In ihr Debüt-Album hat Namika und ihr Team massig Energie und Schweiß gesteckt, Raketenstart vom unbeschriebenen Blatt zum Bestseller??

Eine No-Name-Künstlerin mit hochwertigen Videos, extrem ausgefeilten Beats, die eher dem Wort Soundteppich gerecht werden, Interviews bei großen Radiosendern und Werbung für Apple und RTL2. Über zwanzigtausend neue Facebook-Likes in zwei Wochen. Kurz ausgedrückt, das ist sehr ungewöhnlich. Wir erklären die Hintergründe:

Edelpop

Beinhaltet der Longplayer gute Kunst oder einfach nur richtig professionelles Marketing? Das werden wohl einige kritisch beziehungsweise hämisch hinterfragen. Im Booklet der CD ist zu lesen, dass Fabian Römer (früher F.R.) an den Texten mitgewirkt haben soll. Gerüchten zufolge haben Mo Trip und Ali As ebenfalls die Stifte geschwungen und ihre kreativen Ideen mit eingebracht haben. Wie weit die Zusammenarbeit ging, wissen wohl nur wenige. Für die Hörerschaft ist wichtig, wie das Gesamtprodukt aussieht.

Namika, die einige wahrscheinlich noch unter ihrem alten Namen Hän Violett in Erinnerung haben, veröffentlichte am 24. Juli diesen Jahres ihr Album „Nador„, benannt nach der marokkanischen Stadt ihrer Wurzeln. Vor ihrem Major-Signing war die Devise damals Rap. Früher lieferte sie klassische Representer und Reimketten, heute hören wir hauptsächlich glatt geschliffene Pop-Singles.

Zum gleichnamigen Song wird ein sehr schönes und anschauliches Video spendiert. Der Titeltrack, der schon mal einen kleinen Eindruck der Richtung vorgeben soll und ihre innere Zerrissenheit zwischen ihren beiden Heimatländern zeigt, transportiert ein tolles Urlaubsgefühl, man kann sich die Stadt detailgetreu vorstellen. Für sie bedeutet Nador ein Synonym für Selbstfindung.

Orientalische Klänge, Samples aus dem Videospiel Chrono Trigger, genauer gesagt von Zeal „Corridor of Times“ unterstreichen die passenden Lyrics. Der Unterschied zwischen beiden Kulturen, zwei Religionen, zwei Lebensphilosophien und zwei Kontinenten wird bildhaft und gefühlsgetreu erklärt.

„Schließe die Augen, bleib kurz steh’n und atme tief ein

Es duftet nach Safran, Honiggebäck und gegrilltem Fleisch

Ein Hauch von Benzin mischt sich hinein

Der Müll in der Sonne geht ein… ich öffne die Augen

Ein paar Meter weiter zieh’n Karawanen vorbei“

„Schau in die Ferne, flatternde Flaggen, beleuchtete Berge

Vulkane die schlafen, am Dach der Welt hängen goldene Sterne

Ein älterer Mann befestigt sein Boot

Das Seil in den faltigen Händen

Ich grüß mit „Salam“, er lächelt mich an

Sein müdes Gesicht spricht Bände“

Lieblingsmensch

Die erste offizielle Single, „Lieblingsmensch“ bekam heftig Airplay in den großen Radios ab. Der Ohrwurm hat den Nerv der Zeit getroffen und ist für alle bestimmt, die sich richtig mögen. Die Liebeserklärung an einen Menschen, auf den man sich immer verlassen kann, unterlegt mit einem leichten Beat, hat das Zeug zum Sommerhit. An wen Namika beim Schreiben des Textes gedacht hat, bleibt offen. Es könnte die beste Freundin sein, die Mutter oder auch die große Liebe. Die Zeilen laden alle zum Mitsingen ein, die Hook geht wie folgt:

„Hallo Lieblingsmensch!

Ein Riesenkompliment, dafür dass du mich so gut kennst.

Bei dir kann ich ich sein,

verträumt und verrückt sein

na na na na na na – Danke Lieblingsmensch!

