P.TAH & CON - Rastlos EP
Beats
Flows
Lyrics
Atmosphäre
Features
4.4Sterne

Ein äußerst interessante Kombo, die erfrischender nicht daher kommen könnte.

Grime können nur die Engländer? Wer solche Halbwahrheiten verbreitet sollte mal in die Hauptstadt kommen und das Schaffen dieser beiden Künstler begutachten. Dope Basswellen gibt es definitiv auch in Österreich.

Die beiden MC’s sind schon seit über zehn Jahren in der lokalen Rapszene zugange und waren bei deren Anfängen mit dabei. Ihr Hunger ist immer noch nicht gestillt. Das mittlerweile dritte gemeinsame Release, die „Rastlos EP“ macht genau da weiter wo die Vorgänger aufgehört haben. Seit dem 01. Juli 2016 steht die Scheibe in den Regalen. Die Hörerschaft kann in eine Welt aus bombastischen Grime-Instrumentals, 140-bpm Bassmusik, deutschsprachigem Rap und Doubletime-Flows eintauchen. Produziert haben die Haus- und Hofproduzenten Johnny C’manche und Tenchu. Einen Beat haben jeweils Atomique und P.Tah himself gebaut. Die zwei sehr unterschiedlichen Stimmen ergänzen sich sehr gut und schaffen eine gelungene Abwechslung. Gemastert hat Sam John von Precise Mastering, für den Vocal Mix zeigt sich Benjamin „Muh“ Zangerl verantwortlich. Beim Intro-Tune half Allzweckwaffe Johnny C’manche mit.

P.TAH&CON_RASTLOS_EP_Cover

Credit: Duzz Down San

Analyse

Den Hörer erwarten zwei versierte Rapper mit zwei sehr unterschiedlichen Stimmen auf sample-lastigen Tracks. Zwei, die ihr Handwerk verstehen und noch nicht die gebührenden Lorbeeren ernten konnten. Sie überzeugen mit lyrischer Versiertheit und ausgeklügelten Reimen. Im Opener-Tune „Hey Luv“ zollen sie der Musik, ihrer Liebe Tribut und betonen, dass Beide einfach nur gute Musik machen wollen. Einfach straighte Beats und Raps liefern wollen. Den Song unterlegte Labelkollege Testa mit passenden Cuts. Das langatmige Intro kreiert eine spannende Atmosphäre und steigert die Freude die Platte durch zuhören.

Im Titeltrack „Rastlos“ spendiert der aus Linz stammende und nun in Berlin lebende Dancehall Artist Kinetical eine einglischsprachige Patios-Hook. Die Kreolsprache passt sehr gut zu den Hauptprotagonisten und zu dem Grime-Jungle Beat. Hier wird ihre Rastlosigkeit im dunklen Licht der Straßen Wiens schön atmosphärisch beschrieben und mit leichten Battle-Anleihen unterlegt. Man denkt man wäre selbst in irgendeinem Hinterhof mit dabei. Stark.

„Rastlos, Nachtwache bei Vollmond
Ein Dschugelkind und ein achtsamer Wolfsohn“

Grime ist dreckig und beschreibt den Schmutz und das Leben in der Großstadt. Was eignet sich nun als besser als den dritten Track „Schmutz“ zu nennen? Die Sprechsänger mögen den rohen und gewaltigen Sound und ecken lieber an als auf einer spiegelglatten Oberfläche zu gleiten. An dieser Stelle soll erwähnt werden, das die Doubletime-Flows keinesfalls lyrischen Dünnschiss darstellen, sondern mehr Inhalt haben als manche Künstler, die beiweitem einen schlechteren Flow besitzen.

Der vielleicht beste Track der Platte nennt sich „Druckluftwellen„, der Beat ist ein wahres Brett und wurde mit Cuts von Chrisfader veredelt. P.Tah und Con flowen bis der Arzt kommt und überzeugen auf ganzer Linie. Das Video ist auch äußerst ansehnlich und sollte sich zu Gemüte geführt werden.

