht und zeitgenössische Kompositionen unter anderem von Arvo Pärt, Brian Eno, Philip Glass und Steve Reich aufführt. Fünf Alben wurden produziert. Neben vielen interessanten eigenen Projekten arbeitete Richter auch gerne mit anderen zusammen, z.B. mit dem Mercury-Prize-Gewinner Roni Size, mit dem er 2000 das Album In the Mode produzierte. Auch die Alben Lookaftering von Vashti Bunyan und Rocking Horse von Kelli Ali entstanden unter seiner Verantwortung.

Aus dem 2002 veröffentlichten Solowerk Memoryhouse (mit dem BBC Philharmonic Orchestra und dem Geiger Alexander Balanescu aufgenommen) wurden fünf Stücke in der sechsteiligen BBC Dokumentation Auschwitz: The Nazis and the Final Solution verwendet. Äußerst zeitgemäß präsentiert sich Richter 2008 mit 24 Postcards in Full Colour, einer Kollektion aus 24 klassisch komponierten Werken, die auch als Klingeltöne zu verwenden sind.

Am bekanntesten wurde Richter natürlich durch seine Filmmusik. Der Filmscore zu Ari Folmans Waltz with Bashir brachte ihm 2008 den Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik ein. Für die Filmmusik zu Feo Aladags Die Fremde gab es 2010 den Preis der deutschen Filmkritik und für die Musik zu Cate Shortlands Film Lore erhielt Richter 2012 den Bayerischen Filmpreis. Das Ballettstück Infra wurde 2008 im Royal Opera Haus in London uraufgeführt, und 2010 schuf Richter die Klanginstallation The Anthropocine für Darren Almonds Filminstallation in der White Cube Gallery London.

Erst kürzlich erhielt Richter großen Beifall am Royal Opera House in London für seine „außerordentlich atmosphärische Musik“ (The Guardian) zu Wayne McGregors Ballett Woolf Works und seine Neu-Komposition von Vivaldis Vier Jahreszeiten wurde zum Bestseller. Max Richter zeichnet ein Kompositionsstil der Verbindung von Ambient-Samples mit kammermusikalischer Instrumentierung aus. Seit seiner Arbeit mit den Techno- und Ambient-Pionieren Future Sound of London versteht er Musik als ein Zusammenspiel aus Farben, Klängen und Gefühlen, welche er in seinen Kompositionen einzubringen versucht. Daher erstaunt es nicht, dass seine Musik in der Presse mit Attributen wie „überwältigende emotionale Kraft“ (Time Out), „erstaunliche Tiefe und Schönheit“ (New Statesman) oder „träumerische Transzendenz“ (The Guardian) ausgezeichnet wurde. Sein womöglich wichtigstes Stilmerkmal ist jedoch die Einfachheit (Woodkid).

Schlaflos in New York

Richter live

Richter live

Sleep wurde gemeinsam mit dem American Contemporary Music Ensemble in den New Yorker Avatar-Studios aufgenommen. „Diese Musik ist physisch unglaublich anspruchsvoll zu spielen, vor allem für Streicher, alles besteht aus langen, getragenen Noten, es gibt keinen Platz, sich irgendwo zu verstecken, jede Note muss perfekt sein“, kommentierte der ACME-Violinist Brian Snow, „und es ist schon komisch, auch wenn diese Musik zum Schlafen gedacht ist, musste man sehr, sehr wach sein, um sie spielen zu können.“

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