Wieso eine Band aus Steyr so guten „Irish Folk Rock“ macht versteht kein Mensch. Spätestens nach der dritten Nummer von Coffin Ship ist es einem ohnehin egal.

Paddy Murphy - Coffin Ship

Paddy Murphy – Coffin Ship

Coffin Ship also… Coffin Ship war die umgangsprachliche Bezeichnung für die Handelsschiffe, die zwischen Irland und Nordamerika verkehrten, um Waren aus den USA und Kanada auf die Grüne Insel zu bringen. Doch auf der Fahrt über den Atlantik in Richtung Westen nutzte die irische Bevölkerung diese Schiffe, um während der großen Hungersnot von 1845 bis 1852 aus dem Land, dessen Ernte für die Bewohner nicht mehr ausreichte, da der vorwiegende Teil an die Britische Landherren ging, zu flüchten. Doch auf den Überfahrten starben so viele der Passagiere, dass man begann diese Schiffe als Coffin Ships zu bezeichnen. Doch die irische Kultur führte schon häufig vor Augen, dass man solche Tragödien nicht nur betrauern, sondern viel mehr die Menschen feiern soll, mit lauter Musik in den Ohren und einem Fass Guinness in der Kehle.

Die hohe Kunst des „Irischseins“

Diesem hohen kulturellen Gut der Iren schließen sich auch Paddy Murphys an, obwohl ihre Heimatstadt so irisch ist, wie Bratwurst und Sauerkraut. Denn Steyr verbindet man nun wirklich mit nichts, das jemals auch nur die Küste der Insel geküsst hat. Aber die vier Oberösterreicher von Paddy Murphy lassen sich ihre Herkunft nicht anmerken, viel mehr liefern sie ein durchwegs authentisches Bild einer modernen Version traditioneller irischer Musik und feiern das Leben mit lautem Gesang, Banjo und Fiddle. Schon im Eröffnungssong „An Irish Soldier Laddie„, einem irischen Traditional, stürmt ein treibendes Schlagzeug nach vorne, ein Banjo verbreitet biergeschwängertes Galway-Flair und der Gesang lädt ein zum Mitgröhlen. Ja man kann ihn förmlich sehen, den betrunkenen Rothaarigen, der seine Heimat schon vor vielen Jahren verlassen hat, heute in Linz arbeitet und an den Wochenenden vor Paddy Murphys Bühne sein irisches Blut zum Tanzen bringen lässt.

Selbst ist der Steyrer

Paddy Murphy - Irish Folk aus Steyr

Paddy Murphy – Irish Folk aus Steyr

Doch dieses Coffin Ship ist nicht vollgepackt mit irischen Traditionals, die Mannen aus Steyr wagen sich auch an Eigenkompositionen von Sänger Franz Höfler heran. Und ich gebe es ja zu, das klingt nicht übel. So zum Beispiel „If I Ever See„, der Song, der die musikalische Erläuterung zur Bezeichnung „Irish Speed Folk Rock“ ist, mit der die Vier wagemutig ihre Musik beschreiben.
Coffin Ship„, der Titel gebende Song kommt ähnlich dramatisch rüber wie die Sache an sich. Donnerndes Schlagzeug und ergreifendes Geigenspiel geben von Anfang an den Ton an, bis die Tin Whistle, ohne die Irland musikalisch nur halb so gut funktionieren würde, dazu stößt und eine beschwingte Leichtfüßigkeit in den Song bringt. Mit der ersten Strophe und einem aggressiven Wechselgesang wird das dramatische Intro beendet und ein stampfender Rhythmus beherrscht das Geschehen.

Morgengrauen über dem Pub

Take Your Life“ liefert den Soundtrack zu der Szene im Morgengrauen, in der übriggebliebene Pubbesucher sich in ihrem Nebel aus Guinness und Jameson in den Armen liegen und zur Musik schunkeln. Ein grober Szenenbruch geschieht anschließend. „Dublin’s Last Hero“ verlässt die Bar-Szenerie, distanziert sich vom zuvor gehörten Uririschen, auch wenn die Instrumentierung dort weitermacht, wo die ersten Songs der Platte aufgehört haben. Der Song gibt sich die meiste Zeit über als Hard Rock Hymne aus. Auch das funktioniert bemerkenswert gut.
Mit dem instrumentalen „Monaghan Jig„, einem traditionellen irischen Folk Song, kehrt man vollends zurück auf die alten musikalischen Pfade der Grünen Insel. Die dramatische Interpretation der Nummer klingt, als würde man fünf Mönche aus Glendalough auf der dritten Spur einer Dubliner Autobahn aussetzen.
Mit „Hot Girl“ und „True Friendship“ lässt man zwei Eigenkompositionen von Franz Höfler die zweite Hälfte der Scheibe einläuten. „Hot Girl“ unterstreicht die vorherrschende Fröhlichkeit, während die fünf Oberösterreicher mit „True Friendship“ eine positiv melancholische Ballade abliefern.

Drink and Go To Hell

Es folgt der Titel, der vieles, beinahe alles, zusammenfasst: „Drink And Go To Hell„. Darauf hätte Brendan Behan nicht nur einen Whiskey gekippt.
Auch in „What Can I Do“ fließt der Whiskey in rauen Mengen, das merkt man nicht zuletzt am Gesang.
Mit „Irish Maiden“ folgt wiederum ein Cover eines irischen Traditionals. Hermann Hartl (Fiddle, Gesang), der für das Arrangement verantwortlich zeichnet, interpretiert die Nummer ähnlich rasant wie zuvor schon „Monaghan Jig“. Die Mönche irren offensichtlich nachwievor auf der Autobahn umher, doch die Beine scheinen mittlerweile zu schmerzen. Bevor man das Spektakel mit der ruhigen Eigenkomposition „Sailing Home For Christmas“ – deren Refrain für etwa drei Sekunden an EAVs „Beim Csejtei im Hof“ erinnert – zu Ende bringt, beschwört man mit dem Cover „Kelly The Boy From Kilane„, das von der Band in trauter Einheit arrangiert wurde, die eigenen musikalischen Vorfahren.

Ein Pint darauf!

Den Herren Höfler und Wolfsegger gebührt ein Lob. Ihre Eigenkompositionen halten dem Vergleich mit ihren traditionellen irischen Genre-Kollegen stand. Ein Pint darauf!
Nach unzähligen Durchläufen der 13 kurzweiligen, fern von Irland komponierten, irischen Songs fühlt man sich angetrunken ohne auch nur ein Guinness angerührt zu haben. Wie wohltuend muss die Platte erst klingen, wenn man dabei das eine oder andere Pint des Schwarzen Goldes kippt. Ich rate, es auszuprobieren. Ich jedenfalls werde es tun.

Photocredits: Sub Sounds

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