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Mile Me Deaf leben mehr denn je, oder?
Kreativität
Songwriting
Abwechslung
Technik
4.3Sterne

Am 3. Februar 2017 veröffentlichte die in Wien ansässige Band Mile Me Deaf ihr bereits viertes Album „Alien Age“, das deutlich hörbare Veränderungen mit sich bringt – neben der notgedrungen fehlenden Gitarrenmusik, wohl eine Gesellschaftskritik sowie ein Einfangen des heutigen Zeitgeistes in all seiner Finesse.

Wenn von der Formation Mile Me Deaf die Rede ist, denkt man sofort an Wolfgang Möstls verzerrte, rauschende Stimme, poppigen Indie-Grunge-Sound, Noise, Melodien mit Ohrwurm-Potential und psychedelische Gitarrenklänge (die auf „Alien Age“ vergeblich gesucht werden müssen). Kurzum: 2015 erlitt Wolfgang Möstl, Frontmann, Gitarrist, Sänger und Kopf der Formation, auf Tour einen Fingerbruch, zwangsläufig führte dies zu einem über Wochen andauernden gitarrentechnischen Aus. Es musste ein neues Instrument her: Ein einhändig bedienbarer Sampler schuf Ersatz. Der Akai-Sampler zog Möstl so stark in den Bann, dass auch nach dem Entfernen des Gipses kein Interesse mehr daran bestand, ein neues Album mit dominanten Gitarren-Sounds zu produzieren – Beats, Samples und Loops schaffen nun Melodien.

Samples und viele Genres

Wolfgang Möstl hat seiner Kreativität freien Lauf gelassen und angefangen bei schweizerdeutschen Märchen oder einem Russisch-Sprachkurs über das verstimmte Klavier des Kölner „Club Scheiße“ bis hin zu Songausschnitten von befreundeten Bands oder einer amerikanischen Gameshow aus den 50ern alles gesampelt, was nur zu sampeln geht. Die Vielseitigkeit an unterschiedlichsten Samples und Beats lässt sich auch auf der Genre-Ebene wiederfinden: Neben Rock-, Kraut- und Indie-Einflüssen können auch Techno, Industrial, Dub, Old-School Hip-Hop, Future Funk, 70s Synth oder auch Reggae vernommen werden. Wenngleich jeder Song eine neue Welt für sich selbst bildet und durch gezielte Beats sowie Melodien idealistischen, tagträumerischen Gedankengängen all erdenklichen Freiraum zum Schwärmen lässt, fällt es nichtsdestotrotz schwer, „Alien Age“ als ganzes zu betrachten. Das experimentierfreudige Album evoziert Zerrissenheit. Zerrissen, aber dennoch so unglaublich wunderschön auf seine ganz eigene Art und Weise – womöglich Möstls kreativstes, eindrucksvollstes und impulsivstes Schaffen.

Der „weirde Vibe“ unseres Zeitalters

Thematiken wie die Terroranschläge in Paris, der Aufstieg der „westlichen“ Rechtspopulisten und der Hass der Menschheit gegen alles Erdenkliche haben das Album mehr oder weniger beeinflusst und Ausdruck verliehen. Zu sagen, dass es sich bei Alien Age um ein politisches Album handle, wäre allenfalls überspitzt, dennoch wurde die absurde Einzigartigkeit des derzeitig herrschenden Feelings unserer Gesellschaft auf textlicher Ebene gezielt eingefangen und verarbeitet.

„What happens to the human age, when everyone is bored of it?“ (Invent Anything)

Klone, First World Problems, die Entfremdung der Menschlichkeit oder auch die Existenzvernichtung der Menschheit bilden den textlichen Nährboden von „Alien Age“.

„Fuck it, I am out, it’s time to wipe us out“ (Martian Blood)

Fazit

Mile Me Deaf sind nicht tot, sondern lebendiger denn je, wenn auch anders. Die für Mile Me Deaf typischen kratzigen Gitarrenklänge wurden durch elektronische Elemente ersetzt, dies erzeugt zwar einen deutlich hörbaren Genre-Wechsel, aber keinen Verlust ihres einzigartigen Wiedererkennungswertes. „Alien Age“ ist kein Album, das nach einmaligem Durchhören sein ganzes Potential entfaltet hat und entfalten kann – es sind die vielen Einzelheiten, die es besonders machen. Je öfter ein Einblick gewagt wird, desto tiefer kann in die Sphäre eingetreten werden, fast wie bei dem Stereogramm, welches das Cover des Albums ziert.

Tourdates in Österreich

02. März 2017 – Graz, Postgarage
03. März 2017 – Wien, Sargfabrik
17. März 2017 – Wr. Neustadt, Triebwerk
15. April 2017 – Frutten-Giesselsdorf, Wenn die Musi rockt

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