In Noel Gallagher’s zweitem Soloalbum steckt viel Neues, viel Experimentelles und viel Oasis.

Noel Gallagher – der über Robbie Williams einst sagte: „Das ist doch nur der fette Tänzer von Take That.“ – hat einen Preis genannt: Eine halbe Milliarde Dollar und er erweckt Oasis wieder zum Leben. Was macht man also daraus? Sparen? Den Mann für verrückt erklären? Crowdfunding? Wollen wir alle zusammenlegen? Was macht Mateschitz eigentlich im Moment?
Ja okay, lassen wir das träumen. Wenn das nötige Kleingeld fehlt, muss man eben sehen wie man anderweitig, ohne Oasis Reunion, glücklich wird. Einen möglichen Lösungsweg bietet Noel Gallagher – der sich darüber enttäuscht zeigte, dass Jake Bugg einen Co-Songwriter für seine Songs braucht und ihm daraufhin riet: „Wenn du Hilfe beim Schreiben von Songs brauchst, tritt einer verdammten Band bei!“ – selbst.

Chasing Yesterday

Ist er großartig? Natürlich ist er das.

Auf „Chasing Yesterday“ stammt nahezu alles – von den Songs, dem größten Teil der eingespielten Instrumente, dem Artwork – aus der Feder von Ex-Oasis-Mastermind Noel Gallagher – der wenig von aktuell populärer Musik hält: „Wenn du an der Spitze der Charts stehst, heißt es automatisch, dass du beschissen bist. Jeder einzelne Song der Top 10 in den Charts ist derselbe Mist mit unterschiedlichen Stimmen.“
„Chasing Yesterday“ ist im Großen und Ganzen auch das was man sich von Noel Gallagher – der über Lady Gaga sagte: „Wahrscheinlich kackt sie gerade auf ein gekochtes Ei, jemand friert das ein und nennt es ‚Kunst‘.“ – erwartet hat, doch ist es in vielen Bereichen experimentierfreudiger, als seine früheren Werke. Das beginnt schon mit dem Opener „Riverman“. Grundsätzlich hätte der Song auch gut auf das Vorgängeralbum gepasst, doch hätte man die immer wiederkehrenden Saxofonpassagen in der zweiten Songhälfte so wohl nicht erwartet.

„The Heat of the Moment“ ist bereits im November als erste Vorabsingle zum Album erschienen. Noel Gallagher äußerte sich zu dem Song wie folgt: „Ist er großartig? Natürlich ist er das.“ Nach dem neckischen Gesangsintro wird die Nummer vorübergehend schwermütig, bevor sie sich zu einem eingängigen Hit entwickelt, der bestimmt auch auf ein Oasis Album der späteren Jahre gepasst hätte.

Der beste Song seit Part of the Queue

Noel Gallagher

Noel Gallagher

Anders „Girl with X-Ray Eyes“, die Nummer beginnt wie Oasis‘ „Masterplan“ aus der Frühphase der Band. Es muss keine ganze Minute vergehen, um zu erkennen, dass „Girl with X-Ray Eyes“ der erste Höhepunkt des Albums ist. Doch der nächste große Wurf von Gallagher – der kürzlich meinte: „In einer Welt, in der Ed Sheeran im Wembley-Stadion spielt, kann ich nicht leben.“ – lässt nicht lange auf sich warten. „Lock all the Doors“ ist vielleicht sein bester Song seit „Part of the Queue“. Der kraftvolle Lauf des Songs lässt einen im Gedanken vor einer gigantischen Bühne im im Londoner Hyde Park stehen.
Was folgt sind die beiden unaufgeregten Nummern „The Dying of the Light“ und „The Right Stuff“. Während die erste der beiden Nummern noch einige spannende Momente bietet, zeigt das jazzangehauchte „The Right Stuff“ leider einige Ermüdungserscheinungen.
„While The Song Remains The Same“ klopft uns sanft auf die Schulter und trägt uns zurück in eine melancholische Realität. Die E-Gitarre tänzelt über die Soundwolken und „Find me a place where the sun shines through the rain“, singt Gallagher – der Ed Sheeran wohl wirklich nicht mag: “Ich habe meiner Tochter eine Liste von Leuten gegeben, die sie bei Ed Sheerans Wembley-Konzert beleidigen soll.“

Wie Apple Pie mit Bohnen

„The Mexican“ klingt nach der südkalifornischen Stoner Rock Version einer Britpopnummer. Die Mischung mag zwar wirken wie Apple Pie mit Bohnen, doch Gallagher – der Bloc Party offenbar auch nicht mag: „Indiescheiße“ – bringt sie zum Funktionieren.
Wenn man von der vergleichsweise knackigen Länge des Songs absieht, könnte das folgende „You Know We Can’t Go Back“ genau so gut von den Sessions zu „Be Here Now“ übrig geblieben sein. Aber das ist gut, denn im Gegensatz zu vielen anderen fand ich die Platte toll, auch wenn Noel Gallagher sagte: „Ich möchte nicht noch ein Album machen, das so schlecht ist wie Oasis‘ ‚Be Here Now‘.“
Den Abschluss von „Chasing Yesterday“ macht die zweite Vorabsingle „Ballad oft he Mighty I“. Für den düster-poppigen Song lud Gallagher – der mit Blick auf Alt-J nicht immer nur die inneren Werte der Musik beachtet: „Aber einer von denen hat einen Schnauzbart und das ist inakzeptabel.“ – niemand geringeren als The Smiths‘ Gitarristen Johnny Marr ins Studio.

Noel Gallagher, der manchmal einfach recht hat

Noel Gallagehr's High Flying Birds - Chasing Yesterday

Noel Gallagehr’s High Flying Birds – Chasing Yesterday

Ein würdiger Abschluss für ein gelungenes Album, das einem nur im Mittelteil kurz die Augen zudrückt.
Noel Gallagher – der manchmal auch einfach recht hat: „Peinlich. Sie wirft alle anderen Künstlerinnen um fünf Jahre zurück.“ (über Miley Cyrus) – ist ein großartiger Songwriter und toller Sänger, das hat er in den letzten 21 zur Genüge bewiesen, doch was ihm solo fehlt ist, der Rotz, die Rauheit, die sein Bruder bei Oasis einbrachte. Chasing Yesterday tröstet zwar darüber hinweg, dass Oasis seit mittlerweile sechs Jahren nicht mehr sind, doch lässt es den Wunsch nach einer Reunion nicht in Vergessenheit geraten.

Fotocredit: Wohnzimmer Promotion

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