Schön, dass wir uns kennen“

Dazu entstehen schöne Bilder in den Köpfen:

„Selbst der Stau auf der A2,

ist mit dir blitzschnell vorbei.

Und die Plörre von der Tanke,

schmeckt wie Kaffee auf Hawaii“

Titel Nummer drei heißt „Gut so“ und passt zu der Jahreszeit und zu den tropischen Temperaturen. Ein sommerliches Feeling umgarnt einen direkt, wenn die ersten Töne erklingen. Es geht um den Moment an dem alles perfekt ist, wenn man am richtigen Ort zur richtigen Zeit ist und die Sanduhr stehen bleibt. Der erste Vers verdeutlicht das sehr schön:

„Was will ich mehr? Kopfhörer auf

Und laut mein Lieblingslied auf den Ohr’n

Der Himmel tiefblau, Sonne auf der Haut

Ich tau auf und fühl‘ mich wie neugebor’n

Smartphone aus, Strohhut auf

Ein Hauch von Blütenstaub in der Luft

Was will ich mehr? Es riecht so vertraut

Ich glaub‘, ich verlieb‘ mich in diesen Duft

Und viele meiner Freunde fliegen in den Urlaub

Nehmen diesen Flug auf sich zehn Stunden

Darauf hab‘ ich kein‘ Bock, spare mir den Treibstoff

Chill‘ in meiner Base und bleib‘ hier unten“

Die Schreiberin

Namika mischt Rap mit Gesang, mittlerweile klingt das alles aber viel kohärenter und musikalischer als zuvor. Die Künstlerin zeigt das Rap natürlich auch anders sein kann, als es die Massenmedien präsentieren. Auf ihrem Debütalbum beweist die Frankfurterin, dass deutschsprachiger Sprechgesang nicht unbedingt mit Kraftausdrücken und fiktiven Ghettogeschichten daher kommen muss.

Dass sie auch sozialkritische Themen umtreiben, beweist die sympathische Sängerin unter anderem mit dem Titel „Wenn sie kommen„. In diesem Song erzählt Namika von den gemischten Gefühlen eines Straßenjungen auf der Flucht, der die Freiheit genießt, obwohl er um sein Überleben kämpfen muss und sich nach Geborgenheit sehnt.

Der Hauch von orientalischer Melodik vermittelt den Anschein, als spiele diese Geschichte wieder in Nador oder an einem ähnlichen Ort. Um den knallharten Alltag, wenn der Stärkere oder in diesem Fall der Schnellere gewinnt. Der einzige Featuregast heißt Ali As, der underrateste Rapper auf diesem Planeten. Seine 12 Bars sprechen Bände treffen wieder mal punktgenau:

„Sein Magen knurrt/ er wartet kurz/ atmet durch/

Rennt in den Laden für Markenuhren/

Die Schafe im schwarzen Gurt/

Die harte Tour/ sie zahlen für Ware nur den Straßenkurs/

Traurige Szenen im staubigen Licht/

An die jüngeren Touris verkaufen sie Haze/

Die Älteren sieht er in Audi TT’s/

Oder sitzen im Ritz/ für die Straußen-Filets/

Und es wird ihm bewusst

Sein Traum war verweht in der flirrenden Luft/

Die Eltern sind krank/ keine helfende Hand/

Er wurd‘ selber zum Mann/ hier, denn irgendwer muss“

“90`s Kids” weckt bei vielen Mitt- und Endzwanzigern Erinnerungen an die Kindheit, manche fühlen wohl die Teenager-Zeit nochmal. Das Stück ist gelungen und schön ausproduziert, hier ein kurzer Ausschnitt:

„Überall 10cm-Plateaus, Gaming-Konsol’n

Alles Rave, Kurt Cobain grade tot

Drück‘ auf Start, nehm‘ im Cabrio Platz

Und heize durch das Super-Mario-Land, yeah

Den Nachbarsjungen mag ich nicht mehr treffen

Denn sein Ken will meiner Barbie an die Wäsche“

Das nächste Lied „Kompliziert“ thematisiert Konflikte in Beziehungen. Die Barriere wird mit einem Wörterbuch und fehlenden Sprachkenntnissen verglichen. Ein Kompliment an die Texteschreiber, der Vortrag leidet jedoch nicht darunter, Namika kommt authentisch rüber und weiß zu gefallen.

