Schote - Neue Bars Sued EP
Beats
Flow
Lyrics
Atmosphäre
4.3Sterne

Straighter Battlerap ohne viel Technik-Schnick-Schnack und übertriebenem Gangster-Gelabber.

Am 06.November 2015 erschien mit der „Neue Bars Sued“ EP von Schote das erste Release über seine neue Labelheimat WSP. Auf der Scheibe, die komplett in Zusammenarbeit mit Haus-und Hofproduzent Enaka, Homie und WSP-Labelkollege, entstanden ist, findet man sieben wummernde Songs. Der Konsument kann zwischen digitalem Download und und einer Vinyl-Version wählen. Schote und Enaka können getrost als Dreamteam bezeichnet werden und machen definitiv einiges richtig.

Das ist wohl auch der Grund, warum die Jungs von Wortsport auf die Beiden aufmerksam geworden sind. Mit der EP wurde die Musik zum Hauptlebensinhalt. Eine Art Neuanfang mit dem Heilbronner Label im Rücken. Schauen wir uns doch grob den Werdegang des Künstlers an.

Step by Step

2009 veröffentlichte er seine EP „Spektralinferno“. 2012 hat er das Album „POV“ releast. Der Tonträger enthält 13 Tracks und man kann ihn auf seiner Homepage für 9 Euro erwerben. Ein Jahr später kam als Juice Exclusive die „Purple Rock Cocaine“ EP.
Im selben Jahr nahm der Künstler beim VBT teil, 2014 trumpfte er bei einem anderen Turnier groß auf und unterlag beim Splash MOT erst Gold Roger im Finale. Mit Curlyman stach der Rapper auch über die Stadtgrenzen hinaus mit seinem Dubstep-Projekt „Fat Ugly Bitch“ hervor.

Der Albumtitel ist ein Wortspiel mit “Neue Vahr Süd”, dem Roman von Sven Regener. Der Titel bezieht sich auf das Neubaugebiet Neue Vahr Süd im Osten Bremens.

Das Buch spielt vom 30. Juni 1980 bis Mitte November des gleichen Jahres und erzählt die Vorgeschichte von Frank Lehmann, der Hauptfigur in Regeners Roman Herr Lehmann.

Es gibt bestimmt lyrisch und technisch versiertere Rapper als den Mann aus der Fächerstadt. Aber in Sachen Flow, Atmosphäre und Ehrlichkeit spielen ganz wenige in der Liga von Till Böhler a.k.a Schote.

Albumcover

Er rappt ziemlich speziell und eher abgehackt, was durch seine tiefe Stimme gut zur Geltung kommt. Der Künstler reimt oft auf basslastige Oldschoolbeats und ist zumeist klar on Point wie sein Pissstrahl.

Der erste Track „Intro“ ist ein einminütiges Instrumental, das dezent und zurückhaltend einsetzt und fungiert somit als Startschuss eines Soundgeflechts aus Bässen und Oldschool-Elementen, das sehr atmosphärisch und druckvoll produziert ist.

Die Steigerung des ersten Tracks passt perfekt für den Übergang zum nächsten Song „Steig ein“. Komm mit und gib dir Schote. Um das Wortsport-Signing vorzustellen, zitiert man ihn am besten selbst:

„Lifestyle John Wayne, Kuschelfaktor John Mayer,
Nickname Sean Strange, Killing Mode John Player“

Ein wunderschönes, fast schon legendäres Instrumental bietet die perfekte Grundlage für den Sprechgesangsartisten. Die Sido-Hook aus dem „Maske X“ Album wurde exakt passgenau in den Beat gesampelt.

Ehrliche Lines, ein Namedropping an Prezident und Representerzeilen mit einer Brise Battlerap ist eine Kombination, die sich sehen lassen kann. Er lässt außerdem durchblicken, dass er sich definitiv nicht zur Mainstream-Marionette entwickeln wird und einfach Mukke macht, die ihm gefällt.

„Erzähl‘ mir nichts von Realness du Knecht
Was ich mach geht tief, plus ich bin viel realer als echt
Ziel auf’s Geschäft, nichts tun ist was ich nicht tu
Ihr erzählt Geschichten, shit ich schreib‘ ein Geschichtsbuch“

Die Vorstellungsrunde geht weiter, “AWIB” steht für Alles was ich bin. Die zahlreichen Wie-Vergleiche, die nicht immer den Nerv treffen, hätten etwas sortierter und durchdachter gewählt sein können. Doch atmosphärisch ist das erste Sahne, Champions Legaue-Niveau. Das in schwarz-weiß gehaltene Video transformiert Beat und Rap zu einem astreinen Gesamtprodukt.

