Mo-Torres - Irgendwo Dazwischen
Flow
Beats
Themenvielfalt
Soundqualität
Feeling/Herz
4.7Gesamt

Ein kompromisslos gutes Album, das definitiv überrascht.


Mo-Torres Solo-Debüt „Irgendwo Dazwischen“ erschien am 10.07.2015 über das Label Versunkene Fabrik. Der Kölner ist Hip-Hop und hat das Spiel verstanden, inhaltich lässt er seine Zuhörer an persönlichen Problemen teilhaben, die er in den letzten zwei Jahren durchleben musste.

Autobiographisch

All das Negative, aber auch die positiven Momente, die er in dieser Zeit erlebt hat, werden ausführlich auf dem Album behandelt und in bildhafter Sprache verpackt.

Das Werk beginnt mit dem „Intro“ und versprüht sofort eine epische Grundstimmung, welche Hausproduzent Sytros in Zusammenarbeit mit Creepa erschaffen hat. Der Sprechgesangsvirtuose fasst die verstrichene Zeit prägnant zusammen und verbreitet Lust die folgenden Tracks zu pumpen.

„Also öffnet euer Herz, werft die Masken für ne Stunde weg/

schaut was hinter blasser Wut im Dunkeln steckt/

Regenbogen da wo Schauer sind ist die Sonne nicht weit/

weine, lache, nehme Stories hin und zerbombe das Mic/“

Mo Torres Promobild (c) Versunkene Fabrik

Sytros macht da weiter wo er aufgehört hat, und liefert dem Kölner Rapper eine solide Grundlage seiner Wut und dem angestauten Hass Ausdruck zu verleihen.

Der Stil und Vortrag erinnern an Timeless, mit dem Mo in jungen Jahren anfing zu rappen. Wo Timey die letzte Zeit „stehen geblieben“ ist und den nächsten Sprung verpasst hat, entwickelte sich sein Kumpel vom Mann im Hintergrund zu einem geschätzten, respektierten Künstler.

Kraftvoller Rap und ehrliche Zeilen erwarten den Hörer in „Ausgebrannt“, ein sehr persöhnliches Stück Kunst über die Zerissenheit im Innern. Ich gebühre großen Respekt, dass er schwierige Themen wie z.B. Burnout offen anspricht.

„Mein Atem in der Faust/ ich werde wahnsinnig und glaub/

Meine Psysche hat nen Knacks/

vom Entertainer zum Typ, der niemals lacht/

Ein Klavier-Sample zeigt die Richtung an und das dritte Stück „Blockrudel“ beginnt. Mo Torres rappt über wahre Freundschaft, echte Heimat und Teamgeist. End steuert die Hook bei und knüpft nahtlos an die zwei Verse an. Hier darf eine spezielle Akustik-Version (mit Sänger Darius Zander & Band) bestaunt werden.

„Viele ging und sahen sich anderswo bestimmt/

Wir blieben weil wir keine Wandervögel sind/

Wenn sie es wagen uns zu Trenn/

hälts für drei Minuten weil wir jede Straßenecke kenn/

Auf dem Bolzplatz spielen um die Herrschaft dieser Asche/

Teamgeist und Freefight/ gelernt auf dieser Asche“

Danach spuckt Mo seine Buchstaben so kraftvoll auf den Beat, dass man meinen könnte er liegt irgendwo gefesselt in einem dunklen Verließ, wird gequält und mithilfe von heftigen Foltermethoden gezwungen, noch krasser zu rappen. Das Potenzial des epischen Beats wird vollends ausgenutzt; Flow to the Fullest. Der Nachwuchsrapper fliegt direkt auf dem Beat und ist „Outta Space“, thematisiert seine Beziehung zum Alkohol, huldigt dem Teufel und gibt einen absoluten Fick. Auf die Fresse-Rap, der richtig ballert.

„Ganz egal ob Sony mich holt/ oder mich die Drogen versohln/

Rettung heißt in Deutschland gibt es keine Prohibition/“

 

„Während Opfer auf Baba machen/ – sich Boxer auf Nacken klatsche/n

sitz ich an der Ecke und Fülle Wodka in Wasserflaschen/ um“

 

Der Track liefert aber auch ehrliche Momente und lustige Passagen. Der Edelweiß-Rapper schafft es, dies alles zu verbinden und wirkt dabei komplett ungezwungen. Parallel dazu wird die Raptechnik nicht außer Acht gelassen, man darf u.a. geile Stakkato-Passagen bestaunen:

„Jegliche Heldentaten der letzten Nacht sind ab jetzt passé/

redlich gequälter Atem/ Leberversagen/ liegt dir in den Ven(en)/

keiner nimmt mich ernst fang ich betrunken zu spitten an/ –

rap von Pathos und Epik sie gucken und grinsen dann/“

Ruhigere Töne

Nun wandeln sich die Instrumentale ein wenig, die Vortragsweise wird etwas weicher. Textlich passt das auch wie die Faust aufs Auge und es geht ein bisschen tiefer in die Materie. Titel Nummer 5 hört auf den Namen „Irgendwo“. Er wirft seine Emotionen für seinen Kumpel auf den Tisch, berichtet von gemeinsamen Erlebnissen, lässt uns an seiner Brüderliebe teilhaben und zollt dem Weggefährten seinen Tribut.