Ein weiterer orientalisches Instrumental huscht durch unsere Lauscher. Namika fordert uns auf, das wir unsere Nerven etwas schonen sollten. „Egal“ unterstreicht etwas überspitzt dass, das Leben meist nicht läuft wie man es plant oder es sich vorstellt. In diesen Situationen sollte man bestenfalls seinen Humor dabei haben.

„Ich glaub‘ mein Konto macht Diät

Und mein Briefkasten am platzen

Das tangiert mich peripher

Es scheint egal, wohin ich geh‘

Mir klebt das Pech an meinen Hacken

Doch in den Schuhen lauf ich gern

Steh‘ ahnungslos am Straßenrand

Pfütze, Laster – vielen Dank

Wie gut, dass alles perfekt läuft“

Broke“ war fast jeder mal in seinem Leben, außer man ist der Nachkomme eines arabischen Ölscheichs. Die Message „du bist arm, doch reich an Liebe“ gab es schon sehr oft und ist nicht sehr innovativ behandelt worden. Die Thematik ist zu flach und zu lieblos gestaltet. Einzig die Passage über unsere kaputte Gesellschaft ist passend gewählt:

„Zu große Augen, zu kleiner Magen

Nie aufessen, was wir auf dem Teller haben

Es schmeckt uns nicht, doch wir wollen von allem kosten

Bei tausend und einer Möglichkeit unentschlossen

Wir sind Nichts-Verlanger, aber Alles-haben-Woller

Ist das Glas halb leer, dann schütten wir es einfach voller“

Jetzt darf nur imaginär die „Stoptaste“ gedrückt werden, denn das Album geht spannend weiter. Die Play/Stop-Methodik wird ausgespielt und in ansprechende Lines verpackt. Kann man machen!

Mit einem schönen Trompeten-Intro wird der nächste Titel „Hellwach“ angekündigt. Eine „Ich will Mehr“-Einstellung ist zwar nicht innovativ, aber doch gut umgesetzt. Eine Hymne, an alle Afterhour-Befürworter, die nicht genug bekommen können. Teilweise sind aber auch leider schwache, platte, lyrische Stellen dabei, einige Zeilen sind jedoch toll geschrieben:

„Anzugträger in der U-Bahn, die zur Arbeit fahren

Fragen nach, auf welcher Motto-Party wir gerade waren“

„Wenn die Müllabfuhr kommt, wird sich erstmal gesonnt

Im neon-orange der grell leuchtenden Uniformen“

„Herzrasen“ ist der typische Lovesong, den es tausendmal schon so in der Art gab. Reimtechnisch ist das für Popmusik obere Spitzenklasse, lyrisch eine gute Stufe höher als Schlagermusik. Etwas mehr Gefühl hätte eingebracht werden können.

Das fehlende Gefühl wird im Meisterwerk „Meine Schuld“ wieder mehr als weggemacht. Hier sitzt Namika auf ihrem Lieblingsplatz und beweist erneut ihr Talent zum atmosphärischen Storytelling. Wenn das ruhige, melancholische Instrumental aus den Boxen tönt und die ersten Zeilen gesungen werden, müssen bestimmt nicht wenige mit den Tränen kämpfen. Der Song stimmt den Hörer nachdenklich und ist im Kontrast zur überwiegenden Leichtigkeit des Albums, eher harte Kost.

Gänsehaut bedeckt den ganzen Körper und es schnürt einem unweigerlich die Kehle zu, wenn sie von häuslicher Gewalt aus Sicht eines kleinen Kindes erzählt, das sich selbst die Schuld an den Umständen gibt. Der Zuhörer fühlt sich wie einem Film und kann der Geschichte haargenau folgen, ein minimalistisches Lyric-Video unterstreicht die Atmosphäre. Genauso wollen wir Namika hören, hervorragend.