„Hate nicht das Game, es sind die Karten die man legt
Bald sowas von am Ziel, ich bin seit Jahren unterwegs
Und der Traum verläuft zum Leben in der Parallelität“

Lesen nützt hier eigentlich wenig, das sollte man hören und einfach als Gesamtkunstwerk auf sich wirken lassen.

Es geht hauptsächlich darum, eine Stimmung zu erzeugen und nicht um die Ecke gedachte Punchlines. Der nächste Beat besitzt wieder einen gottesgleichen Status. Dass Schote andere Rapper gern an die Wand klatscht und sich auf den Bühnen des Landes mit seinen Kontrahenten misst, ist bekannt. Dies wird weiterhin pompös demonstriert und in „Kill Sie“ derb bekräftigt. Die Youtuber-Rap-Szene und gezwungene Reimschinder bekommen ihr Fett weg.

„Motherfucker, ich bin krass,
was du machst, passt nicht dazu,
arrogant auf Beats, ein klassischer Move“

Es wird weiter kräftig gegen Whack-MC’s geschossen und deren Daseinsberechtigung mit „Ah Ah“ verneint, die Beatstruktur trumpft wiederum groß auf und kreiert eine richtig krasse Atmosphäre. Unterstützung in dieser Mission bekommt er von seinem Hamburger Feature-Partner Pewee, der sich nahtlos einfügt. Beide liefern solide ab, passt.

Schote Promo (c) David Bruchmann

Angelehnt an die Hip-Hop Geschichte kommt „Sag S“ um die Ecke. Der Karlsruher protzt schön weiter und der unterlegte Beat ist wahrscheinlich das Highlight der Scheibe, mir fehlen wirklich die Worte.

„Warum ich das hier mach, muss ich nicht im Radio erklärn
Egal was ich sage, es ist Stadionatmosphäre“

Der Outro-Tune stellt einen tollen Gegensatz zum Intro dar und darf als ein grandioser Abschluss bezeichnet werden. Klangteppich passt hier wie die Faust auf’s Auge.

Außerdem sollte man erwähnen, dass der EP alle sieben Instrumentale beiliegen. Ich persöhnlich würde Enaka raten, die Planung einer kompletten Produzenten-LP in Angriff zu nehmen.

Fazit

Mehr, als nur ein Kiffer-Tape. Präzise, durchdachte Punchlines, starke Bilder, vorgetragen mit einem auf alles scheißenden „Ellenbogen-aus‘m-Fenster“-Flow. Untergrund, Boom-Trap, bunt aus Prinzip. Noch hungriger als bisher, beweist der Karlsruher erneut sein enormes Potenzial.

Mindestens deckungsgleiche Lobeshymnen gehen an Produzent Enaka, er schafft es mit versierter Leichtigkeit, einer HipHop-Platte die richtige musikalische Würze zu verleihen, ohne daraus billigen Mainstream-Müll entstehen zu lassen. Von pur dröhnendem Boomtrap bis zu fast schon klassisch wirkenden Instrumentals, hat der Beatbastler ein homogenes und doch so variables, vielschichtiges Produkt geschaffen. Ein echtes Klangerlebnis bekommt man zu hören.

Die Tracks besitzen keinen roten Faden, aber die beiden Künstler haben versucht, einen eigenen Raum zu schaffen. Der Wortschatz wird nicht abstrakt gehalten, sondern ähnlich wie im normalen Leben.

Kleine Kritikpunkte wären die teileweise etwas unnötigen Wie-Vergleiche und ein nicht vorhandenes Konzept. Um Skilltechnisch noch etwas aufzusteigen, könnte er mit seinem starken Flow oder mit der Stimme etwas mehr variieren und zudem versuchen etwas druckvoller zu rappen. Das ist aber ein Jammern auf hohem Niveau, Rapdeutschland kann sich nächstes Jahr auf ein gemeinsames Album von Schote und Enaka freuen. Definitiv ein Duo, das man im Auge behalten sollte. Prost.

Tracklist

1. Intro
2. Steig Ein
3. Awib
4. Kill Sie
5. Ah Ah
6. Sag S
7. Outro

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