Megaloh - Regenmacher
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4.7Sterne

Seit mehr als 15 Jahren hat der Berliner die Feder und das Mikrofon in der Hand, kann er nun noch eine Schippe drauflegen?

Der Regenmacher, ein Effektinstrument, das seinen Ursprung in Chile hat, verspricht den Menschen Glück und trägt Hoffnung in sich.  Man erwartet blühende Pflanzen in Dürrezeiten. Neues Leben, wo es unmöglich scheint. Hergestellt wird der Regenstab aus abgestorbenen Copado-Kakteen, das Innere wird mit kleinen Kieseln aufgefüllt und die Öffnungen verschlossen. Bei Benutzung entsteht ein gleichmäßiges, angenehmes Geräusch, welches an das Rauschen dicker Regentropfen und fließendes Wasser erinnert.

Parallelen gibt es auch in Megaloh‘s musikalischem Schaffen, die Hoffnung auf die eigenen Stärken bestimmt sein Leben. Nach dem Neustart mit dem letzten Album „Endlich Unendlich“ besitzt nun das Klangbild und die Struktur noch ein Stück mehr Konzept. Am 05. März 2016 erschien über das Label Nebula sein dritter Longplayer „Regenmacher“. Die Basis von Mentor Max Herre scheint wie gemacht zu sein für Uchenna van Capelleveen, so sein bürgerlicher Name. Großer Input brachten natürlich auch Soundkoryphäe Sascha „Busy“ Bühren, dessen Master-Feinschliff und Mega’s musikalischer Weggefährte Ghanaian Stallion.

„Geh deinen Weg, du kannst nicht den meinen bewerten
Zähl‘ die Segen, die ich habe im Leben, darf nicht aufgeben
In Zeiten der Dürre kann ich nicht mehr warten auf Regen“

Track by Track

Der Aufwand, der betrieben wurde, ist bei diesem Projekt um ein vielfaches höher als bei den Vorgängeralben. Die Konzentration auf das Elementare steht im Vordergrund, unzählige Instrumente wurden feinfühlig von Berufsmusikern live eingespielt und genau das hört man auch. Seine Vorstellungen an den Kunstanspruch wurden nun endlich erfüllt. Musik, wie sie professioneller nicht sein könnte. Die Platte startet mit dem Titeltrack „Regenmacher“. Schon bei der ersten Sekunde, wenn der Beat ertönt, bemerkt man dass es sich nicht um ein Hip-Hop Album von der Stange handelt. Alles ist genau da, wo es sein soll.

„Sie fragen mich, kann ich inzwischen von der Mucke leben?
Könnt mir noch immer um vier Uhr morgens im Bus begegnen
Sie fragen mich, ob das Bild, das ich ihnen grad mal‘, zu schwarz ist
Abgeturnt von den Sparauflagen wie Varoufakis“

Der Moabiter Reimlieferant fragt nun in „Zug“ wer mit aufspringen möchte und nutzt die Reise-Zug-Metapher. Mega liefert einen sehr melodiösen Flow, es macht einfach Spaß zuzuhören. Auch hier wirken wieder Trompete, Posaune, Flügelhorn, Saxophon und verschiedene Bläser mit und kreieren einen vollen und satten Sound. Nun darf man hören welche Fähigkeiten dieser Mann besitzt. Der nächste Song hört auf den Namen „Zack Brannigan“, ein Representer Track der absoluten Oberklasse. Es wird mit Reimketten und krassen Flows nur so herum geworfen. Nicht nur metrisch ist das absolutes Champions League-Niveau. Der Futurama 25-Sterne General und selbsternannte Womanizer dient als optimale Vorlage, das ist ganz großes Kino.

Megaloh Promo (c) Robert Winter

Nun folgt der erste Gastbeitrag, der sächsische Dancehall- und Reggae-Sänger Ronny Trettmann unterstützt den Hauptprotagonisten in „Wer hat die Hitze“ vorzüglich. Die gemeinsame Hook ist ein wahrhaftiger Ohrwurm. Beide bringen die Wärme ihrer Mikrofone und ihr Feuer gut zum Ausdruck. Nach den grandios eingespielten Instrumenten kommen nun klassische Hip-Hop Beats ins Spiel. KAHEDI & Ghanaian Stallion zeigen sich für die Produktion verantwortlich. Im nächsten Track „Ernte Dank“ helfen Megaloh gleich zwei Künstler. Es geht um Hoffnung und Wirklichkeit, Mo-Trip und Sänger Maxim fügen sich nahtlos ein und Mister Mega liefert einen grandiosen Part und wunderbare Zeilen wie diese:

„Der Mensch, König des Dschungels, König von Nichts
Holz den Dschungel ab für schönere Sicht
Stutz dem Phönix die Flügel vor der Reise zu höheren Hügeln
Es war irgendwann das Ziel, doch wir zögern, ermüden“