Hier kann der komplette erste Verse nachgelesen werden:

„Der Abend bricht an, Mama schaltet ihr den Cartoon ab

Schlafenszeit, morgen drückt sie wieder die Schulbank

Sagt „Gute Nacht“ und lässt die Tür einen Spalt auf

Betrachtet ihre Mutter mit nem kugelrunden Bauch

Sie wirkt ständig müde, packt Überstunden drauf

Verzichtet auf sich, gibt ihrer Kleinen was sie brauch

Sie ist eine starke Frau und weint nur ganz heimlich

Allein, wenn Sie weiß, dass keiner schaut

Plötzlich klingelts es an der Tür, er is wieder da

Gebrülle, die Tür knallt, er ist wieder da

Die Kleine hört wie jedesmal, was er mit ihrer Mutter macht

Ein komplett anderer Mensch wenn er getrunken hat

Nicht mehr lange bis ein Teller zu Bruch geht

Und sie sich ihre Decke über’n Kopf zieht

Die erste Träne über ihr Gesicht kullert

Aus Angst um ihre Mutter“

In „Coole Katze“ wird der Hörer mit Belanglosigkeit gequält, das Skill-Level wird extrem heruntergefahren und man könnte den Song nur bedingt als „Lückenfüller“ beschönigen. Nach eigenen Angaben, fand Namika das Wortspiel cool und das Konzept wird dann nicht mal bis zum Ende durchgezogen. Mehr ist es eben nicht, schade. Bei manchen Zeilen ist leider fremdschämen angesagt.

Das Debütalbum wird mit „Wo immer das Licht brennt“ abgeschlossen, ein wunderschöner Song schließt das 50-minütige Hörerlebnis ab und kommt mit kleinen lyrischen Geschenken daher:

„Unter Millionen Personen ist man zusammen allein

Und manchmal denk ich noch zurück, an die vergangene Zeit

Es war schon schöner, die Erfahrung mit den andern zu teilen

Doch ich atme frei und lass mich drauf ein

Und treib weg aber fühl mich daheim“

Man hört treffsichere und ehrliche Texte, die von einer Mischung aus Alternative Pop, HipHop-Beats und orientalischen Klängen untermalt werden. Namika spielt mit den Kontrasten aus harten Beats und weichen Klängen und erzeugt dadurch neue sowie dynamische Klangbilder.

Dass hinter dem Musikprodukt Namika auch eine interessante Künstlerin steckt, sollte sie spätestens mit ihrer Rap-EP „Hellwach“ vollends beweisen, die Ende August erscheint. Im Kontrast zu ihrem Debüt hat Namika darauf nämlich die Chance, sich losgelöst von jeglichem finanziellen Druck so richtig auszutoben und ihre Stärken voll auszuschöpfen.

Tracklist / Infos

  1. Nador
  2. Lieblingsmensch
  3. Gut so
  4. Wenn sie kommen feat. Ali As
  5. 90s Kids
  6. Kompliziert
  7. Egal
  8. Broke
  9. Stoptaste
  10. Hellwach
  11. Herzrasen
  12. Meine Schuld
  13. Coole Katze
  14. Wo immer das Licht brennt

„Hellwach“ beim Bundesvision Song Contest

Chancen, einen weiteren Hit zu landen, hat Namika schon bald: Am 29. August wird sie beim Bundesvision Song Contest Hessen vertreten. Gewinnen will sie den Wettbewerb mit dem Titel „Hellwach„, den es dann in einer eigens neuproduzierten Version zu hören geben soll. „Da freu‘ ich mich schon drauf, natürlich haben wir auch eine Supershow geplant“, verrät die Sängerin.

Namika kombinierte ihre Ideen mit diesen kreativen Einflüssen und hat so ein authentisches Debüt-Album erschaffen, das bei aller erfrischenden Leichtigkeit auch in die Tiefe geht. In den 14 Songs singt und rappt sie von Liebe und komplizierten Beziehungen, vom Nachtleben, gespaltenen Identitäten und schmerzhaften Erfahrungen. Geschichten, die auch ein wenig von Namikas Persönlichkeit preisgeben. Ich sage, weiter so!

Fotocredits: Namika

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