Prezident - Limbus
Beats
Flow
Technik
Atmosphäre
4.5Sterne

Prezident ist zurück mit einem größeren Projekt und bedient die Erwartungen par Excellence

Im Jahr 2016 springt jeder Rapper auf den Trap-Zug mit auf und bleibt seinen Wurzeln nicht treu. Die Angst zu scheitern oder sich abzuheben scheint zu groß zu sein. Nach der „Leiden oder Langeweile“-EP mit den Kamikazes veröffentlicht der Wuppertaler über Vinyl Digital am 8. April 2016 sein neues Album „Limbus„.

Für den Großteil der Produktionen zeigt sich Haus- und Hofproduzent Jay Baez verantwortlich. Zusätzlich stammen ein paar Instrumentals von den Brüdern der Kamikazes und ein Soundgerüst vom Hauptprotagonisten selbst. Limbus ist ein einprägendes, spezielles Wort, dass viele Bedeutungen besitzt. Es stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Rand oder Umgrenzung. Wie genau der studierte Germanist die Namensgebung auslegt, wird nicht vollends verraten.

Wissenschaftlich wäre das Aufenthaltszentrum der Seelen, die ohne Eigenverschulden keinen Zugang zum Himmelstor erhalten, richtig. Oder es spielen auch die beiden Rollenspiele Dungeons & Dragons und das Schwarze Auge eine Rolle. Bei Ersterem wird es als die Reinform des Chaos bezeichnet und bei Letzerem als Lücke oder Spatium zwischen den Sphären. Aber Prezident wäre nicht Prezident, wenn das alles so einfach wäre. Der Ursprung der Namensgebung liegt beim italienischen Schriftsteller Dante Alighieris, welcher im 13. und 14. Jahrhundert lebte. In seinem Hauptwerk „Divina Commedia“, findet der „Limbus“ Erwähnung. Plump gesagt meint dieser eine Vorhölle des Durchschnitts, in dem unmarkante und scheinbar aalglatte Seelengefüge ziellos herumschwirren. Wahrscheinlich ist es eine Mixtur aus diesen Punkten, die Einflüsse eines echten Lyrikers sind unergründlich. Seine Sichtweise bringt der Whiskeyrapper im Openersong „Der ewige Ikea“ zielsicher auf den Punkt.

„Der Limbus – bewacht von Dreikopftölen mit Pottschnitt
Voller Bürostuhlzentauren, Legehennen, YouTube-Prominenz
Praktikanten ihrer eigenen Existenz, gesichtslose Anzugträger
Graue Massen, Touris, die Selfies machen vor dieser scheißweißen Fahne“

Eine Ewigkeit scheint seit dem vielfach gelobten Vorgängerwerk „Kunst ist eine besitzergriffende Geliebte“ vergangen zu sein. Für dieses Release lege ich meine gewohnte Track by Track-Herangehensweise ab. Grund dafür ist schlicht, dass das Gesamtkunstwerk des Protagonisten so nicht funktioniert und herübergebracht werden kann. Prezi ist der geborene Antiheld und möchte absichtlich klingen, wie er nunmal klingt. Die Platte kommt mit drei Feature-Gästern ganz locker aus. Natürlich stehen hierfür auch wieder wie gewohnt die Kamikazes am Mikrofon. Der dritte im Bunde darf getrost als eine waschechte Untergrundlegende bezeichnet werden. Eine Traumkollaboration, auf die eiserne Heads schon Jahre lang gewartet haben, kam endlich zustande. Absztrakkt aus dem 58-Camp gibt sich die Ehre. Beide werfen mit Steinen, obwohl sie im Glashaus sitzen. Der Track ist eines der Highlights der Scheibe und ein wahrhaftiges Brett.


Seitenhiebe gegen andere Rapkollegen wie zum Beispiel Genetikk sind Alltagssache und selbstverständlich. Die gewohnt pessimistische Weltanschauung verstärkt, dass er gar nicht vollends zu dieser Welt beziehungsweise zur deutschen Rapszene gehören möchte. Er ist dermaßen Anti, dass ein neues Wort kreiert werden müsste. Das Gehörte ist wirr, das Gesagte ist abstrus, es lässt massig Spielraum für Vermutungen. Das kommt nicht zufällig zustande, sondern ist haargenau berechnet. Tiefschichtige Bildung und Historik spielen eine große Rolle, erst nach mehrmaligem Hören entfaltet sich die komplette Wirkung seiner Kunst.

Fazit

Das ist keine kurzweilige Musik, sondern Kunst für mehrere Dekaden. Echte Fans kommen voll auf ihre Kosten und dürfen ein dreckiges Album bewundern, das auf alles scheißt, egal wer oder was sich ihm in den Weg stellt. Limbus ist die pure Reizüberflutung. Die Platte ist vollgestopft mit drückenden, bouncenden Samples und den verschiedensten Störgeräuschkulissen, Mehrdeutigkeiten und Wortspielen. Der facettenreiche Flow setzt dem Ganzen die Krone auf. Ein Lexikon der Wahrheiten, gespickt mit Hasstiraden der feineren Art. Es gibt Popcorn für die johlende Meute.

Prezi möchte verstörend wirken. Der Rapper badet in attraktiver Hässlichkeit und alle dürfen zuschauen, wenn er dem Zynismus den Weg zeigt und befiehlt nach vorne zu laufen. Große Klasse – wir dürfen stolz sein in Deutschland solch einen Künstler zu haben. Das Schlusswort überlassen wir Mythos von den Kamikazes:

„Trau keinem Menschen in Gemeinschaft
Natürlich auch nicht denen, die dir erzählen, dass du’s allein schaffst“

Tracklist öffnen

01 – Der ewige Ikea (prod. v. Kamikazes)
02 – Knapp 9000m tief im Köhlerliesl (prod. v. Jay Baez)
03 – Prometheus (mit Absztrakkt | prod. v. Jay Baez)
04 – Melancholia (prod. v. Kamikazes)
05 – Dr. Eisenstirn | Kaffee hilft (prod. v. Prezident)
06 – Feiern wie sie fallen (mit | prod. v. Kamikazes | Cuts: Jay Baez)
07 – Halb so wild (prod. v. Jay Baez)
08 – Läppisches Theater (prod. v. Jay Baez)
09 – Fressfeind (prod. v. Jay Baez)
10 – Unsachlich (Skit)
11 – Krematorium (prod. v. Jay Baez)
12 – Rosa Blume (prod. v. Jay Baez | Cuts: DJ KB)
13 – Was glaubt die Welt denn, wer sie ist? (prod. v. Jay Baez)
14 – Le Mepris oder ein leider nötiges Godardzitat (Skit)

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