Vielleicht wird der Song im Radio laufen, es wäre im zu gönnen. „Was ihr seht“ handelt von Hunger, Kampfgeist und Willen. Hinfallen ist wichtig, um Erfahrungen zu sammeln, wieder aufzustehen ist umso wichtiger. Der Rapper verpackt das Gesagte richtig gut und formt zudem noch eindrucksvolle Bilder. Auf „Er ist / Voodoo Interlude“ kämpft er sich energetisch durch den Beat und beschreibt seinen Werdegang. Der Song ist mit leichten Representer-Anleihen versehen, das minimalistische Instrumental passt hier auch sehr gut zu den Raps. „Wohin“ featuring Musa handelt von der omnipräsenten Flüchtingskrise. Es wird aus der Sicht eines Flüchtenden berichtet. Der mir bis dahin Unbekannte Musa passt auch gut ins Bild, apropos Bild – beide formen eine detaillierte Bildsprache.

„Sie sagen ich soll arbeiten gehen, aber
Ich habe kein Recht
Sie sagen ich soll zurück in die Heimat
Sie haben kein Recht“

Himmel berühren“ kann leider nicht komplett die hohen Anforderungen der Platte erfüllen, Mega humpelt hier dem Beat etwas hinterher und erzeigt so eine leicht hektische Stimmung. Thema und Message sind aber wieder sagenhaft. Im nächsten Titel „Schlechter Schlaf“ spielen Funk und Jazz und Joy Denalane mit. Beide Künstler passen wie die Faust aufs Auge.

Megaloh Promo (c) Robert Winter

Megaloh Promo (c) Robert Winter

Das Nesola-Singning gibt mit „Oyoyo“ weiter Gas, zollt seinen Wurzeln Tribut und richtet einen Dank an Mama Afrika. Unterstützung bekommt er von Musa und Patrice. Besonders die Hook und der exotische Beat, der von Ghanaian Stallion gebaut wurde, versprühen ein tolles Feeling. In „Alles anders“ steppt Label-Boss Max Herre mit ans Mikrofon. Seine gesungene Hook trifft den Nagel auf den Kopf. Auf einem verträumten Instrumental erzählt Mega von seinen ersten Gehversuchen mit der Musik, im zweiten Part von einer früheren Beziehung. Im dritten und letzten Part werden das Positive und Negative vermischt und das Vergangene begraben. Die letzten Zeilen sind besonders gut getroffen.

„Auch wenn das Leben rast und sich die Veränderung Zeit lässt
Lerne ich dazu, immer wenn ich denke ich weiß jetzt
Neues erreicht, altes begann das
Nichts bleibt gleich, alles wird anders“

Tua, der Rapper und Produzent von den Orsons stellt auf „Graulila“ wieder mal seinen Ausnahmestatus zur Schau. Das ist pure Kunst, moderen Lyrik, wie man sie haben möchte. Beider liefern eine starke Leistung ab und harmonieren bestens. Der letzte Song der Standard-Version nennt sich „Geradeaus“ und bildet eine tollen Abschluss. Die Hook liefert Ex-Beginner und Musikvirtuose Jan Delay und Megaloh rappt über das Vorankommen. Den eigenen Weg zu finden und dann auch zu gehen, ist nicht immer leicht. Was für eine Scheibe. Die Bonustracks besitzen die gleiche Qualität wie die resenzierten Songs. Besonders der Collabo-Track „Exodus“ mit Samy Deluxe, Afrob, Gentleman & Max Herre gefällt und sollte eine Erwähnung erhalten.

Fazit

Eine Platte, die nachwirkt, aber auch Unterhaltung für den Moment bietet. Definitiv das Album des Jahres, wer etwas anderes sagt, sollte doch bitte die Scheibe im Modus rotieren lassen. Megaloh hat es geschafft ein zeitloses Meisterwerk zu erschaffen, dass musikalisch und trotzdem Hip-Hop bis zur Unterhose ist. Die extra eingespielten Instrumente bereichern die Platte immens, den warmen Klang bekommt man an einer DAW einfach nicht hin.

Die Beatbastler KAHEDI & Ghanaian Stallion haben unglaubliche Beats gezaubert. Obwohl die Feature-Zahl sehr hoch ist, sind diese sehr gut gewählt. Für einen besonderen Touch sorgen auch die Backing Vocals von Chima Ede und Konsorten. Der klangliche Vacettenreichtum wurde erhöht, Käufer haben einen wahren Schatz erworben. Megaloh hat mit „Regenmacher“ einen Hip-Hop Klassiker der Neuzeit kreiert.

Tracklist öffnen

01. Regenmacher
02. Zug
03. Zack Brannigan
04. Wer hat die Hitze? feat. Trettmann
05. Ernte Dank feat. MoTrip & Maxim
06. Was ihr seht
07. Er ist / Voodoo Interlude
08. Wohin feat. Musa
09. Himmel berühren
10. Schlechter Schlaf feat. Joy Denalane
11. Oyoyo feat. Musa & Patrice
12. Alles anders feat. Max Herre
13. Graulila feat. Tua
14. Geradeaus feat. Jan Delay

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