Eine Sachen zu perfektionieren, erfordert viel mehr Mut und Kraft, als „nur“ irgendwo hinein zu schnuppern. Recht hat er.

„Ich hab gefühlt das es vorbei geht, warum – na alles hat sein Grund/

Bruder anfangen ist leicht, aber beharren eine Kunst/“

Im nächsten Song „10 Tage Rich“ erzählt er über ein Problem, dass wohl viele Menschen kennen. Am Anfang des Monats wird wie ein König gelebt und nach zehn Tagen wie ein Obdachloser. Pennermodus an. Ein bildhafter Vergleich spiegelt das Verhalten – vorher Edel-Restaurants, danach der Wunsch nach einem einfachen Nutella-Toast.

Schmusesänger Moe Mitchell spendiert dazu die passende Hook. Der Rapper aus der Domstadt beschreibt alltägliche Situationen,  hat aber zugleich auch Lösungen parat:

„Verlor den Überblick jedes mal zum Start in den Tag/

So kann es laufen wenn man überall mit Karte bezahlt/“

„Check mein Online-Banking und klick auf Umsatzabfrage/

Seh nen zweistelligen Betrag und denk ich guck nicht ganz gerade/“

Jetzt kommt wieder das Flowmonster zum Einsatz, er wirft mit messerscharfen Doppelrhymes nur so um sich, bleibt „Standhaft“ und zeigt das neben Blut, der Hip-Hop durch seinen Körper fließt.

 

„Step verwirrt in das Game – 1 Meter 81 Gardemaß/

Und null authentisch weil ich auf der Straße nie auf Nase war/

Deutsch bin, Abi hab, mein Studium nicht wegschmeiss/

Und weil ich mehr Worte als nur Hurensohn perfekt schreib/

Von Coolio bis Gregpipe/ das Rapper ABC hab ich sicherlich Auswendig gelernt und verinnerlicht/“

Liebe zum Fussball

Vor den beiden Alben machte Mo-Torres mit EPs und einem Mixtape auf sich aufmerksam. Zwischen all den Releases präsentierte er mit „1. Bundesliga wir sind wieder da“ einen Kölner Hit.

Eine Fortsetzung gibt es seit dem 21.08.2015 mit dem Song „Mein letztes Hemd„, zusammen mit Sänger Darius Zander. Innerhalb weniger Stunden stehen knapp 20.000 Klicks auf der Habenseite. Der 1. FC Köln verbreitete den Song via Twitter und der Kölner Express warb gleich auf seiner Startseite mit „cooler Fan-Rap“. Ein Gänsehaut-Song über den 1. FC Köln.

Diese endlose Liebe zu seiner Stadt bringt er auch mit der Hymne „5051“ zum Ausdruck. Für den minimalistischen und doch impulsiven Beat zeigt sich Louis Vito verantwortlich. Eine patriotische Liebeserklärung für sein Elixier Colonia.

In „Realityshow“ kritisiert der Edelweiß-Rapper das Unterhaltungsfernsehen mit überspitzten Lines und bringt große Kunst in die Ohren der Konsumenten.

Beim nächsten Song „Dazwischen“ weiß der Rapper nicht wo er sich hinsetzen soll.

2 Stühle – innerlich zerrissen/ Will frei sein/

doch streitfrei/ befinde mich dazwischen/

Hab die Richtungen erkannt/ Doch in welche

lauf ich dann um auf den Gipfel zu gelang´n/

Der Lyriker nimmt den Hörer auch in diesem Song auf eine spannende, ehrliche Reise mit. Einziger negativer Aspekt ist, dass in der Promoversion an manchen Stellen die Dopplungen nicht sitzen bzw. die Mische nicht optimal ist. Das verzeiht man ihm, wenn man Zeilen wie diese hören darf:

Nur unterwegs, hab mir den Rucksack tättowiert/

War so stark, doch hab letztendlich unter Druck kapituliert/

1000 Stimmen hab schon lange keine Namen mehr im Kopf/

Lag benebelt unter Novadin tagelang am Tropf/

Nummer 1“ ist ein Song für seine Mutter, in dem er Dankbarkeit und Stolz ausdrückt. Eine Huldigung an die beste Frau der Welt, die für ihn in jeder Situation da war und die Waage im Gleichgewicht gehalten hat. Kein kitschiger Abklatsch, es berührt.

