Nie und Nimmer - Zeitpunkt X
Instrumentals
Lyrics
Ohrwurmcharakter
Variabilität
4.1Sterne

Hier werden Ohrwürmer kreiert. Die Symbiose von Rap und Gesang gelingt den zwei Wortakrobaten außerordentlich gut.

„Das wird nie und nimmer was!“ Wem sind diese Wörter wohl noch nicht einmal in die Quere gekommen. Dieser gelebte Pessimismus herrscht sehr oft, wenn jemand verkündet, dass er sein Leben vollends auf die Kunst ausrichten möchte. Welcher Musiker hat das noch nicht gehört? Ein Bumerang für die Zweifler. So ähnlich kann man die Namensfindung des Hip-Hop Duetts Nie und Nimmer in Kurzform beschreiben.

Nie und Nimmer bestehen aus Rapper Mo und Sänger Hayat. Die zwei musikverliebten Männer haben sich schon 2005 in einem Berliner Musik-Studio kennengelernt. Ein Jahr später ging es bereits in anderer Konstellation als Support des amerikanischen R’n’B-Stars Ne-Yo auf Tour. Nach Jahren mit Solo-Projekten ging es 2014 als Band weiter. Das Duo lieferte mit der „Wüstenstaub“ EP ein bemerkenswertes Debüt ab. Nun ist das Jahr erst ein paar Tage alt und am 11. März 2016 erscheint über das Label „Motor Entertainment“ ihr Debütalbum „Zeitpunkt X“.

Track by Track

Das Cover ist schlicht und klassisch gestaltet. Die Platte enthält zwölf Tracks und wurde komplett von den Cohiba Boyzz produziert. Der Sound des dreiköpfigen Produzenten-Teams aus Berlin lässt sich in keine Schublade einordnen und verspricht eine große Bandbreite an musikalischen Einflüssen. Legt man die CD ein, ertönt der erste Track „Zeitpunkt X“ aus den Boxen. Der Song startet mit einem rockigen Gitarrenriff und durchdachten Lyrics.

„Das Herz wird zu Beton, der Sommer immer kälter
Keine Spatzen auf Balkons, Gesänge immer leiser
An Inspiration fehlt es im Lande der Dichter
Unsere Träume haben wir aufs Kleinste reduziert
Sie platzen in bunten Farben bis nix mehr existiert“

Das leichte Lispeln des Sängers wirkt sympathisch und authentisch, die rauhe Stimme von Rapper Mo setzt sich gleich im Gehörgang fest und erinnert manchmal ein wenig an KC Rebell. Fast jeder kennt das Gefühl, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, um etwas zu verändern – wenn die Zeit still steht oder das Glück einen küsst. Die zwei Mann starke Hauptstadtpower legt mit der Single „Blume auf Asphalt“ direkt nach. Die Hook ist ein Ohrwurm der Extraklasse. Die beiden Musiker sprechen in alltäglichen Bildern. Es ist nicht nur klanglich ein großes Ding. Thematisch geht es um Menschen, die Halt geben und auf ihre Mitmenschen achten.

Baumhaus“ handelt von der unbeschwerten Kindheit, vielleicht aber auch davon, dass man das Kind in sich ewig halten kann. Wer erinnert sich nicht gerne an die Zeit als wir alle Könige, Feen und Ritter waren. Der Track wurde musikalisch top umgesetzt und formt ein tolles Gefühl. Der Song „Träume“ macht da weiter, wo die anderen Songs begonnen haben. Träume und Wünsche sind ein wichtiges Gut und erhalten das Menschsein. Diese Gedanken kann uns keiner rauben. Die Mischung aus Rap und Hip Hop, Rock und Pop zeichnet das Duo aus und entfacht Lust, um weiter zu hören.

Der nächste Titel besitzt den Namen „Heliumballon“ und hier wird mit heißer Luft das Gesagte assoziiert. Heiße Luft von Schwätzern und Großmäulern – die Metaphorik wird schön eingesetzt. „Mehr zu verlieren“ hat ein schönes Schwarz-Weiß-Video spendiert bekommen und entfacht einen gewissen Charme. Eine weitere astreine Pop-Nummer, die leicht ins Ohr geht.

„Ich hab‘ wirklich mal geglaubt, ich werde niemals ausgenutzt
Auf mein Vertrauen haben die engsten Freunde ‚rauf gespuckt
Ein guter Freund macht noch lange keinen Freundeskreis
Doch da scheiß‘ ich drauf, wenn dieser eine weiß, was Freundschaft heißt“

In “Sklave der Musik” darf die andere Seite der Medaille betrachtet werden. Musiker wirken attraktiv, die Bühne lässt sie erotischer erscheinen. Einige Menschen, manche nennen sie Groupies, lieben wohl nur den Künstler und nicht den dazugehörigen Menschen. Mit dem Lied „Adler“ möchte man ausbrechen und abheben. Kleiner Kritikpunkt: Die enthaltende Gesellschaftskritik wirkt etwas zusammenhanglos. Das können die beiden Jungs nächstes Mal bestimmt besser machen. „Welt“ handelt von der großen Liebe, von der Einen. Diese spielt Sarah Bock, bekannt aus „Berlin, Tag und Nacht“. Das Video ist sehr amüsant, seht selbst.

Der nächste Titel “Ich lauf” handelt nun von der anderen Seite – dem Abgewiesenwerden, der Trennung. Zurückgehaltene Gefühle kommen meistens bei Nacht, wenn es ruhig wird und man alleine ist. Man läuft weg, um nicht damit konfrontiert zu werden. Hier gefällt besonders der Beat, ein tolles Stück Musik. „Feuerland“ beschreibt den letzten Tag, beschreibt den Ausbruch aus dem Alltagsgeschehen. Der Drang nach unbändiger Freiheit muss gestillt werden. Wieder ein tolles Werk, nur glänzt hier die Hook nicht besonders. Der Charme der anderen Tracks kann leider nicht ausgestrahlt werden. Beim letzten Song „Mal schwarz, mal weiß“ geht es um die wechselhafte Gefühlslage der heutigen Generation. Der Track bildet einen schönen Abschluss des Tonträgers.

Fazit

Ein gelungenes Debütalbum, das nur klitzekleine Schwächen aufzeigt. Die Melange aus Wortspiel und Lyrik, gepaart mit einfacheren Texten und der Armee an Ohrwürmern zeichnet Nie und Nimmer besonders aus. Urbaner Pop, so wie er sein soll. Die Nische zwischen Hip-Hop und Pop wird ausgefüllt und mit leicht rockigen Elementen ergänzt. Der von den Cohiba Boyzz produzierte Soundteppich klingt kräftig und bietet eine passende Fläche für die beiden Musiker.

Das Duo liefert von kraftvoll bis soft alles ab und lässt sich in keine Schublade stecken. Die stimmlichen Wechsel der zwei Hauptprotagonisten sind interessant und gestalten die Songs sehr abwechslungsreich. Die erzählten Geschichten sind alle sehr in sich verstrickt. Sie sollten nur aufpassen, nicht langweilig zu werden, und das Themenspektrum erweitern oder konkretisieren. Wenn dies gelingt, darf sich das Radiopublikum auf neu- und frischklingende Musik freuen.

Tracklist öffnen

01. Zeitpunkt X
02. Blume auf Asphalt
03. Baumhaus
04. Träume
05. Heliumballon
06. Mehr zu verlieren
07. Sklave der Musik
08. Adler
09. Welt
10. Ich lauf
11. Feuerland
12. Mal schwarz mal weiß

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