Ich rap’s so wie’s sein muss, du erkennst auf der Stelle meinen Einfluss
meine Zeit war so reif für die Arbeit und ich schreib’ grade live eine Eins Plus
also feier’s oder hate mich gleich keine zeit mehr für Selbstmitleid
vielleicht bin ich für das game zu klein aber du bewertest Rap nur nach Facebook-likes
oder Youtube-Klicks, jeder Dritte denkt, dass er die Zukunft is’
Aber safe, das is gut für mich, denn alle meine Leute fühlen den Bullshit nicht

Fast in’s All“ wird auf einen melodischen Atomique-Beat gespittet und überzeugt auch Dank der gesungenen Hook. Hier werden „etwas“ ruhigere Töne angeschlagen. Der Song soll anscheinend auch Schreibblockaden thematisieren und über das Gefühl des Musizierens sprechen. Das Gerappte wird charismatisch und mit der gesunden Brise Selbsthumor voll durchgezogen. Im nächsten Track „Out“ liefert das Wiener Reggae-Urgestein Thomas „Tombo“ Gartmayr eine sehr charismatische Hook, die sich optimal in das Gesamtbild einfügt. Tombo rappte früher an der Seite von Biggatree bei den Cheesevibes. Der Track stellt klar, dass sie vorurteilsfrei durch’s Leben schlendern, aber nicht verstehen können, wenn Menschen auf jeden noch so abgestumpften Trend mit auf springen.  Zusätzlich gibt es Anekdoten über die Höhen und Tiefen des Lebens. Der fluide Beat von Tenchu ist ein wahres Meisterwerk, hier kann man im Hintergrund so viele Sound Feinheiten bemerken und sich an der Produktionsarbeit eines tollen Künstler erfreuen. Ich habe den wehrten Herren schon seit seinen Releases auf Mainframe auf dem Schirm und muss hier definitiv tiefer eintauchen.

Rabenschwarz“ beinhaltet Gesellschaftskritik und greift das Bankensystem und die Politikparteien an. Hier wird sich schön ausgekotzt und zu vielen Punkten der Standpunkt erklärt. Sie rollen rebellenhaft über alles sich Ihnen in den Weg stellt. Man kann etliche Wortspiele und kreative Vergleiche bewundern. Ein geiles Teil. Das Ding funktioniert bestimmt auch super live auf der Bühne. Einen gebührenden Abschluss findet die EP mit dem letzten Tune „Bevor wir gehen„. Der Song ist wohl der melancholischste und ruhigste Track auf der Scheibe. Beide Rapper passen sich  hervorragend dem verträumten Instrumental an und flowen ganz anders auf den vorherigen Songs. Dieser Beat von Tenchu gefällt mir eigentlich noch besser. Kompliment an den Mann und seine Arbeit.

Fazit

Die große Stärke der EP ist das Wechselspiel von innovativem Deutschrap und UK-Bassmusik. Beide scheißen auf die klassische Struktur von Hook und den Parts und sorgen für Abwechslung. Das Benutzen von seltenen Wörter zeugt von der Fähigkeit einen großen Wortschatz zu besitzen. Dabei driften sie aber nie in Belanglosigkeiten ab, sondern halten den Zeitgeist immer in Balance. Untypisch für ein Rap Album ist, dass die Platte auch bestens auf der Tanzfläche funktioniert. Die Flows, Schemata und die beiden Stimmfarben sind qualitativ überdurchschnittlich hoch und das Markenzeichen der beiden MC’s. P.Tah & Con sind Vorreiter in Österreich und machen genau das worauf sie Bock haben. Ich würde mich sehr über ein Stunnah-Feature freuen.

Auch thementechnisch bekommt man einiges zu hören, von Gesellschaftskritiken, Träumereien, Representern, leichten Battle-Anleihen und Liebesbekundungen ist alles mit dabei. Die jeweilige Atmosphäre der Beats wird sehr gut genutzt. Daumen hoch auch für alle Beatproduzenten, besonders Tenchu gefällt mir außerordentlich gut. Er bringt wahnsinnig krasse Elemente in die Tunes und verarbeitet diese auf seine Weise. Jeder seiner drei Beats könnte unterschiedlicher nicht klingen. Ich habe mich des Öfteren gefragt, wie er das gebaut hat. Hier werden mehrere Genres vermischt, Grime-Jünger können sich auf die deutschsprachigen Flows und der typische Deutschrap-Hörer darf sich endlich mal über kreative Beats freuen. Hier spricht natürlich etwas die Ironie, ich freue mich auf die kommenden Releases wie ein kleines Kind. Bitte mehr davon.

Tracklist öffnen

1 – HEY LUV feat. TESTA
2 – RASTLOS feat. KINETICAL
3 – SCHMUTZ
4 – DRUCKLUFTWELLEN feat. CHRISFADER
5 – FAST BIS INS ALL
6 – OUT feat. TOMBO
7 – RABENSCHWARZ
8 – BEVOR WIR GEHEN
9 – STARKSTROM (BONUS)

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