Ein Creepa-Banger-Instrumental liefert das optimale Konstrukt für „Yes We Can“. Eine Aufforderung ihn zu wählen, seine Wahlversprechen sind mehr Action und Authentizität. Drei Wörter: Torres for President.

„Denn der Verkaufstopp an Rapper, die nur blenden in Strophen/

in Gangsta-Like-Posen/ steht auf meiner Agenda weit oben/“

Jetzt wird weiter represented. Mit seinem Homie und Freunde von Niemand-Rapper Timeless liefert er einen astreinen „Cutterflow“, der durch Fleisch und sogar durch Knochen dringt. Die MAS-Produktion lädt die Konsumenten zum Kopfnicken ein, kein vernünftiger Deutschrap-Fan kann hier still sitzen.

Mit dem Sänger “Devize” startet der letzte Teil des Tonträgers und somit die “Eskalation”. Beide rufen zum Ausnahmezustand aus und beschreiben, wie der wöchentliche „Independence Day“ abläuft.

„zu oft Hintereinander jeden Klaren ins Glas gefüllt/

am nächsten Morgen nicht mehr wissen wie der Heimweg war/

doch hau mir ab mit Aspirin, ich komm alleine klar/

wieder viel zu hart gebechert am Dom/ Samstagabend Eskalation/“

Das hohe Flow-Niveau sprengt nun nochmal die Skala. In „Endlich wieder Rap“ fasst er seine langjährige Abstinenz im Hip-Hop-Business zusammen. Er erzählt, dass ihm Verträge angeboten wurden, die er dankbar abgelehnt hat. Außerdem beschreibt Mo die Erfahrungen mit Alkohol und Medikamenten, seinen Ausstieg aus dem Rapsparring-Turnier und die Depression nach seiner Sportverletzung.

Im Outro, das den Namen „I.D“ trägt, wird mit Allem abgeschlossen, die Impulse seiner Auferstehungskraft erklärt und bietet eine tolle Zusammenfassung des vorher Gehörten.

„So ausgeglichen bin ich mittlerweile schon –

so stabil mich kann nicht mal eine Winterzeit bedroh’n/

Schon von Kinderbeinen an erzogen/ zu dem was ich heute bin –

zu einem Mensch, der andere Sterne zum Leuchten bringt/

Erst war es irgendwo, dann war es dazwischen –

lange Zeit viel zu verbissen/ was verbunden wird zu Identität,

sind die Songs die mich spiegeln auf schwierigem Weg/“

Als weiterer Kaufanreiz kann das Snippet des Albums angehört werden. Wenn man richtig zuhört, sollte man sofort erkennen, um was für ein qualitativ hochwertigen Longplayer es sich hier handelt.

Eindruck

Liebe Labels, unterbreitet diesem jungen Mann doch schnellstmöglich ein gutes Angebot. Mit den richtigen Promomoves und einer guten Infrastruktur, geht Mo-Torres bald auch medial komplett durch die Decke. Die Erwartungen wurden mehr als übertroffen, der Langspieler bietet eine selten dagewesene Vielfalt.

Zwischen beruflichem Druck, einer schweren Knieverletzung, der damit verbunden Zeit und dem Aufschwung bewegt sich das neue Album von Mo-Torres. Er ist reifer geworden und hat sich musikalisch entwickelt, eines der unterschätzten Deutschrap-Alben der letzten Jahre.

Tracklist:

  1. Intro (Prod. Sytros & Creepa)
  2. Ausgebrannt (Prod. Sytros)
  3. Blockrudel feat. End (Prod. Freshmaker)
  4. Outta Space (Prod. Johnny Illstrument)
  5. Irgendwo (Prod. Azura)
  6. 10 Tage Rich feat. Moe Mitchell (Prod. Ification & Creepa)
  7. Standhaft (Prod. Johnny Illstrument)
  8. 5051 feat. Darius Zander (Prod. Louis Vito)
  9. Realityshow (Prod. Johnny Pepp)
  10. Dazwischen (Prod. Sytros)
  11. Nummer 1 (Prod. Jordan Beatz)
  12. Yes we can (Prod. Creepa)
  13. Cutterflow feat. Timeless (Prod. MAS)
  14. Eskalation feat. Devize (Prod. Jordan Beatz)
  15. Endlich wieder Rap (Prod. Ification)
  16. ID (Prod. Jordan Beatz)

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